ENDZEIT
OHNE ENDE, DIE GESCHICHTE DER ZEUGEN JEHOVAS
M.
James Penton
Kapitel
1 -
Am Beginn einer Bewegung
JEHOVAS
ZEUGEN sind aus dem religiösen Milieu des amerikanischen
Protestantismus des späten 19. Jahrhunderts heraus entstanden. Sie
sind zwar auf den ersten Blick deutlich anders als die
Hauptströmungen der Protestanten, und sie lehnen bestimmte Lehren
der großen Kirchen ab, aber im eigentlichen Sinne sind sie die
ausgesprochen amerikanischen Erben des Adventismus, der prophetischen
Bewegungen im Bereich der britischen und amerikanischen Evangelikalen
des 19. Jahrhunderts, des Methodismus und des Chiliasmus der
nonkonformistischen Gruppen des anglikanischen und englischen
Protestantismus des 17. Jahrhunderts. Es gibt tatsächlich nur
wenig in ihrem Lehrgebäude, das außerhalb der weiten
Tradition des anglo-amerikanischen Protestantismus liegt, obwohl
gewisse Vorstellungen bei ihnen existieren, die sie eher mit dem
Katholizismus als mit dem Protestantismus verbinden. Wenn sie in
vielerlei Weise einzigartig sind - und das sind sie zweifellos --, dann
nur aufgrund der besonderen theologischen Kombination und Auswahl ihrer
Lehren statt ihrer Originalität. Man muß auch darauf
hinweisen, daß die Richtung ihrer Vorstellungen und
Vorgehensweisen großenteils, wenn nicht ausschließlich in
den Vereinigten Staaten des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts
entwickelt wurde. Wenn man daher nichts von den weitgefächerten
Themen der amerikanischen Geschichte während dieser Zeit versteht,
ist es schwierig, Jehovas Zeugen zu begreifen. Trotz dieser Vorrede
aber ist der beste Weg, sich einem Studium der Zeugen zuzuwenden, der,
die Lebensgeschichte eines Mannes zu untersuchen -- von Charles Taze
Russell, dem ersten Präsidenten der heutigen Watch Tower Bible and
Tract Society; demjenigen, der am meisten verantwortlich ist für
die Verbreitung des Lehrgebäudes, das die Grundlage der Lehren der
Internationalen Bibelforschervereinigung, wie die Zeugen vor 1931
hießen, war.
Charles T. Russell: Die frühen Jahre
Russell(1),
im Jahre 1852 in Pittsburgh, Pennsylvania, geboren, wurde von seinen
tiefreligiösen Eltern Joseph L. und Eliza Birney Russell, die
beide schottisch-irischer Herkunft waren (Nordirland-Protestanten), als
Presbyterianer erzogen. Als Kind hatte seine Mutter ihn ermuntert,
Geistlicher zu werden, aber nach ihrem Tod nahm ihn sein Vater, der ihn
zum Geschäftspartner machen wollte, in die Lehre. Der junge
Russell erhielt eine einfache Erziehung auf öffentlichen Schulen,
ergänzt durch Unterricht von Privatlehrern. Als er vierzehn war,
begann sein Vater, ihn in der Leitung seines Textilgeschäftes zu
beschäftigen, und im darauffolgenden Jahr schickte er ihn als
Einkäufer mehrere hundert Meilen weg nach Philadelphia. Kurz
danach wurde er der gleichberechtigte Juniorpartner seines Vaters, und
zusammen bauten sie ein größeres Bekleidungsunternehmen auf.
Bis zu den späten 1870er Jahren oder den ersten Jahren des
folgenden Jahrzehnts hatte er ein beträchtliches Vermögen
aufgehäuft.(2)
Trotz seiner Erfolge in der Geschäftswelt war Russell weiterhin
weit mehr an religiösen Dingen interessiert. Als Junge war er ein
eifriger Calvinist, der manchmal entsetzliche Warnungen vor dem
Höllenfeuer an auffällige öffentliche Orte schrieb, um
Arbeiter zu ermutigen, ihren schlechten Lebensweg zu ändern.(3)
Doch er war noch ein Teenager, als er und sein Vater begannen, in
religiöser Hinsicht etwas freier" zu werden. Charles schloß
sich der Kongregationalistenkirche am Ort an, die weniger streng war
als die Presbyterianer, und Joseph begann, sich für den
Adventismus zu interessieren.(4) Dann, als er gerade sechzehn Jahre alt
war, wurde er im Glauben erschüttert und begann an vielen bis
dahin akzeptierten Lehren zu zweifeln". Wie so viele nachdenkliche
Jugendliche wurde er ein Opfer der Logik des Unglaubens". Als er
versuchte, einen Ungläubigen" zu bekehren, war er nicht in der
Lage, seine Glaubensansichten mit Erfolg zu verteidigen, und verlor den
Glauben an die Bibel. Dennoch betete er weiterhin zu Gott und betrieb
seine Suche nach Wahrheit.
Warum der fromme junge Mann erschüttert wurde, scheint nicht
schwer verständlich zu sein. Wie seine frühesten Schriften
zeigen, wurde er sehr stark von dem rationalistischen Geist seiner Zeit
erfaßt, und seit seiner späten Jugend sollte er niemals
aufhören zu fragen, wie ein allgütiger Gott Sünder mit
den ewigen Qualen eines Höllenfeuers bestrafen konnte. Doch ebenso
wichtig war ohne Zweifel auch, was Russell gegenüber dem
Allmächtigen empfand. Gott war für ihn in einem
herausragenden Sinne ein Vater, und da immer eine solch herzliche,
liebevolle Beziehung zu seinem leiblichen Vater Joseph Russell
bestanden hatte, konnte er sich den Herrn Jehova nie anders vorstellen
denn als eine barmherzige Gottheit.
Irgendwann im Jahre 1869 hielt der Adventistenprediger Jonas Wendell in
einem staubigen, schmuddeligen Saal" in Allegheny, Pennsylvania, einen
Gottesdienst ab. Russell geriet zufällig in die Versammlung, und
er blieb und hörte zu. Das Ergebnis war, daß sein Glaube an
die Bibel wiederhergestellt wurde. Doch er wurde damals und nach seiner
Ansicht auch später kein Adventist. Fast unmittelbar darauf nahm
er Kontakt zu mehreren Freunden auf, und sie fingen an, mit ihm die
Bibel zu studieren. Unter seiner Leitung bildete sich eine
Bibelstudiengruppe, die allmählich zu einer eigenständigen
Bewegung werden sollte.
Man hat den Vorstellungen und Lehren Russells viel Aufmerksamkeit
gewidmet; doch überraschend wenig galt davon ihren Quellen, weder
von seiten seiner Freunde noch seiner Gegner. Die Gründe
dafür sind etwas komplex. Weil viele seiner Anhänger in ihm
den treuen und klugen Knecht" nach Matthäus 24:45-47 und den Boten
aus Laodicäa"(5) sahen, betonten sie mehr seine eigene Rolle als
Religionsführer, als zu sehen, was er seinen Vorgängern
verdankte. Umgekehrt waren die Kritiker ängstlich bemüht,
seine Lehren so darzustellen, als stände hinter ihnen keine
beachtenswerte Tradition. So haben sie es auch versäumt, die
Ursprünge seines Denkens auszuloten. Überdies waren die
Zeugen Jehovas selbst so sehr damit beschäftigt, in Erwartung des
Weltendes Jünger zu machen, daß sie wenig Zeit oder Lust
hatten, den eigenen Wurzeln nachzuspüren, wenn es dabei nicht auch
um krasse Eigenwerbung ging.(6) Doch zumindest Russell selbst nannte
einige der Männer und Bewegungen, denen er Dank schuldete, weil
sie ihm auf dem Weg zu jenem Lehrgebäude geholfen hatten, das er
über einen Zeitraum von fünfundvierzig Jahren entwickelt
hatte.
Er wies offen darauf hin, daß er den Adventisten und anderen
Gemeinschaften Dank schulde", und erwähnte zwei Männer,
George Stetson und George Storrs, die ihm geistig Beistand geboten
hatten. Über die Zeit von 1869 bis 1872 sagte er: Das Studium des
Wortes Gottes mit diesen lieben Brüdern führte Schritt
für Schritt zu immer heller leuchtenden Hoffnungen für die
Welt, obwohl ich erst 1872 eine deutliche Erkenntnis des Werkes unseres
Herrn als unserem Loskaufspreis erhielt, daß ich Kraft und Grund
aller Hoffnung auf Wiederherstellung in dieser Lehre sah."(7)
Wer waren nun Stetson und Storrs, und worin lag ihr Beitrag zu seinem
Denken? Die Antwort auf den ersten Teil der Frage ist: Beide waren seit
langem mit den Second Adventists" verbunden. Stetson war
adventistischer Geistlicher,(8) während Storrs(9)einer der
Hauptgründer der Life and Advent Union gewesen war. Beide waren
jedoch unabhängig gesinnt, und kurz nachdem Russell und seine
Freunde ihr Bibelstudium begannen, brach Storrs alle Brücken zur
Union ab.
George Storrs
Von
den beiden Männern, die einen Einfluß auf Russell hatten,
war George Storrs bei weitem der wichtigere. Im Jahre 1796 in Lebanon,
New Hampshire, geboren, wuchs er wie Russell in einer streng
calvinistischen Umgebung auf. Im Alter von neunundzwanzig Jahren jedoch
konvertierte er zum Methodismus und wurde später als Geistlicher
der methodistischen Episkopalkirche ordiniert. Schließlich wurde
er in seiner Position unhaltbar, als er in den 1830er Jahren ein
ausgesprochener Gegner der Sklaverei in den Vereinigten Staaten wurde.
1840 trat er aus der Kirche aus.
Wichtiger war, daß er 1837 eine Abhandlung des Diakons" Henry
Grew(10) las, einem gebürtigen Engländer und früheren
Baptistenpastor aus Philadelphia. Diese Abhandlung führte ihn zum
Glauben an den sogenannten Konditionalismus",(11) die Vorstellung,
daß der Mensch keine unsterbliche Seele hat, sondern daß er
das ewige Leben unter der Bedingung erhält, daß er es als
eine Gabe Gottes durch Christus annimmt. In der Folge wurde Storrs der
herausragendste Befürworter des Konditionalismus in Amerika, oder
des Annihilationismus",(12) wie er manchmal bezeichnet wurde, sowie der
Lehre, daß die Toten kein Bewußtsein haben oder bis zu
ihrer Auferstehung schlafen. Im Jahre 1841 veröffentlichte er An
Enquiry: Are the Souls of the Wicked Immortal? In Three Letters (Haben
die Bösen eine unsterbliche Seele?) und im darauffolgenden Jahr
eine erweiterte Fassung desselben Themas An Enquiry: Are the Souls of
the Wicked Immortal? In Six Sermons. Bedeutsamerweise waren um 1880 in
den Vereinigten Staaten und Großbritannien fast 200.000 Exemplare
im Umlauf.(13)
Im Jahre 1842 kam Storrs auch mit der von William Miller, einem
Baptisten aus den Neuenglandstaaten, geleiteten Bewegung in Verbindung.
Miller war aufgrund seiner Berechnung der Bibelchronologie"
überzeugt, daß Christus irgendwann zwischen März 1843
und März 1844 wiederkehren würde. Storrs wurde darauf ein
wichtiger Unterstützer der Millerschen Eschatologie und
verkündete in den Jahren 1843 und 1844 weit und breit die erhoffte
Wiederkehr. Als Christus nicht erschien, wie es Miller vorhergesagt
hatte, prüften seine Anhänger seine Berechnungen noch einmal
und schlugen vor, Christus käme mit den Wolken im Oktober 1844.
Als sich auch zu diesem Zeitpunkt keine Wiederkehr ereignete,
verließ Storrs die Bewegung Millers. Er war zu dem Schluß
gekommen, er und andere seien durch Millers emotionales Auftreten
gefangengenommen worden. Überdies lehnten William Miller und
gewisse herausragende Führer seiner Bewegung Storrs Lehre des
Konditionalismus ab. Doch wie dem auch sei, Storrs Verbindung zu den
Anhängern Millers und ihren Nachfolgern, den verschiedenen Gruppen
des Second Advent, führte dazu, daß eine Reihe von
adventistischen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts den
Konditionalismus annahmen: die Adventistenkirche, die
Siebten-Tag-Adventisten, die Life and Advent Union, die Weltweite
Kirche Gottes und vielleicht die Christadelphianer.(14) Während
seiner Zugehörigkeit zu den Milleriten im Jahre 1843 fand Storrs
ein Blatt mit dem Namen Bible Examiner, das ab 1847
regelmäßig herausgegeben werden sollte. Sein Grundthema kam
in seinem Motto zum Ausdruck: Keine Unsterblichkeit, kein ewiges Leben,
wenn nicht durch Jesus Christus." Bis 1863 war der Bible Examiner so
einflußreich geworden, daß seine Abonnenten zusammen mit
Storrs die Life and Advent Union bildeten. Man bat ihn darauf, ein
wöchentlich erscheinendes Blatt herauszugeben, The Herald of Life
and the Coming Kingdom. Der Examiner stellte dann sein Erscheinen ein.
Im
Jahre 1871 brach er mit der Life and Advent Union. Zuvor hatte er
geglaubt, beim Tode eines Menschen werde unabänderlich festgelegt,
was mit ihm geschehe, ohne in Betracht zu ziehen, daß er in
seinem Leben vielleicht nie die Gelegenheit hatte, Gott kennenzulernen.
Nun ließ er diese Ansicht fallen und lehrte, allen Menschen, die
ohne die Erkenntnis Christi gestorben seien, werde nach ihrer irdischen
Auferstehung die Gelegenheit gegeben, den Wert seines Opfer für
sie kennenzulernen, und wenn sie daran glaubten, erhielten sie ewiges
Leben in einem wiederhergestellten Paradies auf Erden. Seine
Mitgläubigen in der Life and Advent Union lehnten diese Position
ab, und Storrs ließ den Bible Examiner wieder aufleben.
Etwa um diese Zeit hörte Russell von Storrs, und es ist recht
offensichtlich, daß Storrs vieles zu dem Denken des jungen
Pennsylvaniers beitrug. Wenn man sich den Bible Examiner näher
ansieht, wird deutlich, daß Russell die Lehren von Christi
Loskaufsopfer und der Wiederherstellung der Menschheit in einem
irdischen Paradies direkt bei Storrs und seinen Mitverbundenen(15)
kennenlernte -- sowie natürlich die Lehre des Konditionalismus. Es
wird auch deutlich, daß die Praxis, das Abend- oder
Gedächtnismahl einmal im Jahr zum angenommenen Zeitpunkt des
jüdischen Passahfestes am 14. Nisan zu begehen, wie es Jehovas
Zeugen heute tun, durch Russell vom Herausgeber des Bible Examiner
übernommen wurde.(16) Und schließlich mögen auch
Russells negative Gefühle gegenüber Kirchen und
religiösen Organisationen direkt von Storrs herrühren. Doch
er nahm nicht auch seine gleichfalls negative Haltung gegenüber
weltlichen Mächten, gegenüber der Teilnahme an Wahlen oder
dem Militärdienst ein. Wenn Jonathan Butler Storrs als einen
apolitischen, apokalyptischen" Adventisten beschreibt, so irrt er
damit.(17) Tatsächlich wandte sich Storrs in The Herald of Life
and the Coming Kingdom ständig gegen den Pazifismus und
unterstützte aufgrund seines Hasses der Sklaverei die
Unterdrückung der Konföderiertenstaaten durch die
Unionistenheere im amerikanischen Bürgerkrieg.(18)
Russell und The Object and Manner of Christ's Return
Man
sollte nun nicht meinen, daß Russell und seine Anhänger in
den Jahren 1869 bis 1875 ihre Ideen einfach von Storrs und Stetson
übernommen hätten. Russell war ein begeisterter Schüler
und begann, sein eigenes Lehrgebäude zu entwickeln, basierend auf
einer genauen Untersuchung der Heiligen Schrift, verschiedener
Bibelkommentare und Vorstellungen, die in vielen Gruppen des
amerikanischen Protestantismus im 19. Jahrhundert üblich waren.
Zum Beispiel folgte er Dr. Joseph A. Seiss, einem bekannten
lutherischen Pastor und Herausgeber der Prophetic Times (1863-1881),
der herausragendsten millenaristischen Zeitschrift in den Vereinigten
Statten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, indem er wie
dieser glaubte, Jesus sei im Geist und nicht im Fleisch auferweckt
worden.(19) Und als er den Emphatic Diaglott, eine
Interlinearübersetzung der Griesbachschen Rezension des Neuen
Testamentes von Benjamin Wilson, einem Mitglied der Church of God
(Abrahamic Faith), untersuchte, stellte er fest, daß das
griechische Wort parousia, das in der King-James-Version mit Kommen"
wiedergegeben wird, oft genauer Gegenwart" bedeutet. So kam er zu der
Auffassung, daß Christus in der Endzeit, unmittelbar vor seiner
Offenbarung in vernichtendem Zorn in der Schlacht von Harmagedon,
unsichtbar gegenwärtig sein werde. Damals hatten nur seine treuen
Anhänger davon Kenntnis. Daher ließ Russell Mitte der
1870er(20) Jahre 5.000 Exemplare einer kleinen Flugschrift, betitelt
The Object and Manner of Our Lord's Return(Der Zweck und die Art und
Weise der Wiederkunft des Herrn), drucken und verteilen, um seine
Vorstellungen bekanntzumachen.
Einige der Gedanken in The Object and Manner waren im evangelikalen
Protestantismus des 19. Jahrhunderts zu weiten Teilen bekannt.
Beispielsweise rekurrierte er direkt auf die Bibelkommentare von Adam
Clarke und Sir Isaac Newton,(21) denen er die historistische
Standardauslegung(22) des Buches Offenbarung entnahm. Viele weitere
seiner Vorstellungen scheinen direkt George Storrs Adventismus
entnommen zu sein. Doch die wichtigsten Ideen in The Object and Manner
stammten nicht aus den von Russell angegebenen Quellen. In einem
dreiteiligen Artikel, der vor einigen Jahren in The Bible Examiner
erschien,(23) zeigt Carl Olof Jonsson eindeutig, daß es in
Großbritannien und Amerika viele weitere Personen gab, die an die
sogenannte Lehre der zweistufigen Wiederkehr" glaubten; die Idee,
daß vor Christi Offenbarwerden am Ende der gegenwärtigen
Welt seine unsichtbare Gegenwart stände, und die Lehre einer
unsichtbaren Entrückung der Heiligen während seiner Gegenwart
oder parousia -- alles Gedanken, die in The Object and Manner
vorgestellt werden. In der Tat zeigt Jonsson sehr schlüssig,
daß diese Vorstellungen ihren Ursprung im Jahre 1828 bei Henry
Drummond haben, einem bekannten britischen Evangelikalen, der zusammen
mit Edward Irving Gründer der katholisch-apostolischen Kirche oder
Irvingianer war. Später jedoch wurden viele der Vorstellungen
Drummonds popularisiert und in Großbritannien und den Vereinigten
Staaten verbreitet -- von John Nelson Darby von der
Plymouth-Bruderschaft (der in enger Verbindung mit Drummond und Irving
stand); von Reverend Robert Govett, einem anglikanischen Geistlichen;
und in den 1860er und 1870er Jahren durch den Rainbow, eine wichtige
britische millenaristische Zeitschrift, die 1886 und 1887 von dem
bekannten Bibelübersetzer Joseph B. Rotherham herausgegeben wurde.
Zusätzlich wurden Drummonds Lehren von Dr. Joseph Seiss
aufgenommen. Jonsson kommt daher zu dem Schluß, daß Russell
die zentralen Vorstellungen, die in The Object and Manner of Our Lord's
Return erscheinen, höchstwahrscheinlich von diesen
millenaristischen Vorgängern, insbesondere von Seiss, geborgt hat.
Jonsson sagt: Es ist ganz offensichtlich, daß Russells Ansicht
von Christi unsichtbarer Wiederkunft und seiner Gegenwart nicht von ihm
selbst stammt, sondern daß er sie von anderen übernahm.
Obwohl es sich nicht mit absoluter Gewißheit sagen
läßt, weisen die verfügbaren Fakten deutlich darauf
hin, daß er hier die Ansichten von Dr. Seiss plagiierte."(24)
Dr.
Nelson H. Barbour und The Three Worlds
Im
Januar 1876 kam Russell mit dem Herald of the Morning in Kontakt, der
in Rochester, New York, von Dr. Nelson H. Barbour herausgegeben wurde,
einem unabhängigen Adventistenprediger, der auch ein Anhänger
Millers und ein Gefährte von George Storrs gewesen war. Barbour
war mit dem Kreis verbunden gewesen, dem auch Jonas Wendell
angehört hatte. Wie Wendell benutzte er eine Chronologie, nach der
im Jahre 1873 6.000 Jahre seit der Erschaffung Adams vergangen waren.
Im Herald of the Morning waren Barbour und ein Mitarbeiter, John H.
Paton, weit über Wendell und seine Anhänger hinausgegangen,
die ursprünglich geglaubt hatten, im Jahre 1873 ereigneten sich
die Wiederkunft Christi und die Vernichtung der Erde im Feuer. Als
nichts Sichtbares in jenem Jahr geschehen war, waren sie zuerst
ziemlich verwirrt, bis B. W. Keith,(25)ein Leser des Herald, entdeckte,
daß Benjamin Wilson parousia mit Gegenwart" übersetzte. Wie
schon Russell begannen nun auch Barbour und Paton an die Vorstellung
einer unsichtbaren Gegenwart Christi zu glauben, von der sie meinten,
sie habe pünktlich im Jahre 1874 begonnen.
Russell, der früher die adventistische Chronologie und das
Festsetzen von Zeitpunkten abgelehnt hatte -- so wie Storrs nach 1844
--, übernahm nun die Kosten, damit Barbour nach Philadelphia zu
einem Treffen kommen und ihm wenn möglich vollständig und
anhand der Schrift zeigen konnte, daß die Prophezeiungen auf 1874
als dem Jahr hinwiesen, in dem die Gegenwart des Herrn und die 'Ernte'
begann." Der damals gerade einmal vierundzwanzigjährige Kaufmann
sagte später: Er kam, und seine Beweisführung befriedigte
mich."(26) Wieder einmal war Russell von den rationalistischen
Vorstellungen beeindruckt.
Mehrere wichtige Entwicklungen folgten nun unmittelbar darauf. Russell
gab dem Herald of the Morning seine finanzielle Unterstützung; er
gab Barbour Geld, damit er ein Buch über ihre Glaubensansichten
zum Ende dieser Weltzeit schreiben konnte; und er beschnitt gewisse
geschäftliche Aktivitäten, um herumzureisen und zu predigen,
während Barbour schrieb und die Schriften herausgab. Kurze Zeit
später ließ Russell gemäß seinen Aufzeichnungen
Paton kommen, damit er sich ihm beim Predigen anschließe -- auch
diese Kosten bestritt er. So begann eine kurze, aber wichtige
gemeinschaftliche Tätigkeit.
Die Zeitangaben, die Barbour Russell erklärte, wurden im
Frühjahr 1877 in dem Buch Three Worlds and the Harvest of This
World (Drei Welten und die Ernte dieser Welt) niedergelegt; dem Buch,
das zu schreiben Russell Barbour ermutigt hatte. Obwohl es die Namen
beider Männer als Autoren trug, wurde es vollständig von
Barbour zusammengestellt.(27) Daher enthielt Three Worlds mit seiner
ausgearbeiteten Chronologie, den prophetischen Spekulationen und der
Eschatologie einige seiner Ursprungsgedanken und dazu noch
Vorstellungen, die aus anderen Quellen stammen. Unter anderem
verwendete er weiter die Jahr-Tag-Regel(28) zur Auslegung zahlreicher
Prophezeiungen; er akzeptierte auch die Vorstellung von einem 360 Tage
dauernden prophetischen Jahr"(29) und eine historistische Auslegung des
Buches Offenbarung. Was noch bedeutsamer ist, er machte
großzügigen Gebrauch von den chiliastischen Untersuchungen
einer Reihe von Autoren des 19. Jahrhunderts, um ein System
aufzustellen, das erstaunliche biblisch-mathematische Entsprechungen"
zeigte; eine Tatsache, die Russell sehr beeindruckte und seither viele
Tausende dazu veranlaßt hat, Barbours System anzunehmen.
Was waren nun die wichtigsten Aspekte im Plan der Erlösung", wie
er in Three Worldsdargelegt wird? Erstens, wie der Titel des Werkes
besagt, sah Barbour die Geschichte in drei Hauptperioden oder Welten"
eingeteilt, dazu noch eine Anzahl von Aufteilungen innerhalb dieser
Welten. Doch das war an sich noch nicht wichtig. Was vielmehr von
Bedeutung war, war seine Schlußfolgerung, man könne die
Daten der verschiedenen Zeitalter aus der biblischen Chronologie und
Prophetie berechnen und damit Gottes Zeitplan für Christi
Wiederkehr, die Entrückung der Heiligen und die Wiederherstellung
der Erde zu einem edengleichen Paradies bestimmen.
Barbour hatte keine Zweifel daran, daß Bischof James Usher,
dessen Chronologie damals als Randbemerkungen in der King-James-Bibel
abgedruckt war, sich mit den Berechnungen des Alters der Menschheit
vertan hatte. Er hatte 124 Jahre nicht berücksichtigt.(30) Ohne
wegen der Schwierigkeiten der biblischen (und weltlichen) Chronologie
mit der Wimper zu zucken, schrieb Barbour: Ein Abend mit der Bibel, mit
Bleistift und Papier und dazu die feste Entschlossenheit, in Erfahrung
zu bringen, was sie lehrt, wird dich in die Lage versetzen, das ganze
Thema zu meistern und selbst nachzurechnen." Mit dieser Methode
berechnete er einfach, daß 6.000 Jahre Menschheitsgeschichte im
Herbst 1873 geendet hatten, und sagte dann, ein Morgen der Freude"
stände der Menschheit unmittelbar bevor. Da gemäß dem
Psalmisten beim Herrn ein Tag wie tausend Jahre sei, seien bisher sechs
Tage" vergangen. Der siebte, das Millennium, werde ein großer
Sabbat der Wiederherstellung.(31) Ebenso wichtig war die Vorstellung
von zwei Bünden -- im jüdischen und im Evangeliumszeitalter.
Mit dieser simplen Arithmetik errechnete Barbour die Dauer des
jüdischen Zeitalters, von dem er meinte, es habe 1.845 Jahre
umspannt, angefangen mit dem Tode Jakobs bis zum Tode Christi im Jahre
33 n.Chr. Dann argumentierte er weiter anhand seiner Auslegung von
Jesaja 40:1, 2 in der King-James-Version, wo es heißt (Wiedergabe
nach Luther): Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott;
redet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr, daß ihre
Dienstbarkeit [bestimmte Zeit] ein Ende hat, denn ihre Missetat ist
vergeben; denn sie hat Zwiefältiges empfangen von der Hand der
Herrn für alle ihre Sünden." Also, sagte er, muß das
Evangeliumszeitalter ein Zwiefältiges" des jüdischen und
ebenso lang sein. Mit dem Tod Christi beginnend, mußte, so
glaubte er demnach, das Evangeliumszeitalter im Jahre 1878 enden.(32)
Da weiter die beiden Zeitalter in jeder Hinsicht parallel verliefen und
die letzten dreieinhalb Jahre des jüdischen Zeitalters ab der
Taufe Christi bis zu seiner Kreuzigung eine Erntezeit" gewesen waren,
muß dasselbe auch für den Zeitraum von Herbst 1874 bis
Frühjahr 1878 gelten. Barbour wartete deshalb auf die
Entrückung der Heiligen in dem letztgenannten Jahr. So sicher war
er sich dessen, als er im Jahr 1878 Three Worlds verfaßte,
daß er schrieb: Wenn du den Geist eines kleinen Kindes hast, dann
nimm bitte ein großes Stück Papier und einen Bleistift und
fange mit 1.Mose 5:3 an. Ich möchte dich drängen, denn ein
paar Monate noch und 'die Ernte ist vorbei und der Sommer zu
Ende.'"(33)
Um seine Argumente noch weiter zu untermauern, griff er den sogenannten
Jubeljahrzyklus auf. Unter dem mosaischen Gesetz war jedes
fünfzigste Jahr ein Jahr, in dem Besitztum, persönlich
erworben oder von den Vorfahren überkommen, seinem Eigentümer
oder dessen Erben zurückgegeben werden mußte. Auch Sklaven
mußten freigelassen werden. Daher sah Barbour im Jubeljahr ein
Vorbild für Gottes großen Tag der Wiederherstellung -- das
Tausendjahrreich. Aber er sah in ihm auch eine Bedeutung für den
Anfang des Millenniumzeitalters. Hätte man die Jubeljahre seit dem
jüdischen Zeitalter bis zu seiner Zeit weiterhin gefeiert, dann
wäre nach Barbour das Jahr 1875 ein Jubeljahr gewesen; beginnend
am 6. April, um genau zu sein.(34)
Als Barbour sein System entwickelte, stand er stark unter dem
Einfluß seines alten Mentors William Miller und nahm einige der
Gedanken Millers in sein System auf. Beispielsweise glaubte er wie
viele andere, daß die Zeit, Zeiten und eine halbe Zeit" aus
Offenbarung 12:14 im Jahre 1798 geendet hätten und daß die
2.300 Tage (Jahre) aus Daniel 8:14 1843 zu Ende gegangen seien. Der
Fehler [Millers und] der 1843er Bewegung lag nicht in dem Argument,
daß die 'Tage' zu jener Zeit geendet hätten, sondern in der
Annahme, das sei die ganze Deutung der Vision."(35) Doch so wichtig
Millers Vorstellungen auch für Barbour waren, sie waren nicht
wichtiger als die des Engländers John Aquila Brown.(36)
Der vielleicht bedeutendste Aspekt in den prophetischen Auslegungen in
Three Worlds, an dem Jehovas Zeugen großenteils immer noch
festhalten, ist die Berechnung der in Lukas 21:24 erwähnten
Heidenzeiten". Dies war etwas, das Russell faszinierte. Sofort als er
darüber von Barbour erfuhr, veröffentlichte er einen Artikel
im Bible Examiner vom Oktober 1876, der den Titel trug: Gentile Times:
When Do They End?" (Die Heidenzeiten: Wann enden sie?).(37)So
ließ Russell diese Auslegung tatsächlich als seine eigene
erscheinen, noch ehe Three Worlds veröffentlicht wurde. Doch in
Wirklichkeit stammte das Berechnungssystem der Heidenzeiten weder von
ihm noch, wie oft geglaubt wird, von Barbour.
Es war John A. Brown, der zuerst in einem Buch namens Even-Tide,
herausgegeben 1823 in London, erklärte, was er als Schlüssel
zur Bestimmung der Länge dieser Zeit ansah. Was er postulierte,
war, daß das Vorbildkönigreich Juda im Jahre 604 v.Chr.
unter heidnische Vorherrschaft gefallen war. Danach gäbe es keine
göttliche Regierung auf der Erde, bis die Herrschaft von vier
großen Reichen -- Babylon, Medo-Persien, Makedonien und Rom --
abgelaufen sei. Dann würde Christus als Erbe Davids in Jerusalem
herrschen. Doch wie lang sollte es dauern, bis die Reiche vergangen
wären? Brown fand, was er als Antwort ansah, in Daniel, Kapitel 4.
Nach diesem Kapitel sah Nebukadnezar, der babylonische König, in
einem Traum einen großen Baum. Auf göttlichen Befehl hin
wurde der Baum umgehauen und ein Band um seinen Wurzelstock gelegt. Er
durfte nicht wieder austreiben, ehe sieben Zeiten" vergangen waren.
Daniel bezog den Traum bei seiner Deutung direkt auf Nebukadnezar, der
sieben Zeiten (Jahre?) des Wahnsinns durchmachen sollte, ehe er wieder
auf den Thron steigen konnte. Doch Brown sah in Nebukadnezar ein
Vorbild für die Menschheitsfamilie. Vor seinem Wahnsinn stellte er
die jüdische Theokratie dar, während des Wahnsinns
betrachtete er ihn als Vorbild für die wilden Tieren gleichen"
Heidennationen und nach seiner Genesung, glaubte Brown, war er ein
Vorbild für das messianische Königreich Jesu Christi.
Um diese sieben Zeiten" zu berechnen, argumentierte Brown, sie stellten
sieben Jahre von je 360 prophetischen Tagen dar. Er griff die
Jahr-Tag-Regel auf und multiplizierte 360 Tage einfach mit sieben. So
kam er auf eine Zeitspanne von 2.520 Jahren. Schließlich rechnete
er diese 2.520 Jahre ab dem Jahr 604 v.Chr. und kam auf 1917 n.Chr.,
was er als den Zeitpunkt des Endes der sieben Zeiten bezeichnete.(38)
Barbour kam zu dem Schluß, daß Brown den Beginn der sieben
Zeiten, die er als die Heidenzeiten ansah, zwei Jahre zu spät
angesetzt hatte. Er glaubte, daß sie mit dem Jahr begonnen
hätten, das er für den Zeitpunkt der Zerstörung
Jerusalems durch Nebukadnezar hielt. Statt also 1917 n.Chr. als das
Ende dieser Zeiten zu betrachten, rechnete er etwas anders und kam auf
den Herbst 1914 als ihren Endpunkt.(39) In diesem Jahr käme
Christi Königreich zur vollen Herrschaft über die Erde, und
die Juden als Volk würden wieder unter Gottes Gunst stehen. In der
Zeit von der Niederschrift von Three Worlds bis zum Jahr 1914 erwartete
Barbour viele Ereignisse. Neben der Entrückung der Heiligen
würde, so glaubte er, die Welt Zeuge von Unruhen, wie es sie
vorher nie gegeben hatte.(40)
Barbour war von seinem eigenen System sehr beeindruckt. Er stellte
fest, er sei nicht gewillt einzuräumen, daß die Berechnung
auch nur um ein Jahr falsch liege." Es gab für ihn ein ganzes
Geflecht von Beweisen":
Viele Argumente, eigentlich sogar die meisten, gründen sich nicht
auf die Jahr-Tag-Regel und einige nicht einmal auf die Chronologie. Und
doch besteht Harmonie zwischen ihnen allen. Wenn man ein schwieriges
mathematisches Problem gelöst hat, mag man wohl daran zweifeln, ob
man nicht vielleicht einen Rechenfehler gemacht hat. Wenn man das
Problem aber auf sieben verschiedene Weisen gelöst und in jedem
einzelnen Fall dasselbe Ergebnis erhalten hat, wäre man dumm, wenn
man an der Richtigkeit des Ergebnisses zweifelte.(41)
Selbst George Storrs, der solchem Festsetzen von eschatologischen
Zeitpunkten lange feindlich gegenüberstand, betrachtete Barbours
Chronologie als die beste, die ich jemals gesehen habe." Obwohl er
klarstellte, daß er nicht den Schlußfolgerungen zustimmen
konnte, zu denen Barbour gelangt war, wies er darauf hin, daß er
selbst keinerlei Aufstellung habe, um sie zu widerlegen.(42) Und kein
Wunder. Denn jeder, der im Amerika des ausgehenden 19. Jahrhunderts
lebte und von den sogenannten mathematischen Beweisen" zu beeindrucken
war, hätte Three Worlds als wichtige prophetische Studie
angesehen, wenn er denn die Ausdauer gehabt hätte, das Buch zu
lesen. Timothy White bemerkt zu Barbours System, das von Russell
praktisch ohne Änderung übernommen wurde: Russells
chronologische Muster, seine Vorhersagen und Parallelen reichen, um die
eigenen Vorstellungen zum Schwanken zu bringen. Die Jahreszahlen 1799,
1874 und 1914 sind jede für sich das Ergebnis mehrerer völlig
voneinander unabhängiger Berechnungsmethoden. Das gesamte System
wird dadurch sehr harmonisch und ausgeglichen."(43)
Three Worlds ist daher ein sehr wichtiges Werk. Tatsächlich
enthält es die meisten der Gedanken, die Russell und seine
Mitverbundenen während der nächsten vierzig Jahre verbreiten
sollten. Selbst heute noch werden viele der darin enthaltenen
Vorstellungen von den Zeugen Jehovas gelehrt -- wenn auch häufig,
aber nicht immer, in erheblich abgewandelter Form. So war und ist also
Barbour, dem in den Standardgeschichtsbüchern(44) der Zeugen
höchsten ein paar im allgemeinen feindselig formulierte
Absätze gewidmet werden, der Hauptlieferant ihres gesamten
Lehrgebäudes.
Frühe Schismen: 1878 und 1881
Barbour, Russell und Paton waren eine kurze Zeit vereint, um die in
Three Worldsdargelegten Gedanken zu predigen und zu
veröffentlichen. Russell begann schnell damit, Menschen zu
bekehren, darunter A. D. Jones, einen seiner Angestellten, und A. P.
Adams, einen methodistischen Geistlichen aus einem der
Neuenglandstaaten. Doch bald schon gab es Probleme. Die kleine Gruppe
von Adventisten, die keinen Namen hatte, erwartete nach den Lehren in
Three Worlds, daß sie im Frühjahr 1878 als Christi
erwählte Heilige in den Himmel aufgenommen würden. Als das
nicht geschah, machten sich Ernüchterung und Spaltung breit.
Russell blieb gegenüber den in Three Worlds niedergelegten Lehren
loyal, während Barbour einen anderen Kurs einschlug. Russell
entwickelte die Erklärung, daß diejenigen, die ab 1878 im
Herrn sterben, nicht in ihren Gräbern ruhen, sondern eine
sofortige Auferstehung erleben würden; deshalb, so glaubte er, sei
1878 ein gekennzeichnetes Jahr. Doch Barbour weigerte sich, diese
Erklärung anzunehmen, und fing an, ein ganz neues System von
Zeitpunkten festzulegen.(45) Überdies nahm er eine Haltung zum
Wesen des Sühnopfers im Gegensatz zu der von Russell und Paton
ein. Russell sagte dazu: Kurz danach schrieb Mr. Barbour einen Artikel
für den Herald, in dem er die Lehre vom Sühnopfer in Abrede
stellte -- er leugnete, daß Christi Tod der Loskaufspreis
für Adam und sein Geschlecht sei; er sagte, daß Christi Tod
nicht mehr der Sühnepreis für die Sünden der Menschen
sei, als betrachteten Eltern das Durchstoßen einer Stecknadel
durch den Körper einer Fliege und die folgende Qual und ihren Tod
als Preis für die Missetaten ihres Kindes."(46)
Russell lehnte Barbours neue Haltung ab, und darauf folgte die
Spaltung. Barbour war ein ausgesprochen stolzer, ernsthafter Mann, und
er war sicher das herausragendste Mitglied der kleinen Gemeinschaft
gewesen, die sich 1876 gebildet hatte. Doch Russell war entschlossen,
sich von ihm in einer, wie er dachte, grundlegenden Lehre zu
unterscheiden. Es ließ sich auf eine öffentliche Diskussion
wegen Barbours Haltung zum Sühnopfer ein und erhielt von Paton
Unterstützung in einem Artikel, der im Dezember 1878 im Herald
veröffentlicht wurde. Anfang des Jahres 1878 wurde der Riß
zwischen Barbour -- mit A.P. Adams in seinem Lager -- sowie Russell und
Paton vollständig. Russell beschuldigte Barbour, Geld
zurückzuhalten, das er (Russell) hinterlegt hatte, und es als sein
eigenes anzusehen. Dann, als Russell eine neue Zeitschrift
gründete, Zion's Watch Tower and Herald of Christ's Presence
(Zions Wachtturm und Verkündiger der Gegenwart Christi), goß
Barbour die gemeinsten persönlichen Beleidigungen über den
Herausgeber des TOWER aus."(47) Was folgte, war eine Schlacht zwischen
ehemaligen Mitverbundenen um die Unterstützung ihrer Abonnenten,
denn ihr Leserkreis war derselbe.(48) Damals diente Paton, wie Russell,
als Führer derer, die mit Barbour gebrochen hatten. Russell
drängte ihn, ein Buch mit dem Titel Day Dawn zu schreiben, das
Three Worlds ersetzen sollte, und A.D. Jones sagte zu, es
herauszugeben. Es war jedoch in erster Linie Russell, der den Streit
mit Barbour fortführte, und er schrieb ein kleines Buch mit dem
Titel Tabernacle Teachings als Antwort auf einige kritische
Äußerungen Barbours auf seine Lehren.
Paton widersprach keiner der Ideen Russells öffentlich;
augenscheinlich war er ein viel versöhnlicherer Mann als Barbour.
Aber auch er begann bald, Artikel zu schreiben, die Russell als ein
Leugnen der Lehre vom Sühnopfer ansah. Folglich weigerte er sich
1881, noch einen Artikel Patons zu veröffentlichen, und die beiden
trennten sich voneinander mit einer gewissen Bitterkeit.(49)
So war 1881 von den fünf Hauptverbundenen, die zu den Lehren in
Three Worldseindeutig Stellung bezogen hatten, nur noch A.D. Jones in
Gemeinschaft mit Russell; und auch diese Verbindung war nicht von
Dauer. Mit dem Segen Russells gründete Jones in New York City eine
Zeitschrift namens Zion's Day Star. Innerhalb eines Jahres lehnte auch
er Russells Theorie des Loskaufsopfers ab und sollte, so Russell,
schließlich die Bibel selbst von sich weisen.(50)
Russells unabhängige Geistlichentätigkeit
Man kann wohl sagen, daß Russell, noch ein junger Mann von nicht
einmal dreißig Jahren, nicht etwa deshalb die Führung
über Personen übernahm, die seine Lehren unterstützten,
weil das sein Wunsch war, sondern vielmehr, weil er sich gedrängt
sah, eine Verteidigungslinie vor der seiner Meinung nach grundlegenden
christlichen Lehre aufrechtzuerhalten -- die Theorie vom Loskauf durch
ein Sühnopfer, genauer: das stellvertretende Sühnopfer.
Weiterhin war er entschlossen, an Barbours Chronologie festzuhalten,
auch als dieser selbst schon bestimmte Teile davon aufgegeben hatte. Er
schien damals zwar keine bestimmten großen Visionen gehabt zu
haben, doch meinte er, daß Gott ihn in eindeutiger Weise leitete
und führte.
Daß er, zumindest in den Jahren von 1879 bis Ende 1881, nicht den
Wunsch auf lange Sicht hatte, sich als ein neuer amerikanischer Prophet
oder Gründer einer neuen Religion zu etablieren, wird aus seiner
mit kurzen Zeiträumen rechnenden Eschatologie ersichtlich. Wieder
ging er davon aus, daß die höhere Berufung" oder Ernte der
angeblich erwählten 144.000 Heiligen" aus Offenbarung, Kapitel 7
und 14, im Jahre 1881 enden würde. Dabei stützte er seine
Schlußfolgerungen auf Barbours Chronologie. Im Mai 1881 schrieb
er: Die Gunst, die diesen Herbst endet, ist die, in die Brautklasse
[die 144.000] einzugehen. Wir glauben, daß die Tür der Gunst
jetzt offen ist und daß jeder, der alles weiht und hingibt, zur
Hochzeit kommen und Glied der Braut werden kann; daß mit diesem
Jahr die Gemeinschaft als vollständig angesehen und die Tür
zu dieser hohen Berufung (nicht die Tür zur Gnade) für immer
geschlossen wird."(51)
Melvin Curry schreibt: Die Wirkung dieser kurzzeitigen Vorhersage war
eine zweifache: sie diente dazu, die Aufmerksamkeit der Bibelforscher
von der Enttäuschung des Jahre 1878 abzulenken, und sie gab den
Impuls zu mehr evangelistischer Tätigkeit."(52) Doch Russell war
es zweifellos mit dem Glauben daran ernst. Denn er sagte auch voraus,
daß bis zum Jahr 1881 die Kirchen (Babylon) auseinanderbrechen
würden, und noch wichtiger, er erwartete, daß in jenem Jahr
die Entrückung der Heiligen -- zu denen er sich selbst zählte
-- stattfände.(53) Statt über die nächsten dreieinhalb
Jahrzehnte eine größere evangelistische Kampagne zu planen,
erwartete er, beim Herrn im Himmel zu sein.
Tatsächlich führte er im November 1880 unter seinen
Anhängern fast eine Krise herbei", als er vorschlug, daß die
Entrückung oder Verwandlung" für Menschen aus Fleisch und
Blut unsichtbar wäre, so wie Er [Christus] und auch die Engel
unsichtbar sind."(54) In der Dezemberausgabe von Zion's Watch Tower
schrieb er über die Verwandlung:
Wenn wir nun Schriftstelle um Schriftstelle vergleichen, werden wir uns
bemühen, die Art und Weise darzustellen, in der sich dies
erfüllen wird. Erstens, wir glauben nicht, daß die Bibel
lehrt, die Hinweggenommenen würden zu irgendeiner Örtlichkeit
gebracht (nicht zum Berg Zion oder irgendeinem festgelegten Ort); und
wir denken auch nicht, daß sie, wenn sie hinweggenommen werden,
sowie kurz danach, für die Umstehenden unsichtbar sein werden.
Nein, wir glauben, daß sie nach ihrer Hinwegnahme sichtbar und
dem Anschein nach dieselben sein werden; doch in Wirklichkeit werden
sie nicht dieselben sein, denn wenn sie es wären, würde ihre
Hinwegnahme keinen Sinn haben.(55)
Mit anderen Worten, wie er fortfuhr zu erklären, sie würden
materialisierte Geistwesen sein, so wie der auferstandene Christus, der
als Mensch erschienen war.
Später änderte er wiederum seine Ansicht zum Wesen und
Zeitpunkt der Entrükkung. Im Mai 1881 schrieb er: Was den
Zeitpunkt unserer Verwandlung betrifft, so können wir nur sagen:
Nach unserem Verständnis wird das irgendwann nach dem 2. Oktober
1881 sein; aber wir kennen keine Schriftbeweise, wann wir vom Fleisch
in Geist, vom Sterblichen ins Unsterbliche verwandelt werden."(56)
Manchmal machte er sogar Äußerungen, die oberflächlich
gesehen eindeutige Unwahrheiten zu sein schienen. So sagt er
beispielsweise in der Maiausgabe 1881 von Zion's Watch Tower(Seite 224
der gebundenen Reprints aus dem Jahr 1919): THE WATCH TOWER hat nie
behauptet, daß der Leib Christi in diesem Jahr zu geistigem Leben
verwandelt wird. Irgendwann wird diese Verwandlung stattfinden. Wir
haben nicht versucht zu sagen, wann; aber wir haben wiederholt gesagt,
daß sie nicht vor Herbst 1881 stattfinden konnte." Doch in der
Ausgabe vom Januar 1881 derselben Zeitschrift, Seite 180 der Reprints,
hatte A.D. Jones, ständiger Mitautor" von Zion's Watch Tower,
geschrieben: In dem Artikel, in dem es um unsere Verwandlung ging, im
Blatt vom Dezember [Zion's Watch Tower, Dezember 1880], haben wir die
Meinung geäußert, daß sie näher sei als viele
denken; und wenn wir auch nicht versuchen, einen Beweis für einen
bestimmten Zeitpunkt für unsere Verwandlung zu liefern, so
schlagen wir dennoch vor, sich einige der Belege dafür anzusehen,
die zu zeigen scheinen, daß der Übergang oder die
Verwandlung vom Fleischlichen zum Geistigen noch vor oder bis zum
Herbst 1881 geschehen wird." Es kann keinen Zweifel geben, daß
Russell selbst mit Jones übereinstimmte. Auf Seite 172 der
Reprints vom Dezember 1880 sagt er, daß die 'hohe Berufung' --
die Braut zu sein -- der Tempel[,] im Herbst 1881 enden" wird; und dann
später auf derselben Seite: Wenn 'der Leib', 'die Braut', 'der
Tempel' also vollständig ist, werden alle in dieser Weise
verwandelt sein."
Wie läßt sich das erklären? Sollen wir annehmen,
Russell sei völlig unehrlich gewesen? Wahrscheinlich nicht. Es
sieht eher so aus, als habe er gegenüber den Lesern so viel
rationalisiert wie gegenüber sich selbst und in großem
Maße Selbsttäuschung betrieben. Seine eschatologischen
Mutmaßungen und ihr späteres Leugnen erscheinen dem normalen
Leser heute zwar haarsträubend, aber sie sind so erschreckend
widersprüchlich, daß die vernünftigste Erklärung
die ist, daß Russell sie selbst glaubte.(57)
Schon vorher, im Jahre 1879, hatte Russells Rolle als
Religionsführer im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert
sich zu entwickeln begonnen. In jenem Jahr heiratete er eine sehr
fähige und intelligente Frau, Maria Frances Ackley. Doch er dachte
keinen Augenblick daran, nun ein geruhsames Eheleben zu führen.
Statt dessen waren er und seine Mitverbundenen damit beschäftigt,
etwa dreißig Bibelstudiengruppen oder Versammlungen in sieben
Bundesstaaten zwischen der Ostküste der USA und Ohio zu
organisieren. Im darauffolgenden Jahr traf er Maßnahmen zum
Besuch dieser Versammlungen -- die besser als Ekklesias, Klassen oder
Kirchen bekannt sind --, um mit jeder einzelnen jeweils sechs Stunden
zu einem Studium zusammenzukommen. Zusätzlich begann er, ein
Schema für die Zusammenkünfte nach dem Muster seiner
Heimatversammlung Allegheny-Pittsburgh aufzustellen.
Trotz seiner schwankenden Lehren erregten sein unermüdlicher Eifer
und die dynamische Persönlichkeit in weit größerem
Maße die Aufmerksamkeit anderer, als es die Aktivitäten und
die Persönlichkeit seiner frühen Mitverbundenen getan hatten.
Er war auch wegen seiner großen Fähigkeiten als Redner und
wegen seiner Herzlichkeit und Freundlichkeit bekannt. Es
überrascht daher nicht, daß er bald allgemein als Pastor"
anerkannt wurde, eine Stellung, in die er von seinen
Glaubensbrüdern in Allegheny-Pittsburgh und später in vielen
anderen Städten gewählt wurde.(58)
Sein unbändiger Optimismus und der Glaube, daß Gott ihn
leitete, veranlaßten ihn bereits im Jahre 1881, per Anzeige 1.000
Prediger zu suchen.(59) Auch als ihn ein Mitverbundener nach dem
anderen wegen der Lehre vom Sühnopfer, wie er sie aus der Bibel
verstand, verließ, schrieb er eine enorme Anzahl, einen Strom vom
Artikeln, Büchern, Flugschriften und Predigten.
Alles in allem kam er mit seinem Werk auf ungefähr 50.000
gedruckte Seiten, und zur Zeit seines Todes waren fast 20 Millionen
Exemplare seiner Bücher gedruckt und auf der ganzen Welt
verbreitet worden.(60) Obwohl er nie eine formale Universitäts-
oder Seminarausbildung erhalten hatte -- eine Tatsache, die ihn seine
Gegner nie vergessen ließen --, wurde sein Schreibstil ziemlich
gut. Sein Werk bewies, daß er ein umfangreiches Wissen über
die Welt, in der er lebte, und die Gegenwarts- wie die
Vergangenheitsliteratur hatte.
Ab dem Jahr 1880 fingen Pastor Russell und seine Glaubensbrüder
an, Traktate herauszugeben und zu verteilen. 1881 schrieb er zwei
kleine Bücher: das bereits erwähnte Tabernacle Teachings und
Food for Thinking Christians [Speise für denkende Christen], das
unter anderem seine Gedanken zu Themen wie Sühne, Auferstehung,
Vorherbestimmung und freier Wille, Parusie und Gottes Plan der
Zeitalter" umriß. Etwa 1,45 Millionen Exemplare von Food for
Thinking Christians wurden abgegeben.(61) Hier begann sich eine neue
religiöse Bewegung zu formieren.
Zuerst wollte Russell, der George Storrs Schritten folgte, keine neue
Religionsgemeinschaft gründen; er sah sich auch in keiner anderen
Rolle als der eines Predigers und Bruders in Christus. Er weigerte
sich, sich in irgendeinem Sinne als Prophet oder als von Gott
inspiriert zu betrachten.(62) Darüber hinaus lehnte er lange Zeit
einen Namen zur Kennzeichnung als Religionsgemeinschaft ab und sagte,
er und seine Brüder im Glauben würden lieber als Mitglieder
der Kirche Christi" gekannt sein, wenn dieser Name nicht schon von
einer anderen Gruppe benutzt worden wäre.(63) Doch Russell und
seine Anhänger hoben sich in vielerlei Beziehung von anderen ab
und waren daher gezwungen, eine eigenständige und unverwechselbare
Religionsorganisation zu werden.
Sie hatten bereits damit begonnen, ihre eigenen
Versammlungsgepflogenheiten und Leitungsformen zu entwickeln. Von den
meisten Kirchen hatten sie sich durch die Annahme des Konditionalismus,
George Storrs grundlegendem Verständnis der Erlösung, sowie
durch ihre vorchiliastische Eschatologie abgegrenzt. Dann wurden durch
den Bruch Russells mit Barbour und Paton auch die direkten Verbindungen
zum Adventismus schwächer. Als ob das alles noch nicht genug sei,
lehnte Russell im Jahre 1882 öffentlich die Trinitätslehre ab
und übernahm das, was üblicherweise als arianische Theologie
angesehen wird.(64) So brach er auch noch ziemlich eindeutig auf eine
andere Art mit seinen früheren Weggenossen Barbour und Paton und
sogar mit George Storrs, der sich einer Lehre über das Wesen
Gottes nicht sicher war.(65) Etwas anderes, wodurch sich die
Versammlungen und Einzelpersonen, die mit Russell verbunden waren, bald
von anderen unterschieden, war ihr Beharren, eine Bruderschaft von
Predigern zu werden. In der Juli/Augustausgabe 1881 von Zion's Watch
Tower, Reprints Seite 241, stellte Russell die Frage: WER SOLL
PREDIGEN? Wir antworten: Alle die den Geist der Salbung empfangen und
somit als Glieder des Leibes Christi anerkannt sind." Von allen also,
die Russell als ihren Pastor betrachteten, wurde erwartet, daß
sie auf jede erdenkliche Art ihren Mitmenschen predigten; eine Praxis,
der Jehovas Zeugen bis heute folgen. Doch anders als die heutigen
Zeugen sahen sie das Predigen nicht als ihre Hauptaufgabe an. Sie waren
vielmehr daran interessiert, eine kleine Herde von Heiligen
einzusammeln, die zu neuen Schöpfungen in Christus
würden.(66) Russell und seine Getreuen glaubten, daß die
überwiegende Mehrzahl aller Menschen während des
tausendjährigen Reichs die Gelegenheit zur Rettung erhielte. Es
bestand daher nicht die Notwendigkeit, allen zu predigen. Die Bekehrung
von Heiden war zu jener Zeit schwierig, wenn auch nicht unmöglich,
während die Bekehrung von Juden, zumindest in den meisten
Fällen, bis nach 1914 würde warten müssen.(67)
In den folgenden paar Jahren wurde Russell in der westlichen Welt
wohlbekannt. Mit seinem persönlichen Vermögen gab er im Jahre
1886 den Band I der Millennial Dawn
Series(Millennium-Tagesanbruchs-Reihe) oder Studies on the
Scriptures(Schriftstudien) heraus. Das Buch, das später unter dem
Namen The Divine Plan of Ages (Der göttliche Plan der Zeitalter)
bekannt wurde, war weit und breit in Umlauf; zum Zeitpunkt seines Todes
waren 4.817.000 Exemplare verteilt worden.(68) Im Jahre 1889 schrieb er
den Band II, The Time Is At Hand(Die Zeit ist herbeigekommen); im Jahr
1891 Band III, Thy Kingdom Come (Dein Königreich komme!); 1897 den
Band IV, The Battle of Armageddon (Der Krieg von Harmagedon); 1899 Band
V, Atonement between God and Man (Die Versöhnung des Menschen mit
Gott); und im Jahre 1904 schließlich Band VI, The New Creation
(Die Neue Schöpfung). Im gleichen Zeitraum wurde Zion's Watch
Tower in immer größerem Gebiet verbreitet, und zahllose
Kolporteure gaben Wachtturm-Bücher, Broschüren und Traktate
in ganz Amerika und in anderen Ländern ab. 1881 waren bereits zwei
Missionare nach England geschickt,(69) und einige Jahre später
begannen die Bibelforscher, wie sie sich damals selbst nannten,
Versammlungen in Kanada zu organisieren.(70) Bis zum ersten Weltkrieg
waren bereits Versammlungen in vielen Ländern gegründet
worden.
Mit den Jahren ergab sich die Notwendigkeit einer größeren
Organisation. Um diesem Bedürfnis nachzukommen, gründete
Russell im Jahre 1884 Zion's Watch Tower Tract Society, Jahre
später, als er die Zentrale der Gesellschaft nach Brooklyn, New
York, verlegte, wurde (im Jahre 1909) eine weitere Körperschaft,
die Volkskanzel-Vereinigung, gegründet, heute Watchtower Bible and
Tract Society of New York Inc. 1914 formierte sich eine britische
Körperschaft, die Internationale Bibelforscher-Vereinigung.
Es war nicht so, daß Russell einfach nur bekannt wurde und die
Bibelforscher als Folge der Verteilung der Wachtturm-Literatur an Zahl
zunahmen -- er erwies sich vielmehr als erstaunlich rühriger
Evangelist, der ungezählte Reisen durch die Vereinigten Staaten,
Kanada, Großbritannien, Europa und die ganze Welt unternahm. Er
nahm an wichtigen Streitgesprächen mit zwei bekannten Predigern,
Dr. E.L. Eaton von der methodistischen Episkopalkirche und L.S. White
von den Disciples of Christ, teil.(71) Ab der ersten Dekade des 20.
Jahrhunderts wurden seine Predigten in Tausenden von Zeitungen
abgedruckt, die eine Leserschaft von wöchentlich fünfzehn bis
zwanzig Millionen erreichten.(72) Zusätzlich hielt er häufig
Ansprachen auf Kongressen der Bibelforscher, die besonders seit 1893
ein ständiges Merkmal im Leben der Bibelforscher wurden.
Schließlich, in den letzten Jahren seines Lebens, produzierte die
Watch Tower Society unter seiner Leitung das Photo-Drama der
Schöpfung", ein kombiniertes Programm aus Filmsequenzen und
handkolorierten Lichtbildern, synchronisiert mit Phonograph-Aufnahmen
von Ansprachen und Musik. Allein in den Vereinigten Staaten sahen
während der Jahre des ersten Weltkriegs etwa zehn Millionen
Menschen das Photo-Drama". Als Russell starb, war er Pastor und
Hauptredner einer internationalen Bewegung mit Tausenden von
Mitgliedern geworden.
Die Bibelforscher-Vereinigung
Die von Russell ins Leben gerufene Bewegung trug anfangs nur wenige der
organisatorischen Merkmale einer Sekte oder Religionsgemeinschaft. Wie
George Storrs verabscheute Russell die Kirchen der Christenheit; er
betrachtete sie als Babylon die Große. Dennoch hielt er es
für möglich, ein geistgezeugtes Glied der wahren Kirche --
Christi Kirche -- und gleichzeitig Mitglied der Kirchen der
Christenheit zu sein. Doch wenn wahre Christen erkannten, daß die
allergrößte Einfachheit des Christus" nicht allgemein
anerkannt wurde, außer unter den Mitgliedern der
Bibelforscher-Vereinigung, so war es für sie angebracht, die
Namenschristenheit zu verlassen -- besonders seit 1881 -- und sich mit
anderen wahren Christen, den Gliedern der Neuen Schöpfung, zu
vereinen -- mit den Bibelforschern. Doch diese Gemeinschaft war
völlig frei und freiwillig. Noch im Jahre 1915 beschrieb Russell
das Wesen der Bibelforscher-Versammlungen so:
Bei einer Gelegenheit wurde ich von einem Geistlichen der Reformierten
Kirche angesprochen. Er wollte wissen, wie ich meine Kirche leitete.
Ich sagte zu ihm: Bruder --, ich habe keine Kirche." Er sagte: Sie
wissen, was ich meine." Ich antwortete: Ich möchte auch, daß
Sie wissen, was ich meine. Wir erheben den Anspruch, es gebe nur eine
Kirche. Wenn Sie zu dieser Kirche gehören, dann gehören Sie
zu unserer Kirche." Er sah mich überrascht an. Dann sagte er: Sie
haben eine Organisation; wie viele Mitglieder haben Sie?" Ich
erwiderte: Das weiß ich nicht; wir führen keine
Mitgliedslisten." Sie führen keine einzige Mitgliedsliste?" Nein,
wir führen keine Listen; ihre Namen sind im Himmel
eingeschrieben." Er fragte: Wie führen Sie ihre Wahlen durch?" Ich
sagte: Wir kündigen eine Wahl an; und jeder oder alle aus Gottes
Volk, die geweiht sind und üblicherweise mit dieser Gesellschaft,
oder Versammlung, zusammenkommen, mögen das Vorrecht haben, ihr
Urteil abzugeben, wen der Herr wohl am liebsten als Älteste und
Diakone für die Versammlung hätte." Nun", sagte er, das ist
wirklich das Einfachste vom Einfachen." Darauf fügte ich hinzu:
Wir zahlen keine Gehälter; es gibt nichts, woran die Leute etwas
auszusetzen hätten. Wir erheben niemals eine Kollekte." Wie
erhalten Sie dann das Geld?" Fragte er. Ich erwiderte: Nun, Dr.--, ich
will Ihnen etwas sagen, was eine so einfache Wahrheit ist, daß
Sie sie kaum glauben können. Wenn die Leute sich dafür
interessieren, werden ihnen keine Körbe unter die Nase gehalten.
Aber sie sehen, daß es Kosten gibt. So sagen sie zu sich selbst:
'Dieser Saal kostet etwas, und ich sehe, daß zwischen den
Zusammenkünften für alle, die weiter weg wohnen, eine
kostenlose Mahlzeit serviert wird. Wie kann ich mit etwas Geld meinen
Beitrag leisten?" Er sah mich an, als wolle er sagen: Wofür halten
Sie mich -- für ein Greenhorn?" Ich sagte: Nun, Dr.--, ich will
Ihnen etwas sagen. Genau diese Frage stellen sie mir: 'Wie kann ich mit
etwas Geld meinen Beitrag leisten?' Wenn jemand gesegnet ist und Mittel
zur Verfügung hat, dann möchte er sie für den Herrn
verwenden. Wenn jemand die Mittel nicht hat, warum sollten wir ihm auf
die Sprünge helfen?"
Wenn jemand ein Internationaler Bibelforscher ist, so gibt es keine
Organisation, aus der er austreten könnte. Man kann nicht aus
etwas herausgehen, in das man nicht hineingegangen ist. Wenn jemand mir
sagen kann, wie er in Babylon hineingeraten ist, weil er sich für
die Angelegenheiten der Watch Tower Bible and Tract Society
interessiert hat, dann soll er mir zeigen, wie er wieder hinausgelangt,
und ich werde dasselbe tun.(73)
Wie Russell sagte, wurden alle Ältesten und Diakone der
Bibelforscher in ihren Versammlungen gewählt. Wenn die Mehrheit in
einer Versammlung nicht der Meinung war, daß sie richtig lehrten
und sich anständig benahmen, so hatte sie das Recht, sie für
das Amt im darauffolgenden Jahr nicht wiederzuwählen.(74) Aber was
sollte im Falle einer Spaltung geschehen? Wer mit der Mehrheitsmeinung
nicht übereinstimmte, konnte einfach eine neue Ekklesia
gründen und in der Gemeinschaft der Bibelforscher bleiben, solange
er nicht grundlegende Glaubenssätze leugnete, Wenn sie ihre
frühere Ekklesia verlassen hatten, durften sie sich natürlich
nicht in deren Angelegenheiten einmischen.(75)
Kirchendisziplin zu üben stand nicht in Recht oder Verantwortung
irgendwelcher Amtsträger in örtlichen Ekklesias oder bei den
Bibelforschern. Das schloß selbst Russell ein. Als er gefragt
wurde, ob Älteste wie ein Gericht Vernehmungen vornehmen sollten,
war er ganz unverblümt: Das Wort des Herrn ermächtigt nicht
dazu, daß sich Gerichte von Ältesten oder jemand anderem
wichtig tun. Damit würde man zu den Praktiken des finsteren
Mittelalters während der Inquisitionszeit zurückkehren; und
wir würden denselben Geist wie die Inquisitoren zeigen."(76) Immer
wieder maß Russell der christlichen Freiheit und dem Recht eines
jeden, sich von seinem eigenen Gewissen leiten zu lassen, den
allerhöchsten Wert bei.(77)
Was, wenn innerhalb der verschiedenen Bibelforscher-Versammlungen
Schwierigkeiten entstehen sollten? Russell glaubte, daß die
meisten Probleme sich mit Liebe lösen ließen und niemals zu
schwerwiegenden Angelegenheiten werden sollten. Und wenn es doch zu
ernsten Fragen kommen sollte, sollten sich die einzelnen durch den Rat
Jesu aus Matthäus 18:15-18 leiten lassen. In diesen Versen wird
gesagt, daß ein Bruder, gegen den ein Glied der Versammlung
sündigte, ihn persönlich aufsuchen und die Sache bereinigen
sollte. Hätte dies keinen Erfolg, so könnte er zwei oder drei
andere mitnehmen, um die Tatsachen festzustellen, und nochmals um
Versöhnung ersuchen. Erst wenn dieser weitere Schritt fehlschlug,
würde er seinen Fall der Versammlung zur Beurteilung vorlegen. Und
wenn der irrende Bruder auch dann seine Sünde nicht bereute,
würden der Geschädigte und die Ekklesia ihn zu recht als
einen Heiden und gewöhnlichen Menschen" behandeln, d. h. nicht
mehr als Christen.(78)
Was nun, wenn jemand gegen die Ekklesia als Ganze gesündigt hatte?
Nach den gerade aufgeführten Schritten konnte ein reueloser
Sünder von der Versammlung ausgeschlossen werden. Doch Russell
sah, daß wie der einzelne auch die Mehrzahl im Irrtum sein
konnte. Er betonte daher die Notwendigkeit, daß in der
Versammlung nahezu Einmütigkeit herrschen müsse, wenn man
einer Person die christliche Gemeinschaft versagen wollte.(79) Und
selbst wenn jemand aus einer bestimmten Ekklesia ausgeschlossen
würde, so hieß das nicht, daß er in allem Miteinander
oder von allen Bibelforschern gemieden werden sollte. So waren
Disziplinierungsmaßnahmen mild und auf einem bloßen
Minimum, um die persönliche Eintracht und die Harmonie in der
Versammlung zu wahren. Russell und die Bibelforscher weigerten sich,
darüber hinaus zu gehen, zumindest theoretisch.
Russell glaubte auch an ein großes Maß an Toleranz und eine
große Spannweite an Glaubensansichten. In seinem Kommentar zu
Römer 14:5: Ein jeder sei in seiner Meinung gewiß" in Die
Neue Schöpfung anerkannte er, daß die christliche Einheit
zwar wichtig sei, daß aber als wesentlich festzuhalten sei,
daß man Einheit in der Lehre nicht erzwingen dürfe: Das Volk
des Herrn hat nicht nur unterschiedlich entwickelte Häupter, und
es gibt nicht nur Unterschiede in der Erfahrung und Erziehung, sondern
es gibt auch verschiedene Altersstufen als Neue Schöpfung --
Kleinkinder, Jugendliche, reife Erwachsene." Natürlich
mußten alle bestimmte Lehren anerkennen und ihnen zustimmen: Sie
müssen die Grundlehren erfassen -- daß alle Sünder
sind; daß Christus Jesus, unser Führer, uns durch sein
Opfer, das er an der Schädelstätte vollbrachte, erlöste;
daß wir nun in der Schule Christi sind und für das
Königreich und seinen Dienst belehrt und tauglich gemacht werden;
und daß niemand in diese Schule kommen kann, der sich nicht
vollständig dem Herrn geweiht hat."(80)Darüber hinaus
bestanden große Freiheiten. Selbst die Wassertaufe war nicht
absolut notwendig,(81) und jeder sollte das Recht haben, in geordneter
Weise seine Gedanken zu allen Lehrfragen zu
äußern.(82)Niemand durfte ihm seine Anerkennung als Bruder
verweigern, es sei denn, er lehnte die wenigen Grundlehren ab. Das
inoffizielle Motto Russells und der Bibelforscher war daher: Einheit in
den Grundlehren; Nachsicht in den Nebensächlichkeiten."(83)
Obwohl Russell nicht gewillt war, in religiösen Dingen zu
dominieren, wurde er ein dominanter Religionsführer.
Schließlich ging von ihm die Initiative zum Predigtwerk in der
Zeit von 1877 bis 1881 aus; und als er mit seinen früheren
Mitstreitern Barbour, Paton und anderen gebrochen hatte, war er alleine
es, der den Antrieb, die Fähigkeit und das Geld hatte, eine
wichtige religiöse Bewegung aufzubauen. Und da er Zion's Watch
Tower Society nach der Gründung als Rechtskörperschaft
weiterhin leitete, war er es, der in der Lage war, die Kontrolle
über alles zu behalten, was in der Bibelforscher-Literatur
veröffentlicht wurde; über die Tätigkeit der
Kolporteure, die diese Literatur unter die Leute brachten(84); und
über die Tätigkeit der Pilgerbrüder"(85)genannten
reisenden Prediger, die nach 1894 die Bibelforscher-Versammlungen
regelmäßig besuchten. Er benutzte die Gesellschaft zwar
nicht mit Absicht als zentralistische Vertretung -- er sah sie als
nicht mehr als ein Geschäftsunternehmen an --, dennoch wurde sie
allmählich das Vehikel, durch das die Bibelforscher zu einer
kohärenteren religiösen Gemeinschaft zusammengeschweißt
wurden.
Mit der Zeit neigte auch Russell immer mehr dazu, den Bibelforschern
seine eigenen Lehren aufzudrücken. Das tat er nicht etwa deshalb,
weil er machthungrig war, sondern weil er so sehr fest glaubte, er habe
die gegenwärtige Wahrheit" entdeckt, und wollte, daß auch
andere sie kannten. 1895 schlug er vor, daß die Ekklesias die bis
dahin veröffentlichten Bände der Schriftstudien Absatz
für Absatz studierten.(86)Im Jahre 1905 richtete er die unter
diesem Namen bekannten Beröer-Studien ein -- angeleitete Studien
über verschiedene Themen, die Russell selbst für die gesamte
Bewegung festlegte. Daraufhin wurde die Vers-für-Vers-Betrachtung
der Bibel in praktisch allen Versammlungen durch die
Beröer-Studien ersetzt, was also bedeutete, daß Russell mehr
Kontrolle über den Glauben seiner Anhänger ausüben
konnte.(87)
1910 lehrte Russell, und er glaubte zweifellos selbst daran, daß
die Schriftstudienin arrangierter Form ... praktisch die Bibel selbst
sind."(88) Obwohl dies eine grobe Übertreibung war, für die
er sehr stark kritisiert wurde,(89) muß man zwei Dinge sehen: 1.
Russell war zwar der Autor der sechs Bände, aber die meisten
Gedanken in ihnen stammten nicht von ihm,
2. Auch wenn er die Beröer-Studien einer freien" Bibelbetrachtung
für überlegen hielt, überließ er jeder Ekklesia
die freie Entscheidung, welches System sie annehmen wollten.(90)
Seine Macht beruhte in scharfem Kontrast zu der heutigen Vorgehensweise
der Wachtturm-Gesellschaft auf Überzeugung statt auf Zwang.
Dennoch bestand eine große Gefahr in dem, was Russell tat. Im
Watch Towervom Januar 1913 schrieb er: Wir machen nicht halt, um zu
untersuchen, was Bruder Calvin oder Bruder Wesley lehrte, oder was
andere davor oder danach lehrten. Wir gehen zu den ursprünglichen
Lehren Christi und der Apostel und Propheten zurück und nehmen
alle anderen Lehren nicht zur Kenntnis. Es stimmt wohl, alle
Religionsgemeinschaften behaupten mehr oder weniger, das zu tun, aber
sie werden durch ihre Überlieferungen und Glaubensbekenntnisse
mehr oder weniger behindert. Sie sehen durch getönte
Brillengläser. Wir nehmen sie alle nicht zur Kenntnis, sondern
streben danach, die Worte der Inspiration nur im Lichte des Kontexts zu
sehen, oder im Licht, das von anderen Passagen der Heiligen Schrift
widerstrahlt."(91) In Wirklichkeit betrieb er eine großartige
Selbsttäuschung, und wie jedermann sonst blickten auch die
Bibelforscher durch getönte Brillengläser". Timothy White
sagt dazu: Für viele wurden seine Kommentare wie die von ihm so
verachteten Glaubensbekenntnisse."(92)
Russell als der treue und kluge Knecht
Ein Hauptgrund dafür, daß Russell Selbstbetrug betrieb,
besteht darin, daß er trotz seiner guten Absichten und des
Unwillens, die Rolle eines Propheten anzunehmen, nach 1895 bei den
Bibelforschern eine Position innehatte, die mehr als nur die ihres
Pastors war. Folgendes ereignete sich: Frau Russell, die zu jener Zeit
ihren Ehemann leidenschaftlich gegen frühere Weggenossen in Schutz
nahm, kam mit einer neuen Lehre über Matthäus 24:45-47
heraus. Sie las den Text in ihrer King-James-Bibel (im Deutschen nach
Luther, 1912): Welcher ist aber nun ein treuer und kluger Knecht, den
der Herr gesetzt hat über sein Gesinde, daß er ihnen zu
rechter Zeit Speise gebe? Selig ist der Knecht, wenn sein Herr kommt
und findet ihn also tun. Wahrlich ich sage euch: Er wird ihn über
alle seine Güter setzen." Maria Russell wandte den Begriff treuer
und kluger Knecht" aus Jesu Gleichnis auf ihren Mann an.
Zuvor hatte Russell geglaubt, der Knecht" sei in Wirklichkeit eine
Veranschaulichung für die Kirche -- für die kleine Herde der
in Offenbarung 7 und 14 erwähnten 144.000.(93) Doch seine Frau
wies darauf hin, daß der Knecht" in der Einzahl stand, wohingegen
die Kirche, das Gesinde" des Glaubens, Plural war. Außerdem
würde die Kirche, wenn sie der Knecht" und auch das Gesinde"
wäre, am Ende sich selbst Speise darreichen. Im Dezember 1895
machte Maria Russell ihren Einwand gegenüber George Woolsey, einem
New Yorker Bibelforscher, sehr deutlich:
Doch wenn wir zu Matth.24:45-51 kommen, scheint es sich für mich
um einen völlig anderen Fall zu handeln [als in Offenbarung
16:15]. Hier wird unsere Aufmerksamkeit gelenkt auf den Knecht", seine
Mitknechte" und das Gesinde". Wenn nun der Herr sagen wollte, daß
es einen Hauptknecht der Wahrheit und Mitknechte gebe, die zur rechten
Zeit dem Gesinde des Glaubens die Speise darreicht, hätte er, um
einen solchen Gedanken zu vermitteln, keine genauere Sprache
wählen können. Eine solche Ordnung und Logik in diesem
Bericht hingegen nicht zur Kenntnis zu nehmen, würde meines
Erachtens die ganze Erzählung verwirren und die Knechte" (Plural)
und den Knecht" austauschbar machen.(94)
Sie fuhr dann in ihrer Argumentation fort, daß der Haushalt des
Glaubens (das Gesinde) durch einen Knecht reichlich mit Speise zu
rechter Zeit" versorgt werde, seit Christus im Jahre 1878 seine
Königsherrschaft angetreten habe.(95) Sie brauchte nicht mit
vielen Worten sagen, wen sie damit meinte.
Russell war etwas vorsichtig darin, die Lehre seiner Frau anzunehmen --
wahrscheinlich, weil man ihn gerade erst öffentlich eines
autoritären Gehabes beschuldigt hatte. Dennoch war er zweifellos
durch die neue und erhöhte Rolle, die sie durch ihre Auslegung
für ihn geschaffen hatte, geschmeichelt. So akzeptierte er also
die Logik in ihrer Auslegung, und in seinen eigenen Schriften
äußerte er nur leicht verhüllt, daß er der
Knecht" sei.(96) Es ist richtig, daß sich Russell in der
Öffentlichkeit nie selbst als treuen und klugen Knecht"
bezeichnete. Er war auch davon überzeugt, daß der Knecht",
würde er untreu und unweise werden, von Gott verworfen
würde.(97) Für ihn war die Rolle des Knechts" zumindest in
der Theorie die eines Dienstes der Liebe, nicht eine anmaßende
Kontrolle. Trotzdem gilt als gesichert, daß er sich trotz der
Kommentare der Watch Tower Society in seinen letzten Lebensjahrzehnten,
die etwas anderes aussagen, als der treue und kluge Knecht" ansah.(98)
Die Gedächtnisausgabe des Wacht Tower vom 1. Dezember 1916
(deutsch: Wacht-Turm, Dezember 1916) sagte explizit: Tausende der Leser
von Pastor Russells Schriften glauben, daß er den Posten jenes
'klugen und treuen Knechtes' innegehabt hat, und daß es seine
große Aufgabe war, dem Haushalte des Glaubens die Speise zur
rechten Zeit darzureichen. Seine Bescheidenheit und Demut ließen
es nicht zu, daß er öffentlich diesen Titel für sich
beanspruchte, wohl aber ließ er ihn im privaten Gespräch
zu."(99)
Ein weiterer Titel, den ihm seine Anhänger gaben, war der Bote aus
Laodicäa". Gemäß dem Buch Drei Welten stellten die in
den ersten drei Kapiteln der Offenbarung erwähnten sieben Kirchen
in Kleinasien Christi Kirche als ganze im Laufe verschiedener
Jahrhunderte dar. Die Kirche zu Laodicäa wurde als Vorbild
für die letzte Phase der Kirche" angesehen.(100) Da die
Bibelforscher glaubten, daß diese letzte Phase im Jahre 1874
begonnen habe und Russell als Jehovas erwähltes Sprachrohr zur
Darlegung neuer Wahrheiten" an die Kirche benutzt werde, war er
folglich per definitionem der Bote aus Laodicäa".(101) Ein dritter
Titel, den man Russell gab, war Der Mann mit dem Tintenfaß". Nach
Hesekiel 9 hatte der Prophet eine Vision von sechs Männern mit
Waffen zur Schlachtung in ihrer Hand und einem siebten mit dem
Tintenfaß eines Schreibers an seiner Hüfte. Dieser siebte
sollte ein Kennzeichen an die Stirne all jener Bewohner Jerusalems
anbringen, die über die Scheußlichkeiten in der Stadt
seufzten und weinten. Die anderen ohne dieses Kennzeichen sollten von
den sechs Männern mit den Waffen erschlagen werden. Die
Bibelforscher glaubten nun, diese Vision habe eine gegenbildliche
Erfüllung während der zweiten Gegenwart des Christus, und sie
sahen deshalb Russell als denjenigen an, der alle kennzeichnete, die
über die Scheußlichkeiten im gegenbildlichen Jerusalem, der
Christenheit, seufzten und weinten.(102)
Praktisch wurde Pastor Chrales Taze Russell für die Bibelforscher
so zu Gottes Sprachrohr, seinem Kanal, der in einer Weise geistige
Speise austeilte, wie es sonst niemand konnte.(103)Wie bereits gesagt,
glaubte Russell immer, daß es sich um biblische Speise handeln
müsse, und so versuchte er auch ständig, sich an die
traditionelle protestantische Lehre des sola scriptura-- Allein die
Schrift" -- zu halten. Doch dadurch, daß sie ihm eine besondere
Lehrgewalt zumaßen, begannen die Bibelforscher (und Russell
selbst), etwas wie die römisch-katholische Vorstellung vom
magisterium des Papstes anzunehmen.
Russells Eheprobleme(104)
Trotz seines Erfolges und der Beweihräucherung entging Russell
nicht Problemen und bitterer Kritik. Im Verlauf seines Lebens gab es
bei den Bibelforschern zwei eindeutige Trennungen: die erste im Jahre
1894 aus dem Empfinden einiger seiner Mitarbeiter heraus, er sei zu
dominierend; die zweite 1908 und 1909 über die Lehrfrage des Neuen
Bundes. Viel schmerzhafter war jedoch die Trennung von seiner Frau im
Jahre 1897, die 1906 von einem Gericht ausgesprochene Scheidung und die
spätere Verbitterung. Russells Trennung von seiner Frau zog und
zieht weiterhin schwere und großenteils unfaire Angriffe auf
seine Reputation nach sich. Wenn wir die Originalunterlagen(105)
daraufhin genau untersuchen, werden wir dies deutlich sehen.
Viele Jahre lang war Maria Russell eine loyale Unterstützerin
ihres Mannes; sie diente sogar als Sekretär-Kassiererin der Zion's
Watch Tower Society. Während des Schismas von 1894 führte sie
gerade eine Vortragsreise in Bibelforscher-Versammlungen zur
Verteidigung Russells durch. Doch kurz darauf zerstritten sich die
beiden. Das Verhältnis zwischen beiden war in erster Linie an den
üblichen Maßstäben gemessen etwas ungesund. Bei ihrer
Heirat hatten sie eine Vereinbarung getroffen, daß ihre Ehe nicht
vollzogen würde und daß sie auch zukünftig keinen
ehelichen Verkehr miteinander hätten.(106) Auf der Grundlage ihres
Verständnisses von Matthäus 19:12 und einer viktorianischen
Haltung gegenüber Sexualität verursachte das zweifellos
einige Spannungen zwischen ihnen. Russell schien damit keine Probleme
zu haben, denn offensichtlich hatte er nur wenig Interesse an einer
physischen Beziehung. Er schien nur eine geringe Libido gehabt zu
haben; vielleicht hing das damit zusammen, daß er sich
ständig mit religiösen Dingen befaßte. Er sagte
allerdings, wenn das seine Frau von ihm gefordert hätte, so
wäre er seinen ehelichen Verpflichtungen nachgekommen.(107) Er
lebte einfach viel lieber zölibatär". Doch bei ihr muß
es ganz anders ausgesehen haben. Zwar stimmte sie dem zu und sagte, ihr
sei es so auch lieber", doch im Gerichtsverfahren, in dem es um die
Trennung von Tisch und Bett ging, versuchte ihr Anwalt daraus zu
machen, sie sei einer der wichtigsten Freuden des Lebens beraubt
worden."(108)Dieser Feststellung und ihren Eifersuchtsanfällen
kann man entnehmen, daß Maria Russell verständlicherwiese
eine sexuell frustrierte Frau war. Merkwürdigerweise hat sich
niemand, der über Russells Eheprobleme schrieb, mit einer dieser
Einzelheiten befaßt, obwohl Pastor Russell selbst es recht offen
tat.
Doch sexuelle Probleme waren nicht die direkte Ursache der Zwietracht.
Es war vielmehr Marias Wunsch nach mehr Anerkennung und Macht zusammen
mit einem familiären Streit um Gelddinge. Spätestens 1894
begannen sich ernsthafte Spannungen zwischen den Russells zu
entwickeln. Maria wurde äußerst eifersüchtig, wenn ihr
Mann seine Aufmerksamkeit anderen Frauen zuwandte. Das schloß
auch Rose Ball ein, ein Mädchen in den Teenagerjahren, das Russell
fast als Pflegetochter ansah.(109)Darüber hinaus nahm sie
übel, was sie als fehlenden Respekt Russells für sie
betrachtete. Sie war ein weitaus gebildeterer Mensch als er. Sie hatte
nicht nur einen High-School-Abschluß gemacht, sondern auch eine
Lehrerinnenausbildung an der Curry Normal School in Pittsburgh
genossen. Sie war daher in der Lage, ihrem Mann bei der Redaktion von
Zion's Watch Tower zu helfen, sie schrieb zahllose Artikel für die
Zeitschrift und war Mitautorin der ersten vier Bände der
Schriftstudien.(110) Dennoch zeigte er außer an ihrer Hilfe beim
Schreiben und Herausgeben wenig Intetresse an ihr; wahrscheinlich, weil
zwischen ihnen keine intime Beziehung herrschte. Daher entstand in ihr
ganz zu recht das Gefühl, daß er sie nicht mehr achtete als
eine Dienstbotin.(111)
Einige, die an dem Aufstand gegen Russells Macht im Jahre 1894, der zu
einem Schisma führte, beteiligt waren, sympathisierten mit Maria
und versuchten, sie vor ihren Wagen zu spannen. Gemäß Pastor
Russell versuchten diese Verschwörer, bei meiner Frau durch
Schmeicheleien, Gleichberechtigungsargumente usw. Zwietracht zu
säen."(112) Aber in Wirklichkeit hatten sie wohl einfach das
Empfinden, daß er sie unnötigerweise herablassend behandelte
-- eine Überzeugung, die zu recht bestand. Dennoch: Als die
Kritiker Russells innerhalb der Gesellschaft ihn offen angriffen und
versuchten, seine Eheprobleme öffentlich zu machen, gingen sie
damit zu weit: Maria stand loyal, wenn auch nicht völlig
aufrichtig, zu ihrem Mann. Unser Heim", sagte sie, ist weit davon
entfernt, zerstritten zu sein -- das genaue Gegenteil ist richtig, es
ist äußerst glücklich."(113) Sie verteidigte auch
Russells moralisches Verhalten und unternahm die vorhin erwähnte
Reise, um für ihn einzutreten. Und es war nach ihrer Rückkehr
im Dezember 1895, daß sie öffentlich darauf hinwies, sie
halte ihn für den treuen und klugen Knecht" aus Matthäus
24:45-47.(114)
Doch auch während Maria Russell verteidigte und öffentlich
für ihn eintrat, hatten beide einen erbitterten Streit
miteinander. Unter Eid sagte sie aus, daß Russell ihr im Jahre
1895 folgende Trennung vorschlug: Aufgrund unserer Unvereinbarkeit
schlug er vor, daß wir einer Trennung zustimmen; und wenn ich es
täte, würde er mir das Haus, in dem wir lebten, geben; und
als ich bei diesem Vorschlag einen Zusammenbruch erlitt, sagte er, wenn
ich nicht zustimmte, dann würde ich überhaupt nichts
bekommen."(115)
Zweifellos war Russells Verhalten gegenüber seiner Frau in dieser
Angelegenheit grausam, und seine eigenen Aussagen zeigen, daß er
eine sehr hohe Meinung von sich selbst in seiner Beziehung zu ihr
hatte.(116) Und doch scheint auch sie in dieser Zeit nicht ohne
schwerwiegendes Fehlverhalten gewesen zu sein. Er war an einem Punkt
äußerster Verärgerung angelangt, weil er glaubte, sie
wolle ihm vorschreiben, wie er seinen Dienst durchführen
müsse. Ich wurde", sagte er, ständig mit Vorschlägen
belästigt, wie ich meine Schriften ändern sollte."(117)
Ein Teil des Problems bestand natürlich darin, daß Russell
und seine Frau sehr unterschiedliche Ansichten von der Rolle einer Frau
in einer Ehe hatten. Er war ein Traditionalist und glaubte, daß
Frauen den Ehemännern untertan sein sollten. Damit hielt er sich
an Anschauungen, die unter amerikanischen Christen seiner Zeit
üblich waren. Im Gegensatz dazu wurde sie zu einer Art Feministin.
1895 und kurze Zeit später sagte er über sie:
Gleichberechtigungsvorstellungen und persönliche Ambitionen kamen
allmählich zum Vorschein, und mir wurde klar, daß Frau
Russells durch ihre aktive Kampagne zu meiner Verteidigung und ihre
sehr herzliche Aufnahme unter lieben Freunden Schaden gelitten hatte.
Ihr Selbstbewußtsein war gesteigert worden."(118) Aus dieser
Sicht war seine Mißbilligung ihrer Ideen und ihres Verhaltens
daher nicht nur folgerichtig, sondern für ihn als ihrem
christlichen Haupt auch seine Pflicht. Natürlich sah sie das nicht
so. In einer kleinen Verteidigungsschrift mit dem Titel The Twain One,
die sie 1906 schrieb, argumentierte sie zugunsten der
Gleichberechtigung der Geschlechter und machte geltend, daß
Frauen mit gutem Recht als Lehrerinnen in der Kirche dienen sollten.
Sie dachte höchstwahrscheinlich an ihre eigene Ehe, als sie sagte:
Wenn jemand in der Kirche unbesonnen wird, dann muß die Kirche
aufpassen. Oder wenn ein christlicher Ehemann durch den Widersacher und
durch Stolz, Selbstsucht oder Machtliebe verleitet wird und sich also
anmaßt, den Herrn über seine Frau zu spielen und sich in
ihre allerhöchste Loyalität gegenüber Gott einzumischen,
dann muß eine christliche Frau auf der Hut sein und sich nicht zu
einer 'freiwilligen Demut' verführen lassen, die eine Seele, die
Christus frei gemacht hat, unter das Joch der Sünde
brächte."(119)
Im Jahre 1896 stand Maria Russell vor einem weiteren Problem, das sie
selbst geschaffen hatte. Wenn Russell, wie sie postuliert hatte, der
treue und kluge Knecht" nach Matthäus 24:45-47 war, wie konnte sie
gegenüber seiner Autorität so negativ eingestellt sein? Die
Antwort ist, daß sie schnell zu dem Schluß kam, er werde zu
dem in den nächsten vier Versen desselben Kapitels beschriebenen
bösen Knecht." Russell berichtet darüber:
Allmählich zeigte ihre Auslegung des Knechts" ihre Wirkung in ihr.
Zuerst schlug sie vor, daß so, wie ein menschlicher Leib zwei
Augen, zwei Ohren, zwei Hände, zwei Füße usw. hat,
rechterweise das Zweigeteilte dargestellt werde -- wie sie und ich in
der Ehe und im Geiste und im Herrn notwendigerweise eins sind. Aber
ihre Ambitionen hörten hier nicht auf -- (wie eine Pflanze, die
langsam wächst). Innerhalb eines Jahres war Frau Russell zu dem
Schluß gekommen, der zweite Teil der Feststellung (d.h.
Matth.24:45-51) sei nicht nur eine Warnung, sondern er habe auch seine
Erfüllung -- d.h. daß diese Beschreibung auf ihren Mann
passe, und daß sie folglich seinen Platz als der Knecht"
einnehme, um die Speise zu rechter Zeit auszuteilen.(120)
Man kann unmöglich sagen, ob diese Aussage Russells völlig
der Wahrheit entspricht oder nicht. Die Annahme scheint jedenfalls
vernünftig zu sein, daß er damit Tatsachen feststellte.
Maria war die Urheberin der Lehre vom treuen und klugen Knecht", und
sie glaubte später, er habe sich in diesem Amt als untreu
erwiesen. Sie glaubte auch, alles, was er als der Knecht" getan hatte,
könne sie gleichfalls tun. Doch es gibt keine Belege dafür,
daß sie jemals öffentlich diesen Titel auf sich bezogen
hätte.
Anfang 1897 wurde der Riß zwischen den beiden tiefer, und Maria
organisierte ein [Kirchen-] Komitee in Übereinstimmung mit
Matth.18:17", um Beschuldigungen gegen Russell anzuhören. Neben
dem Punkt, ob sie das Recht hatte, unzensierte Artikel in Zion's Watch
Tower zu veröffentlichen -- etwas, worüber beide miteinander
gestritten hatten --, warf sie zwei weitere Fragen auf. Erstens
beschuldigten sie und ihre Schwester, Emma Ackley Russell, den Pastor,
er habe seinen Vater Joseph Russell bei der Abfassung seines Testaments
ungebührlich beeinflußt. Joseph hatte Emma einige Jahre
zuvor geheiratet und auf seine alten Tage noch eine Tochter mit ihr
bekommen. Doch als er seinen letzten Willen aufsetzen wollte, hatte er
sich an seinen Sohn um Rat gewandt -- etwas, das Emma wütend
gemacht hatte. Offensichtlich glaubte sie, daß ihr Stiefsohn, der
auch ihr Schwager war, versuchte, sie und ihr Kind zu betrügen,
und Maria war derselben Meinung. Zweitens beschuldigte Maria ihren
Mann, er habe ihr bei einer bestimmten Zusammenkunft den nötigen
Respekt verweigert.(121)
Russell erwiderte, das Testament, das so viel Ärger bereitet
hatte, sei einige Zeit zuvor vernichtet worden, um Emma zu
besänftigen; die Sache sei daher längst erledigt. Was sein
angeblich rüdes Benehmen gegenüber seiner Frau während
der fraglichen Zusammenkunft angehe, so behauptete er, er habe sie
zuvor schon fünfmal um Entschuldigung gebeten und sie habe ihm
schon fünfmal vergeben. Es überrascht nicht, daß sich
das ganz aus Männern bestehende Komitee auf die Seite ihres
Pastors schlug. Sie müssen über Russells Antworten auf die
Anschuldigungen erstaunt gewesen sein, und einer von ihnen, W.E. Page
aus Milwaukee in Wisconsin, war wohl etwas mehr als verstört,
daß man ihn auf eine Reise von mehreren Hundert Meilen gebeten
hatte, um bei etwas zu vermitteln, was kaum mehr als ein
häuslicher Streit war. Was die Frage von Frau Russell Forderung
anging, Artikel nach ihrem eigenen Gutdünken in Zion's Watch Tower
zu schreiben, so sagten sie ihr freundlich, aber offen, weder sie
selbst noch jemand anderer auf der Welt habe das Recht, sich in die Art
und Weise einzumischen, wie Bruder Russell den WATCH TOWER führte;
er allein sei für seine Leitung verantwortlich."(122)
Obwohl die Russells sich küßten und wieder versöhnten,
war der Waffenstillstand zwischen ihnen nicht von Dauer. Auf ihr
Geheiß betraute er sie mit der Verantwortung für eine
wöchentliche Zusammenkunft von Frauen der
Bibelforscher-Versammlung von Allegheny. So wurde sie die Leiterin
einer Frauengruppe, die bald zu einem Zentrum der Unzufriedenheit mit
dem Pastor wurde. Offensichtlich wurde Maria auch von ihren Schwestern
Emma Russell, Lena Guibert und Laura Raynor in einer
Flüsterkampagne gegen ihn und der Erklärung, man gehöre
nicht mehr zu der Kirche in Allegheny, unterstützt.(123)
Als Russell gewahr wurde, was sich ereignete, ergriff er drastische
Maßnahmen. In eindeutiger Verletzung von ihm selbst aufgestellter
Grundsätze zitierte er einige der Unterstützerinnen seiner
Frau vor die versammelte Ältestenschaft der Kirche von Allegheny
und beschuldigte sie der Verleumdung. Mit Berufung auf das Argument,
Maria und ihre Schwestern hätten sich aus der Kirche
zurückgezogen, ließ er sie von der Zusammenkunft
ausschließen. Als nächstes schrieb er wütende Briefe an
seinen Vater, an Emma Russell und an Laura Raynor, in denen er sie
aufforderte, meine Frau unter keinerlei Vorwand zu empfangen oder unter
eurem Dach zu beherbergen oder zu bewirten." So hatte er Erfolg bei dem
Versuch, die Autorität in der Versammlung wie in seinem eigenen
Hause an sich zu nehmen; und noch einmal suchten die Russells eine
Versöhnung. Im September 1897 unterschrieben Russell, Maria und
ihre Schwestern eine Vereinbarung, nach der sie den Groll der
Vergangenheit vergessen und einander mit Freundlichkeit behandeln
wollten. Doch am 9. November desselben Jahres verließ Maria die
gemeinsame Wohnung, um nie mehr dorthin zurückzukehren.(124)
Sie fuhr sofort nach Chicago, wo sie wiederum versuchte, vor der zur
damaligen Zeit zweitgrößten Bibelforscher-Versammlung der
Welt Beschuldigungen gegen Russell vorzubringen. Als sie dort nichts
erreichen konnte, beabsichtigte sie, zu ihrem Mann zurückzukehren.
Doch er weigerte sich, sie wieder aufzunehmen -- es sei denn, zu seinen
Bedingungen. Im Januar 1899 kehrte sie nach Allegheny zurück, um
bei der inzwischen verwitweten Emma Russell zu wohnen und die
öffentlichen Angriffe gegen Pastor Russell wieder aufzunehmen.
Fünfzehn Monate später schlossen die Russells wieder Frieden
miteinander und Maria zog in eine Pension neben ihrer Schwester, die
Russell gehörte. Obwohl er sich weigerte, sie direkt zu
unterstützen, versorgte er sie mit Mobiliar und erlaubte ihr, von
den Einnahmen zu leben, die sie von einer Anzahl Mietern erzielen
konnte.
Jetzt lebten sie zwar getrennt, doch der Waffenstillstand zwischen
ihnen dauerte nicht lange. Zwischen April 1899 und den Anfangsmonaten
1903 legte Maria Russell genug Geld auf die Seite, um ein Traktat zu
schreiben, zu drucken und zu veröffentlichen, das eine
Zusammenfassung der jahrelangen Beziehung zu ihrem Mann und ein
weiterer bitterer Angriff auf ihn war. Darin veröffentlichte sie
die Briefe zwischen ihnen und versuchte mit einigem Erfolg, ihn als
einen anmaßenden Tyrannen zu beschreiben. Um alles noch schlimmer
zu machen, gab sie Traktate an alle erreichbaren Bibelforscher weiter
und sandte sie stapelweise an verschiedene Geistliche mit der
Anmerkung, sie möchten sie doch wo immer möglich unter
Bibelforschern verbreiten.
Russell war gelinde gesagt rasend und entschloß sich, seine Frau
für diese Tat zu bestrafen. Irgendwann Mitte März 1903
ergriffen er und ein paar Mitstreiter aus dem Bibelhaus, der
Wachtturm-Zentrale, Besitz von der Pension, in der sie mit vier oder
fünf Mietern lebte, und räumten deren gesamte
persönliche Habe aus. Russell ging sogar so weit, die
Geldbörse seiner Frau mit allen Mieteinnahmen, die noch darin
waren, an sich zu nehmen, und es kam fast zu Handgreiflichkeiten mit
einem der Mieter, als dieser entdeckte, daß man all seine Habe
und die seiner Mitbewohner aus ihren Zimmern ausgeräumt hatte. Es
ist nicht überraschend, daß sich Russell bald vor Gericht
wiederfand. Zwei wütende Mieter verklagten ihn wegen Verletzung
ihres Mietvertrags, einer von ihnen beschuldigte ihn wegen
Körperverletzung, und Maria klagte auf Trennung von Tisch und
Bett. Russell verlor in allen Punkten; nur von der Anklage der
Körperverletzung wurde er freigesprochen.(125)
Schließlich wurde Maria Russell die erbittertste Gegnerin ihres
Mannes. Während des Verfahrens, in dem es um die Trennung ging,
versuchte sie, ihn in ziemlich bösartiger Weise zu verletzen. Sie
sagte, er sei wie eine Qualle, die umhertreibt und alle, die darauf
reagieren, umfängt." Obwohl diese Aussage nicht zugelassen wurde
und sie unter Eid zugab, daß sie nicht glaubte, er habe sich des
Ehebruchs schuldig gemacht, besudelte Frau Russell erfolgreich den Ruf
ihres Mannes.(126) Später ging ihr Kampf über den Punkt
weiter, daß er sich weigerte, ihr den vom Gericht zugesprochenen
Unterhaltssatz zu zahlen, und wiederum unternahm sie alles im Rahmen
der Gesetze Mögliche, ihn in den Augen der Welt in ein schlechtes
Licht zu rücken. Er behauptete, er habe das Geld nicht; aber
zweifellos wollte er in keinem Fall zahlen, da sie vorhatte, mit einem
Teil davon Angriffe gegen ihn zu drucken und zu verbreiten.(127)Obwohl
einige ihrer Klagen gegen ihn ohne Zweifel sehr berechtigt waren, kann
man sich nur schwer dem Gefühl entziehen, daß ihr Verhalten
ihm gegenüber, zumindest ab 1903, äußerst
unversöhnlich war. Doch all die Jahre seither haben es Historiker,
wenn sie die bitteren Streitigkeiten zwischen Charles und Maria Russell
einschätzten, versäumt, auch nur etwas Ähnliches wie
einen Konsens darüber zu erreichen, bei wem von beiden der
größere Teil Schuld lag.(128)
Die Spaltung über den Neuen Bund
Sehr bald nach der Scheidung der Russells kam es zu der bitteren und
bedeutsamen Spaltung über die Frage des Neuen Bundes. Im Grunde
ereignete sich folgendes: In der Zeit seiner Streitigkeiten mit Nelson
Barbour hatte Russell die später unter diesem Namen bekannte
Mysterienlehre" entwickelt, die der jugendliche Pastor, seine
Anhänger und danach viele weitere als neue Wahrheit"
auffaßten. Und tatsächlich bedeutete das Mysterium, wie es
Russell verstand, daß nicht nur der Mensch Jesus sich als
Lösegeld für die Menschheit opferte, sondern daß auch
der Leib Christi, die 144.000 Glieder seiner Kirche, an dem Loskaufs-
und Sühnewerk teilhatten.(129) Russell war sich natürlich
nicht darüber im klaren, daß seine neue Wahrheit" ganz
allgemein schon seit Jahrhunderten zum katholischen Lehrgebäude
gehörte.(130) Das war jedoch uninteressant. Wichtig war aber,
daß er aufgrund der Mysterienlehre auch zu dem Glauben gelangte,
daß die Glieder der Kirche Christi nicht unter dem Neuen Bund
standen, von dem es in der Heiligen Schrift hieß, er ersetze den
Bund, den Gott durch Moses mit Israel geschlossen hatte. Der Grund
dafür war, daß der Neue Bund solange nicht auf die ganze
Menschheit Anwendung finden konnte, bis die Glieder des Leibes Christi
geopfert, auferweckt, entrückt und mit ihrem Herrn im Himmel
vereint wären. Und nach 1881 erwartete Russell nicht mehr,
daß das vor dem Jahre 1914 geschehen werde.
1880 äußerte er sich höchst eindeutig über den
Neuen Bund. Er sagte nachdrücklich: Er sollte nicht als Gottes
Bund mit uns verstanden werden -- 'der Same'; nein, das war ein Teil
des Abrahamischen Bundes, und obwohl beide in Harmonie miteinander
sind, sind beide nicht dasselbe; der 'Neue Bund' ist ganz und gar nicht
mit der Kirche geschlossen."(131) Doch innerhalb eines Jahres kehrte
Russell, der, wie bereits festgestellt, nicht immer ein klarer Denker
war, zu der überkommenen christlichen Ansicht zurück,
daß die Kirche unter dem Neuen Bund stand.(132) Wie Timothy White
bemerkt, schien bei ihm über diesen Punkt gründliche
Verwirrung zu herrschen.(133)Dennoch wußten die meisten
Bibelforscher in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts nichts von
seinen früheren Gedanken, da sie nach 1880 zu der Bewegung
gestoßen waren. Folglich waren viele der befähigtesten
Bibelforscher schockiert, als Russell die alte Lehre aus dem Jahre 1880
erneut bekräftigte.
Russell hätte die Diskrepanz in seinen Lehren wohl nicht einmal
selbst bemerkt, wenn da nicht Paul S.L. Johnson gewesen wäre, ein
fähiger, aber exzentrischer Kolporteur, der in späteren
Jahren noch wichtigen Einfluß auf die Geschichte der
Bibelforscher nehmen sollte. Johnson war als Jude aufgewachsen, zum
Christentum konvertiert, lutherischer Pfarrer und schließlich
Bibelforscher geworden. Als Russells Gefährte mit der vielleicht
besten Erziehung und Bildung stieß er beim Nachforschen auf
Russells Ansicht aus dem Jahre 1880, und er ermunterte ihn dazu, ihr
wieder zur Gültigkeit zu verhelfen(134), was Russell mit einem
Artikel in der Ausgabe von Zion's Watch Tower vom Januar 1907 tat.
Viele enge Mitverbundene taten ihr Bestes, damit Russell diese
sonderbare wieder in Kraft gesetzte Lehre des Neuen Bundes aufgab. Denn
er glaubte nicht nur, daß die Kirche nicht unter oder in diesem
Bund stand, sondern auch, daß die 144.000 keinen Mittler
benötigten. Und der Mittler für die übrige Menschheit,
der Christus, sollte aus Jesus und der Kirche zusammen bestehen -- dem
Haupt und dem Leib.(135) Russell ließ sich jedoch nicht dazu
überreden, diese Lehre aufzugeben.
Russells Starrköpfigkeit brachte viele seiner Kritiker unter den
Bibelforschern zu dem Glauben, daß er allmählich
autokratisch wurde, und sie wurden darin durch einen weiteren, aber
nebensächlichen Punkt bestärkt -- den merkwürdigen Punkt
des Gelöbnisses." Die Scheidungssache Russell lenkte die
Aufmerksamkeit auf das richtige Verhalten unter den Geschlechtern" bei
den Bibelforschern. So setzte der Pastor Anfang 1908 ein Gelöbnis
auf und sprach es vor dem Herrn. Darin heißt es unter anderem:
Ich gelobe weiterhin, daß ich mich mit der nachstehenden Ausnahme
jederzeit und an jedem Ort im Privatbereich so gegenüber dem
anderen Geschlecht benehmen werde, wie ich es in der
Öffentlichkeit täte -- in Anwesenheit einer Versammlung des
Volkes des Herrn und soweit es vernünftigerweise möglich ist,
will ich vermeiden, mit einer Frau allein in einem Raum zu sein, wenn
die Tür zu dem Raum nicht weit offensteht -- ausgenommen Ehefrau,
Kinder, Mutter und Schwestern."(136)
Natürlich sprach sich niemand dagegen aus, daß Russell solch
ein Gelöbnis tat. Doch er machte an diesem Punkt nicht Halt; er
fing an, dafür auch bei anderen zu werben. Zuallererst schlug er
vor, daß alle Voll- und Teilzeit- Pilgrime, die unter der
Schirmherrschaft der Watch Tower Society tätig waren, und auch
alle Brüder der Bibelhaus-Familie" in Pittsburgh ebenfalls das
Gelöbnis leisten sollten. In einem Rundbrief vom März 1908
rief er jeden Pilgrim und die Glieder der Bibelhaus-Familie auf, sich
durch ein Gelöbnis an den Herrn zu binden" und dann Russell
brieflich mitzuteilen, daß sie es getan hatten.(137)
Ein Sturm folgte. Die meisten kamen der Aufforderung nach und leisteten
das Gelöbnis, doch einigen war die ganze Sache sehr zuwider. Sie
führten einige frühere Lehren Russells gegen Gelöbnisse
an und äußerten ihre Abneigung dagegen, daß sich
Russell die Freiheit genommen hatte, die Namen derer zu
veröffentlichen, die das Gelöbnis getan hatten -- in einer
Sache, die sie als schon nicht mehr ganz subtile leichte
Gewaltanwendung ansahen.(138) Russell reagierte darauf pikiert. Er
sagte: Scheinbar haben ein paar sonst helle Brüder einfach
vergessen, was das Wort 'Gelöbnis' bedeutet", und behauptete, er
habe niemanden dazu gezwungen, das Gelöbnis zu leisten.(139)Er
stimmte zwar zu, die Namen derer, die das Gelöbnis täten,
zukünftig nicht mehr zu veröffentlichen, doch er schrieb:
Haltet uns bitte auf dem laufenden, wenn ihr das Gelöbnis tut. Wir
werden eine alphabetische Liste aufbewahren, die irgendwann vielleicht
einmal von Nutzen ist."(140) Natürlich begannen seine Kritiker
diese Liste sofort als Auflistung Russell ergebener Leute zu betrachten
und entfremdeten sich weiter. So wurde das Gelöbnis zu einem
weiteren roten Tuch für die, die sich schon wegen des Punktes
Neuer Bund Sorgen machten.
Die führenden Gegner der von Russell wieder in Kraft gesetzten
Lehre über den Neuen Bund waren sowohl bekannte Bibelforscher als
auch Männer und Frauen aus Russells engerem und geschätzten
Gefährtenkreis. Darunter waren A.E. Williams (ein angeheirateter
Neffe des Pastors), M.L. McPhail, E.C. Henninges und seine Frau Rose
sowie Mae Land, Russells eigene Schwester.(141) Von diesen hatte
McPhail im Jahre 1894 als erster Watchtower- Vollzeit- Pilgrimbruder
gedient.(142) Henninges hatte eine Zeitlang als Sekretär-Kassierer
der Watch Tower Society gedient, er hatte Aktivitäten der
Bibelforscher in England gefördert und ein Watchtower-
Zweigbüro in Melbourne in Australien gegründet.(143)Des
weiteren war er mit Rose Ball verheiratet, Russells Pflegetochter" und
jener jungen Frau, von der Maria Russell behauptete, ihr habe ihr Mann
die niederträchtige Quallengeschichte erzählt.(144)
1909 schrieb Henninges einen langen Protestbrief an Russell.(145) Kurze
Zeit darauf veröffentlichten Dissidenten aus der New Yorker
Bibelforscher-Kirche einen offenen Brief an alle [Bibelforscher], die
sich der Notwendigkeit bewußt sind, inmitten so mancher
unterschwelliger Versuchungen und Anfechtungen in der
gegenwärtigen Zeit mit Festigkeit für den Herrn und Sein Wort
einzustehen: an alle, die Jesus als ihren Mittler und Sein Blut des
Neuen Bundes als die Grundlage der Gunst in diesem Evangeliumszeitalter
wertschätzen."(146)Nach der Veröffentlichung dieses Briefes
gingen einige Amerikaner -- darunter Williams aus New York -- sowie die
meisten Angehörigen der Melbourner Versammlung und weitere
Bibelforscher aus der ganzen Welt und bildeten die Gemeinschaft der New
Covenant Believers.(147)
Russell wollte sicher nicht, daß diejenigen, die nun New Covenant
Believers wurden, gingen, aber er reagierte scharf auf ihre Kritik und
wies darauf hin, daß sie nun in die äußere Finsternis"
gingen, und unterstellte ihnen, gierige Wölfe" zu
sein.(148)Darüber hinaus benutzte er seine Stellung als treuer und
kluger Knecht", Herausgeber von Zion's Watch Tower und gewählter
Pastor der Bibelforscher-Versammlungen, jegliche Gegnerschaft gegen
seine Lehren niederzuschlagen. So wurde schnell deutlich, daß es
unmöglich war, diese Lehren abzulehnen und gleichzeitig innerhalb
der Bibelforschergemeinde zu bleiben; und die dissidenten Bibelforscher
weigerten sich, ruhig zu bleiben. Für sie war im Jahre 1909 die
überkommene Lehre über den Neuen Bund ebenso wichtig, wie es
im Jahre 1878 die Lehre vom stellvertretenden Sühnopfer für
Russell gewesen war. In der Folge setzten sich einige Hundert von
insgesamt vielleicht 10.000 Bibelforschern ab.(149) Russell schien
nicht wahrzunehmen, daß er sehr stark zu jenem Sektendenken
beigetragen hatte, das er so sehr haßte, und daß er den
Grund zu jener autoritären Haltung gelegt hatte, die nach seinem
Tode ein so kennzeichnendes Charakteristikum der Wachtturm-Bewegung
werden sollte.
Russells Gegner außerhalb der
eigenen Reihen
Probleme durch Schismen unter den Bibelforschern und Ehestreitigkeiten
waren nicht die einzigen Sorgen, unter denen Russell litt. Schon
früh in seiner Laufbahn begann er, die meisten Geistlichen als
falsche Hirten anzusehen: Sie unternahmen keinerlei Bemühungen,
Christi Königreich zu predigen, waren häufig durch die
Textkritik beeinflußt oder verbreiteten Gott entehrende Lehren
wie das Höllenfeuer oder die Unsterblichkeit der Seele.
Überdies betrachtete er das Weiterreichen des Kollektentellers in
der Kirche als eine Verletzung des biblischen Grundsatzes: Umsonst habt
ihr empfangen; umsonst gebt weiter." So kündigte er als eine Art
Markenzeichen seine Versammlungen mit den Worten an: Freier Eintritt;
Keine Kollekte."(150) Russell wie auch die Bibelforscher machten ihren
Empfindungen über falsche Hirten" sowohl in gedruckter Form als
auch überall dort, wohin sie gingen, Luft. Damit trafen sie in ein
Wespennest.
Es ist daher nicht verwunderlich, daß Russell persönlich
erbittert angegriffen wurde. Nach seiner Scheidung im Jahre 1906
unterstellten ihm Zeitungen und einzelne Geistliche, er habe Ehebruch
begangen.(151) Er wurde finanzieller Täuschungsmanöver
beschuldigt; insbesondere in der Sache, die als
Wunderweizen-Affäre bekannt werden sollte. Er wurde als
Meineidiger etikettiert von einem kanadischen Baptistenpfarrer,
Reverend J.J. Ross, der behauptete, er habe im Zeugenstand die
Unwahrheit gesagt: er könne Griechisch", obwohl das nicht stimmte.
Sowohl die Wunderweizen-Sache als auch der Fall Ross verdienen einige
Anmerkungen.
Im Jahre 1904 entdeckte ein Mann namens Stoner, der weder Russell noch
die Bibelforscher kannte, in Fincastle in Virginia eine erstaunlich
ertragreiche Weizensorte, die er Wunderweizen" nannte. Sieben Jahre
später stifteten zwei Bibelforscher der Watch Tower Society
dreißig Scheffel des Weizens, der dann für einen Dollar pro
Pound (etwa 450 Gramm) als Saatgut verkauft werden sollte. Den
Erlös -- ungefähr $ 1.800 -- sollte die Gesellschaft zur
Fortführung ihrer Tätigkeit verwenden. Russell selbst erhielt
nichts aus dem Erlös, doch seine Feinde behaupteten, der Verkauf
sei religiöser Betrug. Eine New Yorker Zeitung, der Brooklyn Daily
Eagle, griff ihn an und verspottete sowohl Russell als auch den
Wunderweizen in einer Karikatur.
Russell verklagte den Eagle, aber er verlor. Offensichtlich verkaufte
er den famosen Weizen mit guten Absichten, aber er dachte über
seine Qualitäten wohl besser, als es angebracht gewesen wäre.
Anscheinend war der Wunderweizen nicht mehr als eine Mutante, eine
Laune der Natur". Er verlor bald seine außerordentliche
Vitalität und war nicht, wie Russell aufrichtig glaubte, ein
Zeichen, daß die Erde bald als Paradies wiederhergestellt werden
sollte.(152)
Die Beschuldigung von J.J. Ross, daß Russell einen Meineid
leistete, ist ständig wiederholt und immer wieder geglaubt worden.
Doch es war Ross, nicht Russell, der eine Falschaussage machte. In
einer Flugschrift nach dem Strafverfahren Russells gegen ihn zitierte
Ross seinen Anwalt falsch, dieser habe Russell gefragt, ob er
Griechisch könne". Doch tatsächlich hatte George
Lynch-Staunton, der Anwalt, die Frage gestellt: Kennen Sie das
griechische Alphabet?" Russell antwortete einfach: Oh ja." Er
behauptete in keiner Weise, er wisse mehr vom Griechischen oder einer
anderen Sprache als das. Es war daher Ross, der die Wahrheit
verdrehte.(153)
Es ist unmöglich, sich an dieser Stelle mit allen Anfechtungen und
Sorgen Russells zu befassen, doch eine sorgfältige Untersuchung
eines jeden Falles zeigt, daß er im Grunde immer aufrichtig war,
auch wenn er irregeleitet wurde. Sein Leben war im allgemeinen
tadellos. Darüber hinaus war er ganz allgemein ein attraktiver,
freundlicher Mann, völlig dem Verwalteramt hingegeben, für
das er sich bestimmt hielt. Aber es kann keinen Zweifel geben,
daß er eine Ader anmaßenden Stolzes hatte und manchmal
arglos bis zur Naivität war. Obwohl man ihn in der
Wunderweizen-Affäre ohne Zweifel von jedem Betrug freisprechen
muß, hätte er mehr Verstand zeigen sollen, als Weizen unter
diesem Namen zu verkaufen, um die Evangelisation zu unterstützen.
Hätte er sich vorher irgendwelche Gedanken darüber gemacht,
wäre ihm der schlechte Ruch einer solchen Unternehmung wohl
aufgefallen. Und hätte er sich die Zeit genommen, darüber
nachzudenken, hätte er die sexuelle Frustration seiner Frau
wahrgenommen und wäre mehr geworden als ein Ehemann nur dem Namen
nach. Doch trotz dieser wirklichen Mängel: Wenn man ihn mit
anderen Religionsführern im Amerika des 19. und 20. Jahrhunderts
wie Joseph Smith, Ellen White, Mary Baker Eddy und Amee Semple
McPherson vergleicht, dann erweist sich Russells Charakter als ziemlich
gut.
Russells letzte Lebensjahre und sein
Tod
Während seiner letzten Lebensjahre wurde Russell von der
Bibelforschergemeinde gefeiert, und seine Predigten wurden in Amerika
wie in Europa veröffentlicht, während er ausgedehnte Reisen
per Eisenbahn und Dampfer unternahm. In vielerlei Hinsicht muß
das Leben angenehm für ihn gewesen sein. Auf seinen Reisen sparte
er nicht an Kosten, um es sich und seinen Reisegefährten, darunter
Ärzte, pensionierte Generäle, Professoren und Richter, bequem
zu machen. Wenn er seine weit verstreuten Versammlungen besuchte, war
er ständig von Männern und Frauen umgeben, die ihn anbeteten.
War er schließlich nicht ihr Pastor, der Knecht"? Doch er war
weit entfernt davon, auf Rosen gebettet zu sein. Zwischen 1903 und 1913
war er fast ständig in Rechtsstreitigkeiten verwickelt und wurde
sowohl von Geistlichen als auch von Teilen der Presse scharf
kritisiert. Und er war ein unglaublich harter Arbeiter, der sich selbst
antrieb, als seine Gesundheit schlechter zu werden begann.
Schließlich, als das Jahr 1914 nahte, fing er an, nervös zu
werden, weil sich vielleicht die Prophetie über die Heidenzeiten,
die schon vor seinem Bruch mit Nelson Barbour ein so herausragender
Teil seiner Lehren gewesen war, nicht erfüllte. Jahrelang hatten
Russell und die Bibelforscher erwartet, daß die heidnischen
Nationen im Laufe dieses Jahres in die Vernichtung gingen; oder
vielleicht auch 1915, falls sich der Zeitpunkt 1914 als falsch erwiese.
Die Heiligen sollten zu Christus in den Himmel aufgenommen werden (da
das 1874, 1878 oder 1881 nicht geschehen war), und Christi
Tausendjahrherrschaft über die Erde sollte beginnen. Doch als das
verhängnisvolle Jahr nahte, hatte Russell begonnen, seine
diesbezüglichen Vorstellungen einzuschränken.
Ursprünglich war er absolut sicher gewesen, daß in jenem
Jahr das Ende käme. In Die Zeit ist herbeigekommen hatte er
geschrieben, daß das Jahr 1914 die äußerste Grenze der
Herrschaft des unvollkommenen Menschen markiere"(154), aber zu den
ersten beiden Dekaden des 20. Jahrhunderts hin wurde er immer
vorsichtiger. Melvin Curry stellt fest:
Russell bediente sich einer Anzahl von Konstruktionen, um die Wirkung
eines prophetischen Fehlschlages im voraus nichtig zu machen. Zuerst
leugnete er, inspiriert zu sein, und argumentierte, daß seine
Vorhersagen auf Glauben basierten und damit nicht unfehlbar seien.
Trotzdem behauptete er immer noch, daß die biblischen Beweise so
schlagkräftig seien, daß der Glaube an die Chronologie fast
zur Gewißheit werde." Zweitens versicherte er, daß sein
Unvermögen, die Ereignisse von 1914 genau vorherzusagen nur
beweisen würde, daß unsere Chronologie, unsere
'Alarmklingel', nur ein bißchen vorginge" und daß der
Fehler nicht sehr groß" sei. Beispielsweise räumte er ein,
daß die Heidenzeiten im Oktober 1914 oder im Oktober 1915 enden
könnten." Drittens engte er die Vorhersagen so ein, daß sie
sich auf nicht faßbare übernatürliche Ereignisse
bezogen wie das Ende der Zulassung der Macht für die
Heidennationen" und das Ende der Erntezeit des Evangeliumszeitalters."
Viertens kehrte er im Jahre 1904 die Reihenfolge der erwarteten
Ereignisse um und beteuerte, daß die weltweite Anarchie" eher auf
das Ende der Heidenzeiten folgte, statt ihm vorauszugehen [sic].
Fünftens änderte er seine Voraussage, daß der
Zusammenbruch der Christenheit plötzlich und schrecklich" sei.
Daraus machte er die Leugnung, daß die Nationen in jenem Jahr in
Stücke zerbrechen." Statt dessen behauptete er, der irdische Teil
des Königreiches werde später als 1914 aufgerichtet; damit
wurde eine Zeitperiode nach der Beendigung der Zulassung der
Heidennationen für den Sturz der Nationen und die allmähliche
Aufrichtung des Königreichs auf Erden" eingeräumt.
Schließlich verglich er die möglichen Fehler seiner
Chronologie mit anderen Unsicherheiten in der Bibel.(155)
Dennoch glaubte Russell weiterhin das, was nun sein eigenes System war,
und um das Jahr 1913 setzte eine große chiliastische Aufregung
bei den Bibelforschern ein. Als dann der erste Weltkrieg ausbrach, nahm
Russell das als eine Bestätigung seiner chronologischen,
prophetischen Spekulationen. Anders als viele seiner Anhänger --
sogar in der Weltzentrale der Watch Tower Society in Brooklyn -- war er
nicht durch die Tatsache verunsichert, daß er und sie nicht mit
den Wolken hinweggenommen wurden. In seinem Buch Faith on the
Marcherzählt A.H. Macmillan die Ereignisse im Herbst 1914 nach: Am
Freitagmorgen (dem 2. Oktober) saßen wir alle am
Frühstückstisch, als Russell herunterkam. Als er den Raum
betrat, zögerte er einen Augenblick, wie es seine Art war, und
sagte dann fröhlich: 'Guten Morgen zusammen.' Doch statt wie
üblich auf seinen Stuhl zuzugehen, klatschte er forsch mit den
Händen und verkündete glücklich: 'Die Heidenzeiten sind
zu Ende; die Könige haben ihre Zeit gehabt.' Wir applaudierten
alle."(156)
Bibelforscher in einem großen Teil der Welt applaudierten. Das
Jahr 1914 hatte zwar nicht das Ende gebracht, aber wie die Zeugen
Jehovas heute waren sie bereit, die Vorstellung zu akzeptieren,
daß der Ausbruch des ersten Weltkrieges in Europa
tatsächlich bewiesen hatte, daß die Barbour-Russellsche
Chronologie im Grunde genommen tragfähig war.(157) Doch obwohl das
Kommen des Krieges ihre Gemeinschaft -- zumindest unmittelbar -- vor
einer weiteren großen Glaubenskrise bewahrte, schuf es andere
äußerst schwerwiegende Probleme. Da zum einen ihrer Ansicht
nach die Heidenzeiten geendet hatten, nahm die apolitische Apokalyptik"
der Bibelforscher ganz erheblich zu. Russell nahm eine härtere
Haltung zugunsten der Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen
ein und verurteilte Geistliche in Kanada, weil sie als
Rekrutierungsagenten für den Drachenzahn des Krieges" gehandelt
hatten.(158) Natürlich waren er und seine Anhänger mit dieser
Haltung in den Vereinigten Staaten von 1914 bis Ende 1916 mit ihren
Landsleuten in Einklang. Aber für andere Teile der Welt galt das
nicht; und im Sommer 1916 wurde Russell die Einreise nach Kanada von
kanadischen Einwanderungsoffizieren verwehrt, die wütend über
ihn waren, weil er sich 'in die Rekrutierungsbemühungen des
britischen Empire eingemischt' habe.(159)
Viel schwerer für die Bibelforscher wog, daß Russell am 31.
Oktober 1916 während einer Eisenbahnreise in den Südwesten
der Vereinigten Staaten unter großen Schmerzen starb.(160)Er war
schon eine Zeitlang müde und krank gewesen, doch er bestand
darauf, seiner weit verstreuten Herde gegenüber bis zum Ende seine
Pflichten als Prediger und Pastor zu erfüllen. Denn in seinen
letzten Lebensjahren war er überzeugt, daß der erste
Weltkrieg im Jahre 1918 in die Schlacht von Harmagedon und die
Entrückung der Kirche münden werde. So bewahrte sein Tod ihn
wohl vor der möglichen Ernüchterung, wenn er noch gelebt
hätte und der Krieg hätte geendet, ohne daß die
Nationen in die Vergessenheit versunken waren, doch für seine
Anhänger kam er zu einer höchst unpassenden Zeit. Sie hatten
nicht erwartet, daß ihr Pastor, der Knecht", vor dem Ende der
Welt sterben würde, und sie waren psychologisch nicht darauf
vorbereitet, zukünftig seinen und ihren Dienst fortzuführen.
Und noch bedeutsamer, sie sollten in große Verwirrung durch die
Tatsache geraten, daß ihre Kirche wieder nicht in den Himmel
heimgeholt" wurde, die Juden nicht in Palästina versammelt wurden
und die Nationen dieser Welt nicht zerbrochen waren, wie es Russell
vorhergesagt hatte, als dann statt mit der Apokalypse der Krieg mit dem
Versailler Vertrag endete. Tatsächlich fiel die
Bibelforscherbewegung 1917 und 1918 fast auseinander -- aufgrund von
Machtkämpfen unter seinen Nachfolgern und wegen der Verfolgung
durch weltliche Regierungen und Pöbelrotten, die ihnen
nachstellten, nachdem die Vereinigten Staaten im April 1917 in den
Krieg eingetreten waren. Obwohl Russell für den Fall seines Todes
und die Fortsetzung des Werkes danach einige Pläne gemacht hatte,
konnte er keine Vorstellung von dem haben, was sich bald darauf
ereignen sollte.
1. Wenn nicht anders vermerkt, sind die Angaben zu Russell folgenden
Werken entnommen: Zion's Watch Tower, 1906, Reprints Seiten 3820-28;
The Watch Tower, 1916, Reprints Seiten 5997-6013; The Laodicean
Messenger (Chicago: The Bible Students Book Store 1923); Jehovas Zeugen
in Gottes Vorhaben (engl: Brooklyn, NY: Watchtower Bible & Tract
Society 1959; deutsch: Wiesbaden: Wachtturm-Gesellschaft 1960); Timothy
White, A People for His Name (New York: Vantage Press 1967).
2. Nach Richard Rawe aus Soap Lake, Washington, der Russels
Geschäftstätigkeit näher untersucht hat, sind viele der
Behauptungen über seine großen Fähigkeiten als
Geschäftsmann wohl doch übertrieben. In The Laodicean
Messenger sagt sein Biograph auf Seite 6, daß die Läden ihn
bald reich machten, und als er gerade erwachsen wurde, da besaß
er schon eine Viertelmillion US-Dollar." Rawe bringt das Argument vor
daß Russell erst später zu Wohlstand kam, nachdem er $ 6.000
von einem Onkel geerbt hatte (die er als Kapital anlegte). Trotzdem war
Russell ein äußerst fähiger Unternehmer, der seinen
frühen, recht bescheidenen Wohlstand dazu benutzte, ein
beträchtliches Vermögen zu machen. Russell gab 1907 zu, er
habe im Jahre 1879 Vermögenswerte in Höhe von $ 60.000
besessen, darunter drei Bekleidungsgeschäfte in Allegheny und drei
in Pittsburgh." Tatsächlich war er wahrscheinlich sehr viel
reicher. In einem Brief an einen gewissen Herrn J.H. Brown, etwa aus
dem Jahr 1898, hatte er geschrieben: Sie kennen mich schon über 20
Jahre als Geschäftsmann, als sie mir damals Ware verkauften. Zu
jener Zeit wußten Sie wahrscheinlich, daß ich von
Handelsagenturen auf $ 150.000 geschätzt wurde -- daß ich
neben mehreren kleineren Läden das größte
Herrenausstattergeschäft in Pittsburgh besaß."
Verhandlungsmitschrift im Berufungsprozeß Russell gegen Russell
am Obersten Gericht des Staates Pennsylvania (April 1907), Seiten 23,
42, 43.
3. Pastor Russell's Sermons (Brooklyn, NY: International Bible Students
Association 1917), Seite 517.
4. Bemerkung aus der Korrespondenz J.L.Russells in der adventistischen
Zeitschrift Herald of Life and the Coming Kingdom.
5. Siehe das Vorwort des Verfassers von The Laodicean Messenger und Das
vollendete Geheimnis (Magdeburg: Wachtturm Bibel & Traktat
Gesellschaft ??) Seiten ??.
6. Erst in ihrem neuesten Geschichtsabriß", Jehovas Zeugen,
Verkündiger des Königreiches Gottes (Selters: Wachtturm Bibel
& Traktat-Gesellschaft 1993) hat die Wachtturm-Gesellschaft ein
Interesse an den Personen gezeigt, die Einfluß auf Russell
hatten. Dieses Interesse scheint großenteils eine Reaktion auf
die erste englische Auflage des vorliegenden Buches und Werke wie Carl
Olof Jonssons The Gentile Times Reconsidered(deutsch: Die Zeiten der
Nationen näher betrachtet, Altenberge: Oros-Verlag 1992) zu sein.
Leider lassen die offiziellen Geschichtsabrisse der Zeugen in dieser
und in anderer Hinsicht vieles zu wünschen übrig.
7. Watch Tower, 1906, Reprints Seite 3821.
8. Stetson predigte eine Zeitlang in Pittsburgh, verzog aber
später nach Edinboro, Pennsylvania, wo er als Pastor einer
großen Versammlung diente. Der Watch Tower von 1879, Reprints
Seite 46, vermerkt seinen Tod. Es war sein Wunsch vor seinem Tod,
daß Russell die Begräbnisrede halten sollte.
9. Das meiste über Storrs ist folgenden Zeitschriften und
Büchern entnommen: Herald and Life and the Coming Kingdom, 7.
Januar 1880; Bible Examiner, März 1880; Frank S. Mead, Handbook of
Denominations in the United States (New York: Abingdon-Cokesbury Press
1951), Seite 19; LeRoy Edwin Froom, The Conditionalist Faith of Our
Fathers (Washington, DC: The Review and Herald Publishing Association
1967) Band 2, Seiten 305-15.
10. Froom, Band 2, Seiten 300-305.
11. Frooms zweibändiger Abriß des Konditionalismus ist die
einzige vollständige Geschichte zu diesem Thema in englischer
Sprache. Eine kürzere Abhandlung findet sich unter dem Stichwort
Annihilationism" in The New Schaff-Herzog Encyclopedia of Religious
Knowledge, Band 1, Seiten 236, 237.
12. Siehe das Stichwort Annihilationists" in McClintock and Strong's
Cyclopaedia of Biblical, Theological and Ecclesiastical Literature
(Grand Rapids, Michigan: Baker Book House 1980), Band 1, Seiten 236,
237.
13. Bible Examiner, März 1880, Seite 404.
14. Dr. John Thomas, der Gründer der Christadelphianer,
schloß sich kurz den Milleriten an. Wie so viele, die dies taten,
nahm er dann auch den Konditionalismus an.
15. Synopsis of Our Faith" (Ein Abriß unseres Glaubens) in Bible
Examiner, Januar 1877, Seite 104. Storrs letztgenannte Vorstellungen
wurden 1870 und 1871 ausgearbeitet.
16. Der Brauch, das Abendmahl am 14. Nisan zu feiern, hatte in den
1860er Jahren unter den Mitgliedern der Life and Advent Union seinen
Anfang. Storrs behielt diese Praxis bis zu seinem Tode bei. Siehe z. B.
Bible Examiner, Februar 1877, Seite 131.
17. Jonathan M. Butler, Adventism and the American Experience", in
Edwin Scott Gaustadt, Herausgeber, The Rise of Adventism (New York:
Harper and Row 1974), Seite 177.
18. Es ist richtig, daß Storrs darüber nach dem Ende des
Bürgerkries anders dachte.
19. In The Last Times and Great Consumation (1863) lehrt Seiss auf den
Seiten 218-220, daß Christus und die Heiligen nach ihrer
Auferstehung verherrlichte geistige Leiber" hätten.
20. Das genaue Datum der ersten Veröffentlichung von The Object
and Manner of Our Lord's Return ist fraglich. Zwar gab die
Wachtturm-Gesellschaft lange das Jahr 1873 an, aber scheinbar gibt es
kein Exemplar mit einem Datum vor 1877, als ein bearbeiteter Text in
The Herald of the Morning, herausgegeben von Nelson H. Barbour,
veröffentlicht wurde. Nach Paul S.L. Johnson sagte Russell
überdies selbst, daß er die Lehre von Christi unsichtbarer
Gegenwart im Oktober 1874 annahm. Paul S.L. Johnson, The Parousia
Messenger(Philadelphia: Paul S.L. Johnson 1938), Seiten 368, 369, 437.
21. C.T.Russell, The Object and Manner of Our Lord's Return (Rochester,
NY: The Herald of the Morning 1877), Seite 45.
22. Es gibt drei traditionelle Auslegungsweisen der Offenbarung: die
zeitgeschichtliche, die den Anspruch erhebt, die Prophezeiungen
hätten sich gegen Ende des 1. Jahrhunderts erfüllt: die
historistische, in der argumentiert wird, die Offenbarung enthalte
prophetische Geschichte in Symbolen vom 1. Jahrhundert bis nach dem
Ende des Tausendjahrreiches; und die futurologische, bei der man meint,
sie handle allein von eschatologischen Ereignissen, beginnend kurz vor
Christi Wiederkehr. Indem Russell die historistische Position
übernahm, befand er sich in Übereinstimmung mit den meisten
Richtungen des britischen und amerikanischen Protestantismus.
23. Jonssons Artikel mit der Überschrift Theory of Christ's
Parousia as an 'invisible Presence'" (Theorie der Parusie Christi als
unsichtbarer Gegenwart) erschien in den Ausgaben November-Dezember 1982
und Januar-Februar 1983 des Bible Examiner, veröffentlicht von
Christian Koinonia International of Lethbridge, Alberta.
24. Carl Olof Jonsson, The Bible Examiner (Januar-Februar 1983), 3:12.
Eine ausgezeichnete Übersicht über die Geschichte des
Millenarismus in Großbritannien und den Vereinigten Staaten
während des 19. Jahrhunderts findet sich in Ernest R. Sandeen, The
Roots of Fundamentalism: British and American Millenarianism 1800-1930
(Chicago: University of Chicago Press 1970).
25. Alan Rogerson, Millions Now Living Will Never Die (London:
Constable & Co. Ltd. 1969) Seiten 8, 9. In den Jahren von 1879 bis
1882 schrieb Keith mehrere Artikel für Zion's Watch Tower
über die Lehren des Loskaufsopfers, die Kirche, Christi
unsichtbare Gegenwart und die Wiederherstellung aller Dinge.
26. Watch Tower, 1906, Reprints Seite 3822.
27. Herald of the Morning, Mai 1879, Seite 88. Auch Russell nennt
Barbour in frühen Ausgaben von Zion's Watch Tower wiederholt den
Autor" von Three Worlds.
28. Der Gedanke, der aus 4.Mose 14:33, 34 und Hesekiel 4:1-8 entnommen
ist, daß prophetische Tage, wie sie insbesondere in den
Büchern Daniel und Offenbarung erwähnt werden, für Jahre
stehen sollten, war bei vielen katholischen und protestantischen
Apokalyptikern und Chiliasten seit Joachim von Fiore bis Russell,
einschließlich Wycliffe und viele der großen Reformatoren,
allgemein anerkannt. Interessanterweise sah Russells Mentor, George
Storrs, die Jahr-Tag-Theorie als Unsinn an. In einem Artikel in Herald
of Life and the Coming Kingdom vom 2.Oktober 1867, Seite 2, gratuliert
er seinem alten Gegner Dr. Josiah Litch dazu, daß dieser die
Theorie aufgab.
29. Das 360 Tage dauernde prophetische Jahr" wird oft als Mondjahr
bezeichnet. Tatsächlich aber dauert ein Mondjahr etwas mehr als
354 Tage, und es gibt keine Belege, daß bei den alten Israeliten
überhaupt ein 360-Tage-Kalender in Gebrauch war, wenn nicht in
Verbindung mit anderen antiken Völkern wie den Ägyptern. Das
prophetische Jahr als solches basiert auf einer im Protestantismus des
17. Jahrhunderts aufgekommenen Extrapolation aus Offenbarung 12:6, 14,
wo 1.260 Tage mit einer Zeit, Zeiten und einer halben Zeit"
gleichgesetzt werden. Auf der Grundlage dieses Verses sowie Offenbarung
13:5 kamen viele Erforscher der Prophetie" zu der Auffassung, eine
Zeit" sei ein Jahr" von 360 Tagen.
30. N.H.Barbour und C.T.Russell, Three Worlds an the Harvest of This
World (Rochester, NY: The Herald of the Morning 1877), Seite 42.
31. Ibid, Seiten 63, 67-77, 93-103.
32. Ibid, Seiten 85-93.
33. Ibid, Seite 68.
34. Ibid, Seiten 93-103.
35. Ibid, Seite158.
36. Über Brown ist so gut wie nichts bekannt.
37. Seiten 27, 28.
38. John A. Brown, The Even-Tide: or Last Triumph of the Blessed and
only Potentate, the King of Kings, and the Lord of Lords; Being a
Development of the Mysteries of Daniel and St. John(London: J. Offor
und andere Herausgeber 1823), Band 2, Seiten 130-152. Brown hielt die
2.520 Jahre nicht für die Heidenzeiten aus Lukas 21:24. Das tat
eine Anzahl Personen, darunter William Miller, der seiner Auslegung von
Daniel 4 folgte.
39. Barbour und Russell, Seiten 77-85. Offenbar hatte Brown erkannt,
daß die 2.520 Jahre nicht 1916, sondern 1917 n.Chr. enden
würden wenn man die sieben Zeiten" im Herbst 604 v.Chr. zu
zählen begann. Im Hinblick auf Russell und das Jahr 1914 als
Endpunkt sagt Karl Burganger: Allmählich hatten Russell und seine
Anhänger angefangen zu erkennen, daß die [auch von Barbour]
verwendete Arithmetik, die 2.520 Jahre von 606 v.Chr. bis 1914 n.Chr.
zu berechnen (2520 - 606 = 1914) nicht so einfach war, wie sie zuerst
ausgesehen hatte. Man wies darauf hin, daß die Periode von 606
v.Chr. bis zum Beginn der christlichen Zeitrechnung nicht 606 ganze
Jahre betrug, sondern 605 Jahre und 3 Monate. Dies würde den
Endpunkt für die 'Heidenzeiten' von Oktober 1914 auf Oktober 1915
verschieben." Karl Burganger, The Watch Tower Society and Absolute
Chronology: A Critique (Lethbridge: Christian Fellowship International
1981), Seite 9. Siehe auch Watch Tower, 1912, Reprints Seiten 5141,
5142.
40. Barbour und Russell, Seiten 19-22.
41. Ibid, Seite 84.
42. Bible Examiner, Juli 1877, Seite 317.
43. White, Seiten 80, 81.
44. Siehe beispielsweise Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben (Wiesbaden:
Wachtturm Bibel und Traktat- Gesellschaft 1960), Seiten 18-21.
45. Ibid. Barbour veröffentlichte seine Gedanken weiter im Herald,
und 1907 brachte er ein Buch mit dem Titel Washed in His Blood heraus,
das ein Bild seines Denkens in den späteren Jahren bietet.
46. Watch Tower, 1906, Reprints Seite 3823. Das geringste, was man zu
dem Bild durch Russell und die Zeugen Jehovas heute sagen kann, ist,
daß es recht voreingenommen ist, und sicher zitierte Russell
Barbour nicht aus dem Zusammenhang heraus. Was Barbour leugnete, war
die Lehre des stellvertretenden Sühneopfers und die Bedeutung des
Todes Christi. Bis zum Ende seines Lebens gebrauchte Barbour weiterhin
die Begriffe Loskauf" und Sühnopfer".
Seine Haltung wird im Herald of the Morning von August 1877, Seiten
26-28, umrissen, sowie als Erwiderung auf die Kritik Russells und
Patons auf den Seiten 40-43 der Septemberausgabe und den Seiten 56-58
der Novemberausgabe desselben Jahres. Russells erste Erklärung zu
diesem Thema erscheint auf den Seiten 39, 40 der Septemberausgabe;
Patons mehr versöhnliche erscheint auf der Seite 56 der
Oktoberausgabe.
Man kann nur schwer glauben, daß Barbour oder auch Russell die
Verästelungen des Themas verstanden, über das sie stritten.
Obwohl Barbour an die Lehre der Menschwerdung glaubte, war seine
Haltung zum Sühnopfer im Jahre 1877 vom Wesen her weit mehr
sozinianisch (unitarisch) als orthodox. Russell jedoch, der an keine
Fleischwerdung im orthodoxen Sinne glaubte, hielt am stellvertretenden
Sühnopfer fest. Wenn man seine Gedanken zu diesem Thema
analysiert, muß man sagen daß sie praktisch arminianisch
waren. Eine kurze geschichtliche Übersicht über die Lehre vom
Sühnopfer findet sich bei Louis Berkhof, The History of Christian
Doctrine (Grand Rapids, Michigan: Baker Book House 1975), Seiten
165-199.
47. Watch Tower, 1906, Reprints Seiten 3822, 3823. In seiner
Beschreibung des Angriffs Barbours auf ihn hat Russell sicher nicht
übertrieben. Siehe beispielsweise The Herald of the Morning, Mai
1879, Seiten 87, 88.
48. Watch Tower, 1906, Reprints Seiten 3822, 3823.
49. Ibid.
50. Ibid.
51. Ibid, 1881, Reprints Seite 224. Siehe auch Watch Tower, 1880,
Reprints Seite 172.
52. Melvin Dotson Curry, Jr., Jehovah's Witnesses: The Effect of
Millenarianism on the Maintenance of a Religious Sect (Dissertation,
Florida State University 1980), Seite 147.
53. Watch Tower, 1881, Seiten 224, 288, 289.
54. Siehe Curry, Seite 150, und Joseph F. Zygmunt, Prophetic Failure
and Chiliastic Identity: The Case of Jehovah's Witnesses" in Patrick H.
McNamara, Herausg., Religion American Style(New York: Harper and Row,
Publishers 1974), Seite 148. Russells Kommentar in Zions Watch Tower
findet sich in der Novemberausgabe 1880, Reprints Seite 152.
55. Watch Tower, 1880, Reprints Seite 167.
56. Ibid, Seite 224.
57. Russells Glaube an Barbours Chronologie war so vollständig,
daß er dessen ganz sicher war, im Herbst 1881 müsse sich
etwas Wichtiges ereignen. Dennoch, er war gezwungen gewesen, den
Fehlschlag von 1878 zu vergeistigen, und er schien unsicher zu sein,
wie die Verwandlung" im Jahre 1881 stattfinden würde. Daher machte
er fast jeden Monat neue Vorschläge, um die Fakten der Theorie
anzupassen, und in seinem Eifer widersprach er sich dabei ganz
außerordentlich.
58. James Parkinson, The Bible Student Movement in the Days of Pastor
Russell (Los Angeles: Privatdruck 1975), A-2.
59. Watch Tower, 1881, Reprints Seite 214.
60. The Laodicean Messenger, Seiten 62, 63, 105, 106; Jehovas Zeugen in
Gottes Vorhaben, Seite 62.
61. Watch Tower, 1916, Reprints Seite 5998.
62. Watch Tower, 1906, Reprints Seiten 3745, 3746.
63. Ibid, 1884, Reprints Seiten 584, 585; 1887, Reprints Seite 918;
1887, Reprints Seite 1071; 1906, Reprints Seite 3746.
64. Ibid, 1882, Reprints Seiten 369-377.
65. Barbour und Paton waren Trinitarier. Auf den Seiten 57 und 58 von
Three Worlds griff der erstere die Christadelphianer an, die leugneten,
daß der Heilige Geist eine Person sei. Zu George Storrs Haltung
in diesem Punkt siehe den Bible Examiner (Mai 1878), Seite 231.
Obwohl Henry Grew und George Stetson -- zwei andere Männer, die
ihn beeinflußten -- Nichttrinitarier waren, bezog Russell bis
nach seiner Trennung von Paton zu diesem Punkt nicht Stellung,
zumindest nicht öffentlich. Seine früheren Aussagen zur
christlichen Lehre zwangen ihn in der Tat, die arianische Haltung
einzunehmen.
66. Da gemäß Russell die Kirche Christi auf 144.000 Glieder
beschränkt war, würden die meisten Personen entweder als
Glieder der Großen Schar" -- einer zweitrangigen himmlischen
Klasse -- Rettung erlangen oder in ein neues edengleiches Paradies auf
Erden hinüberleben. Die Juden im Fleische sollten wieder in
Palästina versammelt werden. Siehe Russell, Thy Kingdom Come,
Kapitel VI und VIII.
67. Watch Tower, 1907, Reprints Seiten 3942, 3943; 1916, Reprints Seite
5998.
68. Ibid.
69. Ein vollständiger Bericht über die Entwicklung der
Bibelforscher-Zeugen-Bewegung in Großbritannien findet sich im
Jahrbuch 1973, Seiten ??-??.
70. M. James Penton, Jehovah's Witnesses in Canada (Toronto: Macmillan
of Canada 1976), Seiten 35, 36. Siehe auch Jahrbuch 1979, Seiten ??-??.
71. Kürzlich ist ein Neudruck dieser Streitgespräche
erschienen: Chicago Bible Students in Harvest Siftings, Band I
(Chicago: Chicago Bible Students, ohne Erscheinungsdatum).
72. The Laodicean Messenger, Seite 99.
73. Watch Tower, 1915, Reprints Seite 5730.
74. C.T. Russell, Die Neue Schöpfung (Magdeburg: Wachtturm Bibel
und Traktat-Gesellschaft ??), Seite ?.
75. Man sah alle Klassen als völlig voneinander unabhängig
an. Leslie W. Jones, MD, Herausgeber, What Pastor Russell Said
(Chicago: Privatdruck 1917) Seite 346. Siehe auch Watch Tower, 1915,
Reprints Seite 5743 und 1916, Reprints Seiten 5981, 5982.
76. Jones, Seiten 479, 480.
77. Ibid, Seiten 100-102, 232, 233; Russell, Die Neue Schöpfung,
Seiten ??.
78. Russell, Die Neue Schöpfung, Seiten ??.
79. Ibid. Eine ausgezeichnete Erörterung des gesamten Themas
findet sich bei White, Band I, Seiten 15-17.
80. Russell, Die Neue Schöpfung, Seiten ??; siehe auch Watch
Tower, 1913, Reprints Seite 5284.
81. Russell, Die Neue Schöpfung, Seiten ??.
82. Ibid, Seiten ??.
83. Russells allgemeine Haltung zu dieser Frage wird in der
Sonderausgabe des Wacht Tower, April 1894, Seiten 16, 17, angesprochen.
84. Zur Diskussion der Kontrolle Russells über die Gesellschaft
siehe White, Seiten 122, 123. Obwohl Russell sehr genau darauf achtete,
nicht die Kirche" oder die örtlichen Ekklesias durch sein Amt als
Präsident der Gesellschaft zu kontrollieren versuchen, behielt er
innerhalb der Gesellschaft die Zügel fest in der Hand.
Großenteils aus dieser Tatsache ergab sich 1894 eine Spaltung.
Siehe die Sonderausgabe des Watch Tower, April 1894.
85. Watch Tower, 1894, Reprints Seite 1320. Timothy White sagt: So weit
ich weiß, gab es nur einen Punkt, wo Russell die Korporation
unvorsichtigerweise benutzte, und das war, als er seine
Pilgerbrüder zu Vertretern der Korporation ernannte, statt sich
selbst oder eine Versammlung." (White, Seite 123).
86. Watch Tower, 1895, Reprints Seite 1868.
87. Ibid, 1905, Reprints Seiten 3517, 3518.
88. Wacht Turm, Dezember 1910, Seiten 218, 219.
89. Siehe White, Seiten 135-137; und Walter R. Martin, Jehovah of the
Watchtower (Chicago: Moody Press 1974), Seiten 24, 25.
90. Timothy White beschuldigt Russell, er habe sich auf die Tyrannei
der Mehrheit" verlassen, um den Brüdern seinen Willen
aufzuzwingen. Siehe White, Seiten 129-137. Dennoch war Russell gewillt,
sich zur Durchsetzung seines Willens auf seinen Einfluß zu
verlassen, und nicht auf seine Macht als Leiter der Körperschaft.
Gegenüber kritischen Bibelforschern war er zwar manchmal
scharfzüngig, doch er schickte sie nicht in die ewige Verdammnis,
wie es die Wachtturm-Gesellschaft heutzutage tut.
91. Watch Tower, Reprints Seite 5156.
92. White, Seite 137.
93. Watch Tower, 1881, Reprints Seite 291.
94. Ibid, 1906, Reprints Seite 3811.
95. Ibid.
96. Ibid. Siehe auch Watch Tower, 1895, Reprints Seiten 1796, 1797;
1896, Reprints Seite 1946.
97. Ibid, 1895, Reprints Seite 1797.
98. Im Watch Tower vom 15. Februar 1927 hieß (Seite 56), Russell
habe nie behauptet, der treue und kluge Knecht zu sein. In wenigen
Worten: Er erhob niemals selbst diesen Anspruch."
In neuerer Zeit stellte die Gesellschaft dieselbe Behauptung auf. Das
Buch Gottes tausendjähriges Königreich hat sich genaht
zitiert Russells Aussage aus dem Watch Towervon 1881 (Seite 5; Reprints
Seite 291) auf Seite 345 und merkt an: Das zeigt deutlich, daß
der Redakteur und Herausgeber der Zeitschrift Zion's Watch Tower nicht
im geringsten beanspruchte, selbst der treue und kluge Knecht" zu sein.
Er hat das von sich nie behauptet."
In einer Fußnote dazu verweist der Autor des genannten Buches den
Leser merkwürdigerweise auf Russells Der Krieg von Harmagedon,
Seite 466. Auf dieser Seite weist Russell eindeutig darauf hin,
daß er den treuen und klugen Knecht" als eine Person, nicht als
die christliche Kirche ansah. Offensichtlich mißverstand der
Autor von Gottes tausendjähriges Königreich also die
Bemerkung Russells, oder er macht sich einer Verdrehung von Tatsachen
schuldig.
99. Reprints Seite 5998.
100. Barbour und Russell, Seiten 96-99. Die Vorstellung war und ist
unter protestantischen Dispensionalisten verbreitet.
101. Watch Tower, 1918, Reprints Seite 6212.
102. The Laodicean Messenger, Seite 150.
103. Watch Tower, 1918, Reprints Seite 6212; The Laodicean Messenger,
Seite 150.
104. Zur Erörterung der Schwierigkeiten Russells mit seiner Frau
siehe Watch Tower, 1906, Reprints Seiten 3808-3820. Weitere Angaben
finden sich in den Mitschriften des Verfahrens Russell gegen Russell im
Court of Common Pleas of Allegheny, Pennsylvania (Juni 1906) und des
Berufungsverfahrens vor dem Pennsylvania Superior Court in 37
Pennsylvania Superior Court, Seite 348, Russell gegen Russell (1908);
sowie bei J.F. Rutherford, A Great Battle in the Ecclesiastical Heavens
(Brooklyn, NY: Privatdruck 1915), Seiten 17-19.
105. Zur Erörterung der Schwierigkeiten Russells mit seiner Frau
siehe Watch Tower, 1906, Reprints Seiten 3808-3820. Weitere Angaben
finden sich in den Mitschriften des Verfahrens Russell gegen Russell im
Court of Common Pleas of Allegheny, Pennsylvania (Juni 1906) und des
Berufungsverfahrens vor dem Pennsylvania Superior (April 1907); die
Urteilsbegründung von Justice Orlady für den Superior Court
in 37 Pennsylvania Superior Court, Seite 348, Russell gegen Russell
(1908); sowie bei J.F. Rutherford, A Great Battle in the Ecclesiastical
Heavens (Brooklyn, NY: Privatdruck 1915), Seiten 17-19.
106. Watch Tower, 1906, Reprints Seite 3815.
107. Ibid.
108. Ibid. In der Mitschrift im Verfahren Russell gegen Russell (1906)
taucht keine diesbezügliche Aussage auf. Doch Russell bezieht sich
zweifellos auf eine Besprechung zwischen Marias Anwalt und seinem
eigenen vor dem Richter über eine delikate Angelegenheit".
Scheinbar wollte der Richter nicht zulassen, daß Russells
Nichtvollzug des Verkehrs im öffentlichen Verfahren zur Sprache
käme.
109. Siehe Mitschrift im Fall Russell gegen Russell (1906), Seiten
10-17.
110. Mitschrift im Fall Russell gegen Russell (Berufungsverfahren
1907), Seiten 1117-1127.
111. Ibid. Siehe auch Watch Tower, 1906, Reprints Seite 3816.
112. Watch Tower, 1906, Seite 3810.
113. Ibid.
114. Ibid.
115. Mitschrift im Berufungsverfahren Russell gegen Russell (1907),
Seite 130.
116. Justice Orlady als Sprecher des Superior Court of Pennsylvania
äußerte sich insbesondere zu Russells Verhalten
gegenüber Maria kritisch. In einer Entscheidung, in der er
Russells eigene Bemerkungen bewertete, sagte Orlady: Sein [Russells]
Betragen gegenüber seiner Frau brachte solch einen
beständigen Egoismus und solche außergewöhnliche
Selbstverherrlichung zum Ausdruck, daß die Jury den Eindruck
erhielt, als sei sein Verhalten ihr gegenüber das einer
ständigen anmaßenden Beherrschung, die das Leben einer jeden
Christin zu einer Last und ihre Lage untragbar machte." 37 Pennsylvania
Superior Court 348, Russell gegen Russell (1908).
117. Watch Tower (1906), Reprints Seite 3812.
118. Ibid, Reprints Seite 3811.
119. Seite 99.
120. Watch Tower, 1906, Reprints Seite 3812.
121. Ibid.
122. Ibid.
123. Ibid, Reprints Seite 3813.
124. Ibid.
125. Ibid, Reprints Seiten 3814, 3815. Siehe auch die Mitschrift im
Berufungsverfahren Russell gegen Russell (1907), Seiten 210, 211,
225-228.
126. Die Quallengeschichte" wird von vielen Kritikern Russells immer
noch so wiederholt, als sei etwas Wahres daran. Tatsächlich aber
wirft die Quallengeschichte" ein negativeres Licht auf Maria als auf
Charles Russell. Allem Anschein nach war sie -- vielleicht mit gewissem
Recht -- äußerst verbittert über ihn und wollte ihn nur
treffen, wo sie konnte.
127. White, Seite 39.
128. Wie Timothy White richtig bemerkt, sind beide Sichtweisen
über die Trennung der Russells, die populär geworden sind,
extrem". Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte.
White, Seiten 33-39.
129. Watch Tower, 1906, Reprints Seiten 3824, 3825; Russell, Tabernacle
Shadows of the Better Sacrifices, passim.
130. Die katholische Ablaßlehre basiert auf dieser Vorstellung.
Siehe die Catholic Encyclopedia, Band 8, Seiten 784, 785.
131. Watch Tower, 1909, Reprints Seiten 4370, 4371.
132. Ibid, 1881, Reprints Seite 283.
133. White, Seiten 109, 110.
134. Ibid, Seite 110.
135. Watch Tower, 1909, Reprints Seite 4310.
136. Watch Tower, 1908, Reprints Seiten 4191, 4192.
137. Ibid.
138. Siehe What the Vow Signifies" in Watch Tower, 1908, Reprints
Seiten 4263-4266.
139. Ibid.
140. Ibid.
141. White, Seite 111; Parkinson, P-3, P-4.
142. White, Seite 111.
143. Ibid.
144. Parkinson, P-3, P-4.
145. White, Seite 111.
146. Ibid.
147. Ibid; Parkinson, P-3, P-4.
148. Zu Russells Kommentaren und andere Bemerkungen über die New
Covenant-Schismatiker siehe Watch Tower, 1909, Reprints Seiten
4433-4436, 4444-4446, 4458-4460, 4472-4478, 4488-4490, 4491, 4492.
149. Parkinson, P-4.
150. Rutherford, Seite 10.
151. Ibid, Seite 19.
152. Ibid, Seiten 22-30. Eine Kopie der Mitschrift von Russells
Prozeß gegen den Brooklyn Eagle befindet sich in der Bibliothek
des Brooklyner Bethels der Watch Tower Society.
153. Eine Ausführliche Erörterung des Falls findet sich bei
Penton, Anhang A.
154. C.T.Russell, Die Zeit ist herbeigekommen (Magdeburg: Wachtturm
Bibel und Traktat- Gesellschaft ??), Seite ?
155. Curry, Seiten 157, 158.
156. Macmillan, Seite 47.
157. Ibid, Seiten 48-63. Macmillan bezeichnet den Ausbruch des ersten
Weltkriegs als das Falsche zum richtigen Zeitpunkt", eine Vorstellung,
an die Jehovas Zeugen bis heute glauben.
158. Penton, Seiten 42-47.
159. Ibid, Seite 4.
160. Zu den Einzelheiten seines Todes siehe Watch Tower, 1916, Reprints
Seiten 5997-6016.
IR
PARA A LISTA DE ARTIGOS ou IR PARA A PÁGINA
INICIAL