Am Beginn Einer Bewegung
ENDZEIT OHNE ENDE
DIE GESCHICHTE DER ZEUGEN JEHOVAS
Kapitel 1 - Am Beginn einer Bewegung
Charles T. Russell: Die frühen Jahre
Trotz seiner Erfolge in der Geschäftswelt war Russell weiterhin
weit mehr an religiösen Dingen interessiert. Als Junge
war er ein eifriger Calvinist, der manchmal entsetzliche Warnungen
vor dem Höllenfeuer an auffällige öffentliche
Orte schrieb, um Arbeiter zu ermutigen, ihren schlechten Lebensweg
zu ändern.(3) Doch er war noch ein Teenager, als er und
sein Vater begannen, in religiöser Hinsicht etwas freier"
zu werden. Charles schloß sich der Kongregationalistenkirche
am Ort an, die weniger streng war als die Presbyterianer, und
Joseph begann, sich für den Adventismus zu interessieren.(4)
Dann, als er gerade sechzehn Jahre alt war, wurde er im Glauben
erschüttert und begann an vielen bis dahin akzeptierten
Lehren zu zweifeln". Wie so viele nachdenkliche Jugendliche
wurde er ein Opfer der Logik des Unglaubens". Als er versuchte,
einen Ungläubigen" zu bekehren, war er nicht in der Lage,
seine Glaubensansichten mit Erfolg zu verteidigen, und verlor
den Glauben an die Bibel. Dennoch betete er weiterhin zu Gott
und betrieb seine Suche nach Wahrheit.
Warum der fromme junge Mann erschüttert wurde, scheint
nicht schwer verständlich zu sein. Wie seine frühesten
Schriften zeigen, wurde er sehr stark von dem rationalistischen
Geist seiner Zeit erfaßt, und seit seiner späten
Jugend sollte er niemals aufhören zu fragen, wie ein allgütiger
Gott Sünder mit den ewigen Qualen eines Höllenfeuers
bestrafen konnte. Doch ebenso wichtig war ohne Zweifel auch,
was Russell gegenüber dem Allmächtigen empfand. Gott
war für ihn in einem herausragenden Sinne ein Vater, und
da immer eine solch herzliche, liebevolle Beziehung zu seinem
leiblichen Vater Joseph Russell bestanden hatte, konnte er sich
den Herrn Jehova nie anders vorstellen denn als eine barmherzige
Gottheit.
Irgendwann im Jahre 1869 hielt der Adventistenprediger Jonas
Wendell in einem staubigen, schmuddeligen Saal" in Allegheny,
Pennsylvania, einen Gottesdienst ab. Russell geriet zufällig
in die Versammlung, und er blieb und hörte zu. Das Ergebnis
war, daß sein Glaube an die Bibel wiederhergestellt wurde.
Doch er wurde damals und nach seiner Ansicht auch später
kein Adventist. Fast unmittelbar darauf nahm er Kontakt zu mehreren
Freunden auf, und sie fingen an, mit ihm die Bibel zu studieren.
Unter seiner Leitung bildete sich eine Bibelstudiengruppe, die
allmählich zu einer eigenständigen Bewegung werden
sollte.
Man hat den Vorstellungen und Lehren Russells viel Aufmerksamkeit
gewidmet; doch überraschend wenig galt davon ihren Quellen,
weder von seiten seiner Freunde noch seiner Gegner. Die Gründe
dafür sind etwas komplex. Weil viele seiner Anhänger
in ihm den treuen und klugen Knecht" nach Matthäus 24:45-47
und den Boten aus Laodicäa"(5) sahen, betonten sie mehr
seine eigene Rolle als Religionsführer, als zu sehen, was
er seinen Vorgängern verdankte. Umgekehrt waren die Kritiker
ängstlich bemüht, seine Lehren so darzustellen, als
stände hinter ihnen keine beachtenswerte Tradition. So
haben sie es auch versäumt, die Ursprünge seines Denkens
auszuloten. Überdies waren die Zeugen Jehovas selbst so
sehr damit beschäftigt, in Erwartung des Weltendes Jünger
zu machen, daß sie wenig Zeit oder Lust hatten, den eigenen
Wurzeln nachzuspüren, wenn es dabei nicht auch um krasse
Eigenwerbung ging.(6) Doch zumindest Russell selbst nannte einige
der Männer und Bewegungen, denen er Dank schuldete, weil
sie ihm auf dem Weg zu jenem Lehrgebäude geholfen hatten,
das er über einen Zeitraum von fünfundvierzig Jahren
entwickelt hatte.
Er wies offen darauf hin, daß er den Adventisten und anderen
Gemeinschaften Dank schulde", und erwähnte zwei Männer,
George Stetson und George Storrs, die ihm geistig Beistand geboten
hatten. Über die Zeit von 1869 bis 1872 sagte er: Das Studium
des Wortes Gottes mit diesen lieben Brüdern führte
Schritt für Schritt zu immer heller leuchtenden Hoffnungen
für die Welt, obwohl ich erst 1872 eine deutliche Erkenntnis
des Werkes unseres Herrn als unserem Loskaufspreis erhielt,
daß ich Kraft und Grund aller Hoffnung auf Wiederherstellung
in dieser Lehre sah."(7)
Wer waren nun Stetson und Storrs, und worin lag ihr Beitrag
zu seinem Denken? Die Antwort auf den ersten Teil der Frage
ist: Beide waren seit langem mit den Second Adventists" verbunden.
Stetson war adventistischer Geistlicher,(8) während Storrs(9)einer
der Hauptgründer der Life and Advent Union gewesen war.
Beide waren jedoch unabhängig gesinnt, und kurz nachdem
Russell und seine Freunde ihr Bibelstudium begannen, brach Storrs
alle Brücken zur Union ab.
George Storrs
Wichtiger war, daß er 1837 eine Abhandlung des Diakons"
Henry Grew(10) las, einem gebürtigen Engländer und
früheren Baptistenpastor aus Philadelphia. Diese Abhandlung
führte ihn zum Glauben an den sogenannten Konditionalismus",(11)
die Vorstellung, daß der Mensch keine unsterbliche Seele
hat, sondern daß er das ewige Leben unter der Bedingung
erhält, daß er es als eine Gabe Gottes durch Christus
annimmt. In der Folge wurde Storrs der herausragendste Befürworter
des Konditionalismus in Amerika, oder des Annihilationismus",(12)
wie er manchmal bezeichnet wurde, sowie der Lehre, daß
die Toten kein Bewußtsein haben oder bis zu ihrer Auferstehung
schlafen. Im Jahre 1841 veröffentlichte er An Enquiry:
Are the Souls of the Wicked Immortal? In Three Letters (Haben
die Bösen eine unsterbliche Seele?) und im darauffolgenden
Jahr eine erweiterte Fassung desselben Themas An Enquiry: Are
the Souls of the Wicked Immortal? In Six Sermons. Bedeutsamerweise
waren um 1880 in den Vereinigten Staaten und Großbritannien
fast 200.000 Exemplare im Umlauf.(13)
Im Jahre 1842 kam Storrs auch mit der von William Miller, einem
Baptisten aus den Neuenglandstaaten, geleiteten Bewegung in
Verbindung. Miller war aufgrund seiner Berechnung der Bibelchronologie"
überzeugt, daß Christus irgendwann zwischen März
1843 und März 1844 wiederkehren würde. Storrs wurde
darauf ein wichtiger Unterstützer der Millerschen Eschatologie
und verkündete in den Jahren 1843 und 1844 weit und breit
die erhoffte Wiederkehr. Als Christus nicht erschien, wie es
Miller vorhergesagt hatte, prüften seine Anhänger
seine Berechnungen noch einmal und schlugen vor, Christus käme
mit den Wolken im Oktober 1844. Als sich auch zu diesem Zeitpunkt
keine Wiederkehr ereignete, verließ Storrs die Bewegung
Millers. Er war zu dem Schluß gekommen, er und andere
seien durch Millers emotionales Auftreten gefangengenommen worden.
Überdies lehnten William Miller und gewisse herausragende
Führer seiner Bewegung Storrs Lehre des Konditionalismus
ab. Doch wie dem auch sei, Storrs Verbindung zu den Anhängern
Millers und ihren Nachfolgern, den verschiedenen Gruppen des
Second Advent, führte dazu, daß eine Reihe von adventistischen
Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts den Konditionalismus
annahmen: die Adventistenkirche, die Siebten-Tag-Adventisten,
die Life and Advent Union, die Weltweite Kirche Gottes und vielleicht
die Christadelphianer.(14) Während seiner Zugehörigkeit
zu den Milleriten im Jahre 1843 fand Storrs ein Blatt mit dem
Namen Bible Examiner, das ab 1847 regelmäßig herausgegeben
werden sollte. Sein Grundthema kam in seinem Motto zum Ausdruck:
Keine Unsterblichkeit, kein ewiges Leben, wenn nicht durch Jesus
Christus." Bis 1863 war der Bible Examiner so einflußreich
geworden, daß seine Abonnenten zusammen mit Storrs die
Life and Advent Union bildeten. Man bat ihn darauf, ein wöchentlich
erscheinendes Blatt herauszugeben, The Herald of Life and the
Coming Kingdom. Der Examiner stellte dann sein Erscheinen ein.
Etwa um diese Zeit hörte Russell von Storrs, und es ist
recht offensichtlich, daß Storrs vieles zu dem Denken
des jungen Pennsylvaniers beitrug. Wenn man sich den Bible Examiner
näher ansieht, wird deutlich, daß Russell die Lehren
von Christi Loskaufsopfer und der Wiederherstellung der Menschheit
in einem irdischen Paradies direkt bei Storrs und seinen Mitverbundenen(15)
kennenlernte -- sowie natürlich die Lehre des Konditionalismus.
Es wird auch deutlich, daß die Praxis, das Abend- oder
Gedächtnismahl einmal im Jahr zum angenommenen Zeitpunkt
des jüdischen Passahfestes am 14. Nisan zu begehen, wie
es Jehovas Zeugen heute tun, durch Russell vom Herausgeber des
Bible Examiner übernommen wurde.(16) Und schließlich
mögen auch Russells negative Gefühle gegenüber
Kirchen und religiösen Organisationen direkt von Storrs
herrühren. Doch er nahm nicht auch seine gleichfalls negative
Haltung gegenüber weltlichen Mächten, gegenüber
der Teilnahme an Wahlen oder dem Militärdienst ein. Wenn
Jonathan Butler Storrs als einen apolitischen, apokalyptischen"
Adventisten beschreibt, so irrt er damit.(17) Tatsächlich
wandte sich Storrs in The Herald of Life and the Coming Kingdom
ständig gegen den Pazifismus und unterstützte aufgrund
seines Hasses der Sklaverei die Unterdrückung der Konföderiertenstaaten
durch die Unionistenheere im amerikanischen Bürgerkrieg.(18)
Russell und The Object and Manner of Christ's Return
Einige der Gedanken in The Object and Manner waren im evangelikalen
Protestantismus des 19. Jahrhunderts zu weiten Teilen bekannt.
Beispielsweise rekurrierte er direkt auf die Bibelkommentare
von Adam Clarke und Sir Isaac Newton,(21) denen er die historistische
Standardauslegung(22) des Buches Offenbarung entnahm. Viele
weitere seiner Vorstellungen scheinen direkt George Storrs Adventismus
entnommen zu sein. Doch die wichtigsten Ideen in The Object
and Manner stammten nicht aus den von Russell angegebenen Quellen.
In einem dreiteiligen Artikel, der vor einigen Jahren in The
Bible Examiner erschien,(23) zeigt Carl Olof Jonsson eindeutig,
daß es in Großbritannien und Amerika viele weitere
Personen gab, die an die sogenannte Lehre der zweistufigen Wiederkehr"
glaubten; die Idee, daß vor Christi Offenbarwerden am
Ende der gegenwärtigen Welt seine unsichtbare Gegenwart
stände, und die Lehre einer unsichtbaren Entrückung
der Heiligen während seiner Gegenwart oder parousia --
alles Gedanken, die in The Object and Manner vorgestellt werden.
In der Tat zeigt Jonsson sehr schlüssig, daß diese
Vorstellungen ihren Ursprung im Jahre 1828 bei Henry Drummond
haben, einem bekannten britischen Evangelikalen, der zusammen
mit Edward Irving Gründer der katholisch-apostolischen
Kirche oder Irvingianer war. Später jedoch wurden viele
der Vorstellungen Drummonds popularisiert und in Großbritannien
und den Vereinigten Staaten verbreitet -- von John Nelson Darby
von der Plymouth-Bruderschaft (der in enger Verbindung mit Drummond
und Irving stand); von Reverend Robert Govett, einem anglikanischen
Geistlichen; und in den 1860er und 1870er Jahren durch den Rainbow,
eine wichtige britische millenaristische Zeitschrift, die 1886
und 1887 von dem bekannten Bibelübersetzer Joseph B. Rotherham
herausgegeben wurde. Zusätzlich wurden Drummonds Lehren
von Dr. Joseph Seiss aufgenommen. Jonsson kommt daher zu dem
Schluß, daß Russell die zentralen Vorstellungen,
die in The Object and Manner of Our Lord's Return erscheinen,
höchstwahrscheinlich von diesen millenaristischen Vorgängern,
insbesondere von Seiss, geborgt hat. Jonsson sagt: Es ist ganz
offensichtlich, daß Russells Ansicht von Christi unsichtbarer
Wiederkunft und seiner Gegenwart nicht von ihm selbst stammt,
sondern daß er sie von anderen übernahm. Obwohl es
sich nicht mit absoluter Gewißheit sagen läßt,
weisen die verfügbaren Fakten deutlich darauf hin, daß
er hier die Ansichten von Dr. Seiss plagiierte."(24)
Im Herald of the Morning waren Barbour und ein Mitarbeiter,
John H. Paton, weit über Wendell und seine Anhänger
hinausgegangen, die ursprünglich geglaubt hatten, im Jahre
1873 ereigneten sich die Wiederkunft Christi und die Vernichtung
der Erde im Feuer. Als nichts Sichtbares in jenem Jahr geschehen
war, waren sie zuerst ziemlich verwirrt, bis B. W. Keith,(25)ein
Leser des Herald, entdeckte, daß Benjamin Wilson parousia
mit Gegenwart" übersetzte. Wie schon Russell begannen nun
auch Barbour und Paton an die Vorstellung einer unsichtbaren
Gegenwart Christi zu glauben, von der sie meinten, sie habe
pünktlich im Jahre 1874 begonnen.
Russell, der früher die adventistische Chronologie und
das Festsetzen von Zeitpunkten abgelehnt hatte -- so wie Storrs
nach 1844 --, übernahm nun die Kosten, damit Barbour nach
Philadelphia zu einem Treffen kommen und ihm wenn möglich
vollständig und anhand der Schrift zeigen konnte, daß
die Prophezeiungen auf 1874 als dem Jahr hinwiesen, in dem die
Gegenwart des Herrn und die 'Ernte' begann." Der damals gerade
einmal vierundzwanzigjährige Kaufmann sagte später:
Er kam, und seine Beweisführung befriedigte mich."(26)
Wieder einmal war Russell von den rationalistischen Vorstellungen
beeindruckt.
Mehrere wichtige Entwicklungen folgten nun unmittelbar darauf.
Russell gab dem Herald of the Morning seine finanzielle Unterstützung;
er gab Barbour Geld, damit er ein Buch über ihre Glaubensansichten
zum Ende dieser Weltzeit schreiben konnte; und er beschnitt
gewisse geschäftliche Aktivitäten, um herumzureisen
und zu predigen, während Barbour schrieb und die Schriften
herausgab. Kurze Zeit später ließ Russell gemäß
seinen Aufzeichnungen Paton kommen, damit er sich ihm beim Predigen
anschließe -- auch diese Kosten bestritt er. So begann
eine kurze, aber wichtige gemeinschaftliche Tätigkeit.
Die Zeitangaben, die Barbour Russell erklärte, wurden im
Frühjahr 1877 in dem Buch Three Worlds and the Harvest
of This World (Drei Welten und die Ernte dieser Welt) niedergelegt;
dem Buch, das zu schreiben Russell Barbour ermutigt hatte. Obwohl
es die Namen beider Männer als Autoren trug, wurde es vollständig
von Barbour zusammengestellt.(27) Daher enthielt Three Worlds
mit seiner ausgearbeiteten Chronologie, den prophetischen Spekulationen
und der Eschatologie einige seiner Ursprungsgedanken und dazu
noch Vorstellungen, die aus anderen Quellen stammen. Unter anderem
verwendete er weiter die Jahr-Tag-Regel(28) zur Auslegung zahlreicher
Prophezeiungen; er akzeptierte auch die Vorstellung von einem
360 Tage dauernden prophetischen Jahr"(29) und eine historistische
Auslegung des Buches Offenbarung. Was noch bedeutsamer ist,
er machte großzügigen Gebrauch von den chiliastischen
Untersuchungen einer Reihe von Autoren des 19. Jahrhunderts,
um ein System aufzustellen, das erstaunliche biblisch-mathematische
Entsprechungen" zeigte; eine Tatsache, die Russell sehr beeindruckte
und seither viele Tausende dazu veranlaßt hat, Barbours
System anzunehmen.
Was waren nun die wichtigsten Aspekte im Plan der Erlösung",
wie er in Three Worldsdargelegt wird? Erstens, wie der Titel
des Werkes besagt, sah Barbour die Geschichte in drei Hauptperioden
oder Welten" eingeteilt, dazu noch eine Anzahl von Aufteilungen
innerhalb dieser Welten. Doch das war an sich noch nicht wichtig.
Was vielmehr von Bedeutung war, war seine Schlußfolgerung,
man könne die Daten der verschiedenen Zeitalter aus der
biblischen Chronologie und Prophetie berechnen und damit Gottes
Zeitplan für Christi Wiederkehr, die Entrückung der
Heiligen und die Wiederherstellung der Erde zu einem edengleichen
Paradies bestimmen.
Barbour hatte keine Zweifel daran, daß Bischof James Usher,
dessen Chronologie damals als Randbemerkungen in der King-James-Bibel
abgedruckt war, sich mit den Berechnungen des Alters der Menschheit
vertan hatte. Er hatte 124 Jahre nicht berücksichtigt.(30)
Ohne wegen der Schwierigkeiten der biblischen (und weltlichen)
Chronologie mit der Wimper zu zucken, schrieb Barbour: Ein Abend
mit der Bibel, mit Bleistift und Papier und dazu die feste Entschlossenheit,
in Erfahrung zu bringen, was sie lehrt, wird dich in die Lage
versetzen, das ganze Thema zu meistern und selbst nachzurechnen."
Mit dieser Methode berechnete er einfach, daß 6.000 Jahre
Menschheitsgeschichte im Herbst 1873 geendet hatten, und sagte
dann, ein Morgen der Freude" stände der Menschheit unmittelbar
bevor. Da gemäß dem Psalmisten beim Herrn ein Tag
wie tausend Jahre sei, seien bisher sechs Tage" vergangen. Der
siebte, das Millennium, werde ein großer Sabbat der Wiederherstellung.(31)
Ebenso wichtig war die Vorstellung von zwei Bünden -- im
jüdischen und im Evangeliumszeitalter. Mit dieser simplen
Arithmetik errechnete Barbour die Dauer des jüdischen Zeitalters,
von dem er meinte, es habe 1.845 Jahre umspannt, angefangen
mit dem Tode Jakobs bis zum Tode Christi im Jahre 33 n.Chr.
Dann argumentierte er weiter anhand seiner Auslegung von Jesaja
40:1, 2 in der King-James-Version, wo es heißt (Wiedergabe
nach Luther): Tröstet, tröstet mein Volk! spricht
euer Gott; redet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr,
daß ihre Dienstbarkeit [bestimmte Zeit] ein Ende hat,
denn ihre Missetat ist vergeben; denn sie hat Zwiefältiges
empfangen von der Hand der Herrn für alle ihre Sünden."
Also, sagte er, muß das Evangeliumszeitalter ein Zwiefältiges"
des jüdischen und ebenso lang sein. Mit dem Tod Christi
beginnend, mußte, so glaubte er demnach, das Evangeliumszeitalter
im Jahre 1878 enden.(32)
Da weiter die beiden Zeitalter in jeder Hinsicht parallel verliefen
und die letzten dreieinhalb Jahre des jüdischen Zeitalters
ab der Taufe Christi bis zu seiner Kreuzigung eine Erntezeit"
gewesen waren, muß dasselbe auch für den Zeitraum
von Herbst 1874 bis Frühjahr 1878 gelten. Barbour wartete
deshalb auf die Entrückung der Heiligen in dem letztgenannten
Jahr. So sicher war er sich dessen, als er im Jahr 1878 Three
Worlds verfaßte, daß er schrieb: Wenn du den Geist
eines kleinen Kindes hast, dann nimm bitte ein großes
Stück Papier und einen Bleistift und fange mit 1.Mose 5:3
an. Ich möchte dich drängen, denn ein paar Monate
noch und 'die Ernte ist vorbei und der Sommer zu Ende.'"(33)
Um seine Argumente noch weiter zu untermauern, griff er den
sogenannten Jubeljahrzyklus auf. Unter dem mosaischen Gesetz
war jedes fünfzigste Jahr ein Jahr, in dem Besitztum, persönlich
erworben oder von den Vorfahren überkommen, seinem Eigentümer
oder dessen Erben zurückgegeben werden mußte. Auch
Sklaven mußten freigelassen werden. Daher sah Barbour
im Jubeljahr ein Vorbild für Gottes großen Tag der
Wiederherstellung -- das Tausendjahrreich. Aber er sah in ihm
auch eine Bedeutung für den Anfang des Millenniumzeitalters.
Hätte man die Jubeljahre seit dem jüdischen Zeitalter
bis zu seiner Zeit weiterhin gefeiert, dann wäre nach Barbour
das Jahr 1875 ein Jubeljahr gewesen; beginnend am 6. April,
um genau zu sein.(34)
Als Barbour sein System entwickelte, stand er stark unter dem
Einfluß seines alten Mentors William Miller und nahm einige
der Gedanken Millers in sein System auf. Beispielsweise glaubte
er wie viele andere, daß die Zeit, Zeiten und eine halbe
Zeit" aus Offenbarung 12:14 im Jahre 1798 geendet hätten
und daß die 2.300 Tage (Jahre) aus Daniel 8:14 1843 zu
Ende gegangen seien. Der Fehler [Millers und] der 1843er Bewegung
lag nicht in dem Argument, daß die 'Tage' zu jener Zeit
geendet hätten, sondern in der Annahme, das sei die ganze
Deutung der Vision."(35) Doch so wichtig Millers Vorstellungen
auch für Barbour waren, sie waren nicht wichtiger als die
des Engländers John Aquila Brown.(36)
Der vielleicht bedeutendste Aspekt in den prophetischen Auslegungen
in Three Worlds, an dem Jehovas Zeugen großenteils immer
noch festhalten, ist die Berechnung der in Lukas 21:24 erwähnten
Heidenzeiten". Dies war etwas, das Russell faszinierte. Sofort
als er darüber von Barbour erfuhr, veröffentlichte
er einen Artikel im Bible Examiner vom Oktober 1876, der den
Titel trug: Gentile Times: When Do They End?" (Die Heidenzeiten:
Wann enden sie?).(37)So ließ Russell diese Auslegung tatsächlich
als seine eigene erscheinen, noch ehe Three Worlds veröffentlicht
wurde. Doch in Wirklichkeit stammte das Berechnungssystem der
Heidenzeiten weder von ihm noch, wie oft geglaubt wird, von
Barbour.
Es war John A. Brown, der zuerst in einem Buch namens Even-Tide,
herausgegeben 1823 in London, erklärte, was er als Schlüssel
zur Bestimmung der Länge dieser Zeit ansah. Was er postulierte,
war, daß das Vorbildkönigreich Juda im Jahre 604
v.Chr. unter heidnische Vorherrschaft gefallen war. Danach gäbe
es keine göttliche Regierung auf der Erde, bis die Herrschaft
von vier großen Reichen -- Babylon, Medo-Persien, Makedonien
und Rom -- abgelaufen sei. Dann würde Christus als Erbe
Davids in Jerusalem herrschen. Doch wie lang sollte es dauern,
bis die Reiche vergangen wären? Brown fand, was er als
Antwort ansah, in Daniel, Kapitel 4.
Nach diesem Kapitel sah Nebukadnezar, der babylonische König,
in einem Traum einen großen Baum. Auf göttlichen
Befehl hin wurde der Baum umgehauen und ein Band um seinen Wurzelstock
gelegt. Er durfte nicht wieder austreiben, ehe sieben Zeiten"
vergangen waren. Daniel bezog den Traum bei seiner Deutung direkt
auf Nebukadnezar, der sieben Zeiten (Jahre?) des Wahnsinns durchmachen
sollte, ehe er wieder auf den Thron steigen konnte. Doch Brown
sah in Nebukadnezar ein Vorbild für die Menschheitsfamilie.
Vor seinem Wahnsinn stellte er die jüdische Theokratie
dar, während des Wahnsinns betrachtete er ihn als Vorbild
für die wilden Tieren gleichen" Heidennationen und nach
seiner Genesung, glaubte Brown, war er ein Vorbild für
das messianische Königreich Jesu Christi.
Um diese sieben Zeiten" zu berechnen, argumentierte Brown, sie
stellten sieben Jahre von je 360 prophetischen Tagen dar. Er
griff die Jahr-Tag-Regel auf und multiplizierte 360 Tage einfach
mit sieben. So kam er auf eine Zeitspanne von 2.520 Jahren.
Schließlich rechnete er diese 2.520 Jahre ab dem Jahr
604 v.Chr. und kam auf 1917 n.Chr., was er als den Zeitpunkt
des Endes der sieben Zeiten bezeichnete.(38)
Barbour kam zu dem Schluß, daß Brown den Beginn
der sieben Zeiten, die er als die Heidenzeiten ansah, zwei Jahre
zu spät angesetzt hatte. Er glaubte, daß sie mit
dem Jahr begonnen hätten, das er für den Zeitpunkt
der Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar hielt. Statt
also 1917 n.Chr. als das Ende dieser Zeiten zu betrachten, rechnete
er etwas anders und kam auf den Herbst 1914 als ihren Endpunkt.(39)
In diesem Jahr käme Christi Königreich zur vollen
Herrschaft über die Erde, und die Juden als Volk würden
wieder unter Gottes Gunst stehen. In der Zeit von der Niederschrift
von Three Worlds bis zum Jahr 1914 erwartete Barbour viele Ereignisse.
Neben der Entrückung der Heiligen würde, so glaubte
er, die Welt Zeuge von Unruhen, wie es sie vorher nie gegeben
hatte.(40)
Barbour war von seinem eigenen System sehr beeindruckt. Er stellte
fest, er sei nicht gewillt einzuräumen, daß die Berechnung
auch nur um ein Jahr falsch liege." Es gab für ihn ein
ganzes Geflecht von Beweisen":
Viele Argumente, eigentlich sogar die meisten, gründen
sich nicht auf die Jahr-Tag-Regel und einige nicht einmal auf
die Chronologie. Und doch besteht Harmonie zwischen ihnen allen.
Wenn man ein schwieriges mathematisches Problem gelöst
hat, mag man wohl daran zweifeln, ob man nicht vielleicht einen
Rechenfehler gemacht hat. Wenn man das Problem aber auf sieben
verschiedene Weisen gelöst und in jedem einzelnen Fall
dasselbe Ergebnis erhalten hat, wäre man dumm, wenn man
an der Richtigkeit des Ergebnisses zweifelte.(41)
Selbst George Storrs, der solchem Festsetzen von eschatologischen
Zeitpunkten lange feindlich gegenüberstand, betrachtete
Barbours Chronologie als die beste, die ich jemals gesehen habe."
Obwohl er klarstellte, daß er nicht den Schlußfolgerungen
zustimmen konnte, zu denen Barbour gelangt war, wies er darauf
hin, daß er selbst keinerlei Aufstellung habe, um sie
zu widerlegen.(42) Und kein Wunder. Denn jeder, der im Amerika
des ausgehenden 19. Jahrhunderts lebte und von den sogenannten
mathematischen Beweisen" zu beeindrucken war, hätte Three
Worlds als wichtige prophetische Studie angesehen, wenn er denn
die Ausdauer gehabt hätte, das Buch zu lesen. Timothy White
bemerkt zu Barbours System, das von Russell praktisch ohne Änderung
übernommen wurde: Russells chronologische Muster, seine
Vorhersagen und Parallelen reichen, um die eigenen Vorstellungen
zum Schwanken zu bringen. Die Jahreszahlen 1799, 1874 und 1914
sind jede für sich das Ergebnis mehrerer völlig voneinander
unabhängiger Berechnungsmethoden. Das gesamte System wird
dadurch sehr harmonisch und ausgeglichen."(43)
Three Worlds ist daher ein sehr wichtiges Werk. Tatsächlich
enthält es die meisten der Gedanken, die Russell und seine
Mitverbundenen während der nächsten vierzig Jahre
verbreiten sollten. Selbst heute noch werden viele der darin
enthaltenen Vorstellungen von den Zeugen Jehovas gelehrt --
wenn auch häufig, aber nicht immer, in erheblich abgewandelter
Form. So war und ist also Barbour, dem in den Standardgeschichtsbüchern(44)
der Zeugen höchsten ein paar im allgemeinen feindselig
formulierte Absätze gewidmet werden, der Hauptlieferant
ihres gesamten Lehrgebäudes.
Barbour, Russell und Paton waren eine kurze Zeit vereint, um
die in Three Worldsdargelegten Gedanken zu predigen und zu veröffentlichen.
Russell begann schnell damit, Menschen zu bekehren, darunter
A. D. Jones, einen seiner Angestellten, und A. P. Adams, einen
methodistischen Geistlichen aus einem der Neuenglandstaaten.
Doch bald schon gab es Probleme. Die kleine Gruppe von Adventisten,
die keinen Namen hatte, erwartete nach den Lehren in Three Worlds,
daß sie im Frühjahr 1878 als Christi erwählte
Heilige in den Himmel aufgenommen würden. Als das nicht
geschah, machten sich Ernüchterung und Spaltung breit.
Russell blieb gegenüber den in Three Worlds niedergelegten
Lehren loyal, während Barbour einen anderen Kurs einschlug.
Russell entwickelte die Erklärung, daß diejenigen,
die ab 1878 im Herrn sterben, nicht in ihren Gräbern ruhen,
sondern eine sofortige Auferstehung erleben würden; deshalb,
so glaubte er, sei 1878 ein gekennzeichnetes Jahr. Doch Barbour
weigerte sich, diese Erklärung anzunehmen, und fing an,
ein ganz neues System von Zeitpunkten festzulegen.(45) Überdies
nahm er eine Haltung zum Wesen des Sühnopfers im Gegensatz
zu der von Russell und Paton ein. Russell sagte dazu: Kurz danach
schrieb Mr. Barbour einen Artikel für den Herald, in dem
er die Lehre vom Sühnopfer in Abrede stellte -- er leugnete,
daß Christi Tod der Loskaufspreis für Adam und sein
Geschlecht sei; er sagte, daß Christi Tod nicht mehr der
Sühnepreis für die Sünden der Menschen sei, als
betrachteten Eltern das Durchstoßen einer Stecknadel durch
den Körper einer Fliege und die folgende Qual und ihren
Tod als Preis für die Missetaten ihres Kindes."(46)
Russell lehnte Barbours neue Haltung ab, und darauf folgte die
Spaltung. Barbour war ein ausgesprochen stolzer, ernsthafter
Mann, und er war sicher das herausragendste Mitglied der kleinen
Gemeinschaft gewesen, die sich 1876 gebildet hatte. Doch Russell
war entschlossen, sich von ihm in einer, wie er dachte, grundlegenden
Lehre zu unterscheiden. Es ließ sich auf eine öffentliche
Diskussion wegen Barbours Haltung zum Sühnopfer ein und
erhielt von Paton Unterstützung in einem Artikel, der im
Dezember 1878 im Herald veröffentlicht wurde. Anfang des
Jahres 1878 wurde der Riß zwischen Barbour -- mit A.P.
Adams in seinem Lager -- sowie Russell und Paton vollständig.
Russell beschuldigte Barbour, Geld zurückzuhalten, das
er (Russell) hinterlegt hatte, und es als sein eigenes anzusehen.
Dann, als Russell eine neue Zeitschrift gründete, Zion's
Watch Tower and Herald of Christ's Presence (Zions Wachtturm
und Verkündiger der Gegenwart Christi), goß Barbour
die gemeinsten persönlichen Beleidigungen über den
Herausgeber des TOWER aus."(47) Was folgte, war eine Schlacht
zwischen ehemaligen Mitverbundenen um die Unterstützung
ihrer Abonnenten, denn ihr Leserkreis war derselbe.(48) Damals
diente Paton, wie Russell, als Führer derer, die mit Barbour
gebrochen hatten. Russell drängte ihn, ein Buch mit dem
Titel Day Dawn zu schreiben, das Three Worlds ersetzen sollte,
und A.D. Jones sagte zu, es herauszugeben. Es war jedoch in
erster Linie Russell, der den Streit mit Barbour fortführte,
und er schrieb ein kleines Buch mit dem Titel Tabernacle Teachings
als Antwort auf einige kritische Äußerungen Barbours
auf seine Lehren.
Paton widersprach keiner der Ideen Russells öffentlich;
augenscheinlich war er ein viel versöhnlicherer Mann als
Barbour. Aber auch er begann bald, Artikel zu schreiben, die
Russell als ein Leugnen der Lehre vom Sühnopfer ansah.
Folglich weigerte er sich 1881, noch einen Artikel Patons zu
veröffentlichen, und die beiden trennten sich voneinander
mit einer gewissen Bitterkeit.(49)
So war 1881 von den fünf Hauptverbundenen, die zu den Lehren
in Three Worldseindeutig Stellung bezogen hatten, nur noch A.D.
Jones in Gemeinschaft mit Russell; und auch diese Verbindung
war nicht von Dauer. Mit dem Segen Russells gründete Jones
in New York City eine Zeitschrift namens Zion's Day Star. Innerhalb
eines Jahres lehnte auch er Russells Theorie des Loskaufsopfers
ab und sollte, so Russell, schließlich die Bibel selbst
von sich weisen.(50)
Russells unabhängige Geistlichentätigkeit
Man kann wohl sagen, daß Russell, noch ein junger Mann
von nicht einmal dreißig Jahren, nicht etwa deshalb die
Führung über Personen übernahm, die seine Lehren
unterstützten, weil das sein Wunsch war, sondern vielmehr,
weil er sich gedrängt sah, eine Verteidigungslinie vor
der seiner Meinung nach grundlegenden christlichen Lehre aufrechtzuerhalten
-- die Theorie vom Loskauf durch ein Sühnopfer, genauer:
das stellvertretende Sühnopfer. Weiterhin war er entschlossen,
an Barbours Chronologie festzuhalten, auch als dieser selbst
schon bestimmte Teile davon aufgegeben hatte. Er schien damals
zwar keine bestimmten großen Visionen gehabt zu haben,
doch meinte er, daß Gott ihn in eindeutiger Weise leitete
und führte.
Daß er, zumindest in den Jahren von 1879 bis Ende 1881,
nicht den Wunsch auf lange Sicht hatte, sich als ein neuer amerikanischer
Prophet oder Gründer einer neuen Religion zu etablieren,
wird aus seiner mit kurzen Zeiträumen rechnenden Eschatologie
ersichtlich. Wieder ging er davon aus, daß die höhere
Berufung" oder Ernte der angeblich erwählten 144.000 Heiligen"
aus Offenbarung, Kapitel 7 und 14, im Jahre 1881 enden würde.
Dabei stützte er seine Schlußfolgerungen auf Barbours
Chronologie. Im Mai 1881 schrieb er: Die Gunst, die diesen Herbst
endet, ist die, in die Brautklasse [die 144.000] einzugehen.
Wir glauben, daß die Tür der Gunst jetzt offen ist
und daß jeder, der alles weiht und hingibt, zur Hochzeit
kommen und Glied der Braut werden kann; daß mit diesem
Jahr die Gemeinschaft als vollständig angesehen und die
Tür zu dieser hohen Berufung (nicht die Tür zur Gnade)
für immer geschlossen wird."(51)
Melvin Curry schreibt: Die Wirkung dieser kurzzeitigen Vorhersage
war eine zweifache: sie diente dazu, die Aufmerksamkeit der
Bibelforscher von der Enttäuschung des Jahre 1878 abzulenken,
und sie gab den Impuls zu mehr evangelistischer Tätigkeit."(52)
Doch Russell war es zweifellos mit dem Glauben daran ernst.
Denn er sagte auch voraus, daß bis zum Jahr 1881 die Kirchen
(Babylon) auseinanderbrechen würden, und noch wichtiger,
er erwartete, daß in jenem Jahr die Entrückung der
Heiligen -- zu denen er sich selbst zählte -- stattfände.(53)
Statt über die nächsten dreieinhalb Jahrzehnte eine
größere evangelistische Kampagne zu planen, erwartete
er, beim Herrn im Himmel zu sein.
Tatsächlich führte er im November 1880 unter seinen
Anhängern fast eine Krise herbei", als er vorschlug, daß
die Entrückung oder Verwandlung" für Menschen aus
Fleisch und Blut unsichtbar wäre, so wie Er [Christus]
und auch die Engel unsichtbar sind."(54) In der Dezemberausgabe
von Zion's Watch Tower schrieb er über die Verwandlung:
Wenn wir nun Schriftstelle um Schriftstelle vergleichen, werden
wir uns bemühen, die Art und Weise darzustellen, in der
sich dies erfüllen wird. Erstens, wir glauben nicht, daß
die Bibel lehrt, die Hinweggenommenen würden zu irgendeiner
Örtlichkeit gebracht (nicht zum Berg Zion oder irgendeinem
festgelegten Ort); und wir denken auch nicht, daß sie,
wenn sie hinweggenommen werden, sowie kurz danach, für
die Umstehenden unsichtbar sein werden. Nein, wir glauben, daß
sie nach ihrer Hinwegnahme sichtbar und dem Anschein nach dieselben
sein werden; doch in Wirklichkeit werden sie nicht dieselben
sein, denn wenn sie es wären, würde ihre Hinwegnahme
keinen Sinn haben.(55)
Mit anderen Worten, wie er fortfuhr zu erklären, sie würden
materialisierte Geistwesen sein, so wie der auferstandene Christus,
der als Mensch erschienen war.
Später änderte er wiederum seine Ansicht zum Wesen
und Zeitpunkt der Entrükkung. Im Mai 1881 schrieb er: Was
den Zeitpunkt unserer Verwandlung betrifft, so können wir
nur sagen: Nach unserem Verständnis wird das irgendwann
nach dem 2. Oktober 1881 sein; aber wir kennen keine Schriftbeweise,
wann wir vom Fleisch in Geist, vom Sterblichen ins Unsterbliche
verwandelt werden."(56) Manchmal machte er sogar Äußerungen,
die oberflächlich gesehen eindeutige Unwahrheiten zu sein
schienen. So sagt er beispielsweise in der Maiausgabe 1881 von
Zion's Watch Tower(Seite 224 der gebundenen Reprints aus dem
Jahr 1919): THE WATCH TOWER hat nie behauptet, daß der
Leib Christi in diesem Jahr zu geistigem Leben verwandelt wird.
Irgendwann wird diese Verwandlung stattfinden. Wir haben nicht
versucht zu sagen, wann; aber wir haben wiederholt gesagt, daß
sie nicht vor Herbst 1881 stattfinden konnte." Doch in der Ausgabe
vom Januar 1881 derselben Zeitschrift, Seite 180 der Reprints,
hatte A.D. Jones, ständiger Mitautor" von Zion's Watch
Tower, geschrieben: In dem Artikel, in dem es um unsere Verwandlung
ging, im Blatt vom Dezember [Zion's Watch Tower, Dezember 1880],
haben wir die Meinung geäußert, daß sie näher
sei als viele denken; und wenn wir auch nicht versuchen, einen
Beweis für einen bestimmten Zeitpunkt für unsere Verwandlung
zu liefern, so schlagen wir dennoch vor, sich einige der Belege
dafür anzusehen, die zu zeigen scheinen, daß der
Übergang oder die Verwandlung vom Fleischlichen zum Geistigen
noch vor oder bis zum Herbst 1881 geschehen wird." Es kann keinen
Zweifel geben, daß Russell selbst mit Jones übereinstimmte.
Auf Seite 172 der Reprints vom Dezember 1880 sagt er, daß
die 'hohe Berufung' -- die Braut zu sein -- der Tempel[,] im
Herbst 1881 enden" wird; und dann später auf derselben
Seite: Wenn 'der Leib', 'die Braut', 'der Tempel' also vollständig
ist, werden alle in dieser Weise verwandelt sein."
Wie läßt sich das erklären? Sollen wir annehmen,
Russell sei völlig unehrlich gewesen? Wahrscheinlich nicht.
Es sieht eher so aus, als habe er gegenüber den Lesern
so viel rationalisiert wie gegenüber sich selbst und in
großem Maße Selbsttäuschung betrieben. Seine
eschatologischen Mutmaßungen und ihr späteres Leugnen
erscheinen dem normalen Leser heute zwar haarsträubend,
aber sie sind so erschreckend widersprüchlich, daß
die vernünftigste Erklärung die ist, daß Russell
sie selbst glaubte.(57)
Schon vorher, im Jahre 1879, hatte Russells Rolle als Religionsführer
im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert sich zu entwickeln
begonnen. In jenem Jahr heiratete er eine sehr fähige und
intelligente Frau, Maria Frances Ackley. Doch er dachte keinen
Augenblick daran, nun ein geruhsames Eheleben zu führen.
Statt dessen waren er und seine Mitverbundenen damit beschäftigt,
etwa dreißig Bibelstudiengruppen oder Versammlungen in
sieben Bundesstaaten zwischen der Ostküste der USA und
Ohio zu organisieren. Im darauffolgenden Jahr traf er Maßnahmen
zum Besuch dieser Versammlungen -- die besser als Ekklesias,
Klassen oder Kirchen bekannt sind --, um mit jeder einzelnen
jeweils sechs Stunden zu einem Studium zusammenzukommen. Zusätzlich
begann er, ein Schema für die Zusammenkünfte nach
dem Muster seiner Heimatversammlung Allegheny-Pittsburgh aufzustellen.
Trotz seiner schwankenden Lehren erregten sein unermüdlicher
Eifer und die dynamische Persönlichkeit in weit größerem
Maße die Aufmerksamkeit anderer, als es die Aktivitäten
und die Persönlichkeit seiner frühen Mitverbundenen
getan hatten. Er war auch wegen seiner großen Fähigkeiten
als Redner und wegen seiner Herzlichkeit und Freundlichkeit
bekannt. Es überrascht daher nicht, daß er bald allgemein
als Pastor" anerkannt wurde, eine Stellung, in die er von seinen
Glaubensbrüdern in Allegheny-Pittsburgh und später
in vielen anderen Städten gewählt wurde.(58)
Sein unbändiger Optimismus und der Glaube, daß Gott
ihn leitete, veranlaßten ihn bereits im Jahre 1881, per
Anzeige 1.000 Prediger zu suchen.(59) Auch als ihn ein Mitverbundener
nach dem anderen wegen der Lehre vom Sühnopfer, wie er
sie aus der Bibel verstand, verließ, schrieb er eine enorme
Anzahl, einen Strom vom Artikeln, Büchern, Flugschriften
und Predigten.
Alles in allem kam er mit seinem Werk auf ungefähr 50.000
gedruckte Seiten, und zur Zeit seines Todes waren fast 20 Millionen
Exemplare seiner Bücher gedruckt und auf der ganzen Welt
verbreitet worden.(60) Obwohl er nie eine formale Universitäts-
oder Seminarausbildung erhalten hatte -- eine Tatsache, die
ihn seine Gegner nie vergessen ließen --, wurde sein Schreibstil
ziemlich gut. Sein Werk bewies, daß er ein umfangreiches
Wissen über die Welt, in der er lebte, und die Gegenwarts-
wie die Vergangenheitsliteratur hatte.
Ab dem Jahr 1880 fingen Pastor Russell und seine Glaubensbrüder
an, Traktate herauszugeben und zu verteilen. 1881 schrieb er
zwei kleine Bücher: das bereits erwähnte Tabernacle
Teachings und Food for Thinking Christians [Speise für
denkende Christen], das unter anderem seine Gedanken zu Themen
wie Sühne, Auferstehung, Vorherbestimmung und freier Wille,
Parusie und Gottes Plan der Zeitalter" umriß. Etwa 1,45
Millionen Exemplare von Food for Thinking Christians wurden
abgegeben.(61) Hier begann sich eine neue religiöse Bewegung
zu formieren.
Zuerst wollte Russell, der George Storrs Schritten folgte, keine
neue Religionsgemeinschaft gründen; er sah sich auch in
keiner anderen Rolle als der eines Predigers und Bruders in
Christus. Er weigerte sich, sich in irgendeinem Sinne als Prophet
oder als von Gott inspiriert zu betrachten.(62) Darüber
hinaus lehnte er lange Zeit einen Namen zur Kennzeichnung als
Religionsgemeinschaft ab und sagte, er und seine Brüder
im Glauben würden lieber als Mitglieder der Kirche Christi"
gekannt sein, wenn dieser Name nicht schon von einer anderen
Gruppe benutzt worden wäre.(63) Doch Russell und seine
Anhänger hoben sich in vielerlei Beziehung von anderen
ab und waren daher gezwungen, eine eigenständige und unverwechselbare
Religionsorganisation zu werden.
Sie hatten bereits damit begonnen, ihre eigenen Versammlungsgepflogenheiten
und Leitungsformen zu entwickeln. Von den meisten Kirchen hatten
sie sich durch die Annahme des Konditionalismus, George Storrs
grundlegendem Verständnis der Erlösung, sowie durch
ihre vorchiliastische Eschatologie abgegrenzt. Dann wurden durch
den Bruch Russells mit Barbour und Paton auch die direkten Verbindungen
zum Adventismus schwächer. Als ob das alles noch nicht
genug sei, lehnte Russell im Jahre 1882 öffentlich die
Trinitätslehre ab und übernahm das, was üblicherweise
als arianische Theologie angesehen wird.(64) So brach er auch
noch ziemlich eindeutig auf eine andere Art mit seinen früheren
Weggenossen Barbour und Paton und sogar mit George Storrs, der
sich einer Lehre über das Wesen Gottes nicht sicher war.(65)
Etwas anderes, wodurch sich die Versammlungen und Einzelpersonen,
die mit Russell verbunden waren, bald von anderen unterschieden,
war ihr Beharren, eine Bruderschaft von Predigern zu werden.
In der Juli/Augustausgabe 1881 von Zion's Watch Tower, Reprints
Seite 241, stellte Russell die Frage: WER SOLL PREDIGEN? Wir
antworten: Alle die den Geist der Salbung empfangen und somit
als Glieder des Leibes Christi anerkannt sind." Von allen also,
die Russell als ihren Pastor betrachteten, wurde erwartet, daß
sie auf jede erdenkliche Art ihren Mitmenschen predigten; eine
Praxis, der Jehovas Zeugen bis heute folgen. Doch anders als
die heutigen Zeugen sahen sie das Predigen nicht als ihre Hauptaufgabe
an. Sie waren vielmehr daran interessiert, eine kleine Herde
von Heiligen einzusammeln, die zu neuen Schöpfungen in
Christus würden.(66) Russell und seine Getreuen glaubten,
daß die überwiegende Mehrzahl aller Menschen während
des tausendjährigen Reichs die Gelegenheit zur Rettung
erhielte. Es bestand daher nicht die Notwendigkeit, allen zu
predigen. Die Bekehrung von Heiden war zu jener Zeit schwierig,
wenn auch nicht unmöglich, während die Bekehrung von
Juden, zumindest in den meisten Fällen, bis nach 1914 würde
warten müssen.(67)
In den folgenden paar Jahren wurde Russell in der westlichen
Welt wohlbekannt. Mit seinem persönlichen Vermögen
gab er im Jahre 1886 den Band I der Millennial Dawn Series(Millennium-Tagesanbruchs-Reihe)
oder Studies on the Scriptures(Schriftstudien) heraus. Das Buch,
das später unter dem Namen The Divine Plan of Ages (Der
göttliche Plan der Zeitalter) bekannt wurde, war weit und
breit in Umlauf; zum Zeitpunkt seines Todes waren 4.817.000
Exemplare verteilt worden.(68) Im Jahre 1889 schrieb er den
Band II, The Time Is At Hand(Die Zeit ist herbeigekommen); im
Jahr 1891 Band III, Thy Kingdom Come (Dein Königreich komme!);
1897 den Band IV, The Battle of Armageddon (Der Krieg von Harmagedon);
1899 Band V, Atonement between God and Man (Die Versöhnung
des Menschen mit Gott); und im Jahre 1904 schließlich
Band VI, The New Creation (Die Neue Schöpfung). Im gleichen
Zeitraum wurde Zion's Watch Tower in immer größerem
Gebiet verbreitet, und zahllose Kolporteure gaben Wachtturm-Bücher,
Broschüren und Traktate in ganz Amerika und in anderen
Ländern ab. 1881 waren bereits zwei Missionare nach England
geschickt,(69) und einige Jahre später begannen die Bibelforscher,
wie sie sich damals selbst nannten, Versammlungen in Kanada
zu organisieren.(70) Bis zum ersten Weltkrieg waren bereits
Versammlungen in vielen Ländern gegründet worden.
Mit den Jahren ergab sich die Notwendigkeit einer größeren
Organisation. Um diesem Bedürfnis nachzukommen, gründete
Russell im Jahre 1884 Zion's Watch Tower Tract Society, Jahre
später, als er die Zentrale der Gesellschaft nach Brooklyn,
New York, verlegte, wurde (im Jahre 1909) eine weitere Körperschaft,
die Volkskanzel-Vereinigung, gegründet, heute Watchtower
Bible and Tract Society of New York Inc. 1914 formierte sich
eine britische Körperschaft, die Internationale Bibelforscher-Vereinigung.
Es war nicht so, daß Russell einfach nur bekannt wurde
und die Bibelforscher als Folge der Verteilung der Wachtturm-Literatur
an Zahl zunahmen -- er erwies sich vielmehr als erstaunlich
rühriger Evangelist, der ungezählte Reisen durch die
Vereinigten Staaten, Kanada, Großbritannien, Europa und
die ganze Welt unternahm. Er nahm an wichtigen Streitgesprächen
mit zwei bekannten Predigern, Dr. E.L. Eaton von der methodistischen
Episkopalkirche und L.S. White von den Disciples of Christ,
teil.(71) Ab der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts wurden seine
Predigten in Tausenden von Zeitungen abgedruckt, die eine Leserschaft
von wöchentlich fünfzehn bis zwanzig Millionen erreichten.(72)
Zusätzlich hielt er häufig Ansprachen auf Kongressen
der Bibelforscher, die besonders seit 1893 ein ständiges
Merkmal im Leben der Bibelforscher wurden.
Schließlich, in den letzten Jahren seines Lebens, produzierte
die Watch Tower Society unter seiner Leitung das Photo-Drama
der Schöpfung", ein kombiniertes Programm aus Filmsequenzen
und handkolorierten Lichtbildern, synchronisiert mit Phonograph-Aufnahmen
von Ansprachen und Musik. Allein in den Vereinigten Staaten
sahen während der Jahre des ersten Weltkriegs etwa zehn
Millionen Menschen das Photo-Drama". Als Russell starb, war
er Pastor und Hauptredner einer internationalen Bewegung mit
Tausenden von Mitgliedern geworden.
Die Bibelforscher-Vereinigung
Die von Russell ins Leben gerufene Bewegung trug anfangs nur
wenige der organisatorischen Merkmale einer Sekte oder Religionsgemeinschaft.
Wie George Storrs verabscheute Russell die Kirchen der Christenheit;
er betrachtete sie als Babylon die Große. Dennoch hielt
er es für möglich, ein geistgezeugtes Glied der wahren
Kirche -- Christi Kirche -- und gleichzeitig Mitglied der Kirchen
der Christenheit zu sein. Doch wenn wahre Christen erkannten,
daß die allergrößte Einfachheit des Christus"
nicht allgemein anerkannt wurde, außer unter den Mitgliedern
der Bibelforscher-Vereinigung, so war es für sie angebracht,
die Namenschristenheit zu verlassen -- besonders seit 1881 --
und sich mit anderen wahren Christen, den Gliedern der Neuen
Schöpfung, zu vereinen -- mit den Bibelforschern. Doch
diese Gemeinschaft war völlig frei und freiwillig. Noch
im Jahre 1915 beschrieb Russell das Wesen der Bibelforscher-Versammlungen
so:
Bei einer Gelegenheit wurde ich von einem Geistlichen der Reformierten
Kirche angesprochen. Er wollte wissen, wie ich meine Kirche
leitete. Ich sagte zu ihm: Bruder --, ich habe keine Kirche."
Er sagte: Sie wissen, was ich meine." Ich antwortete: Ich möchte
auch, daß Sie wissen, was ich meine. Wir erheben den Anspruch,
es gebe nur eine Kirche. Wenn Sie zu dieser Kirche gehören,
dann gehören Sie zu unserer Kirche." Er sah mich überrascht
an. Dann sagte er: Sie haben eine Organisation; wie viele Mitglieder
haben Sie?" Ich erwiderte: Das weiß ich nicht; wir führen
keine Mitgliedslisten." Sie führen keine einzige Mitgliedsliste?"
Nein, wir führen keine Listen; ihre Namen sind im Himmel
eingeschrieben." Er fragte: Wie führen Sie ihre Wahlen
durch?" Ich sagte: Wir kündigen eine Wahl an; und jeder
oder alle aus Gottes Volk, die geweiht sind und üblicherweise
mit dieser Gesellschaft, oder Versammlung, zusammenkommen, mögen
das Vorrecht haben, ihr Urteil abzugeben, wen der Herr wohl
am liebsten als Älteste und Diakone für die Versammlung
hätte." Nun", sagte er, das ist wirklich das Einfachste
vom Einfachen." Darauf fügte ich hinzu: Wir zahlen keine
Gehälter; es gibt nichts, woran die Leute etwas auszusetzen
hätten. Wir erheben niemals eine Kollekte." Wie erhalten
Sie dann das Geld?" Fragte er. Ich erwiderte: Nun, Dr.--, ich
will Ihnen etwas sagen, was eine so einfache Wahrheit ist, daß
Sie sie kaum glauben können. Wenn die Leute sich dafür
interessieren, werden ihnen keine Körbe unter die Nase
gehalten. Aber sie sehen, daß es Kosten gibt. So sagen
sie zu sich selbst: 'Dieser Saal kostet etwas, und ich sehe,
daß zwischen den Zusammenkünften für alle, die
weiter weg wohnen, eine kostenlose Mahlzeit serviert wird. Wie
kann ich mit etwas Geld meinen Beitrag leisten?" Er sah mich
an, als wolle er sagen: Wofür halten Sie mich -- für
ein Greenhorn?" Ich sagte: Nun, Dr.--, ich will Ihnen etwas
sagen. Genau diese Frage stellen sie mir: 'Wie kann ich mit
etwas Geld meinen Beitrag leisten?' Wenn jemand gesegnet ist
und Mittel zur Verfügung hat, dann möchte er sie für
den Herrn verwenden. Wenn jemand die Mittel nicht hat, warum
sollten wir ihm auf die Sprünge helfen?"
Wenn jemand ein Internationaler Bibelforscher ist, so gibt es
keine Organisation, aus der er austreten könnte. Man kann
nicht aus etwas herausgehen, in das man nicht hineingegangen
ist. Wenn jemand mir sagen kann, wie er in Babylon hineingeraten
ist, weil er sich für die Angelegenheiten der Watch Tower
Bible and Tract Society interessiert hat, dann soll er mir zeigen,
wie er wieder hinausgelangt, und ich werde dasselbe tun.(73)
Wie Russell sagte, wurden alle Ältesten und Diakone der
Bibelforscher in ihren Versammlungen gewählt. Wenn die
Mehrheit in einer Versammlung nicht der Meinung war, daß
sie richtig lehrten und sich anständig benahmen, so hatte
sie das Recht, sie für das Amt im darauffolgenden Jahr
nicht wiederzuwählen.(74) Aber was sollte im Falle einer
Spaltung geschehen? Wer mit der Mehrheitsmeinung nicht übereinstimmte,
konnte einfach eine neue Ekklesia gründen und in der Gemeinschaft
der Bibelforscher bleiben, solange er nicht grundlegende Glaubenssätze
leugnete, Wenn sie ihre frühere Ekklesia verlassen hatten,
durften sie sich natürlich nicht in deren Angelegenheiten
einmischen.(75)
Kirchendisziplin zu üben stand nicht in Recht oder Verantwortung
irgendwelcher Amtsträger in örtlichen Ekklesias oder
bei den Bibelforschern. Das schloß selbst Russell ein.
Als er gefragt wurde, ob Älteste wie ein Gericht Vernehmungen
vornehmen sollten, war er ganz unverblümt: Das Wort des
Herrn ermächtigt nicht dazu, daß sich Gerichte von
Ältesten oder jemand anderem wichtig tun. Damit würde
man zu den Praktiken des finsteren Mittelalters während
der Inquisitionszeit zurückkehren; und wir würden
denselben Geist wie die Inquisitoren zeigen."(76) Immer wieder
maß Russell der christlichen Freiheit und dem Recht eines
jeden, sich von seinem eigenen Gewissen leiten zu lassen, den
allerhöchsten Wert bei.(77)
Was, wenn innerhalb der verschiedenen Bibelforscher-Versammlungen
Schwierigkeiten entstehen sollten? Russell glaubte, daß
die meisten Probleme sich mit Liebe lösen ließen
und niemals zu schwerwiegenden Angelegenheiten werden sollten.
Und wenn es doch zu ernsten Fragen kommen sollte, sollten sich
die einzelnen durch den Rat Jesu aus Matthäus 18:15-18
leiten lassen. In diesen Versen wird gesagt, daß ein Bruder,
gegen den ein Glied der Versammlung sündigte, ihn persönlich
aufsuchen und die Sache bereinigen sollte. Hätte dies keinen
Erfolg, so könnte er zwei oder drei andere mitnehmen, um
die Tatsachen festzustellen, und nochmals um Versöhnung
ersuchen. Erst wenn dieser weitere Schritt fehlschlug, würde
er seinen Fall der Versammlung zur Beurteilung vorlegen. Und
wenn der irrende Bruder auch dann seine Sünde nicht bereute,
würden der Geschädigte und die Ekklesia ihn zu recht
als einen Heiden und gewöhnlichen Menschen" behandeln,
d. h. nicht mehr als Christen.(78)
Was nun, wenn jemand gegen die Ekklesia als Ganze gesündigt
hatte? Nach den gerade aufgeführten Schritten konnte ein
reueloser Sünder von der Versammlung ausgeschlossen werden.
Doch Russell sah, daß wie der einzelne auch die Mehrzahl
im Irrtum sein konnte. Er betonte daher die Notwendigkeit, daß
in der Versammlung nahezu Einmütigkeit herrschen müsse,
wenn man einer Person die christliche Gemeinschaft versagen
wollte.(79) Und selbst wenn jemand aus einer bestimmten Ekklesia
ausgeschlossen würde, so hieß das nicht, daß
er in allem Miteinander oder von allen Bibelforschern gemieden
werden sollte. So waren Disziplinierungsmaßnahmen mild
und auf einem bloßen Minimum, um die persönliche
Eintracht und die Harmonie in der Versammlung zu wahren. Russell
und die Bibelforscher weigerten sich, darüber hinaus zu
gehen, zumindest theoretisch.
Russell glaubte auch an ein großes Maß an Toleranz
und eine große Spannweite an Glaubensansichten. In seinem
Kommentar zu Römer 14:5: Ein jeder sei in seiner Meinung
gewiß" in Die Neue Schöpfung anerkannte er, daß
die christliche Einheit zwar wichtig sei, daß aber als
wesentlich festzuhalten sei, daß man Einheit in der Lehre
nicht erzwingen dürfe: Das Volk des Herrn hat nicht nur
unterschiedlich entwickelte Häupter, und es gibt nicht
nur Unterschiede in der Erfahrung und Erziehung, sondern es
gibt auch verschiedene Altersstufen als Neue Schöpfung
-- Kleinkinder, Jugendliche, reife Erwachsene." Natürlich
mußten alle bestimmte Lehren anerkennen und ihnen zustimmen:
Sie müssen die Grundlehren erfassen -- daß alle Sünder
sind; daß Christus Jesus, unser Führer, uns durch
sein Opfer, das er an der Schädelstätte vollbrachte,
erlöste; daß wir nun in der Schule Christi sind und
für das Königreich und seinen Dienst belehrt und tauglich
gemacht werden; und daß niemand in diese Schule kommen
kann, der sich nicht vollständig dem Herrn geweiht hat."(80)Darüber
hinaus bestanden große Freiheiten. Selbst die Wassertaufe
war nicht absolut notwendig,(81) und jeder sollte das Recht
haben, in geordneter Weise seine Gedanken zu allen Lehrfragen
zu äußern.(82)Niemand durfte ihm seine Anerkennung
als Bruder verweigern, es sei denn, er lehnte die wenigen Grundlehren
ab. Das inoffizielle Motto Russells und der Bibelforscher war
daher: Einheit in den Grundlehren; Nachsicht in den Nebensächlichkeiten."(83)
Obwohl Russell nicht gewillt war, in religiösen Dingen
zu dominieren, wurde er ein dominanter Religionsführer.
Schließlich ging von ihm die Initiative zum Predigtwerk
in der Zeit von 1877 bis 1881 aus; und als er mit seinen früheren
Mitstreitern Barbour, Paton und anderen gebrochen hatte, war
er alleine es, der den Antrieb, die Fähigkeit und das Geld
hatte, eine wichtige religiöse Bewegung aufzubauen. Und
da er Zion's Watch Tower Society nach der Gründung als
Rechtskörperschaft weiterhin leitete, war er es, der in
der Lage war, die Kontrolle über alles zu behalten, was
in der Bibelforscher-Literatur veröffentlicht wurde; über
die Tätigkeit der Kolporteure, die diese Literatur unter
die Leute brachten(84); und über die Tätigkeit der
Pilgerbrüder"(85)genannten reisenden Prediger, die nach
1894 die Bibelforscher-Versammlungen regelmäßig besuchten.
Er benutzte die Gesellschaft zwar nicht mit Absicht als zentralistische
Vertretung -- er sah sie als nicht mehr als ein Geschäftsunternehmen
an --, dennoch wurde sie allmählich das Vehikel, durch
das die Bibelforscher zu einer kohärenteren religiösen
Gemeinschaft zusammengeschweißt wurden.
Mit der Zeit neigte auch Russell immer mehr dazu, den Bibelforschern
seine eigenen Lehren aufzudrücken. Das tat er nicht etwa
deshalb, weil er machthungrig war, sondern weil er so sehr fest
glaubte, er habe die gegenwärtige Wahrheit" entdeckt, und
wollte, daß auch andere sie kannten. 1895 schlug er vor,
daß die Ekklesias die bis dahin veröffentlichten
Bände der Schriftstudien Absatz für Absatz studierten.(86)Im
Jahre 1905 richtete er die unter diesem Namen bekannten Beröer-Studien
ein -- angeleitete Studien über verschiedene Themen, die
Russell selbst für die gesamte Bewegung festlegte. Daraufhin
wurde die Vers-für-Vers-Betrachtung der Bibel in praktisch
allen Versammlungen durch die Beröer-Studien ersetzt, was
also bedeutete, daß Russell mehr Kontrolle über den
Glauben seiner Anhänger ausüben konnte.(87)
1910 lehrte Russell, und er glaubte zweifellos selbst daran,
daß die Schriftstudienin arrangierter Form ... praktisch
die Bibel selbst sind."(88) Obwohl dies eine grobe Übertreibung
war, für die er sehr stark kritisiert wurde,(89) muß
man zwei Dinge sehen: 1. Russell war zwar der Autor der sechs
Bände, aber die meisten Gedanken in ihnen stammten nicht
von ihm,
2. Auch wenn er die Beröer-Studien einer freien" Bibelbetrachtung
für überlegen hielt, überließ er jeder
Ekklesia die freie Entscheidung, welches System sie annehmen
wollten.(90)
Seine Macht beruhte in scharfem Kontrast zu der heutigen Vorgehensweise
der Wachtturm-Gesellschaft auf Überzeugung statt auf Zwang.
Dennoch bestand eine große Gefahr in dem, was Russell
tat. Im Watch Towervom Januar 1913 schrieb er: Wir machen nicht
halt, um zu untersuchen, was Bruder Calvin oder Bruder Wesley
lehrte, oder was andere davor oder danach lehrten. Wir gehen
zu den ursprünglichen Lehren Christi und der Apostel und
Propheten zurück und nehmen alle anderen Lehren nicht zur
Kenntnis. Es stimmt wohl, alle Religionsgemeinschaften behaupten
mehr oder weniger, das zu tun, aber sie werden durch ihre Überlieferungen
und Glaubensbekenntnisse mehr oder weniger behindert. Sie sehen
durch getönte Brillengläser. Wir nehmen sie alle nicht
zur Kenntnis, sondern streben danach, die Worte der Inspiration
nur im Lichte des Kontexts zu sehen, oder im Licht, das von
anderen Passagen der Heiligen Schrift widerstrahlt."(91) In
Wirklichkeit betrieb er eine großartige Selbsttäuschung,
und wie jedermann sonst blickten auch die Bibelforscher durch
getönte Brillengläser". Timothy White sagt dazu: Für
viele wurden seine Kommentare wie die von ihm so verachteten
Glaubensbekenntnisse."(92)
Russell als der treue und
kluge Knecht
Ein Hauptgrund dafür, daß Russell Selbstbetrug betrieb,
besteht darin, daß er trotz seiner guten Absichten und
des Unwillens, die Rolle eines Propheten anzunehmen, nach 1895
bei den Bibelforschern eine Position innehatte, die mehr als
nur die ihres Pastors war. Folgendes ereignete sich: Frau Russell,
die zu jener Zeit ihren Ehemann leidenschaftlich gegen frühere
Weggenossen in Schutz nahm, kam mit einer neuen Lehre über
Matthäus 24:45-47 heraus. Sie las den Text in ihrer King-James-Bibel
(im Deutschen nach Luther, 1912): Welcher ist aber nun ein treuer
und kluger Knecht, den der Herr gesetzt hat über sein Gesinde,
daß er ihnen zu rechter Zeit Speise gebe? Selig ist der
Knecht, wenn sein Herr kommt und findet ihn also tun. Wahrlich
ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen."
Maria Russell wandte den Begriff treuer und kluger Knecht" aus
Jesu Gleichnis auf ihren Mann an.
Zuvor hatte Russell geglaubt, der Knecht" sei in Wirklichkeit
eine Veranschaulichung für die Kirche -- für die kleine
Herde der in Offenbarung 7 und 14 erwähnten 144.000.(93)
Doch seine Frau wies darauf hin, daß der Knecht" in der
Einzahl stand, wohingegen die Kirche, das Gesinde" des Glaubens,
Plural war. Außerdem würde die Kirche, wenn sie der
Knecht" und auch das Gesinde" wäre, am Ende sich selbst
Speise darreichen. Im Dezember 1895 machte Maria Russell ihren
Einwand gegenüber George Woolsey, einem New Yorker Bibelforscher,
sehr deutlich:
Doch wenn wir zu Matth.24:45-51 kommen, scheint es sich für
mich um einen völlig anderen Fall zu handeln [als in Offenbarung
16:15]. Hier wird unsere Aufmerksamkeit gelenkt auf den Knecht",
seine Mitknechte" und das Gesinde". Wenn nun der Herr sagen
wollte, daß es einen Hauptknecht der Wahrheit und Mitknechte
gebe, die zur rechten Zeit dem Gesinde des Glaubens die Speise
darreicht, hätte er, um einen solchen Gedanken zu vermitteln,
keine genauere Sprache wählen können. Eine solche
Ordnung und Logik in diesem Bericht hingegen nicht zur Kenntnis
zu nehmen, würde meines Erachtens die ganze Erzählung
verwirren und die Knechte" (Plural) und den Knecht" austauschbar
machen.(94)
Sie fuhr dann in ihrer Argumentation fort, daß der Haushalt
des Glaubens (das Gesinde) durch einen Knecht reichlich mit
Speise zu rechter Zeit" versorgt werde, seit Christus im Jahre
1878 seine Königsherrschaft angetreten habe.(95) Sie brauchte
nicht mit vielen Worten sagen, wen sie damit meinte.
Russell war etwas vorsichtig darin, die Lehre seiner Frau anzunehmen
-- wahrscheinlich, weil man ihn gerade erst öffentlich
eines autoritären Gehabes beschuldigt hatte. Dennoch war
er zweifellos durch die neue und erhöhte Rolle, die sie
durch ihre Auslegung für ihn geschaffen hatte, geschmeichelt.
So akzeptierte er also die Logik in ihrer Auslegung, und in
seinen eigenen Schriften äußerte er nur leicht verhüllt,
daß er der Knecht" sei.(96) Es ist richtig, daß
sich Russell in der Öffentlichkeit nie selbst als treuen
und klugen Knecht" bezeichnete. Er war auch davon überzeugt,
daß der Knecht", würde er untreu und unweise werden,
von Gott verworfen würde.(97) Für ihn war die Rolle
des Knechts" zumindest in der Theorie die eines Dienstes der
Liebe, nicht eine anmaßende Kontrolle. Trotzdem gilt als
gesichert, daß er sich trotz der Kommentare der Watch
Tower Society in seinen letzten Lebensjahrzehnten, die etwas
anderes aussagen, als der treue und kluge Knecht" ansah.(98)
Die Gedächtnisausgabe des Wacht Tower vom 1. Dezember 1916
(deutsch: Wacht-Turm, Dezember 1916) sagte explizit: Tausende
der Leser von Pastor Russells Schriften glauben, daß er
den Posten jenes 'klugen und treuen Knechtes' innegehabt hat,
und daß es seine große Aufgabe war, dem Haushalte
des Glaubens die Speise zur rechten Zeit darzureichen. Seine
Bescheidenheit und Demut ließen es nicht zu, daß
er öffentlich diesen Titel für sich beanspruchte,
wohl aber ließ er ihn im privaten Gespräch zu."(99)
Ein weiterer Titel, den ihm seine Anhänger gaben, war der
Bote aus Laodicäa". Gemäß dem Buch Drei Welten
stellten die in den ersten drei Kapiteln der Offenbarung erwähnten
sieben Kirchen in Kleinasien Christi Kirche als ganze im Laufe
verschiedener Jahrhunderte dar. Die Kirche zu Laodicäa
wurde als Vorbild für die letzte Phase der Kirche" angesehen.(100)
Da die Bibelforscher glaubten, daß diese letzte Phase
im Jahre 1874 begonnen habe und Russell als Jehovas erwähltes
Sprachrohr zur Darlegung neuer Wahrheiten" an die Kirche benutzt
werde, war er folglich per definitionem der Bote aus Laodicäa".(101)
Ein dritter Titel, den man Russell gab, war Der Mann mit dem
Tintenfaß". Nach Hesekiel 9 hatte der Prophet eine Vision
von sechs Männern mit Waffen zur Schlachtung in ihrer Hand
und einem siebten mit dem Tintenfaß eines Schreibers an
seiner Hüfte. Dieser siebte sollte ein Kennzeichen an die
Stirne all jener Bewohner Jerusalems anbringen, die über
die Scheußlichkeiten in der Stadt seufzten und weinten.
Die anderen ohne dieses Kennzeichen sollten von den sechs Männern
mit den Waffen erschlagen werden. Die Bibelforscher glaubten
nun, diese Vision habe eine gegenbildliche Erfüllung während
der zweiten Gegenwart des Christus, und sie sahen deshalb Russell
als denjenigen an, der alle kennzeichnete, die über die
Scheußlichkeiten im gegenbildlichen Jerusalem, der Christenheit,
seufzten und weinten.(102)
Praktisch wurde Pastor Chrales Taze Russell für die Bibelforscher
so zu Gottes Sprachrohr, seinem Kanal, der in einer Weise geistige
Speise austeilte, wie es sonst niemand konnte.(103)Wie bereits
gesagt, glaubte Russell immer, daß es sich um biblische
Speise handeln müsse, und so versuchte er auch ständig,
sich an die traditionelle protestantische Lehre des sola scriptura--
Allein die Schrift" -- zu halten. Doch dadurch, daß sie
ihm eine besondere Lehrgewalt zumaßen, begannen die Bibelforscher
(und Russell selbst), etwas wie die römisch-katholische
Vorstellung vom magisterium des Papstes anzunehmen.
Russells Eheprobleme(104)
Trotz seines Erfolges und der Beweihräucherung entging
Russell nicht Problemen und bitterer Kritik. Im Verlauf seines
Lebens gab es bei den Bibelforschern zwei eindeutige Trennungen:
die erste im Jahre 1894 aus dem Empfinden einiger seiner Mitarbeiter
heraus, er sei zu dominierend; die zweite 1908 und 1909 über
die Lehrfrage des Neuen Bundes. Viel schmerzhafter war jedoch
die Trennung von seiner Frau im Jahre 1897, die 1906 von einem
Gericht ausgesprochene Scheidung und die spätere Verbitterung.
Russells Trennung von seiner Frau zog und zieht weiterhin schwere
und großenteils unfaire Angriffe auf seine Reputation
nach sich. Wenn wir die Originalunterlagen(105) daraufhin genau
untersuchen, werden wir dies deutlich sehen.
Viele Jahre lang war Maria Russell eine loyale Unterstützerin
ihres Mannes; sie diente sogar als Sekretär-Kassiererin
der Zion's Watch Tower Society. Während des Schismas von
1894 führte sie gerade eine Vortragsreise in Bibelforscher-Versammlungen
zur Verteidigung Russells durch. Doch kurz darauf zerstritten
sich die beiden. Das Verhältnis zwischen beiden war in
erster Linie an den üblichen Maßstäben gemessen
etwas ungesund. Bei ihrer Heirat hatten sie eine Vereinbarung
getroffen, daß ihre Ehe nicht vollzogen würde und
daß sie auch zukünftig keinen ehelichen Verkehr miteinander
hätten.(106) Auf der Grundlage ihres Verständnisses
von Matthäus 19:12 und einer viktorianischen Haltung gegenüber
Sexualität verursachte das zweifellos einige Spannungen
zwischen ihnen. Russell schien damit keine Probleme zu haben,
denn offensichtlich hatte er nur wenig Interesse an einer physischen
Beziehung. Er schien nur eine geringe Libido gehabt zu haben;
vielleicht hing das damit zusammen, daß er sich ständig
mit religiösen Dingen befaßte. Er sagte allerdings,
wenn das seine Frau von ihm gefordert hätte, so wäre
er seinen ehelichen Verpflichtungen nachgekommen.(107) Er lebte
einfach viel lieber zölibatär". Doch bei ihr muß
es ganz anders ausgesehen haben. Zwar stimmte sie dem zu und
sagte, ihr sei es so auch lieber", doch im Gerichtsverfahren,
in dem es um die Trennung von Tisch und Bett ging, versuchte
ihr Anwalt daraus zu machen, sie sei einer der wichtigsten Freuden
des Lebens beraubt worden."(108)Dieser Feststellung und ihren
Eifersuchtsanfällen kann man entnehmen, daß Maria
Russell verständlicherwiese eine sexuell frustrierte Frau
war. Merkwürdigerweise hat sich niemand, der über
Russells Eheprobleme schrieb, mit einer dieser Einzelheiten
befaßt, obwohl Pastor Russell selbst es recht offen tat.
Doch sexuelle Probleme waren nicht die direkte Ursache der Zwietracht.
Es war vielmehr Marias Wunsch nach mehr Anerkennung und Macht
zusammen mit einem familiären Streit um Gelddinge. Spätestens
1894 begannen sich ernsthafte Spannungen zwischen den Russells
zu entwickeln. Maria wurde äußerst eifersüchtig,
wenn ihr Mann seine Aufmerksamkeit anderen Frauen zuwandte.
Das schloß auch Rose Ball ein, ein Mädchen in den
Teenagerjahren, das Russell fast als Pflegetochter ansah.(109)Darüber
hinaus nahm sie übel, was sie als fehlenden Respekt Russells
für sie betrachtete. Sie war ein weitaus gebildeterer Mensch
als er. Sie hatte nicht nur einen High-School-Abschluß
gemacht, sondern auch eine Lehrerinnenausbildung an der Curry
Normal School in Pittsburgh genossen. Sie war daher in der Lage,
ihrem Mann bei der Redaktion von Zion's Watch Tower zu helfen,
sie schrieb zahllose Artikel für die Zeitschrift und war
Mitautorin der ersten vier Bände der Schriftstudien.(110)
Dennoch zeigte er außer an ihrer Hilfe beim Schreiben
und Herausgeben wenig Intetresse an ihr; wahrscheinlich, weil
zwischen ihnen keine intime Beziehung herrschte. Daher entstand
in ihr ganz zu recht das Gefühl, daß er sie nicht
mehr achtete als eine Dienstbotin.(111)
Einige, die an dem Aufstand gegen Russells Macht im Jahre 1894,
der zu einem Schisma führte, beteiligt waren, sympathisierten
mit Maria und versuchten, sie vor ihren Wagen zu spannen. Gemäß
Pastor Russell versuchten diese Verschwörer, bei meiner
Frau durch Schmeicheleien, Gleichberechtigungsargumente usw.
Zwietracht zu säen."(112) Aber in Wirklichkeit hatten sie
wohl einfach das Empfinden, daß er sie unnötigerweise
herablassend behandelte -- eine Überzeugung, die zu recht
bestand. Dennoch: Als die Kritiker Russells innerhalb der Gesellschaft
ihn offen angriffen und versuchten, seine Eheprobleme öffentlich
zu machen, gingen sie damit zu weit: Maria stand loyal, wenn
auch nicht völlig aufrichtig, zu ihrem Mann. Unser Heim",
sagte sie, ist weit davon entfernt, zerstritten zu sein -- das
genaue Gegenteil ist richtig, es ist äußerst glücklich."(113)
Sie verteidigte auch Russells moralisches Verhalten und unternahm
die vorhin erwähnte Reise, um für ihn einzutreten.
Und es war nach ihrer Rückkehr im Dezember 1895, daß
sie öffentlich darauf hinwies, sie halte ihn für den
treuen und klugen Knecht" aus Matthäus 24:45-47.(114)
Doch auch während Maria Russell verteidigte und öffentlich
für ihn eintrat, hatten beide einen erbitterten Streit
miteinander. Unter Eid sagte sie aus, daß Russell ihr
im Jahre 1895 folgende Trennung vorschlug: Aufgrund unserer
Unvereinbarkeit schlug er vor, daß wir einer Trennung
zustimmen; und wenn ich es täte, würde er mir das
Haus, in dem wir lebten, geben; und als ich bei diesem Vorschlag
einen Zusammenbruch erlitt, sagte er, wenn ich nicht zustimmte,
dann würde ich überhaupt nichts bekommen."(115)
Zweifellos war Russells Verhalten gegenüber seiner Frau
in dieser Angelegenheit grausam, und seine eigenen Aussagen
zeigen, daß er eine sehr hohe Meinung von sich selbst
in seiner Beziehung zu ihr hatte.(116) Und doch scheint auch
sie in dieser Zeit nicht ohne schwerwiegendes Fehlverhalten
gewesen zu sein. Er war an einem Punkt äußerster
Verärgerung angelangt, weil er glaubte, sie wolle ihm vorschreiben,
wie er seinen Dienst durchführen müsse. Ich wurde",
sagte er, ständig mit Vorschlägen belästigt,
wie ich meine Schriften ändern sollte."(117)
Ein Teil des Problems bestand natürlich darin, daß
Russell und seine Frau sehr unterschiedliche Ansichten von der
Rolle einer Frau in einer Ehe hatten. Er war ein Traditionalist
und glaubte, daß Frauen den Ehemännern untertan sein
sollten. Damit hielt er sich an Anschauungen, die unter amerikanischen
Christen seiner Zeit üblich waren. Im Gegensatz dazu wurde
sie zu einer Art Feministin. 1895 und kurze Zeit später
sagte er über sie: Gleichberechtigungsvorstellungen und
persönliche Ambitionen kamen allmählich zum Vorschein,
und mir wurde klar, daß Frau Russells durch ihre aktive
Kampagne zu meiner Verteidigung und ihre sehr herzliche Aufnahme
unter lieben Freunden Schaden gelitten hatte. Ihr Selbstbewußtsein
war gesteigert worden."(118) Aus dieser Sicht war seine Mißbilligung
ihrer Ideen und ihres Verhaltens daher nicht nur folgerichtig,
sondern für ihn als ihrem christlichen Haupt auch seine
Pflicht. Natürlich sah sie das nicht so. In einer kleinen
Verteidigungsschrift mit dem Titel The Twain One, die sie 1906
schrieb, argumentierte sie zugunsten der Gleichberechtigung
der Geschlechter und machte geltend, daß Frauen mit gutem
Recht als Lehrerinnen in der Kirche dienen sollten. Sie dachte
höchstwahrscheinlich an ihre eigene Ehe, als sie sagte:
Wenn jemand in der Kirche unbesonnen wird, dann muß die
Kirche aufpassen. Oder wenn ein christlicher Ehemann durch den
Widersacher und durch Stolz, Selbstsucht oder Machtliebe verleitet
wird und sich also anmaßt, den Herrn über seine Frau
zu spielen und sich in ihre allerhöchste Loyalität
gegenüber Gott einzumischen, dann muß eine christliche
Frau auf der Hut sein und sich nicht zu einer 'freiwilligen
Demut' verführen lassen, die eine Seele, die Christus frei
gemacht hat, unter das Joch der Sünde brächte."(119)
Im Jahre 1896 stand Maria Russell vor einem weiteren Problem,
das sie selbst geschaffen hatte. Wenn Russell, wie sie postuliert
hatte, der treue und kluge Knecht" nach Matthäus 24:45-47
war, wie konnte sie gegenüber seiner Autorität so
negativ eingestellt sein? Die Antwort ist, daß sie schnell
zu dem Schluß kam, er werde zu dem in den nächsten
vier Versen desselben Kapitels beschriebenen bösen Knecht."
Russell berichtet darüber:
Allmählich zeigte ihre Auslegung des Knechts" ihre Wirkung
in ihr. Zuerst schlug sie vor, daß so, wie ein menschlicher
Leib zwei Augen, zwei Ohren, zwei Hände, zwei Füße
usw. hat, rechterweise das Zweigeteilte dargestellt werde --
wie sie und ich in der Ehe und im Geiste und im Herrn notwendigerweise
eins sind. Aber ihre Ambitionen hörten hier nicht auf --
(wie eine Pflanze, die langsam wächst). Innerhalb eines
Jahres war Frau Russell zu dem Schluß gekommen, der zweite
Teil der Feststellung (d.h. Matth.24:45-51) sei nicht nur eine
Warnung, sondern er habe auch seine Erfüllung -- d.h. daß
diese Beschreibung auf ihren Mann passe, und daß sie folglich
seinen Platz als der Knecht" einnehme, um die Speise zu rechter
Zeit auszuteilen.(120)
Man kann unmöglich sagen, ob diese Aussage Russells völlig
der Wahrheit entspricht oder nicht. Die Annahme scheint jedenfalls
vernünftig zu sein, daß er damit Tatsachen feststellte.
Maria war die Urheberin der Lehre vom treuen und klugen Knecht",
und sie glaubte später, er habe sich in diesem Amt als
untreu erwiesen. Sie glaubte auch, alles, was er als der Knecht"
getan hatte, könne sie gleichfalls tun. Doch es gibt keine
Belege dafür, daß sie jemals öffentlich diesen
Titel auf sich bezogen hätte.
Anfang 1897 wurde der Riß zwischen den beiden tiefer,
und Maria organisierte ein [Kirchen-] Komitee in Übereinstimmung
mit Matth.18:17", um Beschuldigungen gegen Russell anzuhören.
Neben dem Punkt, ob sie das Recht hatte, unzensierte Artikel
in Zion's Watch Tower zu veröffentlichen -- etwas, worüber
beide miteinander gestritten hatten --, warf sie zwei weitere
Fragen auf. Erstens beschuldigten sie und ihre Schwester, Emma
Ackley Russell, den Pastor, er habe seinen Vater Joseph Russell
bei der Abfassung seines Testaments ungebührlich beeinflußt.
Joseph hatte Emma einige Jahre zuvor geheiratet und auf seine
alten Tage noch eine Tochter mit ihr bekommen. Doch als er seinen
letzten Willen aufsetzen wollte, hatte er sich an seinen Sohn
um Rat gewandt -- etwas, das Emma wütend gemacht hatte.
Offensichtlich glaubte sie, daß ihr Stiefsohn, der auch
ihr Schwager war, versuchte, sie und ihr Kind zu betrügen,
und Maria war derselben Meinung. Zweitens beschuldigte Maria
ihren Mann, er habe ihr bei einer bestimmten Zusammenkunft den
nötigen Respekt verweigert.(121)
Russell erwiderte, das Testament, das so viel Ärger bereitet
hatte, sei einige Zeit zuvor vernichtet worden, um Emma zu besänftigen;
die Sache sei daher längst erledigt. Was sein angeblich
rüdes Benehmen gegenüber seiner Frau während
der fraglichen Zusammenkunft angehe, so behauptete er, er habe
sie zuvor schon fünfmal um Entschuldigung gebeten und sie
habe ihm schon fünfmal vergeben. Es überrascht nicht,
daß sich das ganz aus Männern bestehende Komitee
auf die Seite ihres Pastors schlug. Sie müssen über
Russells Antworten auf die Anschuldigungen erstaunt gewesen
sein, und einer von ihnen, W.E. Page aus Milwaukee in Wisconsin,
war wohl etwas mehr als verstört, daß man ihn auf
eine Reise von mehreren Hundert Meilen gebeten hatte, um bei
etwas zu vermitteln, was kaum mehr als ein häuslicher Streit
war. Was die Frage von Frau Russell Forderung anging, Artikel
nach ihrem eigenen Gutdünken in Zion's Watch Tower zu schreiben,
so sagten sie ihr freundlich, aber offen, weder sie selbst noch
jemand anderer auf der Welt habe das Recht, sich in die Art
und Weise einzumischen, wie Bruder Russell den WATCH TOWER führte;
er allein sei für seine Leitung verantwortlich."(122)
Obwohl die Russells sich küßten und wieder versöhnten,
war der Waffenstillstand zwischen ihnen nicht von Dauer. Auf
ihr Geheiß betraute er sie mit der Verantwortung für
eine wöchentliche Zusammenkunft von Frauen der Bibelforscher-Versammlung
von Allegheny. So wurde sie die Leiterin einer Frauengruppe,
die bald zu einem Zentrum der Unzufriedenheit mit dem Pastor
wurde. Offensichtlich wurde Maria auch von ihren Schwestern
Emma Russell, Lena Guibert und Laura Raynor in einer Flüsterkampagne
gegen ihn und der Erklärung, man gehöre nicht mehr
zu der Kirche in Allegheny, unterstützt.(123)
Als Russell gewahr wurde, was sich ereignete, ergriff er drastische
Maßnahmen. In eindeutiger Verletzung von ihm selbst aufgestellter
Grundsätze zitierte er einige der Unterstützerinnen
seiner Frau vor die versammelte Ältestenschaft der Kirche
von Allegheny und beschuldigte sie der Verleumdung. Mit Berufung
auf das Argument, Maria und ihre Schwestern hätten sich
aus der Kirche zurückgezogen, ließ er sie von der
Zusammenkunft ausschließen. Als nächstes schrieb
er wütende Briefe an seinen Vater, an Emma Russell und
an Laura Raynor, in denen er sie aufforderte, meine Frau unter
keinerlei Vorwand zu empfangen oder unter eurem Dach zu beherbergen
oder zu bewirten." So hatte er Erfolg bei dem Versuch, die Autorität
in der Versammlung wie in seinem eigenen Hause an sich zu nehmen;
und noch einmal suchten die Russells eine Versöhnung. Im
September 1897 unterschrieben Russell, Maria und ihre Schwestern
eine Vereinbarung, nach der sie den Groll der Vergangenheit
vergessen und einander mit Freundlichkeit behandeln wollten.
Doch am 9. November desselben Jahres verließ Maria die
gemeinsame Wohnung, um nie mehr dorthin zurückzukehren.(124)
Sie fuhr sofort nach Chicago, wo sie wiederum versuchte, vor
der zur damaligen Zeit zweitgrößten Bibelforscher-Versammlung
der Welt Beschuldigungen gegen Russell vorzubringen. Als sie
dort nichts erreichen konnte, beabsichtigte sie, zu ihrem Mann
zurückzukehren. Doch er weigerte sich, sie wieder aufzunehmen
-- es sei denn, zu seinen Bedingungen. Im Januar 1899 kehrte
sie nach Allegheny zurück, um bei der inzwischen verwitweten
Emma Russell zu wohnen und die öffentlichen Angriffe gegen
Pastor Russell wieder aufzunehmen. Fünfzehn Monate später
schlossen die Russells wieder Frieden miteinander und Maria
zog in eine Pension neben ihrer Schwester, die Russell gehörte.
Obwohl er sich weigerte, sie direkt zu unterstützen, versorgte
er sie mit Mobiliar und erlaubte ihr, von den Einnahmen zu leben,
die sie von einer Anzahl Mietern erzielen konnte.
Jetzt lebten sie zwar getrennt, doch der Waffenstillstand zwischen
ihnen dauerte nicht lange. Zwischen April 1899 und den Anfangsmonaten
1903 legte Maria Russell genug Geld auf die Seite, um ein Traktat
zu schreiben, zu drucken und zu veröffentlichen, das eine
Zusammenfassung der jahrelangen Beziehung zu ihrem Mann und
ein weiterer bitterer Angriff auf ihn war. Darin veröffentlichte
sie die Briefe zwischen ihnen und versuchte mit einigem Erfolg,
ihn als einen anmaßenden Tyrannen zu beschreiben. Um alles
noch schlimmer zu machen, gab sie Traktate an alle erreichbaren
Bibelforscher weiter und sandte sie stapelweise an verschiedene
Geistliche mit der Anmerkung, sie möchten sie doch wo immer
möglich unter Bibelforschern verbreiten.
Russell war gelinde gesagt rasend und entschloß sich,
seine Frau für diese Tat zu bestrafen. Irgendwann Mitte
März 1903 ergriffen er und ein paar Mitstreiter aus dem
Bibelhaus, der Wachtturm-Zentrale, Besitz von der Pension, in
der sie mit vier oder fünf Mietern lebte, und räumten
deren gesamte persönliche Habe aus. Russell ging sogar
so weit, die Geldbörse seiner Frau mit allen Mieteinnahmen,
die noch darin waren, an sich zu nehmen, und es kam fast zu
Handgreiflichkeiten mit einem der Mieter, als dieser entdeckte,
daß man all seine Habe und die seiner Mitbewohner aus
ihren Zimmern ausgeräumt hatte. Es ist nicht überraschend,
daß sich Russell bald vor Gericht wiederfand. Zwei wütende
Mieter verklagten ihn wegen Verletzung ihres Mietvertrags, einer
von ihnen beschuldigte ihn wegen Körperverletzung, und
Maria klagte auf Trennung von Tisch und Bett. Russell verlor
in allen Punkten; nur von der Anklage der Körperverletzung
wurde er freigesprochen.(125)
Schließlich wurde Maria Russell die erbittertste Gegnerin
ihres Mannes. Während des Verfahrens, in dem es um die
Trennung ging, versuchte sie, ihn in ziemlich bösartiger
Weise zu verletzen. Sie sagte, er sei wie eine Qualle, die umhertreibt
und alle, die darauf reagieren, umfängt." Obwohl diese
Aussage nicht zugelassen wurde und sie unter Eid zugab, daß
sie nicht glaubte, er habe sich des Ehebruchs schuldig gemacht,
besudelte Frau Russell erfolgreich den Ruf ihres Mannes.(126)
Später ging ihr Kampf über den Punkt weiter, daß
er sich weigerte, ihr den vom Gericht zugesprochenen Unterhaltssatz
zu zahlen, und wiederum unternahm sie alles im Rahmen der Gesetze
Mögliche, ihn in den Augen der Welt in ein schlechtes Licht
zu rücken. Er behauptete, er habe das Geld nicht; aber
zweifellos wollte er in keinem Fall zahlen, da sie vorhatte,
mit einem Teil davon Angriffe gegen ihn zu drucken und zu verbreiten.(127)Obwohl
einige ihrer Klagen gegen ihn ohne Zweifel sehr berechtigt waren,
kann man sich nur schwer dem Gefühl entziehen, daß
ihr Verhalten ihm gegenüber, zumindest ab 1903, äußerst
unversöhnlich war. Doch all die Jahre seither haben es
Historiker, wenn sie die bitteren Streitigkeiten zwischen Charles
und Maria Russell einschätzten, versäumt, auch nur
etwas Ähnliches wie einen Konsens darüber zu erreichen,
bei wem von beiden der größere Teil Schuld lag.(128)
Die Spaltung über den
Neuen Bund
Sehr bald nach der Scheidung der Russells kam es zu der bitteren
und bedeutsamen Spaltung über die Frage des Neuen Bundes.
Im Grunde ereignete sich folgendes: In der Zeit seiner Streitigkeiten
mit Nelson Barbour hatte Russell die später unter diesem
Namen bekannte Mysterienlehre" entwickelt, die der jugendliche
Pastor, seine Anhänger und danach viele weitere als neue
Wahrheit" auffaßten. Und tatsächlich bedeutete das
Mysterium, wie es Russell verstand, daß nicht nur der
Mensch Jesus sich als Lösegeld für die Menschheit
opferte, sondern daß auch der Leib Christi, die 144.000
Glieder seiner Kirche, an dem Loskaufs- und Sühnewerk teilhatten.(129)
Russell war sich natürlich nicht darüber im klaren,
daß seine neue Wahrheit" ganz allgemein schon seit Jahrhunderten
zum katholischen Lehrgebäude gehörte.(130) Das war
jedoch uninteressant. Wichtig war aber, daß er aufgrund
der Mysterienlehre auch zu dem Glauben gelangte, daß die
Glieder der Kirche Christi nicht unter dem Neuen Bund standen,
von dem es in der Heiligen Schrift hieß, er ersetze den
Bund, den Gott durch Moses mit Israel geschlossen hatte. Der
Grund dafür war, daß der Neue Bund solange nicht
auf die ganze Menschheit Anwendung finden konnte, bis die Glieder
des Leibes Christi geopfert, auferweckt, entrückt und mit
ihrem Herrn im Himmel vereint wären. Und nach 1881 erwartete
Russell nicht mehr, daß das vor dem Jahre 1914 geschehen
werde.
1880 äußerte er sich höchst eindeutig über
den Neuen Bund. Er sagte nachdrücklich: Er sollte nicht
als Gottes Bund mit uns verstanden werden -- 'der Same'; nein,
das war ein Teil des Abrahamischen Bundes, und obwohl beide
in Harmonie miteinander sind, sind beide nicht dasselbe; der
'Neue Bund' ist ganz und gar nicht mit der Kirche geschlossen."(131)
Doch innerhalb eines Jahres kehrte Russell, der, wie bereits
festgestellt, nicht immer ein klarer Denker war, zu der überkommenen
christlichen Ansicht zurück, daß die Kirche unter
dem Neuen Bund stand.(132) Wie Timothy White bemerkt, schien
bei ihm über diesen Punkt gründliche Verwirrung zu
herrschen.(133)Dennoch wußten die meisten Bibelforscher
in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts nichts von seinen
früheren Gedanken, da sie nach 1880 zu der Bewegung gestoßen
waren. Folglich waren viele der befähigtesten Bibelforscher
schockiert, als Russell die alte Lehre aus dem Jahre 1880 erneut
bekräftigte.
Russell hätte die Diskrepanz in seinen Lehren wohl nicht
einmal selbst bemerkt, wenn da nicht Paul S.L. Johnson gewesen
wäre, ein fähiger, aber exzentrischer Kolporteur,
der in späteren Jahren noch wichtigen Einfluß auf
die Geschichte der Bibelforscher nehmen sollte. Johnson war
als Jude aufgewachsen, zum Christentum konvertiert, lutherischer
Pfarrer und schließlich Bibelforscher geworden. Als Russells
Gefährte mit der vielleicht besten Erziehung und Bildung
stieß er beim Nachforschen auf Russells Ansicht aus dem
Jahre 1880, und er ermunterte ihn dazu, ihr wieder zur Gültigkeit
zu verhelfen(134), was Russell mit einem Artikel in der Ausgabe
von Zion's Watch Tower vom Januar 1907 tat.
Viele enge Mitverbundene taten ihr Bestes, damit Russell diese
sonderbare wieder in Kraft gesetzte Lehre des Neuen Bundes aufgab.
Denn er glaubte nicht nur, daß die Kirche nicht unter
oder in diesem Bund stand, sondern auch, daß die 144.000
keinen Mittler benötigten. Und der Mittler für die
übrige Menschheit, der Christus, sollte aus Jesus und der
Kirche zusammen bestehen -- dem Haupt und dem Leib.(135) Russell
ließ sich jedoch nicht dazu überreden, diese Lehre
aufzugeben.
Russells Starrköpfigkeit brachte viele seiner Kritiker
unter den Bibelforschern zu dem Glauben, daß er allmählich
autokratisch wurde, und sie wurden darin durch einen weiteren,
aber nebensächlichen Punkt bestärkt -- den merkwürdigen
Punkt des Gelöbnisses." Die Scheidungssache Russell lenkte
die Aufmerksamkeit auf das richtige Verhalten unter den Geschlechtern"
bei den Bibelforschern. So setzte der Pastor Anfang 1908 ein
Gelöbnis auf und sprach es vor dem Herrn. Darin heißt
es unter anderem: Ich gelobe weiterhin, daß ich mich mit
der nachstehenden Ausnahme jederzeit und an jedem Ort im Privatbereich
so gegenüber dem anderen Geschlecht benehmen werde, wie
ich es in der Öffentlichkeit täte -- in Anwesenheit
einer Versammlung des Volkes des Herrn und soweit es vernünftigerweise
möglich ist, will ich vermeiden, mit einer Frau allein
in einem Raum zu sein, wenn die Tür zu dem Raum nicht weit
offensteht -- ausgenommen Ehefrau, Kinder, Mutter und Schwestern."(136)
Natürlich sprach sich niemand dagegen aus, daß Russell
solch ein Gelöbnis tat. Doch er machte an diesem Punkt
nicht Halt; er fing an, dafür auch bei anderen zu werben.
Zuallererst schlug er vor, daß alle Voll- und Teilzeit-
Pilgrime, die unter der Schirmherrschaft der Watch Tower Society
tätig waren, und auch alle Brüder der Bibelhaus-Familie"
in Pittsburgh ebenfalls das Gelöbnis leisten sollten. In
einem Rundbrief vom März 1908 rief er jeden Pilgrim und
die Glieder der Bibelhaus-Familie auf, sich durch ein Gelöbnis
an den Herrn zu binden" und dann Russell brieflich mitzuteilen,
daß sie es getan hatten.(137)
Ein Sturm folgte. Die meisten kamen der Aufforderung nach und
leisteten das Gelöbnis, doch einigen war die ganze Sache
sehr zuwider. Sie führten einige frühere Lehren Russells
gegen Gelöbnisse an und äußerten ihre Abneigung
dagegen, daß sich Russell die Freiheit genommen hatte,
die Namen derer zu veröffentlichen, die das Gelöbnis
getan hatten -- in einer Sache, die sie als schon nicht mehr
ganz subtile leichte Gewaltanwendung ansahen.(138) Russell reagierte
darauf pikiert. Er sagte: Scheinbar haben ein paar sonst helle
Brüder einfach vergessen, was das Wort 'Gelöbnis'
bedeutet", und behauptete, er habe niemanden dazu gezwungen,
das Gelöbnis zu leisten.(139)Er stimmte zwar zu, die Namen
derer, die das Gelöbnis täten, zukünftig nicht
mehr zu veröffentlichen, doch er schrieb: Haltet uns bitte
auf dem laufenden, wenn ihr das Gelöbnis tut. Wir werden
eine alphabetische Liste aufbewahren, die irgendwann vielleicht
einmal von Nutzen ist."(140) Natürlich begannen seine Kritiker
diese Liste sofort als Auflistung Russell ergebener Leute zu
betrachten und entfremdeten sich weiter. So wurde das Gelöbnis
zu einem weiteren roten Tuch für die, die sich schon wegen
des Punktes Neuer Bund Sorgen machten.
Die führenden Gegner der von Russell wieder in Kraft gesetzten
Lehre über den Neuen Bund waren sowohl bekannte Bibelforscher
als auch Männer und Frauen aus Russells engerem und geschätzten
Gefährtenkreis. Darunter waren A.E. Williams (ein angeheirateter
Neffe des Pastors), M.L. McPhail, E.C. Henninges und seine Frau
Rose sowie Mae Land, Russells eigene Schwester.(141) Von diesen
hatte McPhail im Jahre 1894 als erster Watchtower- Vollzeit-
Pilgrimbruder gedient.(142) Henninges hatte eine Zeitlang als
Sekretär-Kassierer der Watch Tower Society gedient, er
hatte Aktivitäten der Bibelforscher in England gefördert
und ein Watchtower- Zweigbüro in Melbourne in Australien
gegründet.(143)Des weiteren war er mit Rose Ball verheiratet,
Russells Pflegetochter" und jener jungen Frau, von der Maria
Russell behauptete, ihr habe ihr Mann die niederträchtige
Quallengeschichte erzählt.(144)
1909 schrieb Henninges einen langen Protestbrief an Russell.(145)
Kurze Zeit darauf veröffentlichten Dissidenten aus der
New Yorker Bibelforscher-Kirche einen offenen Brief an alle
[Bibelforscher], die sich der Notwendigkeit bewußt sind,
inmitten so mancher unterschwelliger Versuchungen und Anfechtungen
in der gegenwärtigen Zeit mit Festigkeit für den Herrn
und Sein Wort einzustehen: an alle, die Jesus als ihren Mittler
und Sein Blut des Neuen Bundes als die Grundlage der Gunst in
diesem Evangeliumszeitalter wertschätzen."(146)Nach der
Veröffentlichung dieses Briefes gingen einige Amerikaner
-- darunter Williams aus New York -- sowie die meisten Angehörigen
der Melbourner Versammlung und weitere Bibelforscher aus der
ganzen Welt und bildeten die Gemeinschaft der New Covenant Believers.(147)
Russell wollte sicher nicht, daß diejenigen, die nun New
Covenant Believers wurden, gingen, aber er reagierte scharf
auf ihre Kritik und wies darauf hin, daß sie nun in die
äußere Finsternis" gingen, und unterstellte ihnen,
gierige Wölfe" zu sein.(148)Darüber hinaus benutzte
er seine Stellung als treuer und kluger Knecht", Herausgeber
von Zion's Watch Tower und gewählter Pastor der Bibelforscher-Versammlungen,
jegliche Gegnerschaft gegen seine Lehren niederzuschlagen. So
wurde schnell deutlich, daß es unmöglich war, diese
Lehren abzulehnen und gleichzeitig innerhalb der Bibelforschergemeinde
zu bleiben; und die dissidenten Bibelforscher weigerten sich,
ruhig zu bleiben. Für sie war im Jahre 1909 die überkommene
Lehre über den Neuen Bund ebenso wichtig, wie es im Jahre
1878 die Lehre vom stellvertretenden Sühnopfer für
Russell gewesen war. In der Folge setzten sich einige Hundert
von insgesamt vielleicht 10.000 Bibelforschern ab.(149) Russell
schien nicht wahrzunehmen, daß er sehr stark zu jenem
Sektendenken beigetragen hatte, das er so sehr haßte,
und daß er den Grund zu jener autoritären Haltung
gelegt hatte, die nach seinem Tode ein so kennzeichnendes Charakteristikum
der Wachtturm-Bewegung werden sollte.
Russells Gegner außerhalb
der eigenen Reihen
Probleme durch Schismen unter den Bibelforschern und Ehestreitigkeiten
waren nicht die einzigen Sorgen, unter denen Russell litt. Schon
früh in seiner Laufbahn begann er, die meisten Geistlichen
als falsche Hirten anzusehen: Sie unternahmen keinerlei Bemühungen,
Christi Königreich zu predigen, waren häufig durch
die Textkritik beeinflußt oder verbreiteten Gott entehrende
Lehren wie das Höllenfeuer oder die Unsterblichkeit der
Seele. Überdies betrachtete er das Weiterreichen des Kollektentellers
in der Kirche als eine Verletzung des biblischen Grundsatzes:
Umsonst habt ihr empfangen; umsonst gebt weiter." So kündigte
er als eine Art Markenzeichen seine Versammlungen mit den Worten
an: Freier Eintritt; Keine Kollekte."(150) Russell wie auch
die Bibelforscher machten ihren Empfindungen über falsche
Hirten" sowohl in gedruckter Form als auch überall dort,
wohin sie gingen, Luft. Damit trafen sie in ein Wespennest.
Es ist daher nicht verwunderlich, daß Russell persönlich
erbittert angegriffen wurde. Nach seiner Scheidung im Jahre
1906 unterstellten ihm Zeitungen und einzelne Geistliche, er
habe Ehebruch begangen.(151) Er wurde finanzieller Täuschungsmanöver
beschuldigt; insbesondere in der Sache, die als Wunderweizen-Affäre
bekannt werden sollte. Er wurde als Meineidiger etikettiert
von einem kanadischen Baptistenpfarrer, Reverend J.J. Ross,
der behauptete, er habe im Zeugenstand die Unwahrheit gesagt:
er könne Griechisch", obwohl das nicht stimmte. Sowohl
die Wunderweizen-Sache als auch der Fall Ross verdienen einige
Anmerkungen.
Im Jahre 1904 entdeckte ein Mann namens Stoner, der weder Russell
noch die Bibelforscher kannte, in Fincastle in Virginia eine
erstaunlich ertragreiche Weizensorte, die er Wunderweizen" nannte.
Sieben Jahre später stifteten zwei Bibelforscher der Watch
Tower Society dreißig Scheffel des Weizens, der dann für
einen Dollar pro Pound (etwa 450 Gramm) als Saatgut verkauft
werden sollte. Den Erlös -- ungefähr $ 1.800 -- sollte
die Gesellschaft zur Fortführung ihrer Tätigkeit verwenden.
Russell selbst erhielt nichts aus dem Erlös, doch seine
Feinde behaupteten, der Verkauf sei religiöser Betrug.
Eine New Yorker Zeitung, der Brooklyn Daily Eagle, griff ihn
an und verspottete sowohl Russell als auch den Wunderweizen
in einer Karikatur.
Russell verklagte den Eagle, aber er verlor. Offensichtlich
verkaufte er den famosen Weizen mit guten Absichten, aber er
dachte über seine Qualitäten wohl besser, als es angebracht
gewesen wäre. Anscheinend war der Wunderweizen nicht mehr
als eine Mutante, eine Laune der Natur". Er verlor bald seine
außerordentliche Vitalität und war nicht, wie Russell
aufrichtig glaubte, ein Zeichen, daß die Erde bald als
Paradies wiederhergestellt werden sollte.(152)
Die Beschuldigung von J.J. Ross, daß Russell einen Meineid
leistete, ist ständig wiederholt und immer wieder geglaubt
worden. Doch es war Ross, nicht Russell, der eine Falschaussage
machte. In einer Flugschrift nach dem Strafverfahren Russells
gegen ihn zitierte Ross seinen Anwalt falsch, dieser habe Russell
gefragt, ob er Griechisch könne". Doch tatsächlich
hatte George Lynch-Staunton, der Anwalt, die Frage gestellt:
Kennen Sie das griechische Alphabet?" Russell antwortete einfach:
Oh ja." Er behauptete in keiner Weise, er wisse mehr vom Griechischen
oder einer anderen Sprache als das. Es war daher Ross, der die
Wahrheit verdrehte.(153)
Es ist unmöglich, sich an dieser Stelle mit allen Anfechtungen
und Sorgen Russells zu befassen, doch eine sorgfältige
Untersuchung eines jeden Falles zeigt, daß er im Grunde
immer aufrichtig war, auch wenn er irregeleitet wurde. Sein
Leben war im allgemeinen tadellos. Darüber hinaus war er
ganz allgemein ein attraktiver, freundlicher Mann, völlig
dem Verwalteramt hingegeben, für das er sich bestimmt hielt.
Aber es kann keinen Zweifel geben, daß er eine Ader anmaßenden
Stolzes hatte und manchmal arglos bis zur Naivität war.
Obwohl man ihn in der Wunderweizen-Affäre ohne Zweifel
von jedem Betrug freisprechen muß, hätte er mehr
Verstand zeigen sollen, als Weizen unter diesem Namen zu verkaufen,
um die Evangelisation zu unterstützen. Hätte er sich
vorher irgendwelche Gedanken darüber gemacht, wäre
ihm der schlechte Ruch einer solchen Unternehmung wohl aufgefallen.
Und hätte er sich die Zeit genommen, darüber nachzudenken,
hätte er die sexuelle Frustration seiner Frau wahrgenommen
und wäre mehr geworden als ein Ehemann nur dem Namen nach.
Doch trotz dieser wirklichen Mängel: Wenn man ihn mit anderen
Religionsführern im Amerika des 19. und 20. Jahrhunderts
wie Joseph Smith, Ellen White, Mary Baker Eddy und Amee Semple
McPherson vergleicht, dann erweist sich Russells Charakter als
ziemlich gut.
Russells letzte Lebensjahre
und sein Tod
Während seiner letzten Lebensjahre wurde Russell von der
Bibelforschergemeinde gefeiert, und seine Predigten wurden in
Amerika wie in Europa veröffentlicht, während er ausgedehnte
Reisen per Eisenbahn und Dampfer unternahm. In vielerlei Hinsicht
muß das Leben angenehm für ihn gewesen sein. Auf
seinen Reisen sparte er nicht an Kosten, um es sich und seinen
Reisegefährten, darunter Ärzte, pensionierte Generäle,
Professoren und Richter, bequem zu machen. Wenn er seine weit
verstreuten Versammlungen besuchte, war er ständig von
Männern und Frauen umgeben, die ihn anbeteten. War er schließlich
nicht ihr Pastor, der Knecht"? Doch er war weit entfernt davon,
auf Rosen gebettet zu sein. Zwischen 1903 und 1913 war er fast
ständig in Rechtsstreitigkeiten verwickelt und wurde sowohl
von Geistlichen als auch von Teilen der Presse scharf kritisiert.
Und er war ein unglaublich harter Arbeiter, der sich selbst
antrieb, als seine Gesundheit schlechter zu werden begann. Schließlich,
als das Jahr 1914 nahte, fing er an, nervös zu werden,
weil sich vielleicht die Prophetie über die Heidenzeiten,
die schon vor seinem Bruch mit Nelson Barbour ein so herausragender
Teil seiner Lehren gewesen war, nicht erfüllte. Jahrelang
hatten Russell und die Bibelforscher erwartet, daß die
heidnischen Nationen im Laufe dieses Jahres in die Vernichtung
gingen; oder vielleicht auch 1915, falls sich der Zeitpunkt
1914 als falsch erwiese. Die Heiligen sollten zu Christus in
den Himmel aufgenommen werden (da das 1874, 1878 oder 1881 nicht
geschehen war), und Christi Tausendjahrherrschaft über
die Erde sollte beginnen. Doch als das verhängnisvolle
Jahr nahte, hatte Russell begonnen, seine diesbezüglichen
Vorstellungen einzuschränken. Ursprünglich war er
absolut sicher gewesen, daß in jenem Jahr das Ende käme.
In Die Zeit ist herbeigekommen hatte er geschrieben, daß
das Jahr 1914 die äußerste Grenze der Herrschaft
des unvollkommenen Menschen markiere"(154), aber zu den ersten
beiden Dekaden des 20. Jahrhunderts hin wurde er immer vorsichtiger.
Melvin Curry stellt fest:
Russell bediente sich einer Anzahl von Konstruktionen, um die
Wirkung eines prophetischen Fehlschlages im voraus nichtig zu
machen. Zuerst leugnete er, inspiriert zu sein, und argumentierte,
daß seine Vorhersagen auf Glauben basierten und damit
nicht unfehlbar seien. Trotzdem behauptete er immer noch, daß
die biblischen Beweise so schlagkräftig seien, daß
der Glaube an die Chronologie fast zur Gewißheit werde."
Zweitens versicherte er, daß sein Unvermögen, die
Ereignisse von 1914 genau vorherzusagen nur beweisen würde,
daß unsere Chronologie, unsere 'Alarmklingel', nur ein
bißchen vorginge" und daß der Fehler nicht sehr
groß" sei. Beispielsweise räumte er ein, daß
die Heidenzeiten im Oktober 1914 oder im Oktober 1915 enden
könnten." Drittens engte er die Vorhersagen so ein, daß
sie sich auf nicht faßbare übernatürliche Ereignisse
bezogen wie das Ende der Zulassung der Macht für die Heidennationen"
und das Ende der Erntezeit des Evangeliumszeitalters." Viertens
kehrte er im Jahre 1904 die Reihenfolge der erwarteten Ereignisse
um und beteuerte, daß die weltweite Anarchie" eher auf
das Ende der Heidenzeiten folgte, statt ihm vorauszugehen [sic].
Fünftens änderte er seine Voraussage, daß der
Zusammenbruch der Christenheit plötzlich und schrecklich"
sei. Daraus machte er die Leugnung, daß die Nationen in
jenem Jahr in Stücke zerbrechen." Statt dessen behauptete
er, der irdische Teil des Königreiches werde später
als 1914 aufgerichtet; damit wurde eine Zeitperiode nach der
Beendigung der Zulassung der Heidennationen für den Sturz
der Nationen und die allmähliche Aufrichtung des Königreichs
auf Erden" eingeräumt. Schließlich verglich er die
möglichen Fehler seiner Chronologie mit anderen Unsicherheiten
in der Bibel.(155)
Dennoch glaubte Russell weiterhin das, was nun sein eigenes
System war, und um das Jahr 1913 setzte eine große chiliastische
Aufregung bei den Bibelforschern ein. Als dann der erste Weltkrieg
ausbrach, nahm Russell das als eine Bestätigung seiner
chronologischen, prophetischen Spekulationen. Anders als viele
seiner Anhänger -- sogar in der Weltzentrale der Watch
Tower Society in Brooklyn -- war er nicht durch die Tatsache
verunsichert, daß er und sie nicht mit den Wolken hinweggenommen
wurden. In seinem Buch Faith on the Marcherzählt A.H. Macmillan
die Ereignisse im Herbst 1914 nach: Am Freitagmorgen (dem 2.
Oktober) saßen wir alle am Frühstückstisch,
als Russell herunterkam. Als er den Raum betrat, zögerte
er einen Augenblick, wie es seine Art war, und sagte dann fröhlich:
'Guten Morgen zusammen.' Doch statt wie üblich auf seinen
Stuhl zuzugehen, klatschte er forsch mit den Händen und
verkündete glücklich: 'Die Heidenzeiten sind zu Ende;
die Könige haben ihre Zeit gehabt.' Wir applaudierten alle."(156)
Bibelforscher in einem großen Teil der Welt applaudierten.
Das Jahr 1914 hatte zwar nicht das Ende gebracht, aber wie die
Zeugen Jehovas heute waren sie bereit, die Vorstellung zu akzeptieren,
daß der Ausbruch des ersten Weltkrieges in Europa tatsächlich
bewiesen hatte, daß die Barbour-Russellsche Chronologie
im Grunde genommen tragfähig war.(157) Doch obwohl das
Kommen des Krieges ihre Gemeinschaft -- zumindest unmittelbar
-- vor einer weiteren großen Glaubenskrise bewahrte, schuf
es andere äußerst schwerwiegende Probleme. Da zum
einen ihrer Ansicht nach die Heidenzeiten geendet hatten, nahm
die apolitische Apokalyptik" der Bibelforscher ganz erheblich
zu. Russell nahm eine härtere Haltung zugunsten der Wehrdienstverweigerung
aus Gewissensgründen ein und verurteilte Geistliche in
Kanada, weil sie als Rekrutierungsagenten für den Drachenzahn
des Krieges" gehandelt hatten.(158) Natürlich waren er
und seine Anhänger mit dieser Haltung in den Vereinigten
Staaten von 1914 bis Ende 1916 mit ihren Landsleuten in Einklang.
Aber für andere Teile der Welt galt das nicht; und im Sommer
1916 wurde Russell die Einreise nach Kanada von kanadischen
Einwanderungsoffizieren verwehrt, die wütend über
ihn waren, weil er sich 'in die Rekrutierungsbemühungen
des britischen Empire eingemischt' habe.(159)
Viel schwerer für die Bibelforscher wog, daß Russell
am 31. Oktober 1916 während einer Eisenbahnreise in den
Südwesten der Vereinigten Staaten unter großen Schmerzen
starb.(160)Er war schon eine Zeitlang müde und krank gewesen,
doch er bestand darauf, seiner weit verstreuten Herde gegenüber
bis zum Ende seine Pflichten als Prediger und Pastor zu erfüllen.
Denn in seinen letzten Lebensjahren war er überzeugt, daß
der erste Weltkrieg im Jahre 1918 in die Schlacht von Harmagedon
und die Entrückung der Kirche münden werde. So bewahrte
sein Tod ihn wohl vor der möglichen Ernüchterung,
wenn er noch gelebt hätte und der Krieg hätte geendet,
ohne daß die Nationen in die Vergessenheit versunken waren,
doch für seine Anhänger kam er zu einer höchst
unpassenden Zeit. Sie hatten nicht erwartet, daß ihr Pastor,
der Knecht", vor dem Ende der Welt sterben würde, und sie
waren psychologisch nicht darauf vorbereitet, zukünftig
seinen und ihren Dienst fortzuführen. Und noch bedeutsamer,
sie sollten in große Verwirrung durch die Tatsache geraten,
daß ihre Kirche wieder nicht in den Himmel heimgeholt"
wurde, die Juden nicht in Palästina versammelt wurden und
die Nationen dieser Welt nicht zerbrochen waren, wie es Russell
vorhergesagt hatte, als dann statt mit der Apokalypse der Krieg
mit dem Versailler Vertrag endete. Tatsächlich fiel die
Bibelforscherbewegung 1917 und 1918 fast auseinander -- aufgrund
von Machtkämpfen unter seinen Nachfolgern und wegen der
Verfolgung durch weltliche Regierungen und Pöbelrotten,
die ihnen nachstellten, nachdem die Vereinigten Staaten im April
1917 in den Krieg eingetreten waren. Obwohl Russell für
den Fall seines Todes und die Fortsetzung des Werkes danach
einige Pläne gemacht hatte, konnte er keine Vorstellung
von dem haben, was sich bald darauf ereignen sollte.
1. Wenn nicht anders vermerkt, sind die Angaben zu Russell folgenden
Werken entnommen: Zion's Watch Tower, 1906, Reprints Seiten
3820-28; The Watch Tower, 1916, Reprints Seiten 5997-6013; The
Laodicean Messenger (Chicago: The Bible Students Book Store
1923); Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben (engl: Brooklyn, NY:
Watchtower Bible & Tract Society 1959; deutsch: Wiesbaden:
Wachtturm-Gesellschaft 1960); Timothy White, A People for His
Name (New York: Vantage Press 1967).
2. Nach Richard Rawe aus Soap Lake, Washington, der Russels
Geschäftstätigkeit näher untersucht hat, sind
viele der Behauptungen über seine großen Fähigkeiten
als Geschäftsmann wohl doch übertrieben. In The Laodicean
Messenger sagt sein Biograph auf Seite 6, daß die Läden
ihn bald reich machten, und als er gerade erwachsen wurde, da
besaß er schon eine Viertelmillion US-Dollar." Rawe bringt
das Argument vor daß Russell erst später zu Wohlstand
kam, nachdem er $ 6.000 von einem Onkel geerbt hatte (die er
als Kapital anlegte). Trotzdem war Russell ein äußerst
fähiger Unternehmer, der seinen frühen, recht bescheidenen
Wohlstand dazu benutzte, ein beträchtliches Vermögen
zu machen. Russell gab 1907 zu, er habe im Jahre 1879 Vermögenswerte
in Höhe von $ 60.000 besessen, darunter drei Bekleidungsgeschäfte
in Allegheny und drei in Pittsburgh." Tatsächlich war er
wahrscheinlich sehr viel reicher. In einem Brief an einen gewissen
Herrn J.H. Brown, etwa aus dem Jahr 1898, hatte er geschrieben:
Sie kennen mich schon über 20 Jahre als Geschäftsmann,
als sie mir damals Ware verkauften. Zu jener Zeit wußten
Sie wahrscheinlich, daß ich von Handelsagenturen auf $
150.000 geschätzt wurde -- daß ich neben mehreren
kleineren Läden das größte Herrenausstattergeschäft
in Pittsburgh besaß." Verhandlungsmitschrift im Berufungsprozeß
Russell gegen Russell am Obersten Gericht des Staates Pennsylvania
(April 1907), Seiten 23, 42, 43.
3. Pastor Russell's Sermons (Brooklyn, NY: International Bible
Students Association 1917), Seite 517.
4. Bemerkung aus der Korrespondenz J.L.Russells in der adventistischen
Zeitschrift Herald of Life and the Coming Kingdom.
5. Siehe das Vorwort des Verfassers von The Laodicean Messenger
und Das vollendete Geheimnis (Magdeburg: Wachtturm Bibel &
Traktat Gesellschaft ??) Seiten ??.
6. Erst in ihrem neuesten Geschichtsabriß", Jehovas Zeugen,
Verkündiger des Königreiches Gottes (Selters: Wachtturm
Bibel & Traktat-Gesellschaft 1993) hat die Wachtturm-Gesellschaft
ein Interesse an den Personen gezeigt, die Einfluß auf
Russell hatten. Dieses Interesse scheint großenteils eine
Reaktion auf die erste englische Auflage des vorliegenden Buches
und Werke wie Carl Olof Jonssons The Gentile Times Reconsidered(deutsch:
Die Zeiten der Nationen näher betrachtet, Altenberge: Oros-Verlag
1992) zu sein. Leider lassen die offiziellen Geschichtsabrisse
der Zeugen in dieser und in anderer Hinsicht vieles zu wünschen
übrig.
7. Watch Tower, 1906, Reprints Seite 3821.
8. Stetson predigte eine Zeitlang in Pittsburgh, verzog aber
später nach Edinboro, Pennsylvania, wo er als Pastor einer
großen Versammlung diente. Der Watch Tower von 1879, Reprints
Seite 46, vermerkt seinen Tod. Es war sein Wunsch vor seinem
Tod, daß Russell die Begräbnisrede halten sollte.
9. Das meiste über Storrs ist folgenden Zeitschriften und
Büchern entnommen: Herald and Life and the Coming Kingdom,
7. Januar 1880; Bible Examiner, März 1880; Frank S. Mead,
Handbook of Denominations in the United States (New York: Abingdon-Cokesbury
Press 1951), Seite 19; LeRoy Edwin Froom, The Conditionalist
Faith of Our Fathers (Washington, DC: The Review and Herald
Publishing Association 1967) Band 2, Seiten 305-15.
10. Froom, Band 2, Seiten 300-305.
11. Frooms zweibändiger Abriß des Konditionalismus
ist die einzige vollständige Geschichte zu diesem Thema
in englischer Sprache. Eine kürzere Abhandlung findet sich
unter dem Stichwort Annihilationism" in The New Schaff-Herzog
Encyclopedia of Religious Knowledge, Band 1, Seiten 236, 237.
12. Siehe das Stichwort Annihilationists" in McClintock and
Strong's Cyclopaedia of Biblical, Theological and Ecclesiastical
Literature (Grand Rapids, Michigan: Baker Book House 1980),
Band 1, Seiten 236, 237.
13. Bible Examiner, März 1880, Seite 404.
14. Dr. John Thomas, der Gründer der Christadelphianer,
schloß sich kurz den Milleriten an. Wie so viele, die
dies taten, nahm er dann auch den Konditionalismus an.
15. Synopsis of Our Faith" (Ein Abriß unseres Glaubens)
in Bible Examiner, Januar 1877, Seite 104. Storrs letztgenannte
Vorstellungen wurden 1870 und 1871 ausgearbeitet.
16. Der Brauch, das Abendmahl am 14. Nisan zu feiern, hatte
in den 1860er Jahren unter den Mitgliedern der Life and Advent
Union seinen Anfang. Storrs behielt diese Praxis bis zu seinem
Tode bei. Siehe z. B. Bible Examiner, Februar 1877, Seite 131.
17. Jonathan M. Butler, Adventism and the American Experience",
in Edwin Scott Gaustadt, Herausgeber, The Rise of Adventism
(New York: Harper and Row 1974), Seite 177.
18. Es ist richtig, daß Storrs darüber nach dem Ende
des Bürgerkries anders dachte.
19. In The Last Times and Great Consumation (1863) lehrt Seiss
auf den Seiten 218-220, daß Christus und die Heiligen
nach ihrer Auferstehung verherrlichte geistige Leiber" hätten.
20. Das genaue Datum der ersten Veröffentlichung von The
Object and Manner of Our Lord's Return ist fraglich. Zwar gab
die Wachtturm-Gesellschaft lange das Jahr 1873 an, aber scheinbar
gibt es kein Exemplar mit einem Datum vor 1877, als ein bearbeiteter
Text in The Herald of the Morning, herausgegeben von Nelson
H. Barbour, veröffentlicht wurde. Nach Paul S.L. Johnson
sagte Russell überdies selbst, daß er die Lehre von
Christi unsichtbarer Gegenwart im Oktober 1874 annahm. Paul
S.L. Johnson, The Parousia Messenger(Philadelphia: Paul S.L.
Johnson 1938), Seiten 368, 369, 437.
21. C.T.Russell, The Object and Manner of Our Lord's Return
(Rochester, NY: The Herald of the Morning 1877), Seite 45.
22. Es gibt drei traditionelle Auslegungsweisen der Offenbarung:
die zeitgeschichtliche, die den Anspruch erhebt, die Prophezeiungen
hätten sich gegen Ende des 1. Jahrhunderts erfüllt:
die historistische, in der argumentiert wird, die Offenbarung
enthalte prophetische Geschichte in Symbolen vom 1. Jahrhundert
bis nach dem Ende des Tausendjahrreiches; und die futurologische,
bei der man meint, sie handle allein von eschatologischen Ereignissen,
beginnend kurz vor Christi Wiederkehr. Indem Russell die historistische
Position übernahm, befand er sich in Übereinstimmung
mit den meisten Richtungen des britischen und amerikanischen
Protestantismus.
23. Jonssons Artikel mit der Überschrift Theory of Christ's
Parousia as an 'invisible Presence'" (Theorie der Parusie Christi
als unsichtbarer Gegenwart) erschien in den Ausgaben November-Dezember
1982 und Januar-Februar 1983 des Bible Examiner, veröffentlicht
von Christian Koinonia International of Lethbridge, Alberta.
24. Carl Olof Jonsson, The Bible Examiner (Januar-Februar 1983),
3:12. Eine ausgezeichnete Übersicht über die Geschichte
des Millenarismus in Großbritannien und den Vereinigten
Staaten während des 19. Jahrhunderts findet sich in Ernest
R. Sandeen, The Roots of Fundamentalism: British and American
Millenarianism 1800-1930 (Chicago: University of Chicago Press
1970).
25. Alan Rogerson, Millions Now Living Will Never Die (London:
Constable & Co. Ltd. 1969) Seiten 8, 9. In den Jahren von
1879 bis 1882 schrieb Keith mehrere Artikel für Zion's
Watch Tower über die Lehren des Loskaufsopfers, die Kirche,
Christi unsichtbare Gegenwart und die Wiederherstellung aller
Dinge.
26. Watch Tower, 1906, Reprints Seite 3822.
27. Herald of the Morning, Mai 1879, Seite 88. Auch Russell
nennt Barbour in frühen Ausgaben von Zion's Watch Tower
wiederholt den Autor" von Three Worlds.
28. Der Gedanke, der aus 4.Mose 14:33, 34 und Hesekiel 4:1-8
entnommen ist, daß prophetische Tage, wie sie insbesondere
in den Büchern Daniel und Offenbarung erwähnt werden,
für Jahre stehen sollten, war bei vielen katholischen und
protestantischen Apokalyptikern und Chiliasten seit Joachim
von Fiore bis Russell, einschließlich Wycliffe und viele
der großen Reformatoren, allgemein anerkannt. Interessanterweise
sah Russells Mentor, George Storrs, die Jahr-Tag-Theorie als
Unsinn an. In einem Artikel in Herald of Life and the Coming
Kingdom vom 2.Oktober 1867, Seite 2, gratuliert er seinem alten
Gegner Dr. Josiah Litch dazu, daß dieser die Theorie aufgab.
29. Das 360 Tage dauernde prophetische Jahr" wird oft als Mondjahr
bezeichnet. Tatsächlich aber dauert ein Mondjahr etwas
mehr als 354 Tage, und es gibt keine Belege, daß bei den
alten Israeliten überhaupt ein 360-Tage-Kalender in Gebrauch
war, wenn nicht in Verbindung mit anderen antiken Völkern
wie den Ägyptern. Das prophetische Jahr als solches basiert
auf einer im Protestantismus des 17. Jahrhunderts aufgekommenen
Extrapolation aus Offenbarung 12:6, 14, wo 1.260 Tage mit einer
Zeit, Zeiten und einer halben Zeit" gleichgesetzt werden. Auf
der Grundlage dieses Verses sowie Offenbarung 13:5 kamen viele
Erforscher der Prophetie" zu der Auffassung, eine Zeit" sei
ein Jahr" von 360 Tagen.
30. N.H.Barbour und C.T.Russell, Three Worlds an the Harvest
of This World (Rochester, NY: The Herald of the Morning 1877),
Seite 42.
31. Ibid, Seiten 63, 67-77, 93-103.
32. Ibid, Seiten 85-93.
33. Ibid, Seite 68.
34. Ibid, Seiten 93-103.
35. Ibid, Seite158.
36. Über Brown ist so gut wie nichts bekannt.
37. Seiten 27, 28.
38. John A. Brown, The Even-Tide: or Last Triumph of the Blessed
and only Potentate, the King of Kings, and the Lord of Lords;
Being a Development of the Mysteries of Daniel and St. John(London:
J. Offor und andere Herausgeber 1823), Band 2, Seiten 130-152.
Brown hielt die 2.520 Jahre nicht für die Heidenzeiten
aus Lukas 21:24. Das tat eine Anzahl Personen, darunter William
Miller, der seiner Auslegung von Daniel 4 folgte.
39. Barbour und Russell, Seiten 77-85. Offenbar hatte Brown
erkannt, daß die 2.520 Jahre nicht 1916, sondern 1917
n.Chr. enden würden wenn man die sieben Zeiten" im Herbst
604 v.Chr. zu zählen begann. Im Hinblick auf Russell und
das Jahr 1914 als Endpunkt sagt Karl Burganger: Allmählich
hatten Russell und seine Anhänger angefangen zu erkennen,
daß die [auch von Barbour] verwendete Arithmetik, die
2.520 Jahre von 606 v.Chr. bis 1914 n.Chr. zu berechnen (2520
- 606 = 1914) nicht so einfach war, wie sie zuerst ausgesehen
hatte. Man wies darauf hin, daß die Periode von 606 v.Chr.
bis zum Beginn der christlichen Zeitrechnung nicht 606 ganze
Jahre betrug, sondern 605 Jahre und 3 Monate. Dies würde
den Endpunkt für die 'Heidenzeiten' von Oktober 1914 auf
Oktober 1915 verschieben." Karl Burganger, The Watch Tower Society
and Absolute Chronology: A Critique (Lethbridge: Christian Fellowship
International 1981), Seite 9. Siehe auch Watch Tower, 1912,
Reprints Seiten 5141, 5142.
40. Barbour und Russell, Seiten 19-22.
41. Ibid, Seite 84.
42. Bible Examiner, Juli 1877, Seite 317.
43. White, Seiten 80, 81.
44. Siehe beispielsweise Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben (Wiesbaden:
Wachtturm Bibel und Traktat- Gesellschaft 1960), Seiten 18-21.
45. Ibid. Barbour veröffentlichte seine Gedanken weiter
im Herald, und 1907 brachte er ein Buch mit dem Titel Washed
in His Blood heraus, das ein Bild seines Denkens in den späteren
Jahren bietet.
46. Watch Tower, 1906, Reprints Seite 3823. Das geringste, was
man zu dem Bild durch Russell und die Zeugen Jehovas heute sagen
kann, ist, daß es recht voreingenommen ist, und sicher
zitierte Russell Barbour nicht aus dem Zusammenhang heraus.
Was Barbour leugnete, war die Lehre des stellvertretenden Sühneopfers
und die Bedeutung des Todes Christi. Bis zum Ende seines Lebens
gebrauchte Barbour weiterhin die Begriffe Loskauf" und Sühnopfer".
Seine Haltung wird im Herald of the Morning von August 1877,
Seiten 26-28, umrissen, sowie als Erwiderung auf die Kritik
Russells und Patons auf den Seiten 40-43 der Septemberausgabe
und den Seiten 56-58 der Novemberausgabe desselben Jahres. Russells
erste Erklärung zu diesem Thema erscheint auf den Seiten
39, 40 der Septemberausgabe; Patons mehr versöhnliche erscheint
auf der Seite 56 der Oktoberausgabe.
Man kann nur schwer glauben, daß Barbour oder auch Russell
die Verästelungen des Themas verstanden, über das
sie stritten. Obwohl Barbour an die Lehre der Menschwerdung
glaubte, war seine Haltung zum Sühnopfer im Jahre 1877
vom Wesen her weit mehr sozinianisch (unitarisch) als orthodox.
Russell jedoch, der an keine Fleischwerdung im orthodoxen Sinne
glaubte, hielt am stellvertretenden Sühnopfer fest. Wenn
man seine Gedanken zu diesem Thema analysiert, muß man
sagen daß sie praktisch arminianisch waren. Eine kurze
geschichtliche Übersicht über die Lehre vom Sühnopfer
findet sich bei Louis Berkhof, The History of Christian Doctrine
(Grand Rapids, Michigan: Baker Book House 1975), Seiten 165-199.
47. Watch Tower, 1906, Reprints Seiten 3822, 3823. In seiner
Beschreibung des Angriffs Barbours auf ihn hat Russell sicher
nicht übertrieben. Siehe beispielsweise The Herald of the
Morning, Mai 1879, Seiten 87, 88.
48. Watch Tower, 1906, Reprints Seiten 3822, 3823.
49. Ibid.
50. Ibid.
51. Ibid, 1881, Reprints Seite 224. Siehe auch Watch Tower,
1880, Reprints Seite 172.
52. Melvin Dotson Curry, Jr., Jehovah's Witnesses: The Effect
of Millenarianism on the Maintenance of a Religious Sect (Dissertation,
Florida State University 1980), Seite 147.
53. Watch Tower, 1881, Seiten 224, 288, 289.
54. Siehe Curry, Seite 150, und Joseph F. Zygmunt, Prophetic
Failure and Chiliastic Identity: The Case of Jehovah's Witnesses"
in Patrick H. McNamara, Herausg., Religion American Style(New
York: Harper and Row, Publishers 1974), Seite 148. Russells
Kommentar in Zions Watch Tower findet sich in der Novemberausgabe
1880, Reprints Seite 152.
55. Watch Tower, 1880, Reprints Seite 167.
56. Ibid, Seite 224.
57. Russells Glaube an Barbours Chronologie war so vollständig,
daß er dessen ganz sicher war, im Herbst 1881 müsse
sich etwas Wichtiges ereignen. Dennoch, er war gezwungen gewesen,
den Fehlschlag von 1878 zu vergeistigen, und er schien unsicher
zu sein, wie die Verwandlung" im Jahre 1881 stattfinden würde.
Daher machte er fast jeden Monat neue Vorschläge, um die
Fakten der Theorie anzupassen, und in seinem Eifer widersprach
er sich dabei ganz außerordentlich.
58. James Parkinson, The Bible Student Movement in the Days
of Pastor Russell (Los Angeles: Privatdruck 1975), A-2.
59. Watch Tower, 1881, Reprints Seite 214.
60. The Laodicean Messenger, Seiten 62, 63, 105, 106; Jehovas
Zeugen in Gottes Vorhaben, Seite 62.
61. Watch Tower, 1916, Reprints Seite 5998.
62. Watch Tower, 1906, Reprints Seiten 3745, 3746.
63. Ibid, 1884, Reprints Seiten 584, 585; 1887, Reprints Seite
918; 1887, Reprints Seite 1071; 1906, Reprints Seite 3746.
64. Ibid, 1882, Reprints Seiten 369-377.
65. Barbour und Paton waren Trinitarier. Auf den Seiten 57 und
58 von Three Worlds griff der erstere die Christadelphianer
an, die leugneten, daß der Heilige Geist eine Person sei.
Zu George Storrs Haltung in diesem Punkt siehe den Bible Examiner
(Mai 1878), Seite 231.
Obwohl Henry Grew und George Stetson -- zwei andere Männer,
die ihn beeinflußten -- Nichttrinitarier waren, bezog
Russell bis nach seiner Trennung von Paton zu diesem Punkt nicht
Stellung, zumindest nicht öffentlich. Seine früheren
Aussagen zur christlichen Lehre zwangen ihn in der Tat, die
arianische Haltung einzunehmen.
66. Da gemäß Russell die Kirche Christi auf 144.000
Glieder beschränkt war, würden die meisten Personen
entweder als Glieder der Großen Schar" -- einer zweitrangigen
himmlischen Klasse -- Rettung erlangen oder in ein neues edengleiches
Paradies auf Erden hinüberleben. Die Juden im Fleische
sollten wieder in Palästina versammelt werden. Siehe Russell,
Thy Kingdom Come, Kapitel VI und VIII.
67. Watch Tower, 1907, Reprints Seiten 3942, 3943; 1916, Reprints
Seite 5998.
68. Ibid.
69. Ein vollständiger Bericht über die Entwicklung
der Bibelforscher-Zeugen-Bewegung in Großbritannien findet
sich im Jahrbuch 1973, Seiten ??-??.
70. M. James Penton, Jehovah's Witnesses in Canada (Toronto:
Macmillan of Canada 1976), Seiten 35, 36. Siehe auch Jahrbuch
1979, Seiten ??-??.
71. Kürzlich ist ein Neudruck dieser Streitgespräche
erschienen: Chicago Bible Students in Harvest Siftings, Band
I (Chicago: Chicago Bible Students, ohne Erscheinungsdatum).
72. The Laodicean Messenger, Seite 99.
73. Watch Tower, 1915, Reprints Seite 5730.
74. C.T. Russell, Die Neue Schöpfung (Magdeburg: Wachtturm
Bibel und Traktat-Gesellschaft ??), Seite ?.
75. Man sah alle Klassen als völlig voneinander unabhängig
an. Leslie W. Jones, MD, Herausgeber, What Pastor Russell Said
(Chicago: Privatdruck 1917) Seite 346. Siehe auch Watch Tower,
1915, Reprints Seite 5743 und 1916, Reprints Seiten 5981, 5982.
76. Jones, Seiten 479, 480.
77. Ibid, Seiten 100-102, 232, 233; Russell, Die Neue Schöpfung,
Seiten ??.
78. Russell, Die Neue Schöpfung, Seiten ??.
79. Ibid. Eine ausgezeichnete Erörterung des gesamten Themas
findet sich bei White, Band I, Seiten 15-17.
80. Russell, Die Neue Schöpfung, Seiten ??; siehe auch
Watch Tower, 1913, Reprints Seite 5284.
81. Russell, Die Neue Schöpfung, Seiten ??.
82. Ibid, Seiten ??.
83. Russells allgemeine Haltung zu dieser Frage wird in der
Sonderausgabe des Wacht Tower, April 1894, Seiten 16, 17, angesprochen.
84. Zur Diskussion der Kontrolle Russells über die Gesellschaft
siehe White, Seiten 122, 123. Obwohl Russell sehr genau darauf
achtete, nicht die Kirche" oder die örtlichen Ekklesias
durch sein Amt als Präsident der Gesellschaft zu kontrollieren
versuchen, behielt er innerhalb der Gesellschaft die Zügel
fest in der Hand. Großenteils aus dieser Tatsache ergab
sich 1894 eine Spaltung. Siehe die Sonderausgabe des Watch Tower,
April 1894.
85. Watch Tower, 1894, Reprints Seite 1320. Timothy White sagt:
So weit ich weiß, gab es nur einen Punkt, wo Russell die
Korporation unvorsichtigerweise benutzte, und das war, als er
seine Pilgerbrüder zu Vertretern der Korporation ernannte,
statt sich selbst oder eine Versammlung." (White, Seite 123).
86. Watch Tower, 1895, Reprints Seite 1868.
87. Ibid, 1905, Reprints Seiten 3517, 3518.
88. Wacht Turm, Dezember 1910, Seiten 218, 219.
89. Siehe White, Seiten 135-137; und Walter R. Martin, Jehovah
of the Watchtower (Chicago: Moody Press 1974), Seiten 24, 25.
90. Timothy White beschuldigt Russell, er habe sich auf die
Tyrannei der Mehrheit" verlassen, um den Brüdern seinen
Willen aufzuzwingen. Siehe White, Seiten 129-137. Dennoch war
Russell gewillt, sich zur Durchsetzung seines Willens auf seinen
Einfluß zu verlassen, und nicht auf seine Macht als Leiter
der Körperschaft. Gegenüber kritischen Bibelforschern
war er zwar manchmal scharfzüngig, doch er schickte sie
nicht in die ewige Verdammnis, wie es die Wachtturm-Gesellschaft
heutzutage tut.
91. Watch Tower, Reprints Seite 5156.
92. White, Seite 137.
93. Watch Tower, 1881, Reprints Seite 291.
94. Ibid, 1906, Reprints Seite 3811.
95. Ibid.
96. Ibid. Siehe auch Watch Tower, 1895, Reprints Seiten 1796,
1797; 1896, Reprints Seite 1946.
97. Ibid, 1895, Reprints Seite 1797.
98. Im Watch Tower vom 15. Februar 1927 hieß (Seite 56),
Russell habe nie behauptet, der treue und kluge Knecht zu sein.
In wenigen Worten: Er erhob niemals selbst diesen Anspruch."
In neuerer Zeit stellte die Gesellschaft dieselbe Behauptung
auf. Das Buch Gottes tausendjähriges Königreich hat
sich genaht zitiert Russells Aussage aus dem Watch Towervon
1881 (Seite 5; Reprints Seite 291) auf Seite 345 und merkt an:
Das zeigt deutlich, daß der Redakteur und Herausgeber
der Zeitschrift Zion's Watch Tower nicht im geringsten beanspruchte,
selbst der treue und kluge Knecht" zu sein. Er hat das von sich
nie behauptet."
In einer Fußnote dazu verweist der Autor des genannten
Buches den Leser merkwürdigerweise auf Russells Der Krieg
von Harmagedon, Seite 466. Auf dieser Seite weist Russell eindeutig
darauf hin, daß er den treuen und klugen Knecht" als eine
Person, nicht als die christliche Kirche ansah. Offensichtlich
mißverstand der Autor von Gottes tausendjähriges
Königreich also die Bemerkung Russells, oder er macht sich
einer Verdrehung von Tatsachen schuldig.
99. Reprints Seite 5998.
100. Barbour und Russell, Seiten 96-99. Die Vorstellung war
und ist unter protestantischen Dispensionalisten verbreitet.
101. Watch Tower, 1918, Reprints Seite 6212.
102. The Laodicean Messenger, Seite 150.
103. Watch Tower, 1918, Reprints Seite 6212; The Laodicean Messenger,
Seite 150.
104. Zur Erörterung der Schwierigkeiten Russells mit seiner
Frau siehe Watch Tower, 1906, Reprints Seiten 3808-3820. Weitere
Angaben finden sich in den Mitschriften des Verfahrens Russell
gegen Russell im Court of Common Pleas of Allegheny, Pennsylvania
(Juni 1906) und des Berufungsverfahrens vor dem Pennsylvania
Superior Court in 37 Pennsylvania Superior Court, Seite 348,
Russell gegen Russell (1908); sowie bei J.F. Rutherford, A Great
Battle in the Ecclesiastical Heavens (Brooklyn, NY: Privatdruck
1915), Seiten 17-19.
105. Zur Erörterung der Schwierigkeiten Russells mit seiner
Frau siehe Watch Tower, 1906, Reprints Seiten 3808-3820. Weitere
Angaben finden sich in den Mitschriften des Verfahrens Russell
gegen Russell im Court of Common Pleas of Allegheny, Pennsylvania
(Juni 1906) und des Berufungsverfahrens vor dem Pennsylvania
Superior (April 1907); die Urteilsbegründung von Justice
Orlady für den Superior Court in 37 Pennsylvania Superior
Court, Seite 348, Russell gegen Russell (1908); sowie bei J.F.
Rutherford, A Great Battle in the Ecclesiastical Heavens (Brooklyn,
NY: Privatdruck 1915), Seiten 17-19.
106. Watch Tower, 1906, Reprints Seite 3815.
107. Ibid.
108. Ibid. In der Mitschrift im Verfahren Russell gegen Russell
(1906) taucht keine diesbezügliche Aussage auf. Doch Russell
bezieht sich zweifellos auf eine Besprechung zwischen Marias
Anwalt und seinem eigenen vor dem Richter über eine delikate
Angelegenheit". Scheinbar wollte der Richter nicht zulassen,
daß Russells Nichtvollzug des Verkehrs im öffentlichen
Verfahren zur Sprache käme.
109. Siehe Mitschrift im Fall Russell gegen Russell (1906),
Seiten 10-17.
110. Mitschrift im Fall Russell gegen Russell (Berufungsverfahren
1907), Seiten 1117-1127.
111. Ibid. Siehe auch Watch Tower, 1906, Reprints Seite 3816.
112. Watch Tower, 1906, Seite 3810.
113. Ibid.
114. Ibid.
115. Mitschrift im Berufungsverfahren Russell gegen Russell
(1907), Seite 130.
116. Justice Orlady als Sprecher des Superior Court of Pennsylvania
äußerte sich insbesondere zu Russells Verhalten gegenüber
Maria kritisch. In einer Entscheidung, in der er Russells eigene
Bemerkungen bewertete, sagte Orlady: Sein [Russells] Betragen
gegenüber seiner Frau brachte solch einen beständigen
Egoismus und solche außergewöhnliche Selbstverherrlichung
zum Ausdruck, daß die Jury den Eindruck erhielt, als sei
sein Verhalten ihr gegenüber das einer ständigen anmaßenden
Beherrschung, die das Leben einer jeden Christin zu einer Last
und ihre Lage untragbar machte." 37 Pennsylvania Superior Court
348, Russell gegen Russell (1908).
117. Watch Tower (1906), Reprints Seite 3812.
118. Ibid, Reprints Seite 3811.
119. Seite 99.
120. Watch Tower, 1906, Reprints Seite 3812.
121. Ibid.
122. Ibid.
123. Ibid, Reprints Seite 3813.
124. Ibid.
125. Ibid, Reprints Seiten 3814, 3815. Siehe auch die Mitschrift
im Berufungsverfahren Russell gegen Russell (1907), Seiten 210,
211, 225-228.
126. Die Quallengeschichte" wird von vielen Kritikern Russells
immer noch so wiederholt, als sei etwas Wahres daran. Tatsächlich
aber wirft die Quallengeschichte" ein negativeres Licht auf
Maria als auf Charles Russell. Allem Anschein nach war sie --
vielleicht mit gewissem Recht -- äußerst verbittert
über ihn und wollte ihn nur treffen, wo sie konnte.
127. White, Seite 39.
128. Wie Timothy White richtig bemerkt, sind beide Sichtweisen
über die Trennung der Russells, die populär geworden
sind, extrem". Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in
der Mitte. White, Seiten 33-39.
129. Watch Tower, 1906, Reprints Seiten 3824, 3825; Russell,
Tabernacle Shadows of the Better Sacrifices, passim.
130. Die katholische Ablaßlehre basiert auf dieser Vorstellung.
Siehe die Catholic Encyclopedia, Band 8, Seiten 784, 785.
131. Watch Tower, 1909, Reprints Seiten 4370, 4371.
132. Ibid, 1881, Reprints Seite 283.
133. White, Seiten 109, 110.
134. Ibid, Seite 110.
135. Watch Tower, 1909, Reprints Seite 4310.
136. Watch Tower, 1908, Reprints Seiten 4191, 4192.
137. Ibid.
138. Siehe What the Vow Signifies" in Watch Tower, 1908, Reprints
Seiten 4263-4266.
139. Ibid.
140. Ibid.
141. White, Seite 111; Parkinson, P-3, P-4.
142. White, Seite 111.
143. Ibid.
144. Parkinson, P-3, P-4.
145. White, Seite 111.
146. Ibid.
147. Ibid; Parkinson, P-3, P-4.
148. Zu Russells Kommentaren und andere Bemerkungen über
die New Covenant-Schismatiker siehe Watch Tower, 1909, Reprints
Seiten 4433-4436, 4444-4446, 4458-4460, 4472-4478, 4488-4490,
4491, 4492.
149. Parkinson, P-4.
150. Rutherford, Seite 10.
151. Ibid, Seite 19.
152. Ibid, Seiten 22-30. Eine Kopie der Mitschrift von Russells
Prozeß gegen den Brooklyn Eagle befindet sich in der Bibliothek
des Brooklyner Bethels der Watch Tower Society.
153. Eine Ausführliche Erörterung des Falls findet
sich bei Penton, Anhang A.
154. C.T.Russell, Die Zeit ist herbeigekommen (Magdeburg: Wachtturm
Bibel und Traktat- Gesellschaft ??), Seite ?
155. Curry, Seiten 157, 158.
156. Macmillan, Seite 47.
157. Ibid, Seiten 48-63. Macmillan bezeichnet den Ausbruch des
ersten Weltkriegs als das Falsche zum richtigen Zeitpunkt",
eine Vorstellung, an die Jehovas Zeugen bis heute glauben.
158. Penton, Seiten 42-47.
159. Ibid, Seite 4.
160. Zu den Einzelheiten seines Todes siehe Watch Tower, 1916,
Reprints Seiten 5997-6016.