Am Beginn Einer Bewegung

 

ENDZEIT OHNE ENDE

DIE GESCHICHTE DER ZEUGEN JEHOVAS

Kapitel 1 - Am Beginn einer Bewegung

 
 
JEHOVAS ZEUGEN sind aus dem religiösen Milieu des amerikanischen Protestantismus des späten 19. Jahrhunderts heraus entstanden. Sie sind zwar auf den ersten Blick deutlich anders als die Hauptströmungen der Protestanten, und sie lehnen bestimmte Lehren der großen Kirchen ab, aber im eigentlichen Sinne sind sie die ausgesprochen amerikanischen Erben des Adventismus, der prophetischen Bewegungen im Bereich der britischen und amerikanischen Evangelikalen des 19. Jahrhunderts, des Methodismus und des Chiliasmus der nonkonformistischen Gruppen des anglikanischen und englischen Protestantismus des 17. Jahrhunderts. Es gibt tatsächlich nur wenig in ihrem Lehrgebäude, das außerhalb der weiten Tradition des anglo-amerikanischen Protestantismus liegt, obwohl gewisse Vorstellungen bei ihnen existieren, die sie eher mit dem Katholizismus als mit dem Protestantismus verbinden. Wenn sie in vielerlei Weise einzigartig sind - und das sind sie zweifellos --, dann nur aufgrund der besonderen theologischen Kombination und Auswahl ihrer Lehren statt ihrer Originalität. Man muß auch darauf hinweisen, daß die Richtung ihrer Vorstellungen und Vorgehensweisen großenteils, wenn nicht ausschließlich in den Vereinigten Staaten des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde. Wenn man daher nichts von den weitgefächerten Themen der amerikanischen Geschichte während dieser Zeit versteht, ist es schwierig, Jehovas Zeugen zu begreifen. Trotz dieser Vorrede aber ist der beste Weg, sich einem Studium der Zeugen zuzuwenden, der, die Lebensgeschichte eines Mannes zu untersuchen -- von Charles Taze Russell, dem ersten Präsidenten der heutigen Watch Tower Bible and Tract Society; demjenigen, der am meisten verantwortlich ist für die Verbreitung des Lehrgebäudes, das die Grundlage der Lehren der Internationalen Bibelforschervereinigung, wie die Zeugen vor 1931 hießen, war.

Charles T. Russell: Die frühen Jahre

Russell(1), im Jahre 1852 in Pittsburgh, Pennsylvania, geboren, wurde von seinen tiefreligiösen Eltern Joseph L. und Eliza Birney Russell, die beide schottisch-irischer Herkunft waren (Nordirland-Protestanten), als Presbyterianer erzogen. Als Kind hatte seine Mutter ihn ermuntert, Geistlicher zu werden, aber nach ihrem Tod nahm ihn sein Vater, der ihn zum Geschäftspartner machen wollte, in die Lehre. Der junge Russell erhielt eine einfache Erziehung auf öffentlichen Schulen, ergänzt durch Unterricht von Privatlehrern. Als er vierzehn war, begann sein Vater, ihn in der Leitung seines Textilgeschäftes zu beschäftigen, und im darauffolgenden Jahr schickte er ihn als Einkäufer mehrere hundert Meilen weg nach Philadelphia. Kurz danach wurde er der gleichberechtigte Juniorpartner seines Vaters, und zusammen bauten sie ein größeres Bekleidungsunternehmen auf. Bis zu den späten 1870er Jahren oder den ersten Jahren des folgenden Jahrzehnts hatte er ein beträchtliches Vermögen aufgehäuft.(2)

Trotz seiner Erfolge in der Geschäftswelt war Russell weiterhin weit mehr an religiösen Dingen interessiert. Als Junge war er ein eifriger Calvinist, der manchmal entsetzliche Warnungen vor dem Höllenfeuer an auffällige öffentliche Orte schrieb, um Arbeiter zu ermutigen, ihren schlechten Lebensweg zu ändern.(3) Doch er war noch ein Teenager, als er und sein Vater begannen, in religiöser Hinsicht etwas freier" zu werden. Charles schloß sich der Kongregationalistenkirche am Ort an, die weniger streng war als die Presbyterianer, und Joseph begann, sich für den Adventismus zu interessieren.(4) Dann, als er gerade sechzehn Jahre alt war, wurde er im Glauben erschüttert und begann an vielen bis dahin akzeptierten Lehren zu zweifeln". Wie so viele nachdenkliche Jugendliche wurde er ein Opfer der Logik des Unglaubens". Als er versuchte, einen Ungläubigen" zu bekehren, war er nicht in der Lage, seine Glaubensansichten mit Erfolg zu verteidigen, und verlor den Glauben an die Bibel. Dennoch betete er weiterhin zu Gott und betrieb seine Suche nach Wahrheit.

Warum der fromme junge Mann erschüttert wurde, scheint nicht schwer verständlich zu sein. Wie seine frühesten Schriften zeigen, wurde er sehr stark von dem rationalistischen Geist seiner Zeit erfaßt, und seit seiner späten Jugend sollte er niemals aufhören zu fragen, wie ein allgütiger Gott Sünder mit den ewigen Qualen eines Höllenfeuers bestrafen konnte. Doch ebenso wichtig war ohne Zweifel auch, was Russell gegenüber dem Allmächtigen empfand. Gott war für ihn in einem herausragenden Sinne ein Vater, und da immer eine solch herzliche, liebevolle Beziehung zu seinem leiblichen Vater Joseph Russell bestanden hatte, konnte er sich den Herrn Jehova nie anders vorstellen denn als eine barmherzige Gottheit.
Irgendwann im Jahre 1869 hielt der Adventistenprediger Jonas Wendell in einem staubigen, schmuddeligen Saal" in Allegheny, Pennsylvania, einen Gottesdienst ab. Russell geriet zufällig in die Versammlung, und er blieb und hörte zu. Das Ergebnis war, daß sein Glaube an die Bibel wiederhergestellt wurde. Doch er wurde damals und nach seiner Ansicht auch später kein Adventist. Fast unmittelbar darauf nahm er Kontakt zu mehreren Freunden auf, und sie fingen an, mit ihm die Bibel zu studieren. Unter seiner Leitung bildete sich eine Bibelstudiengruppe, die allmählich zu einer eigenständigen Bewegung werden sollte.

Man hat den Vorstellungen und Lehren Russells viel Aufmerksamkeit gewidmet; doch überraschend wenig galt davon ihren Quellen, weder von seiten seiner Freunde noch seiner Gegner. Die Gründe dafür sind etwas komplex. Weil viele seiner Anhänger in ihm den treuen und klugen Knecht" nach Matthäus 24:45-47 und den Boten aus Laodicäa"(5) sahen, betonten sie mehr seine eigene Rolle als Religionsführer, als zu sehen, was er seinen Vorgängern verdankte. Umgekehrt waren die Kritiker ängstlich bemüht, seine Lehren so darzustellen, als stände hinter ihnen keine beachtenswerte Tradition. So haben sie es auch versäumt, die Ursprünge seines Denkens auszuloten. Überdies waren die Zeugen Jehovas selbst so sehr damit beschäftigt, in Erwartung des Weltendes Jünger zu machen, daß sie wenig Zeit oder Lust hatten, den eigenen Wurzeln nachzuspüren, wenn es dabei nicht auch um krasse Eigenwerbung ging.(6) Doch zumindest Russell selbst nannte einige der Männer und Bewegungen, denen er Dank schuldete, weil sie ihm auf dem Weg zu jenem Lehrgebäude geholfen hatten, das er über einen Zeitraum von fünfundvierzig Jahren entwickelt hatte.

Er wies offen darauf hin, daß er den Adventisten und anderen Gemeinschaften Dank schulde", und erwähnte zwei Männer, George Stetson und George Storrs, die ihm geistig Beistand geboten hatten. Über die Zeit von 1869 bis 1872 sagte er: Das Studium des Wortes Gottes mit diesen lieben Brüdern führte Schritt für Schritt zu immer heller leuchtenden Hoffnungen für die Welt, obwohl ich erst 1872 eine deutliche Erkenntnis des Werkes unseres Herrn als unserem Loskaufspreis erhielt, daß ich Kraft und Grund aller Hoffnung auf Wiederherstellung in dieser Lehre sah."(7)

Wer waren nun Stetson und Storrs, und worin lag ihr Beitrag zu seinem Denken? Die Antwort auf den ersten Teil der Frage ist: Beide waren seit langem mit den Second Adventists" verbunden. Stetson war adventistischer Geistlicher,(8) während Storrs(9)einer der Hauptgründer der Life and Advent Union gewesen war. Beide waren jedoch unabhängig gesinnt, und kurz nachdem Russell und seine Freunde ihr Bibelstudium begannen, brach Storrs alle Brücken zur Union ab.


George Storrs

Von den beiden Männern, die einen Einfluß auf Russell hatten, war George Storrs bei weitem der wichtigere. Im Jahre 1796 in Lebanon, New Hampshire, geboren, wuchs er wie Russell in einer streng calvinistischen Umgebung auf. Im Alter von neunundzwanzig Jahren jedoch konvertierte er zum Methodismus und wurde später als Geistlicher der methodistischen Episkopalkirche ordiniert. Schließlich wurde er in seiner Position unhaltbar, als er in den 1830er Jahren ein ausgesprochener Gegner der Sklaverei in den Vereinigten Staaten wurde. 1840 trat er aus der Kirche aus.

Wichtiger war, daß er 1837 eine Abhandlung des Diakons" Henry Grew(10) las, einem gebürtigen Engländer und früheren Baptistenpastor aus Philadelphia. Diese Abhandlung führte ihn zum Glauben an den sogenannten Konditionalismus",(11) die Vorstellung, daß der Mensch keine unsterbliche Seele hat, sondern daß er das ewige Leben unter der Bedingung erhält, daß er es als eine Gabe Gottes durch Christus annimmt. In der Folge wurde Storrs der herausragendste Befürworter des Konditionalismus in Amerika, oder des Annihilationismus",(12) wie er manchmal bezeichnet wurde, sowie der Lehre, daß die Toten kein Bewußtsein haben oder bis zu ihrer Auferstehung schlafen. Im Jahre 1841 veröffentlichte er An Enquiry: Are the Souls of the Wicked Immortal? In Three Letters (Haben die Bösen eine unsterbliche Seele?) und im darauffolgenden Jahr eine erweiterte Fassung desselben Themas An Enquiry: Are the Souls of the Wicked Immortal? In Six Sermons. Bedeutsamerweise waren um 1880 in den Vereinigten Staaten und Großbritannien fast 200.000 Exemplare im Umlauf.(13)

Im Jahre 1842 kam Storrs auch mit der von William Miller, einem Baptisten aus den Neuenglandstaaten, geleiteten Bewegung in Verbindung. Miller war aufgrund seiner Berechnung der Bibelchronologie" überzeugt, daß Christus irgendwann zwischen März 1843 und März 1844 wiederkehren würde. Storrs wurde darauf ein wichtiger Unterstützer der Millerschen Eschatologie und verkündete in den Jahren 1843 und 1844 weit und breit die erhoffte Wiederkehr. Als Christus nicht erschien, wie es Miller vorhergesagt hatte, prüften seine Anhänger seine Berechnungen noch einmal und schlugen vor, Christus käme mit den Wolken im Oktober 1844. Als sich auch zu diesem Zeitpunkt keine Wiederkehr ereignete, verließ Storrs die Bewegung Millers. Er war zu dem Schluß gekommen, er und andere seien durch Millers emotionales Auftreten gefangengenommen worden. Überdies lehnten William Miller und gewisse herausragende Führer seiner Bewegung Storrs Lehre des Konditionalismus ab. Doch wie dem auch sei, Storrs Verbindung zu den Anhängern Millers und ihren Nachfolgern, den verschiedenen Gruppen des Second Advent, führte dazu, daß eine Reihe von adventistischen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts den Konditionalismus annahmen: die Adventistenkirche, die Siebten-Tag-Adventisten, die Life and Advent Union, die Weltweite Kirche Gottes und vielleicht die Christadelphianer.(14) Während seiner Zugehörigkeit zu den Milleriten im Jahre 1843 fand Storrs ein Blatt mit dem Namen Bible Examiner, das ab 1847 regelmäßig herausgegeben werden sollte. Sein Grundthema kam in seinem Motto zum Ausdruck: Keine Unsterblichkeit, kein ewiges Leben, wenn nicht durch Jesus Christus." Bis 1863 war der Bible Examiner so einflußreich geworden, daß seine Abonnenten zusammen mit Storrs die Life and Advent Union bildeten. Man bat ihn darauf, ein wöchentlich erscheinendes Blatt herauszugeben, The Herald of Life and the Coming Kingdom. Der Examiner stellte dann sein Erscheinen ein.


Im Jahre 1871 brach er mit der Life and Advent Union. Zuvor hatte er geglaubt, beim Tode eines Menschen werde unabänderlich festgelegt, was mit ihm geschehe, ohne in Betracht zu ziehen, daß er in seinem Leben vielleicht nie die Gelegenheit hatte, Gott kennenzulernen. Nun ließ er diese Ansicht fallen und lehrte, allen Menschen, die ohne die Erkenntnis Christi gestorben seien, werde nach ihrer irdischen Auferstehung die Gelegenheit gegeben, den Wert seines Opfer für sie kennenzulernen, und wenn sie daran glaubten, erhielten sie ewiges Leben in einem wiederhergestellten Paradies auf Erden. Seine Mitgläubigen in der Life and Advent Union lehnten diese Position ab, und Storrs ließ den Bible Examiner wieder aufleben.

Etwa um diese Zeit hörte Russell von Storrs, und es ist recht offensichtlich, daß Storrs vieles zu dem Denken des jungen Pennsylvaniers beitrug. Wenn man sich den Bible Examiner näher ansieht, wird deutlich, daß Russell die Lehren von Christi Loskaufsopfer und der Wiederherstellung der Menschheit in einem irdischen Paradies direkt bei Storrs und seinen Mitverbundenen(15) kennenlernte -- sowie natürlich die Lehre des Konditionalismus. Es wird auch deutlich, daß die Praxis, das Abend- oder Gedächtnismahl einmal im Jahr zum angenommenen Zeitpunkt des jüdischen Passahfestes am 14. Nisan zu begehen, wie es Jehovas Zeugen heute tun, durch Russell vom Herausgeber des Bible Examiner übernommen wurde.(16) Und schließlich mögen auch Russells negative Gefühle gegenüber Kirchen und religiösen Organisationen direkt von Storrs herrühren. Doch er nahm nicht auch seine gleichfalls negative Haltung gegenüber weltlichen Mächten, gegenüber der Teilnahme an Wahlen oder dem Militärdienst ein. Wenn Jonathan Butler Storrs als einen apolitischen, apokalyptischen" Adventisten beschreibt, so irrt er damit.(17) Tatsächlich wandte sich Storrs in The Herald of Life and the Coming Kingdom ständig gegen den Pazifismus und unterstützte aufgrund seines Hasses der Sklaverei die Unterdrückung der Konföderiertenstaaten durch die Unionistenheere im amerikanischen Bürgerkrieg.(18)


Russell und The Object and Manner of Christ's Return

Man sollte nun nicht meinen, daß Russell und seine Anhänger in den Jahren 1869 bis 1875 ihre Ideen einfach von Storrs und Stetson übernommen hätten. Russell war ein begeisterter Schüler und begann, sein eigenes Lehrgebäude zu entwickeln, basierend auf einer genauen Untersuchung der Heiligen Schrift, verschiedener Bibelkommentare und Vorstellungen, die in vielen Gruppen des amerikanischen Protestantismus im 19. Jahrhundert üblich waren. Zum Beispiel folgte er Dr. Joseph A. Seiss, einem bekannten lutherischen Pastor und Herausgeber der Prophetic Times (1863-1881), der herausragendsten millenaristischen Zeitschrift in den Vereinigten Statten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, indem er wie dieser glaubte, Jesus sei im Geist und nicht im Fleisch auferweckt worden.(19) Und als er den Emphatic Diaglott, eine Interlinearübersetzung der Griesbachschen Rezension des Neuen Testamentes von Benjamin Wilson, einem Mitglied der Church of God (Abrahamic Faith), untersuchte, stellte er fest, daß das griechische Wort parousia, das in der King-James-Version mit Kommen" wiedergegeben wird, oft genauer Gegenwart" bedeutet. So kam er zu der Auffassung, daß Christus in der Endzeit, unmittelbar vor seiner Offenbarung in vernichtendem Zorn in der Schlacht von Harmagedon, unsichtbar gegenwärtig sein werde. Damals hatten nur seine treuen Anhänger davon Kenntnis. Daher ließ Russell Mitte der 1870er(20) Jahre 5.000 Exemplare einer kleinen Flugschrift, betitelt The Object and Manner of Our Lord's Return(Der Zweck und die Art und Weise der Wiederkunft des Herrn), drucken und verteilen, um seine Vorstellungen bekanntzumachen.

Einige der Gedanken in The Object and Manner waren im evangelikalen Protestantismus des 19. Jahrhunderts zu weiten Teilen bekannt. Beispielsweise rekurrierte er direkt auf die Bibelkommentare von Adam Clarke und Sir Isaac Newton,(21) denen er die historistische Standardauslegung(22) des Buches Offenbarung entnahm. Viele weitere seiner Vorstellungen scheinen direkt George Storrs Adventismus entnommen zu sein. Doch die wichtigsten Ideen in The Object and Manner stammten nicht aus den von Russell angegebenen Quellen. In einem dreiteiligen Artikel, der vor einigen Jahren in The Bible Examiner erschien,(23) zeigt Carl Olof Jonsson eindeutig, daß es in Großbritannien und Amerika viele weitere Personen gab, die an die sogenannte Lehre der zweistufigen Wiederkehr" glaubten; die Idee, daß vor Christi Offenbarwerden am Ende der gegenwärtigen Welt seine unsichtbare Gegenwart stände, und die Lehre einer unsichtbaren Entrückung der Heiligen während seiner Gegenwart oder parousia -- alles Gedanken, die in The Object and Manner vorgestellt werden. In der Tat zeigt Jonsson sehr schlüssig, daß diese Vorstellungen ihren Ursprung im Jahre 1828 bei Henry Drummond haben, einem bekannten britischen Evangelikalen, der zusammen mit Edward Irving Gründer der katholisch-apostolischen Kirche oder Irvingianer war. Später jedoch wurden viele der Vorstellungen Drummonds popularisiert und in Großbritannien und den Vereinigten Staaten verbreitet -- von John Nelson Darby von der Plymouth-Bruderschaft (der in enger Verbindung mit Drummond und Irving stand); von Reverend Robert Govett, einem anglikanischen Geistlichen; und in den 1860er und 1870er Jahren durch den Rainbow, eine wichtige britische millenaristische Zeitschrift, die 1886 und 1887 von dem bekannten Bibelübersetzer Joseph B. Rotherham herausgegeben wurde. Zusätzlich wurden Drummonds Lehren von Dr. Joseph Seiss aufgenommen. Jonsson kommt daher zu dem Schluß, daß Russell die zentralen Vorstellungen, die in The Object and Manner of Our Lord's Return erscheinen, höchstwahrscheinlich von diesen millenaristischen Vorgängern, insbesondere von Seiss, geborgt hat. Jonsson sagt: Es ist ganz offensichtlich, daß Russells Ansicht von Christi unsichtbarer Wiederkunft und seiner Gegenwart nicht von ihm selbst stammt, sondern daß er sie von anderen übernahm. Obwohl es sich nicht mit absoluter Gewißheit sagen läßt, weisen die verfügbaren Fakten deutlich darauf hin, daß er hier die Ansichten von Dr. Seiss plagiierte."(24)

Dr. Nelson H. Barbour und The Three Worlds

Im Januar 1876 kam Russell mit dem Herald of the Morning in Kontakt, der in Rochester, New York, von Dr. Nelson H. Barbour herausgegeben wurde, einem unabhängigen Adventistenprediger, der auch ein Anhänger Millers und ein Gefährte von George Storrs gewesen war. Barbour war mit dem Kreis verbunden gewesen, dem auch Jonas Wendell angehört hatte. Wie Wendell benutzte er eine Chronologie, nach der im Jahre 1873 6.000 Jahre seit der Erschaffung Adams vergangen waren.

Im Herald of the Morning waren Barbour und ein Mitarbeiter, John H. Paton, weit über Wendell und seine Anhänger hinausgegangen, die ursprünglich geglaubt hatten, im Jahre 1873 ereigneten sich die Wiederkunft Christi und die Vernichtung der Erde im Feuer. Als nichts Sichtbares in jenem Jahr geschehen war, waren sie zuerst ziemlich verwirrt, bis B. W. Keith,(25)ein Leser des Herald, entdeckte, daß Benjamin Wilson parousia mit Gegenwart" übersetzte. Wie schon Russell begannen nun auch Barbour und Paton an die Vorstellung einer unsichtbaren Gegenwart Christi zu glauben, von der sie meinten, sie habe pünktlich im Jahre 1874 begonnen.

Russell, der früher die adventistische Chronologie und das Festsetzen von Zeitpunkten abgelehnt hatte -- so wie Storrs nach 1844 --, übernahm nun die Kosten, damit Barbour nach Philadelphia zu einem Treffen kommen und ihm wenn möglich vollständig und anhand der Schrift zeigen konnte, daß die Prophezeiungen auf 1874 als dem Jahr hinwiesen, in dem die Gegenwart des Herrn und die 'Ernte' begann." Der damals gerade einmal vierundzwanzigjährige Kaufmann sagte später: Er kam, und seine Beweisführung befriedigte mich."(26) Wieder einmal war Russell von den rationalistischen Vorstellungen beeindruckt.

Mehrere wichtige Entwicklungen folgten nun unmittelbar darauf. Russell gab dem Herald of the Morning seine finanzielle Unterstützung; er gab Barbour Geld, damit er ein Buch über ihre Glaubensansichten zum Ende dieser Weltzeit schreiben konnte; und er beschnitt gewisse geschäftliche Aktivitäten, um herumzureisen und zu predigen, während Barbour schrieb und die Schriften herausgab. Kurze Zeit später ließ Russell gemäß seinen Aufzeichnungen Paton kommen, damit er sich ihm beim Predigen anschließe -- auch diese Kosten bestritt er. So begann eine kurze, aber wichtige gemeinschaftliche Tätigkeit.

Die Zeitangaben, die Barbour Russell erklärte, wurden im Frühjahr 1877 in dem Buch Three Worlds and the Harvest of This World (Drei Welten und die Ernte dieser Welt) niedergelegt; dem Buch, das zu schreiben Russell Barbour ermutigt hatte. Obwohl es die Namen beider Männer als Autoren trug, wurde es vollständig von Barbour zusammengestellt.(27) Daher enthielt Three Worlds mit seiner ausgearbeiteten Chronologie, den prophetischen Spekulationen und der Eschatologie einige seiner Ursprungsgedanken und dazu noch Vorstellungen, die aus anderen Quellen stammen. Unter anderem verwendete er weiter die Jahr-Tag-Regel(28) zur Auslegung zahlreicher Prophezeiungen; er akzeptierte auch die Vorstellung von einem 360 Tage dauernden prophetischen Jahr"(29) und eine historistische Auslegung des Buches Offenbarung. Was noch bedeutsamer ist, er machte großzügigen Gebrauch von den chiliastischen Untersuchungen einer Reihe von Autoren des 19. Jahrhunderts, um ein System aufzustellen, das erstaunliche biblisch-mathematische Entsprechungen" zeigte; eine Tatsache, die Russell sehr beeindruckte und seither viele Tausende dazu veranlaßt hat, Barbours System anzunehmen.

Was waren nun die wichtigsten Aspekte im Plan der Erlösung", wie er in Three Worldsdargelegt wird? Erstens, wie der Titel des Werkes besagt, sah Barbour die Geschichte in drei Hauptperioden oder Welten" eingeteilt, dazu noch eine Anzahl von Aufteilungen innerhalb dieser Welten. Doch das war an sich noch nicht wichtig. Was vielmehr von Bedeutung war, war seine Schlußfolgerung, man könne die Daten der verschiedenen Zeitalter aus der biblischen Chronologie und Prophetie berechnen und damit Gottes Zeitplan für Christi Wiederkehr, die Entrückung der Heiligen und die Wiederherstellung der Erde zu einem edengleichen Paradies bestimmen.

Barbour hatte keine Zweifel daran, daß Bischof James Usher, dessen Chronologie damals als Randbemerkungen in der King-James-Bibel abgedruckt war, sich mit den Berechnungen des Alters der Menschheit vertan hatte. Er hatte 124 Jahre nicht berücksichtigt.(30) Ohne wegen der Schwierigkeiten der biblischen (und weltlichen) Chronologie mit der Wimper zu zucken, schrieb Barbour: Ein Abend mit der Bibel, mit Bleistift und Papier und dazu die feste Entschlossenheit, in Erfahrung zu bringen, was sie lehrt, wird dich in die Lage versetzen, das ganze Thema zu meistern und selbst nachzurechnen." Mit dieser Methode berechnete er einfach, daß 6.000 Jahre Menschheitsgeschichte im Herbst 1873 geendet hatten, und sagte dann, ein Morgen der Freude" stände der Menschheit unmittelbar bevor. Da gemäß dem Psalmisten beim Herrn ein Tag wie tausend Jahre sei, seien bisher sechs Tage" vergangen. Der siebte, das Millennium, werde ein großer Sabbat der Wiederherstellung.(31) Ebenso wichtig war die Vorstellung von zwei Bünden -- im jüdischen und im Evangeliumszeitalter. Mit dieser simplen Arithmetik errechnete Barbour die Dauer des jüdischen Zeitalters, von dem er meinte, es habe 1.845 Jahre umspannt, angefangen mit dem Tode Jakobs bis zum Tode Christi im Jahre 33 n.Chr. Dann argumentierte er weiter anhand seiner Auslegung von Jesaja 40:1, 2 in der King-James-Version, wo es heißt (Wiedergabe nach Luther): Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott; redet mit Jerusalem freundlich und prediget ihr, daß ihre Dienstbarkeit [bestimmte Zeit] ein Ende hat, denn ihre Missetat ist vergeben; denn sie hat Zwiefältiges empfangen von der Hand der Herrn für alle ihre Sünden." Also, sagte er, muß das Evangeliumszeitalter ein Zwiefältiges" des jüdischen und ebenso lang sein. Mit dem Tod Christi beginnend, mußte, so glaubte er demnach, das Evangeliumszeitalter im Jahre 1878 enden.(32)

Da weiter die beiden Zeitalter in jeder Hinsicht parallel verliefen und die letzten dreieinhalb Jahre des jüdischen Zeitalters ab der Taufe Christi bis zu seiner Kreuzigung eine Erntezeit" gewesen waren, muß dasselbe auch für den Zeitraum von Herbst 1874 bis Frühjahr 1878 gelten. Barbour wartete deshalb auf die Entrückung der Heiligen in dem letztgenannten Jahr. So sicher war er sich dessen, als er im Jahr 1878 Three Worlds verfaßte, daß er schrieb: Wenn du den Geist eines kleinen Kindes hast, dann nimm bitte ein großes Stück Papier und einen Bleistift und fange mit 1.Mose 5:3 an. Ich möchte dich drängen, denn ein paar Monate noch und 'die Ernte ist vorbei und der Sommer zu Ende.'"(33)

Um seine Argumente noch weiter zu untermauern, griff er den sogenannten Jubeljahrzyklus auf. Unter dem mosaischen Gesetz war jedes fünfzigste Jahr ein Jahr, in dem Besitztum, persönlich erworben oder von den Vorfahren überkommen, seinem Eigentümer oder dessen Erben zurückgegeben werden mußte. Auch Sklaven mußten freigelassen werden. Daher sah Barbour im Jubeljahr ein Vorbild für Gottes großen Tag der Wiederherstellung -- das Tausendjahrreich. Aber er sah in ihm auch eine Bedeutung für den Anfang des Millenniumzeitalters. Hätte man die Jubeljahre seit dem jüdischen Zeitalter bis zu seiner Zeit weiterhin gefeiert, dann wäre nach Barbour das Jahr 1875 ein Jubeljahr gewesen; beginnend am 6. April, um genau zu sein.(34)

Als Barbour sein System entwickelte, stand er stark unter dem Einfluß seines alten Mentors William Miller und nahm einige der Gedanken Millers in sein System auf. Beispielsweise glaubte er wie viele andere, daß die Zeit, Zeiten und eine halbe Zeit" aus Offenbarung 12:14 im Jahre 1798 geendet hätten und daß die 2.300 Tage (Jahre) aus Daniel 8:14 1843 zu Ende gegangen seien. Der Fehler [Millers und] der 1843er Bewegung lag nicht in dem Argument, daß die 'Tage' zu jener Zeit geendet hätten, sondern in der Annahme, das sei die ganze Deutung der Vision."(35) Doch so wichtig Millers Vorstellungen auch für Barbour waren, sie waren nicht wichtiger als die des Engländers John Aquila Brown.(36)

Der vielleicht bedeutendste Aspekt in den prophetischen Auslegungen in Three Worlds, an dem Jehovas Zeugen großenteils immer noch festhalten, ist die Berechnung der in Lukas 21:24 erwähnten Heidenzeiten". Dies war etwas, das Russell faszinierte. Sofort als er darüber von Barbour erfuhr, veröffentlichte er einen Artikel im Bible Examiner vom Oktober 1876, der den Titel trug: Gentile Times: When Do They End?" (Die Heidenzeiten: Wann enden sie?).(37)So ließ Russell diese Auslegung tatsächlich als seine eigene erscheinen, noch ehe Three Worlds veröffentlicht wurde. Doch in Wirklichkeit stammte das Berechnungssystem der Heidenzeiten weder von ihm noch, wie oft geglaubt wird, von Barbour.
Es war John A. Brown, der zuerst in einem Buch namens Even-Tide, herausgegeben 1823 in London, erklärte, was er als Schlüssel zur Bestimmung der Länge dieser Zeit ansah. Was er postulierte, war, daß das Vorbildkönigreich Juda im Jahre 604 v.Chr. unter heidnische Vorherrschaft gefallen war. Danach gäbe es keine göttliche Regierung auf der Erde, bis die Herrschaft von vier großen Reichen -- Babylon, Medo-Persien, Makedonien und Rom -- abgelaufen sei. Dann würde Christus als Erbe Davids in Jerusalem herrschen. Doch wie lang sollte es dauern, bis die Reiche vergangen wären? Brown fand, was er als Antwort ansah, in Daniel, Kapitel 4.

Nach diesem Kapitel sah Nebukadnezar, der babylonische König, in einem Traum einen großen Baum. Auf göttlichen Befehl hin wurde der Baum umgehauen und ein Band um seinen Wurzelstock gelegt. Er durfte nicht wieder austreiben, ehe sieben Zeiten" vergangen waren. Daniel bezog den Traum bei seiner Deutung direkt auf Nebukadnezar, der sieben Zeiten (Jahre?) des Wahnsinns durchmachen sollte, ehe er wieder auf den Thron steigen konnte. Doch Brown sah in Nebukadnezar ein Vorbild für die Menschheitsfamilie. Vor seinem Wahnsinn stellte er die jüdische Theokratie dar, während des Wahnsinns betrachtete er ihn als Vorbild für die wilden Tieren gleichen" Heidennationen und nach seiner Genesung, glaubte Brown, war er ein Vorbild für das messianische Königreich Jesu Christi.

Um diese sieben Zeiten" zu berechnen, argumentierte Brown, sie stellten sieben Jahre von je 360 prophetischen Tagen dar. Er griff die Jahr-Tag-Regel auf und multiplizierte 360 Tage einfach mit sieben. So kam er auf eine Zeitspanne von 2.520 Jahren. Schließlich rechnete er diese 2.520 Jahre ab dem Jahr 604 v.Chr. und kam auf 1917 n.Chr., was er als den Zeitpunkt des Endes der sieben Zeiten bezeichnete.(38)

Barbour kam zu dem Schluß, daß Brown den Beginn der sieben Zeiten, die er als die Heidenzeiten ansah, zwei Jahre zu spät angesetzt hatte. Er glaubte, daß sie mit dem Jahr begonnen hätten, das er für den Zeitpunkt der Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar hielt. Statt also 1917 n.Chr. als das Ende dieser Zeiten zu betrachten, rechnete er etwas anders und kam auf den Herbst 1914 als ihren Endpunkt.(39) In diesem Jahr käme Christi Königreich zur vollen Herrschaft über die Erde, und die Juden als Volk würden wieder unter Gottes Gunst stehen. In der Zeit von der Niederschrift von Three Worlds bis zum Jahr 1914 erwartete Barbour viele Ereignisse. Neben der Entrückung der Heiligen würde, so glaubte er, die Welt Zeuge von Unruhen, wie es sie vorher nie gegeben hatte.(40)

Barbour war von seinem eigenen System sehr beeindruckt. Er stellte fest, er sei nicht gewillt einzuräumen, daß die Berechnung auch nur um ein Jahr falsch liege." Es gab für ihn ein ganzes Geflecht von Beweisen":

Viele Argumente, eigentlich sogar die meisten, gründen sich nicht auf die Jahr-Tag-Regel und einige nicht einmal auf die Chronologie. Und doch besteht Harmonie zwischen ihnen allen. Wenn man ein schwieriges mathematisches Problem gelöst hat, mag man wohl daran zweifeln, ob man nicht vielleicht einen Rechenfehler gemacht hat. Wenn man das Problem aber auf sieben verschiedene Weisen gelöst und in jedem einzelnen Fall dasselbe Ergebnis erhalten hat, wäre man dumm, wenn man an der Richtigkeit des Ergebnisses zweifelte.(41)

Selbst George Storrs, der solchem Festsetzen von eschatologischen Zeitpunkten lange feindlich gegenüberstand, betrachtete Barbours Chronologie als die beste, die ich jemals gesehen habe." Obwohl er klarstellte, daß er nicht den Schlußfolgerungen zustimmen konnte, zu denen Barbour gelangt war, wies er darauf hin, daß er selbst keinerlei Aufstellung habe, um sie zu widerlegen.(42) Und kein Wunder. Denn jeder, der im Amerika des ausgehenden 19. Jahrhunderts lebte und von den sogenannten mathematischen Beweisen" zu beeindrucken war, hätte Three Worlds als wichtige prophetische Studie angesehen, wenn er denn die Ausdauer gehabt hätte, das Buch zu lesen. Timothy White bemerkt zu Barbours System, das von Russell praktisch ohne Änderung übernommen wurde: Russells chronologische Muster, seine Vorhersagen und Parallelen reichen, um die eigenen Vorstellungen zum Schwanken zu bringen. Die Jahreszahlen 1799, 1874 und 1914 sind jede für sich das Ergebnis mehrerer völlig voneinander unabhängiger Berechnungsmethoden. Das gesamte System wird dadurch sehr harmonisch und ausgeglichen."(43)

Three Worlds ist daher ein sehr wichtiges Werk. Tatsächlich enthält es die meisten der Gedanken, die Russell und seine Mitverbundenen während der nächsten vierzig Jahre verbreiten sollten. Selbst heute noch werden viele der darin enthaltenen Vorstellungen von den Zeugen Jehovas gelehrt -- wenn auch häufig, aber nicht immer, in erheblich abgewandelter Form. So war und ist also Barbour, dem in den Standardgeschichtsbüchern(44) der Zeugen höchsten ein paar im allgemeinen feindselig formulierte Absätze gewidmet werden, der Hauptlieferant ihres gesamten Lehrgebäudes.


Frühe Schismen: 1878 und 1881

Barbour, Russell und Paton waren eine kurze Zeit vereint, um die in Three Worldsdargelegten Gedanken zu predigen und zu veröffentlichen. Russell begann schnell damit, Menschen zu bekehren, darunter A. D. Jones, einen seiner Angestellten, und A. P. Adams, einen methodistischen Geistlichen aus einem der Neuenglandstaaten. Doch bald schon gab es Probleme. Die kleine Gruppe von Adventisten, die keinen Namen hatte, erwartete nach den Lehren in Three Worlds, daß sie im Frühjahr 1878 als Christi erwählte Heilige in den Himmel aufgenommen würden. Als das nicht geschah, machten sich Ernüchterung und Spaltung breit.

Russell blieb gegenüber den in Three Worlds niedergelegten Lehren loyal, während Barbour einen anderen Kurs einschlug. Russell entwickelte die Erklärung, daß diejenigen, die ab 1878 im Herrn sterben, nicht in ihren Gräbern ruhen, sondern eine sofortige Auferstehung erleben würden; deshalb, so glaubte er, sei 1878 ein gekennzeichnetes Jahr. Doch Barbour weigerte sich, diese Erklärung anzunehmen, und fing an, ein ganz neues System von Zeitpunkten festzulegen.(45) Überdies nahm er eine Haltung zum Wesen des Sühnopfers im Gegensatz zu der von Russell und Paton ein. Russell sagte dazu: Kurz danach schrieb Mr. Barbour einen Artikel für den Herald, in dem er die Lehre vom Sühnopfer in Abrede stellte -- er leugnete, daß Christi Tod der Loskaufspreis für Adam und sein Geschlecht sei; er sagte, daß Christi Tod nicht mehr der Sühnepreis für die Sünden der Menschen sei, als betrachteten Eltern das Durchstoßen einer Stecknadel durch den Körper einer Fliege und die folgende Qual und ihren Tod als Preis für die Missetaten ihres Kindes."(46)

Russell lehnte Barbours neue Haltung ab, und darauf folgte die Spaltung. Barbour war ein ausgesprochen stolzer, ernsthafter Mann, und er war sicher das herausragendste Mitglied der kleinen Gemeinschaft gewesen, die sich 1876 gebildet hatte. Doch Russell war entschlossen, sich von ihm in einer, wie er dachte, grundlegenden Lehre zu unterscheiden. Es ließ sich auf eine öffentliche Diskussion wegen Barbours Haltung zum Sühnopfer ein und erhielt von Paton Unterstützung in einem Artikel, der im Dezember 1878 im Herald veröffentlicht wurde. Anfang des Jahres 1878 wurde der Riß zwischen Barbour -- mit A.P. Adams in seinem Lager -- sowie Russell und Paton vollständig. Russell beschuldigte Barbour, Geld zurückzuhalten, das er (Russell) hinterlegt hatte, und es als sein eigenes anzusehen. Dann, als Russell eine neue Zeitschrift gründete, Zion's Watch Tower and Herald of Christ's Presence (Zions Wachtturm und Verkündiger der Gegenwart Christi), goß Barbour die gemeinsten persönlichen Beleidigungen über den Herausgeber des TOWER aus."(47) Was folgte, war eine Schlacht zwischen ehemaligen Mitverbundenen um die Unterstützung ihrer Abonnenten, denn ihr Leserkreis war derselbe.(48) Damals diente Paton, wie Russell, als Führer derer, die mit Barbour gebrochen hatten. Russell drängte ihn, ein Buch mit dem Titel Day Dawn zu schreiben, das Three Worlds ersetzen sollte, und A.D. Jones sagte zu, es herauszugeben. Es war jedoch in erster Linie Russell, der den Streit mit Barbour fortführte, und er schrieb ein kleines Buch mit dem Titel Tabernacle Teachings als Antwort auf einige kritische Äußerungen Barbours auf seine Lehren.

Paton widersprach keiner der Ideen Russells öffentlich; augenscheinlich war er ein viel versöhnlicherer Mann als Barbour. Aber auch er begann bald, Artikel zu schreiben, die Russell als ein Leugnen der Lehre vom Sühnopfer ansah. Folglich weigerte er sich 1881, noch einen Artikel Patons zu veröffentlichen, und die beiden trennten sich voneinander mit einer gewissen Bitterkeit.(49)

So war 1881 von den fünf Hauptverbundenen, die zu den Lehren in Three Worldseindeutig Stellung bezogen hatten, nur noch A.D. Jones in Gemeinschaft mit Russell; und auch diese Verbindung war nicht von Dauer. Mit dem Segen Russells gründete Jones in New York City eine Zeitschrift namens Zion's Day Star. Innerhalb eines Jahres lehnte auch er Russells Theorie des Loskaufsopfers ab und sollte, so Russell, schließlich die Bibel selbst von sich weisen.(50)
Russells unabhängige Geistlichentätigkeit

Man kann wohl sagen, daß Russell, noch ein junger Mann von nicht einmal dreißig Jahren, nicht etwa deshalb die Führung über Personen übernahm, die seine Lehren unterstützten, weil das sein Wunsch war, sondern vielmehr, weil er sich gedrängt sah, eine Verteidigungslinie vor der seiner Meinung nach grundlegenden christlichen Lehre aufrechtzuerhalten -- die Theorie vom Loskauf durch ein Sühnopfer, genauer: das stellvertretende Sühnopfer. Weiterhin war er entschlossen, an Barbours Chronologie festzuhalten, auch als dieser selbst schon bestimmte Teile davon aufgegeben hatte. Er schien damals zwar keine bestimmten großen Visionen gehabt zu haben, doch meinte er, daß Gott ihn in eindeutiger Weise leitete und führte.

Daß er, zumindest in den Jahren von 1879 bis Ende 1881, nicht den Wunsch auf lange Sicht hatte, sich als ein neuer amerikanischer Prophet oder Gründer einer neuen Religion zu etablieren, wird aus seiner mit kurzen Zeiträumen rechnenden Eschatologie ersichtlich. Wieder ging er davon aus, daß die höhere Berufung" oder Ernte der angeblich erwählten 144.000 Heiligen" aus Offenbarung, Kapitel 7 und 14, im Jahre 1881 enden würde. Dabei stützte er seine Schlußfolgerungen auf Barbours Chronologie. Im Mai 1881 schrieb er: Die Gunst, die diesen Herbst endet, ist die, in die Brautklasse [die 144.000] einzugehen. Wir glauben, daß die Tür der Gunst jetzt offen ist und daß jeder, der alles weiht und hingibt, zur Hochzeit kommen und Glied der Braut werden kann; daß mit diesem Jahr die Gemeinschaft als vollständig angesehen und die Tür zu dieser hohen Berufung (nicht die Tür zur Gnade) für immer geschlossen wird."(51)
Melvin Curry schreibt: Die Wirkung dieser kurzzeitigen Vorhersage war eine zweifache: sie diente dazu, die Aufmerksamkeit der Bibelforscher von der Enttäuschung des Jahre 1878 abzulenken, und sie gab den Impuls zu mehr evangelistischer Tätigkeit."(52) Doch Russell war es zweifellos mit dem Glauben daran ernst. Denn er sagte auch voraus, daß bis zum Jahr 1881 die Kirchen (Babylon) auseinanderbrechen würden, und noch wichtiger, er erwartete, daß in jenem Jahr die Entrückung der Heiligen -- zu denen er sich selbst zählte -- stattfände.(53) Statt über die nächsten dreieinhalb Jahrzehnte eine größere evangelistische Kampagne zu planen, erwartete er, beim Herrn im Himmel zu sein.
Tatsächlich führte er im November 1880 unter seinen Anhängern fast eine Krise herbei", als er vorschlug, daß die Entrückung oder Verwandlung" für Menschen aus Fleisch und Blut unsichtbar wäre, so wie Er [Christus] und auch die Engel unsichtbar sind."(54) In der Dezemberausgabe von Zion's Watch Tower schrieb er über die Verwandlung:
Wenn wir nun Schriftstelle um Schriftstelle vergleichen, werden wir uns bemühen, die Art und Weise darzustellen, in der sich dies erfüllen wird. Erstens, wir glauben nicht, daß die Bibel lehrt, die Hinweggenommenen würden zu irgendeiner Örtlichkeit gebracht (nicht zum Berg Zion oder irgendeinem festgelegten Ort); und wir denken auch nicht, daß sie, wenn sie hinweggenommen werden, sowie kurz danach, für die Umstehenden unsichtbar sein werden. Nein, wir glauben, daß sie nach ihrer Hinwegnahme sichtbar und dem Anschein nach dieselben sein werden; doch in Wirklichkeit werden sie nicht dieselben sein, denn wenn sie es wären, würde ihre Hinwegnahme keinen Sinn haben.(55)
Mit anderen Worten, wie er fortfuhr zu erklären, sie würden materialisierte Geistwesen sein, so wie der auferstandene Christus, der als Mensch erschienen war.

Später änderte er wiederum seine Ansicht zum Wesen und Zeitpunkt der Entrükkung. Im Mai 1881 schrieb er: Was den Zeitpunkt unserer Verwandlung betrifft, so können wir nur sagen: Nach unserem Verständnis wird das irgendwann nach dem 2. Oktober 1881 sein; aber wir kennen keine Schriftbeweise, wann wir vom Fleisch in Geist, vom Sterblichen ins Unsterbliche verwandelt werden."(56) Manchmal machte er sogar Äußerungen, die oberflächlich gesehen eindeutige Unwahrheiten zu sein schienen. So sagt er beispielsweise in der Maiausgabe 1881 von Zion's Watch Tower(Seite 224 der gebundenen Reprints aus dem Jahr 1919): THE WATCH TOWER hat nie behauptet, daß der Leib Christi in diesem Jahr zu geistigem Leben verwandelt wird. Irgendwann wird diese Verwandlung stattfinden. Wir haben nicht versucht zu sagen, wann; aber wir haben wiederholt gesagt, daß sie nicht vor Herbst 1881 stattfinden konnte." Doch in der Ausgabe vom Januar 1881 derselben Zeitschrift, Seite 180 der Reprints, hatte A.D. Jones, ständiger Mitautor" von Zion's Watch Tower, geschrieben: In dem Artikel, in dem es um unsere Verwandlung ging, im Blatt vom Dezember [Zion's Watch Tower, Dezember 1880], haben wir die Meinung geäußert, daß sie näher sei als viele denken; und wenn wir auch nicht versuchen, einen Beweis für einen bestimmten Zeitpunkt für unsere Verwandlung zu liefern, so schlagen wir dennoch vor, sich einige der Belege dafür anzusehen, die zu zeigen scheinen, daß der Übergang oder die Verwandlung vom Fleischlichen zum Geistigen noch vor oder bis zum Herbst 1881 geschehen wird." Es kann keinen Zweifel geben, daß Russell selbst mit Jones übereinstimmte. Auf Seite 172 der Reprints vom Dezember 1880 sagt er, daß die 'hohe Berufung' -- die Braut zu sein -- der Tempel[,] im Herbst 1881 enden" wird; und dann später auf derselben Seite: Wenn 'der Leib', 'die Braut', 'der Tempel' also vollständig ist, werden alle in dieser Weise verwandelt sein."

Wie läßt sich das erklären? Sollen wir annehmen, Russell sei völlig unehrlich gewesen? Wahrscheinlich nicht. Es sieht eher so aus, als habe er gegenüber den Lesern so viel rationalisiert wie gegenüber sich selbst und in großem Maße Selbsttäuschung betrieben. Seine eschatologischen Mutmaßungen und ihr späteres Leugnen erscheinen dem normalen Leser heute zwar haarsträubend, aber sie sind so erschreckend widersprüchlich, daß die vernünftigste Erklärung die ist, daß Russell sie selbst glaubte.(57)

Schon vorher, im Jahre 1879, hatte Russells Rolle als Religionsführer im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert sich zu entwickeln begonnen. In jenem Jahr heiratete er eine sehr fähige und intelligente Frau, Maria Frances Ackley. Doch er dachte keinen Augenblick daran, nun ein geruhsames Eheleben zu führen. Statt dessen waren er und seine Mitverbundenen damit beschäftigt, etwa dreißig Bibelstudiengruppen oder Versammlungen in sieben Bundesstaaten zwischen der Ostküste der USA und Ohio zu organisieren. Im darauffolgenden Jahr traf er Maßnahmen zum Besuch dieser Versammlungen -- die besser als Ekklesias, Klassen oder Kirchen bekannt sind --, um mit jeder einzelnen jeweils sechs Stunden zu einem Studium zusammenzukommen. Zusätzlich begann er, ein Schema für die Zusammenkünfte nach dem Muster seiner Heimatversammlung Allegheny-Pittsburgh aufzustellen.

Trotz seiner schwankenden Lehren erregten sein unermüdlicher Eifer und die dynamische Persönlichkeit in weit größerem Maße die Aufmerksamkeit anderer, als es die Aktivitäten und die Persönlichkeit seiner frühen Mitverbundenen getan hatten. Er war auch wegen seiner großen Fähigkeiten als Redner und wegen seiner Herzlichkeit und Freundlichkeit bekannt. Es überrascht daher nicht, daß er bald allgemein als Pastor" anerkannt wurde, eine Stellung, in die er von seinen Glaubensbrüdern in Allegheny-Pittsburgh und später in vielen anderen Städten gewählt wurde.(58)
Sein unbändiger Optimismus und der Glaube, daß Gott ihn leitete, veranlaßten ihn bereits im Jahre 1881, per Anzeige 1.000 Prediger zu suchen.(59) Auch als ihn ein Mitverbundener nach dem anderen wegen der Lehre vom Sühnopfer, wie er sie aus der Bibel verstand, verließ, schrieb er eine enorme Anzahl, einen Strom vom Artikeln, Büchern, Flugschriften und Predigten.

Alles in allem kam er mit seinem Werk auf ungefähr 50.000 gedruckte Seiten, und zur Zeit seines Todes waren fast 20 Millionen Exemplare seiner Bücher gedruckt und auf der ganzen Welt verbreitet worden.(60) Obwohl er nie eine formale Universitäts- oder Seminarausbildung erhalten hatte -- eine Tatsache, die ihn seine Gegner nie vergessen ließen --, wurde sein Schreibstil ziemlich gut. Sein Werk bewies, daß er ein umfangreiches Wissen über die Welt, in der er lebte, und die Gegenwarts- wie die Vergangenheitsliteratur hatte.

Ab dem Jahr 1880 fingen Pastor Russell und seine Glaubensbrüder an, Traktate herauszugeben und zu verteilen. 1881 schrieb er zwei kleine Bücher: das bereits erwähnte Tabernacle Teachings und Food for Thinking Christians [Speise für denkende Christen], das unter anderem seine Gedanken zu Themen wie Sühne, Auferstehung, Vorherbestimmung und freier Wille, Parusie und Gottes Plan der Zeitalter" umriß. Etwa 1,45 Millionen Exemplare von Food for Thinking Christians wurden abgegeben.(61) Hier begann sich eine neue religiöse Bewegung zu formieren.

Zuerst wollte Russell, der George Storrs Schritten folgte, keine neue Religionsgemeinschaft gründen; er sah sich auch in keiner anderen Rolle als der eines Predigers und Bruders in Christus. Er weigerte sich, sich in irgendeinem Sinne als Prophet oder als von Gott inspiriert zu betrachten.(62) Darüber hinaus lehnte er lange Zeit einen Namen zur Kennzeichnung als Religionsgemeinschaft ab und sagte, er und seine Brüder im Glauben würden lieber als Mitglieder der Kirche Christi" gekannt sein, wenn dieser Name nicht schon von einer anderen Gruppe benutzt worden wäre.(63) Doch Russell und seine Anhänger hoben sich in vielerlei Beziehung von anderen ab und waren daher gezwungen, eine eigenständige und unverwechselbare Religionsorganisation zu werden.

Sie hatten bereits damit begonnen, ihre eigenen Versammlungsgepflogenheiten und Leitungsformen zu entwickeln. Von den meisten Kirchen hatten sie sich durch die Annahme des Konditionalismus, George Storrs grundlegendem Verständnis der Erlösung, sowie durch ihre vorchiliastische Eschatologie abgegrenzt. Dann wurden durch den Bruch Russells mit Barbour und Paton auch die direkten Verbindungen zum Adventismus schwächer. Als ob das alles noch nicht genug sei, lehnte Russell im Jahre 1882 öffentlich die Trinitätslehre ab und übernahm das, was üblicherweise als arianische Theologie angesehen wird.(64) So brach er auch noch ziemlich eindeutig auf eine andere Art mit seinen früheren Weggenossen Barbour und Paton und sogar mit George Storrs, der sich einer Lehre über das Wesen Gottes nicht sicher war.(65) Etwas anderes, wodurch sich die Versammlungen und Einzelpersonen, die mit Russell verbunden waren, bald von anderen unterschieden, war ihr Beharren, eine Bruderschaft von Predigern zu werden. In der Juli/Augustausgabe 1881 von Zion's Watch Tower, Reprints Seite 241, stellte Russell die Frage: WER SOLL PREDIGEN? Wir antworten: Alle die den Geist der Salbung empfangen und somit als Glieder des Leibes Christi anerkannt sind." Von allen also, die Russell als ihren Pastor betrachteten, wurde erwartet, daß sie auf jede erdenkliche Art ihren Mitmenschen predigten; eine Praxis, der Jehovas Zeugen bis heute folgen. Doch anders als die heutigen Zeugen sahen sie das Predigen nicht als ihre Hauptaufgabe an. Sie waren vielmehr daran interessiert, eine kleine Herde von Heiligen einzusammeln, die zu neuen Schöpfungen in Christus würden.(66) Russell und seine Getreuen glaubten, daß die überwiegende Mehrzahl aller Menschen während des tausendjährigen Reichs die Gelegenheit zur Rettung erhielte. Es bestand daher nicht die Notwendigkeit, allen zu predigen. Die Bekehrung von Heiden war zu jener Zeit schwierig, wenn auch nicht unmöglich, während die Bekehrung von Juden, zumindest in den meisten Fällen, bis nach 1914 würde warten müssen.(67)

In den folgenden paar Jahren wurde Russell in der westlichen Welt wohlbekannt. Mit seinem persönlichen Vermögen gab er im Jahre 1886 den Band I der Millennial Dawn Series(Millennium-Tagesanbruchs-Reihe) oder Studies on the Scriptures(Schriftstudien) heraus. Das Buch, das später unter dem Namen The Divine Plan of Ages (Der göttliche Plan der Zeitalter) bekannt wurde, war weit und breit in Umlauf; zum Zeitpunkt seines Todes waren 4.817.000 Exemplare verteilt worden.(68) Im Jahre 1889 schrieb er den Band II, The Time Is At Hand(Die Zeit ist herbeigekommen); im Jahr 1891 Band III, Thy Kingdom Come (Dein Königreich komme!); 1897 den Band IV, The Battle of Armageddon (Der Krieg von Harmagedon); 1899 Band V, Atonement between God and Man (Die Versöhnung des Menschen mit Gott); und im Jahre 1904 schließlich Band VI, The New Creation (Die Neue Schöpfung). Im gleichen Zeitraum wurde Zion's Watch Tower in immer größerem Gebiet verbreitet, und zahllose Kolporteure gaben Wachtturm-Bücher, Broschüren und Traktate in ganz Amerika und in anderen Ländern ab. 1881 waren bereits zwei Missionare nach England geschickt,(69) und einige Jahre später begannen die Bibelforscher, wie sie sich damals selbst nannten, Versammlungen in Kanada zu organisieren.(70) Bis zum ersten Weltkrieg waren bereits Versammlungen in vielen Ländern gegründet worden.

Mit den Jahren ergab sich die Notwendigkeit einer größeren Organisation. Um diesem Bedürfnis nachzukommen, gründete Russell im Jahre 1884 Zion's Watch Tower Tract Society, Jahre später, als er die Zentrale der Gesellschaft nach Brooklyn, New York, verlegte, wurde (im Jahre 1909) eine weitere Körperschaft, die Volkskanzel-Vereinigung, gegründet, heute Watchtower Bible and Tract Society of New York Inc. 1914 formierte sich eine britische Körperschaft, die Internationale Bibelforscher-Vereinigung.

Es war nicht so, daß Russell einfach nur bekannt wurde und die Bibelforscher als Folge der Verteilung der Wachtturm-Literatur an Zahl zunahmen -- er erwies sich vielmehr als erstaunlich rühriger Evangelist, der ungezählte Reisen durch die Vereinigten Staaten, Kanada, Großbritannien, Europa und die ganze Welt unternahm. Er nahm an wichtigen Streitgesprächen mit zwei bekannten Predigern, Dr. E.L. Eaton von der methodistischen Episkopalkirche und L.S. White von den Disciples of Christ, teil.(71) Ab der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts wurden seine Predigten in Tausenden von Zeitungen abgedruckt, die eine Leserschaft von wöchentlich fünfzehn bis zwanzig Millionen erreichten.(72) Zusätzlich hielt er häufig Ansprachen auf Kongressen der Bibelforscher, die besonders seit 1893 ein ständiges Merkmal im Leben der Bibelforscher wurden.

Schließlich, in den letzten Jahren seines Lebens, produzierte die Watch Tower Society unter seiner Leitung das Photo-Drama der Schöpfung", ein kombiniertes Programm aus Filmsequenzen und handkolorierten Lichtbildern, synchronisiert mit Phonograph-Aufnahmen von Ansprachen und Musik. Allein in den Vereinigten Staaten sahen während der Jahre des ersten Weltkriegs etwa zehn Millionen Menschen das Photo-Drama". Als Russell starb, war er Pastor und Hauptredner einer internationalen Bewegung mit Tausenden von Mitgliedern geworden.
Die Bibelforscher-Vereinigung

Die von Russell ins Leben gerufene Bewegung trug anfangs nur wenige der organisatorischen Merkmale einer Sekte oder Religionsgemeinschaft. Wie George Storrs verabscheute Russell die Kirchen der Christenheit; er betrachtete sie als Babylon die Große. Dennoch hielt er es für möglich, ein geistgezeugtes Glied der wahren Kirche -- Christi Kirche -- und gleichzeitig Mitglied der Kirchen der Christenheit zu sein. Doch wenn wahre Christen erkannten, daß die allergrößte Einfachheit des Christus" nicht allgemein anerkannt wurde, außer unter den Mitgliedern der Bibelforscher-Vereinigung, so war es für sie angebracht, die Namenschristenheit zu verlassen -- besonders seit 1881 -- und sich mit anderen wahren Christen, den Gliedern der Neuen Schöpfung, zu vereinen -- mit den Bibelforschern. Doch diese Gemeinschaft war völlig frei und freiwillig. Noch im Jahre 1915 beschrieb Russell das Wesen der Bibelforscher-Versammlungen so:

Bei einer Gelegenheit wurde ich von einem Geistlichen der Reformierten Kirche angesprochen. Er wollte wissen, wie ich meine Kirche leitete. Ich sagte zu ihm: Bruder --, ich habe keine Kirche." Er sagte: Sie wissen, was ich meine." Ich antwortete: Ich möchte auch, daß Sie wissen, was ich meine. Wir erheben den Anspruch, es gebe nur eine Kirche. Wenn Sie zu dieser Kirche gehören, dann gehören Sie zu unserer Kirche." Er sah mich überrascht an. Dann sagte er: Sie haben eine Organisation; wie viele Mitglieder haben Sie?" Ich erwiderte: Das weiß ich nicht; wir führen keine Mitgliedslisten." Sie führen keine einzige Mitgliedsliste?" Nein, wir führen keine Listen; ihre Namen sind im Himmel eingeschrieben." Er fragte: Wie führen Sie ihre Wahlen durch?" Ich sagte: Wir kündigen eine Wahl an; und jeder oder alle aus Gottes Volk, die geweiht sind und üblicherweise mit dieser Gesellschaft, oder Versammlung, zusammenkommen, mögen das Vorrecht haben, ihr Urteil abzugeben, wen der Herr wohl am liebsten als Älteste und Diakone für die Versammlung hätte." Nun", sagte er, das ist wirklich das Einfachste vom Einfachen." Darauf fügte ich hinzu: Wir zahlen keine Gehälter; es gibt nichts, woran die Leute etwas auszusetzen hätten. Wir erheben niemals eine Kollekte." Wie erhalten Sie dann das Geld?" Fragte er. Ich erwiderte: Nun, Dr.--, ich will Ihnen etwas sagen, was eine so einfache Wahrheit ist, daß Sie sie kaum glauben können. Wenn die Leute sich dafür interessieren, werden ihnen keine Körbe unter die Nase gehalten. Aber sie sehen, daß es Kosten gibt. So sagen sie zu sich selbst: 'Dieser Saal kostet etwas, und ich sehe, daß zwischen den Zusammenkünften für alle, die weiter weg wohnen, eine kostenlose Mahlzeit serviert wird. Wie kann ich mit etwas Geld meinen Beitrag leisten?" Er sah mich an, als wolle er sagen: Wofür halten Sie mich -- für ein Greenhorn?" Ich sagte: Nun, Dr.--, ich will Ihnen etwas sagen. Genau diese Frage stellen sie mir: 'Wie kann ich mit etwas Geld meinen Beitrag leisten?' Wenn jemand gesegnet ist und Mittel zur Verfügung hat, dann möchte er sie für den Herrn verwenden. Wenn jemand die Mittel nicht hat, warum sollten wir ihm auf die Sprünge helfen?"

Wenn jemand ein Internationaler Bibelforscher ist, so gibt es keine Organisation, aus der er austreten könnte. Man kann nicht aus etwas herausgehen, in das man nicht hineingegangen ist. Wenn jemand mir sagen kann, wie er in Babylon hineingeraten ist, weil er sich für die Angelegenheiten der Watch Tower Bible and Tract Society interessiert hat, dann soll er mir zeigen, wie er wieder hinausgelangt, und ich werde dasselbe tun.(73)

Wie Russell sagte, wurden alle Ältesten und Diakone der Bibelforscher in ihren Versammlungen gewählt. Wenn die Mehrheit in einer Versammlung nicht der Meinung war, daß sie richtig lehrten und sich anständig benahmen, so hatte sie das Recht, sie für das Amt im darauffolgenden Jahr nicht wiederzuwählen.(74) Aber was sollte im Falle einer Spaltung geschehen? Wer mit der Mehrheitsmeinung nicht übereinstimmte, konnte einfach eine neue Ekklesia gründen und in der Gemeinschaft der Bibelforscher bleiben, solange er nicht grundlegende Glaubenssätze leugnete, Wenn sie ihre frühere Ekklesia verlassen hatten, durften sie sich natürlich nicht in deren Angelegenheiten einmischen.(75)

Kirchendisziplin zu üben stand nicht in Recht oder Verantwortung irgendwelcher Amtsträger in örtlichen Ekklesias oder bei den Bibelforschern. Das schloß selbst Russell ein. Als er gefragt wurde, ob Älteste wie ein Gericht Vernehmungen vornehmen sollten, war er ganz unverblümt: Das Wort des Herrn ermächtigt nicht dazu, daß sich Gerichte von Ältesten oder jemand anderem wichtig tun. Damit würde man zu den Praktiken des finsteren Mittelalters während der Inquisitionszeit zurückkehren; und wir würden denselben Geist wie die Inquisitoren zeigen."(76) Immer wieder maß Russell der christlichen Freiheit und dem Recht eines jeden, sich von seinem eigenen Gewissen leiten zu lassen, den allerhöchsten Wert bei.(77)

Was, wenn innerhalb der verschiedenen Bibelforscher-Versammlungen Schwierigkeiten entstehen sollten? Russell glaubte, daß die meisten Probleme sich mit Liebe lösen ließen und niemals zu schwerwiegenden Angelegenheiten werden sollten. Und wenn es doch zu ernsten Fragen kommen sollte, sollten sich die einzelnen durch den Rat Jesu aus Matthäus 18:15-18 leiten lassen. In diesen Versen wird gesagt, daß ein Bruder, gegen den ein Glied der Versammlung sündigte, ihn persönlich aufsuchen und die Sache bereinigen sollte. Hätte dies keinen Erfolg, so könnte er zwei oder drei andere mitnehmen, um die Tatsachen festzustellen, und nochmals um Versöhnung ersuchen. Erst wenn dieser weitere Schritt fehlschlug, würde er seinen Fall der Versammlung zur Beurteilung vorlegen. Und wenn der irrende Bruder auch dann seine Sünde nicht bereute, würden der Geschädigte und die Ekklesia ihn zu recht als einen Heiden und gewöhnlichen Menschen" behandeln, d. h. nicht mehr als Christen.(78)

Was nun, wenn jemand gegen die Ekklesia als Ganze gesündigt hatte? Nach den gerade aufgeführten Schritten konnte ein reueloser Sünder von der Versammlung ausgeschlossen werden. Doch Russell sah, daß wie der einzelne auch die Mehrzahl im Irrtum sein konnte. Er betonte daher die Notwendigkeit, daß in der Versammlung nahezu Einmütigkeit herrschen müsse, wenn man einer Person die christliche Gemeinschaft versagen wollte.(79) Und selbst wenn jemand aus einer bestimmten Ekklesia ausgeschlossen würde, so hieß das nicht, daß er in allem Miteinander oder von allen Bibelforschern gemieden werden sollte. So waren Disziplinierungsmaßnahmen mild und auf einem bloßen Minimum, um die persönliche Eintracht und die Harmonie in der Versammlung zu wahren. Russell und die Bibelforscher weigerten sich, darüber hinaus zu gehen, zumindest theoretisch.

Russell glaubte auch an ein großes Maß an Toleranz und eine große Spannweite an Glaubensansichten. In seinem Kommentar zu Römer 14:5: Ein jeder sei in seiner Meinung gewiß" in Die Neue Schöpfung anerkannte er, daß die christliche Einheit zwar wichtig sei, daß aber als wesentlich festzuhalten sei, daß man Einheit in der Lehre nicht erzwingen dürfe: Das Volk des Herrn hat nicht nur unterschiedlich entwickelte Häupter, und es gibt nicht nur Unterschiede in der Erfahrung und Erziehung, sondern es gibt auch verschiedene Altersstufen als Neue Schöpfung -- Kleinkinder, Jugendliche, reife Erwachsene." Natürlich mußten alle bestimmte Lehren anerkennen und ihnen zustimmen: Sie müssen die Grundlehren erfassen -- daß alle Sünder sind; daß Christus Jesus, unser Führer, uns durch sein Opfer, das er an der Schädelstätte vollbrachte, erlöste; daß wir nun in der Schule Christi sind und für das Königreich und seinen Dienst belehrt und tauglich gemacht werden; und daß niemand in diese Schule kommen kann, der sich nicht vollständig dem Herrn geweiht hat."(80)Darüber hinaus bestanden große Freiheiten. Selbst die Wassertaufe war nicht absolut notwendig,(81) und jeder sollte das Recht haben, in geordneter Weise seine Gedanken zu allen Lehrfragen zu äußern.(82)Niemand durfte ihm seine Anerkennung als Bruder verweigern, es sei denn, er lehnte die wenigen Grundlehren ab. Das inoffizielle Motto Russells und der Bibelforscher war daher: Einheit in den Grundlehren; Nachsicht in den Nebensächlichkeiten."(83)

Obwohl Russell nicht gewillt war, in religiösen Dingen zu dominieren, wurde er ein dominanter Religionsführer. Schließlich ging von ihm die Initiative zum Predigtwerk in der Zeit von 1877 bis 1881 aus; und als er mit seinen früheren Mitstreitern Barbour, Paton und anderen gebrochen hatte, war er alleine es, der den Antrieb, die Fähigkeit und das Geld hatte, eine wichtige religiöse Bewegung aufzubauen. Und da er Zion's Watch Tower Society nach der Gründung als Rechtskörperschaft weiterhin leitete, war er es, der in der Lage war, die Kontrolle über alles zu behalten, was in der Bibelforscher-Literatur veröffentlicht wurde; über die Tätigkeit der Kolporteure, die diese Literatur unter die Leute brachten(84); und über die Tätigkeit der Pilgerbrüder"(85)genannten reisenden Prediger, die nach 1894 die Bibelforscher-Versammlungen regelmäßig besuchten. Er benutzte die Gesellschaft zwar nicht mit Absicht als zentralistische Vertretung -- er sah sie als nicht mehr als ein Geschäftsunternehmen an --, dennoch wurde sie allmählich das Vehikel, durch das die Bibelforscher zu einer kohärenteren religiösen Gemeinschaft zusammengeschweißt wurden.

Mit der Zeit neigte auch Russell immer mehr dazu, den Bibelforschern seine eigenen Lehren aufzudrücken. Das tat er nicht etwa deshalb, weil er machthungrig war, sondern weil er so sehr fest glaubte, er habe die gegenwärtige Wahrheit" entdeckt, und wollte, daß auch andere sie kannten. 1895 schlug er vor, daß die Ekklesias die bis dahin veröffentlichten Bände der Schriftstudien Absatz für Absatz studierten.(86)Im Jahre 1905 richtete er die unter diesem Namen bekannten Beröer-Studien ein -- angeleitete Studien über verschiedene Themen, die Russell selbst für die gesamte Bewegung festlegte. Daraufhin wurde die Vers-für-Vers-Betrachtung der Bibel in praktisch allen Versammlungen durch die Beröer-Studien ersetzt, was also bedeutete, daß Russell mehr Kontrolle über den Glauben seiner Anhänger ausüben konnte.(87)

1910 lehrte Russell, und er glaubte zweifellos selbst daran, daß die Schriftstudienin arrangierter Form ... praktisch die Bibel selbst sind."(88) Obwohl dies eine grobe Übertreibung war, für die er sehr stark kritisiert wurde,(89) muß man zwei Dinge sehen: 1. Russell war zwar der Autor der sechs Bände, aber die meisten Gedanken in ihnen stammten nicht von ihm,

2. Auch wenn er die Beröer-Studien einer freien" Bibelbetrachtung für überlegen hielt, überließ er jeder Ekklesia die freie Entscheidung, welches System sie annehmen wollten.(90)
Seine Macht beruhte in scharfem Kontrast zu der heutigen Vorgehensweise der Wachtturm-Gesellschaft auf Überzeugung statt auf Zwang.

Dennoch bestand eine große Gefahr in dem, was Russell tat. Im Watch Towervom Januar 1913 schrieb er: Wir machen nicht halt, um zu untersuchen, was Bruder Calvin oder Bruder Wesley lehrte, oder was andere davor oder danach lehrten. Wir gehen zu den ursprünglichen Lehren Christi und der Apostel und Propheten zurück und nehmen alle anderen Lehren nicht zur Kenntnis. Es stimmt wohl, alle Religionsgemeinschaften behaupten mehr oder weniger, das zu tun, aber sie werden durch ihre Überlieferungen und Glaubensbekenntnisse mehr oder weniger behindert. Sie sehen durch getönte Brillengläser. Wir nehmen sie alle nicht zur Kenntnis, sondern streben danach, die Worte der Inspiration nur im Lichte des Kontexts zu sehen, oder im Licht, das von anderen Passagen der Heiligen Schrift widerstrahlt."(91) In Wirklichkeit betrieb er eine großartige Selbsttäuschung, und wie jedermann sonst blickten auch die Bibelforscher durch getönte Brillengläser". Timothy White sagt dazu: Für viele wurden seine Kommentare wie die von ihm so verachteten Glaubensbekenntnisse."(92)

Russell als der treue und kluge Knecht

Ein Hauptgrund dafür, daß Russell Selbstbetrug betrieb, besteht darin, daß er trotz seiner guten Absichten und des Unwillens, die Rolle eines Propheten anzunehmen, nach 1895 bei den Bibelforschern eine Position innehatte, die mehr als nur die ihres Pastors war. Folgendes ereignete sich: Frau Russell, die zu jener Zeit ihren Ehemann leidenschaftlich gegen frühere Weggenossen in Schutz nahm, kam mit einer neuen Lehre über Matthäus 24:45-47 heraus. Sie las den Text in ihrer King-James-Bibel (im Deutschen nach Luther, 1912): Welcher ist aber nun ein treuer und kluger Knecht, den der Herr gesetzt hat über sein Gesinde, daß er ihnen zu rechter Zeit Speise gebe? Selig ist der Knecht, wenn sein Herr kommt und findet ihn also tun. Wahrlich ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen." Maria Russell wandte den Begriff treuer und kluger Knecht" aus Jesu Gleichnis auf ihren Mann an.

Zuvor hatte Russell geglaubt, der Knecht" sei in Wirklichkeit eine Veranschaulichung für die Kirche -- für die kleine Herde der in Offenbarung 7 und 14 erwähnten 144.000.(93) Doch seine Frau wies darauf hin, daß der Knecht" in der Einzahl stand, wohingegen die Kirche, das Gesinde" des Glaubens, Plural war. Außerdem würde die Kirche, wenn sie der Knecht" und auch das Gesinde" wäre, am Ende sich selbst Speise darreichen. Im Dezember 1895 machte Maria Russell ihren Einwand gegenüber George Woolsey, einem New Yorker Bibelforscher, sehr deutlich:

Doch wenn wir zu Matth.24:45-51 kommen, scheint es sich für mich um einen völlig anderen Fall zu handeln [als in Offenbarung 16:15]. Hier wird unsere Aufmerksamkeit gelenkt auf den Knecht", seine Mitknechte" und das Gesinde". Wenn nun der Herr sagen wollte, daß es einen Hauptknecht der Wahrheit und Mitknechte gebe, die zur rechten Zeit dem Gesinde des Glaubens die Speise darreicht, hätte er, um einen solchen Gedanken zu vermitteln, keine genauere Sprache wählen können. Eine solche Ordnung und Logik in diesem Bericht hingegen nicht zur Kenntnis zu nehmen, würde meines Erachtens die ganze Erzählung verwirren und die Knechte" (Plural) und den Knecht" austauschbar machen.(94)

Sie fuhr dann in ihrer Argumentation fort, daß der Haushalt des Glaubens (das Gesinde) durch einen Knecht reichlich mit Speise zu rechter Zeit" versorgt werde, seit Christus im Jahre 1878 seine Königsherrschaft angetreten habe.(95) Sie brauchte nicht mit vielen Worten sagen, wen sie damit meinte.

Russell war etwas vorsichtig darin, die Lehre seiner Frau anzunehmen -- wahrscheinlich, weil man ihn gerade erst öffentlich eines autoritären Gehabes beschuldigt hatte. Dennoch war er zweifellos durch die neue und erhöhte Rolle, die sie durch ihre Auslegung für ihn geschaffen hatte, geschmeichelt. So akzeptierte er also die Logik in ihrer Auslegung, und in seinen eigenen Schriften äußerte er nur leicht verhüllt, daß er der Knecht" sei.(96) Es ist richtig, daß sich Russell in der Öffentlichkeit nie selbst als treuen und klugen Knecht" bezeichnete. Er war auch davon überzeugt, daß der Knecht", würde er untreu und unweise werden, von Gott verworfen würde.(97) Für ihn war die Rolle des Knechts" zumindest in der Theorie die eines Dienstes der Liebe, nicht eine anmaßende Kontrolle. Trotzdem gilt als gesichert, daß er sich trotz der Kommentare der Watch Tower Society in seinen letzten Lebensjahrzehnten, die etwas anderes aussagen, als der treue und kluge Knecht" ansah.(98) Die Gedächtnisausgabe des Wacht Tower vom 1. Dezember 1916 (deutsch: Wacht-Turm, Dezember 1916) sagte explizit: Tausende der Leser von Pastor Russells Schriften glauben, daß er den Posten jenes 'klugen und treuen Knechtes' innegehabt hat, und daß es seine große Aufgabe war, dem Haushalte des Glaubens die Speise zur rechten Zeit darzureichen. Seine Bescheidenheit und Demut ließen es nicht zu, daß er öffentlich diesen Titel für sich beanspruchte, wohl aber ließ er ihn im privaten Gespräch zu."(99)

Ein weiterer Titel, den ihm seine Anhänger gaben, war der Bote aus Laodicäa". Gemäß dem Buch Drei Welten stellten die in den ersten drei Kapiteln der Offenbarung erwähnten sieben Kirchen in Kleinasien Christi Kirche als ganze im Laufe verschiedener Jahrhunderte dar. Die Kirche zu Laodicäa wurde als Vorbild für die letzte Phase der Kirche" angesehen.(100) Da die Bibelforscher glaubten, daß diese letzte Phase im Jahre 1874 begonnen habe und Russell als Jehovas erwähltes Sprachrohr zur Darlegung neuer Wahrheiten" an die Kirche benutzt werde, war er folglich per definitionem der Bote aus Laodicäa".(101) Ein dritter Titel, den man Russell gab, war Der Mann mit dem Tintenfaß". Nach Hesekiel 9 hatte der Prophet eine Vision von sechs Männern mit Waffen zur Schlachtung in ihrer Hand und einem siebten mit dem Tintenfaß eines Schreibers an seiner Hüfte. Dieser siebte sollte ein Kennzeichen an die Stirne all jener Bewohner Jerusalems anbringen, die über die Scheußlichkeiten in der Stadt seufzten und weinten. Die anderen ohne dieses Kennzeichen sollten von den sechs Männern mit den Waffen erschlagen werden. Die Bibelforscher glaubten nun, diese Vision habe eine gegenbildliche Erfüllung während der zweiten Gegenwart des Christus, und sie sahen deshalb Russell als denjenigen an, der alle kennzeichnete, die über die Scheußlichkeiten im gegenbildlichen Jerusalem, der Christenheit, seufzten und weinten.(102)

Praktisch wurde Pastor Chrales Taze Russell für die Bibelforscher so zu Gottes Sprachrohr, seinem Kanal, der in einer Weise geistige Speise austeilte, wie es sonst niemand konnte.(103)Wie bereits gesagt, glaubte Russell immer, daß es sich um biblische Speise handeln müsse, und so versuchte er auch ständig, sich an die traditionelle protestantische Lehre des sola scriptura-- Allein die Schrift" -- zu halten. Doch dadurch, daß sie ihm eine besondere Lehrgewalt zumaßen, begannen die Bibelforscher (und Russell selbst), etwas wie die römisch-katholische Vorstellung vom magisterium des Papstes anzunehmen.

Russells Eheprobleme(104)

Trotz seines Erfolges und der Beweihräucherung entging Russell nicht Problemen und bitterer Kritik. Im Verlauf seines Lebens gab es bei den Bibelforschern zwei eindeutige Trennungen: die erste im Jahre 1894 aus dem Empfinden einiger seiner Mitarbeiter heraus, er sei zu dominierend; die zweite 1908 und 1909 über die Lehrfrage des Neuen Bundes. Viel schmerzhafter war jedoch die Trennung von seiner Frau im Jahre 1897, die 1906 von einem Gericht ausgesprochene Scheidung und die spätere Verbitterung. Russells Trennung von seiner Frau zog und zieht weiterhin schwere und großenteils unfaire Angriffe auf seine Reputation nach sich. Wenn wir die Originalunterlagen(105) daraufhin genau untersuchen, werden wir dies deutlich sehen.

Viele Jahre lang war Maria Russell eine loyale Unterstützerin ihres Mannes; sie diente sogar als Sekretär-Kassiererin der Zion's Watch Tower Society. Während des Schismas von 1894 führte sie gerade eine Vortragsreise in Bibelforscher-Versammlungen zur Verteidigung Russells durch. Doch kurz darauf zerstritten sich die beiden. Das Verhältnis zwischen beiden war in erster Linie an den üblichen Maßstäben gemessen etwas ungesund. Bei ihrer Heirat hatten sie eine Vereinbarung getroffen, daß ihre Ehe nicht vollzogen würde und daß sie auch zukünftig keinen ehelichen Verkehr miteinander hätten.(106) Auf der Grundlage ihres Verständnisses von Matthäus 19:12 und einer viktorianischen Haltung gegenüber Sexualität verursachte das zweifellos einige Spannungen zwischen ihnen. Russell schien damit keine Probleme zu haben, denn offensichtlich hatte er nur wenig Interesse an einer physischen Beziehung. Er schien nur eine geringe Libido gehabt zu haben; vielleicht hing das damit zusammen, daß er sich ständig mit religiösen Dingen befaßte. Er sagte allerdings, wenn das seine Frau von ihm gefordert hätte, so wäre er seinen ehelichen Verpflichtungen nachgekommen.(107) Er lebte einfach viel lieber zölibatär". Doch bei ihr muß es ganz anders ausgesehen haben. Zwar stimmte sie dem zu und sagte, ihr sei es so auch lieber", doch im Gerichtsverfahren, in dem es um die Trennung von Tisch und Bett ging, versuchte ihr Anwalt daraus zu machen, sie sei einer der wichtigsten Freuden des Lebens beraubt worden."(108)Dieser Feststellung und ihren Eifersuchtsanfällen kann man entnehmen, daß Maria Russell verständlicherwiese eine sexuell frustrierte Frau war. Merkwürdigerweise hat sich niemand, der über Russells Eheprobleme schrieb, mit einer dieser Einzelheiten befaßt, obwohl Pastor Russell selbst es recht offen tat.

Doch sexuelle Probleme waren nicht die direkte Ursache der Zwietracht. Es war vielmehr Marias Wunsch nach mehr Anerkennung und Macht zusammen mit einem familiären Streit um Gelddinge. Spätestens 1894 begannen sich ernsthafte Spannungen zwischen den Russells zu entwickeln. Maria wurde äußerst eifersüchtig, wenn ihr Mann seine Aufmerksamkeit anderen Frauen zuwandte. Das schloß auch Rose Ball ein, ein Mädchen in den Teenagerjahren, das Russell fast als Pflegetochter ansah.(109)Darüber hinaus nahm sie übel, was sie als fehlenden Respekt Russells für sie betrachtete. Sie war ein weitaus gebildeterer Mensch als er. Sie hatte nicht nur einen High-School-Abschluß gemacht, sondern auch eine Lehrerinnenausbildung an der Curry Normal School in Pittsburgh genossen. Sie war daher in der Lage, ihrem Mann bei der Redaktion von Zion's Watch Tower zu helfen, sie schrieb zahllose Artikel für die Zeitschrift und war Mitautorin der ersten vier Bände der Schriftstudien.(110) Dennoch zeigte er außer an ihrer Hilfe beim Schreiben und Herausgeben wenig Intetresse an ihr; wahrscheinlich, weil zwischen ihnen keine intime Beziehung herrschte. Daher entstand in ihr ganz zu recht das Gefühl, daß er sie nicht mehr achtete als eine Dienstbotin.(111)

Einige, die an dem Aufstand gegen Russells Macht im Jahre 1894, der zu einem Schisma führte, beteiligt waren, sympathisierten mit Maria und versuchten, sie vor ihren Wagen zu spannen. Gemäß Pastor Russell versuchten diese Verschwörer, bei meiner Frau durch Schmeicheleien, Gleichberechtigungsargumente usw. Zwietracht zu säen."(112) Aber in Wirklichkeit hatten sie wohl einfach das Empfinden, daß er sie unnötigerweise herablassend behandelte -- eine Überzeugung, die zu recht bestand. Dennoch: Als die Kritiker Russells innerhalb der Gesellschaft ihn offen angriffen und versuchten, seine Eheprobleme öffentlich zu machen, gingen sie damit zu weit: Maria stand loyal, wenn auch nicht völlig aufrichtig, zu ihrem Mann. Unser Heim", sagte sie, ist weit davon entfernt, zerstritten zu sein -- das genaue Gegenteil ist richtig, es ist äußerst glücklich."(113) Sie verteidigte auch Russells moralisches Verhalten und unternahm die vorhin erwähnte Reise, um für ihn einzutreten. Und es war nach ihrer Rückkehr im Dezember 1895, daß sie öffentlich darauf hinwies, sie halte ihn für den treuen und klugen Knecht" aus Matthäus 24:45-47.(114)

Doch auch während Maria Russell verteidigte und öffentlich für ihn eintrat, hatten beide einen erbitterten Streit miteinander. Unter Eid sagte sie aus, daß Russell ihr im Jahre 1895 folgende Trennung vorschlug: Aufgrund unserer Unvereinbarkeit schlug er vor, daß wir einer Trennung zustimmen; und wenn ich es täte, würde er mir das Haus, in dem wir lebten, geben; und als ich bei diesem Vorschlag einen Zusammenbruch erlitt, sagte er, wenn ich nicht zustimmte, dann würde ich überhaupt nichts bekommen."(115)

Zweifellos war Russells Verhalten gegenüber seiner Frau in dieser Angelegenheit grausam, und seine eigenen Aussagen zeigen, daß er eine sehr hohe Meinung von sich selbst in seiner Beziehung zu ihr hatte.(116) Und doch scheint auch sie in dieser Zeit nicht ohne schwerwiegendes Fehlverhalten gewesen zu sein. Er war an einem Punkt äußerster Verärgerung angelangt, weil er glaubte, sie wolle ihm vorschreiben, wie er seinen Dienst durchführen müsse. Ich wurde", sagte er, ständig mit Vorschlägen belästigt, wie ich meine Schriften ändern sollte."(117)

Ein Teil des Problems bestand natürlich darin, daß Russell und seine Frau sehr unterschiedliche Ansichten von der Rolle einer Frau in einer Ehe hatten. Er war ein Traditionalist und glaubte, daß Frauen den Ehemännern untertan sein sollten. Damit hielt er sich an Anschauungen, die unter amerikanischen Christen seiner Zeit üblich waren. Im Gegensatz dazu wurde sie zu einer Art Feministin. 1895 und kurze Zeit später sagte er über sie: Gleichberechtigungsvorstellungen und persönliche Ambitionen kamen allmählich zum Vorschein, und mir wurde klar, daß Frau Russells durch ihre aktive Kampagne zu meiner Verteidigung und ihre sehr herzliche Aufnahme unter lieben Freunden Schaden gelitten hatte. Ihr Selbstbewußtsein war gesteigert worden."(118) Aus dieser Sicht war seine Mißbilligung ihrer Ideen und ihres Verhaltens daher nicht nur folgerichtig, sondern für ihn als ihrem christlichen Haupt auch seine Pflicht. Natürlich sah sie das nicht so. In einer kleinen Verteidigungsschrift mit dem Titel The Twain One, die sie 1906 schrieb, argumentierte sie zugunsten der Gleichberechtigung der Geschlechter und machte geltend, daß Frauen mit gutem Recht als Lehrerinnen in der Kirche dienen sollten. Sie dachte höchstwahrscheinlich an ihre eigene Ehe, als sie sagte: Wenn jemand in der Kirche unbesonnen wird, dann muß die Kirche aufpassen. Oder wenn ein christlicher Ehemann durch den Widersacher und durch Stolz, Selbstsucht oder Machtliebe verleitet wird und sich also anmaßt, den Herrn über seine Frau zu spielen und sich in ihre allerhöchste Loyalität gegenüber Gott einzumischen, dann muß eine christliche Frau auf der Hut sein und sich nicht zu einer 'freiwilligen Demut' verführen lassen, die eine Seele, die Christus frei gemacht hat, unter das Joch der Sünde brächte."(119)

Im Jahre 1896 stand Maria Russell vor einem weiteren Problem, das sie selbst geschaffen hatte. Wenn Russell, wie sie postuliert hatte, der treue und kluge Knecht" nach Matthäus 24:45-47 war, wie konnte sie gegenüber seiner Autorität so negativ eingestellt sein? Die Antwort ist, daß sie schnell zu dem Schluß kam, er werde zu dem in den nächsten vier Versen desselben Kapitels beschriebenen bösen Knecht." Russell berichtet darüber:

Allmählich zeigte ihre Auslegung des Knechts" ihre Wirkung in ihr. Zuerst schlug sie vor, daß so, wie ein menschlicher Leib zwei Augen, zwei Ohren, zwei Hände, zwei Füße usw. hat, rechterweise das Zweigeteilte dargestellt werde -- wie sie und ich in der Ehe und im Geiste und im Herrn notwendigerweise eins sind. Aber ihre Ambitionen hörten hier nicht auf -- (wie eine Pflanze, die langsam wächst). Innerhalb eines Jahres war Frau Russell zu dem Schluß gekommen, der zweite Teil der Feststellung (d.h. Matth.24:45-51) sei nicht nur eine Warnung, sondern er habe auch seine Erfüllung -- d.h. daß diese Beschreibung auf ihren Mann passe, und daß sie folglich seinen Platz als der Knecht" einnehme, um die Speise zu rechter Zeit auszuteilen.(120)

Man kann unmöglich sagen, ob diese Aussage Russells völlig der Wahrheit entspricht oder nicht. Die Annahme scheint jedenfalls vernünftig zu sein, daß er damit Tatsachen feststellte. Maria war die Urheberin der Lehre vom treuen und klugen Knecht", und sie glaubte später, er habe sich in diesem Amt als untreu erwiesen. Sie glaubte auch, alles, was er als der Knecht" getan hatte, könne sie gleichfalls tun. Doch es gibt keine Belege dafür, daß sie jemals öffentlich diesen Titel auf sich bezogen hätte.

Anfang 1897 wurde der Riß zwischen den beiden tiefer, und Maria organisierte ein [Kirchen-] Komitee in Übereinstimmung mit Matth.18:17", um Beschuldigungen gegen Russell anzuhören. Neben dem Punkt, ob sie das Recht hatte, unzensierte Artikel in Zion's Watch Tower zu veröffentlichen -- etwas, worüber beide miteinander gestritten hatten --, warf sie zwei weitere Fragen auf. Erstens beschuldigten sie und ihre Schwester, Emma Ackley Russell, den Pastor, er habe seinen Vater Joseph Russell bei der Abfassung seines Testaments ungebührlich beeinflußt. Joseph hatte Emma einige Jahre zuvor geheiratet und auf seine alten Tage noch eine Tochter mit ihr bekommen. Doch als er seinen letzten Willen aufsetzen wollte, hatte er sich an seinen Sohn um Rat gewandt -- etwas, das Emma wütend gemacht hatte. Offensichtlich glaubte sie, daß ihr Stiefsohn, der auch ihr Schwager war, versuchte, sie und ihr Kind zu betrügen, und Maria war derselben Meinung. Zweitens beschuldigte Maria ihren Mann, er habe ihr bei einer bestimmten Zusammenkunft den nötigen Respekt verweigert.(121)

Russell erwiderte, das Testament, das so viel Ärger bereitet hatte, sei einige Zeit zuvor vernichtet worden, um Emma zu besänftigen; die Sache sei daher längst erledigt. Was sein angeblich rüdes Benehmen gegenüber seiner Frau während der fraglichen Zusammenkunft angehe, so behauptete er, er habe sie zuvor schon fünfmal um Entschuldigung gebeten und sie habe ihm schon fünfmal vergeben. Es überrascht nicht, daß sich das ganz aus Männern bestehende Komitee auf die Seite ihres Pastors schlug. Sie müssen über Russells Antworten auf die Anschuldigungen erstaunt gewesen sein, und einer von ihnen, W.E. Page aus Milwaukee in Wisconsin, war wohl etwas mehr als verstört, daß man ihn auf eine Reise von mehreren Hundert Meilen gebeten hatte, um bei etwas zu vermitteln, was kaum mehr als ein häuslicher Streit war. Was die Frage von Frau Russell Forderung anging, Artikel nach ihrem eigenen Gutdünken in Zion's Watch Tower zu schreiben, so sagten sie ihr freundlich, aber offen, weder sie selbst noch jemand anderer auf der Welt habe das Recht, sich in die Art und Weise einzumischen, wie Bruder Russell den WATCH TOWER führte; er allein sei für seine Leitung verantwortlich."(122)

Obwohl die Russells sich küßten und wieder versöhnten, war der Waffenstillstand zwischen ihnen nicht von Dauer. Auf ihr Geheiß betraute er sie mit der Verantwortung für eine wöchentliche Zusammenkunft von Frauen der Bibelforscher-Versammlung von Allegheny. So wurde sie die Leiterin einer Frauengruppe, die bald zu einem Zentrum der Unzufriedenheit mit dem Pastor wurde. Offensichtlich wurde Maria auch von ihren Schwestern Emma Russell, Lena Guibert und Laura Raynor in einer Flüsterkampagne gegen ihn und der Erklärung, man gehöre nicht mehr zu der Kirche in Allegheny, unterstützt.(123)

Als Russell gewahr wurde, was sich ereignete, ergriff er drastische Maßnahmen. In eindeutiger Verletzung von ihm selbst aufgestellter Grundsätze zitierte er einige der Unterstützerinnen seiner Frau vor die versammelte Ältestenschaft der Kirche von Allegheny und beschuldigte sie der Verleumdung. Mit Berufung auf das Argument, Maria und ihre Schwestern hätten sich aus der Kirche zurückgezogen, ließ er sie von der Zusammenkunft ausschließen. Als nächstes schrieb er wütende Briefe an seinen Vater, an Emma Russell und an Laura Raynor, in denen er sie aufforderte, meine Frau unter keinerlei Vorwand zu empfangen oder unter eurem Dach zu beherbergen oder zu bewirten." So hatte er Erfolg bei dem Versuch, die Autorität in der Versammlung wie in seinem eigenen Hause an sich zu nehmen; und noch einmal suchten die Russells eine Versöhnung. Im September 1897 unterschrieben Russell, Maria und ihre Schwestern eine Vereinbarung, nach der sie den Groll der Vergangenheit vergessen und einander mit Freundlichkeit behandeln wollten. Doch am 9. November desselben Jahres verließ Maria die gemeinsame Wohnung, um nie mehr dorthin zurückzukehren.(124)

Sie fuhr sofort nach Chicago, wo sie wiederum versuchte, vor der zur damaligen Zeit zweitgrößten Bibelforscher-Versammlung der Welt Beschuldigungen gegen Russell vorzubringen. Als sie dort nichts erreichen konnte, beabsichtigte sie, zu ihrem Mann zurückzukehren. Doch er weigerte sich, sie wieder aufzunehmen -- es sei denn, zu seinen Bedingungen. Im Januar 1899 kehrte sie nach Allegheny zurück, um bei der inzwischen verwitweten Emma Russell zu wohnen und die öffentlichen Angriffe gegen Pastor Russell wieder aufzunehmen. Fünfzehn Monate später schlossen die Russells wieder Frieden miteinander und Maria zog in eine Pension neben ihrer Schwester, die Russell gehörte. Obwohl er sich weigerte, sie direkt zu unterstützen, versorgte er sie mit Mobiliar und erlaubte ihr, von den Einnahmen zu leben, die sie von einer Anzahl Mietern erzielen konnte.

Jetzt lebten sie zwar getrennt, doch der Waffenstillstand zwischen ihnen dauerte nicht lange. Zwischen April 1899 und den Anfangsmonaten 1903 legte Maria Russell genug Geld auf die Seite, um ein Traktat zu schreiben, zu drucken und zu veröffentlichen, das eine Zusammenfassung der jahrelangen Beziehung zu ihrem Mann und ein weiterer bitterer Angriff auf ihn war. Darin veröffentlichte sie die Briefe zwischen ihnen und versuchte mit einigem Erfolg, ihn als einen anmaßenden Tyrannen zu beschreiben. Um alles noch schlimmer zu machen, gab sie Traktate an alle erreichbaren Bibelforscher weiter und sandte sie stapelweise an verschiedene Geistliche mit der Anmerkung, sie möchten sie doch wo immer möglich unter Bibelforschern verbreiten.

Russell war gelinde gesagt rasend und entschloß sich, seine Frau für diese Tat zu bestrafen. Irgendwann Mitte März 1903 ergriffen er und ein paar Mitstreiter aus dem Bibelhaus, der Wachtturm-Zentrale, Besitz von der Pension, in der sie mit vier oder fünf Mietern lebte, und räumten deren gesamte persönliche Habe aus. Russell ging sogar so weit, die Geldbörse seiner Frau mit allen Mieteinnahmen, die noch darin waren, an sich zu nehmen, und es kam fast zu Handgreiflichkeiten mit einem der Mieter, als dieser entdeckte, daß man all seine Habe und die seiner Mitbewohner aus ihren Zimmern ausgeräumt hatte. Es ist nicht überraschend, daß sich Russell bald vor Gericht wiederfand. Zwei wütende Mieter verklagten ihn wegen Verletzung ihres Mietvertrags, einer von ihnen beschuldigte ihn wegen Körperverletzung, und Maria klagte auf Trennung von Tisch und Bett. Russell verlor in allen Punkten; nur von der Anklage der Körperverletzung wurde er freigesprochen.(125)

Schließlich wurde Maria Russell die erbittertste Gegnerin ihres Mannes. Während des Verfahrens, in dem es um die Trennung ging, versuchte sie, ihn in ziemlich bösartiger Weise zu verletzen. Sie sagte, er sei wie eine Qualle, die umhertreibt und alle, die darauf reagieren, umfängt." Obwohl diese Aussage nicht zugelassen wurde und sie unter Eid zugab, daß sie nicht glaubte, er habe sich des Ehebruchs schuldig gemacht, besudelte Frau Russell erfolgreich den Ruf ihres Mannes.(126) Später ging ihr Kampf über den Punkt weiter, daß er sich weigerte, ihr den vom Gericht zugesprochenen Unterhaltssatz zu zahlen, und wiederum unternahm sie alles im Rahmen der Gesetze Mögliche, ihn in den Augen der Welt in ein schlechtes Licht zu rücken. Er behauptete, er habe das Geld nicht; aber zweifellos wollte er in keinem Fall zahlen, da sie vorhatte, mit einem Teil davon Angriffe gegen ihn zu drucken und zu verbreiten.(127)Obwohl einige ihrer Klagen gegen ihn ohne Zweifel sehr berechtigt waren, kann man sich nur schwer dem Gefühl entziehen, daß ihr Verhalten ihm gegenüber, zumindest ab 1903, äußerst unversöhnlich war. Doch all die Jahre seither haben es Historiker, wenn sie die bitteren Streitigkeiten zwischen Charles und Maria Russell einschätzten, versäumt, auch nur etwas Ähnliches wie einen Konsens darüber zu erreichen, bei wem von beiden der größere Teil Schuld lag.(128)

Die Spaltung über den Neuen Bund

Sehr bald nach der Scheidung der Russells kam es zu der bitteren und bedeutsamen Spaltung über die Frage des Neuen Bundes. Im Grunde ereignete sich folgendes: In der Zeit seiner Streitigkeiten mit Nelson Barbour hatte Russell die später unter diesem Namen bekannte Mysterienlehre" entwickelt, die der jugendliche Pastor, seine Anhänger und danach viele weitere als neue Wahrheit" auffaßten. Und tatsächlich bedeutete das Mysterium, wie es Russell verstand, daß nicht nur der Mensch Jesus sich als Lösegeld für die Menschheit opferte, sondern daß auch der Leib Christi, die 144.000 Glieder seiner Kirche, an dem Loskaufs- und Sühnewerk teilhatten.(129) Russell war sich natürlich nicht darüber im klaren, daß seine neue Wahrheit" ganz allgemein schon seit Jahrhunderten zum katholischen Lehrgebäude gehörte.(130) Das war jedoch uninteressant. Wichtig war aber, daß er aufgrund der Mysterienlehre auch zu dem Glauben gelangte, daß die Glieder der Kirche Christi nicht unter dem Neuen Bund standen, von dem es in der Heiligen Schrift hieß, er ersetze den Bund, den Gott durch Moses mit Israel geschlossen hatte. Der Grund dafür war, daß der Neue Bund solange nicht auf die ganze Menschheit Anwendung finden konnte, bis die Glieder des Leibes Christi geopfert, auferweckt, entrückt und mit ihrem Herrn im Himmel vereint wären. Und nach 1881 erwartete Russell nicht mehr, daß das vor dem Jahre 1914 geschehen werde.

1880 äußerte er sich höchst eindeutig über den Neuen Bund. Er sagte nachdrücklich: Er sollte nicht als Gottes Bund mit uns verstanden werden -- 'der Same'; nein, das war ein Teil des Abrahamischen Bundes, und obwohl beide in Harmonie miteinander sind, sind beide nicht dasselbe; der 'Neue Bund' ist ganz und gar nicht mit der Kirche geschlossen."(131) Doch innerhalb eines Jahres kehrte Russell, der, wie bereits festgestellt, nicht immer ein klarer Denker war, zu der überkommenen christlichen Ansicht zurück, daß die Kirche unter dem Neuen Bund stand.(132) Wie Timothy White bemerkt, schien bei ihm über diesen Punkt gründliche Verwirrung zu herrschen.(133)Dennoch wußten die meisten Bibelforscher in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts nichts von seinen früheren Gedanken, da sie nach 1880 zu der Bewegung gestoßen waren. Folglich waren viele der befähigtesten Bibelforscher schockiert, als Russell die alte Lehre aus dem Jahre 1880 erneut bekräftigte.

Russell hätte die Diskrepanz in seinen Lehren wohl nicht einmal selbst bemerkt, wenn da nicht Paul S.L. Johnson gewesen wäre, ein fähiger, aber exzentrischer Kolporteur, der in späteren Jahren noch wichtigen Einfluß auf die Geschichte der Bibelforscher nehmen sollte. Johnson war als Jude aufgewachsen, zum Christentum konvertiert, lutherischer Pfarrer und schließlich Bibelforscher geworden. Als Russells Gefährte mit der vielleicht besten Erziehung und Bildung stieß er beim Nachforschen auf Russells Ansicht aus dem Jahre 1880, und er ermunterte ihn dazu, ihr wieder zur Gültigkeit zu verhelfen(134), was Russell mit einem Artikel in der Ausgabe von Zion's Watch Tower vom Januar 1907 tat.

Viele enge Mitverbundene taten ihr Bestes, damit Russell diese sonderbare wieder in Kraft gesetzte Lehre des Neuen Bundes aufgab. Denn er glaubte nicht nur, daß die Kirche nicht unter oder in diesem Bund stand, sondern auch, daß die 144.000 keinen Mittler benötigten. Und der Mittler für die übrige Menschheit, der Christus, sollte aus Jesus und der Kirche zusammen bestehen -- dem Haupt und dem Leib.(135) Russell ließ sich jedoch nicht dazu überreden, diese Lehre aufzugeben.

Russells Starrköpfigkeit brachte viele seiner Kritiker unter den Bibelforschern zu dem Glauben, daß er allmählich autokratisch wurde, und sie wurden darin durch einen weiteren, aber nebensächlichen Punkt bestärkt -- den merkwürdigen Punkt des Gelöbnisses." Die Scheidungssache Russell lenkte die Aufmerksamkeit auf das richtige Verhalten unter den Geschlechtern" bei den Bibelforschern. So setzte der Pastor Anfang 1908 ein Gelöbnis auf und sprach es vor dem Herrn. Darin heißt es unter anderem: Ich gelobe weiterhin, daß ich mich mit der nachstehenden Ausnahme jederzeit und an jedem Ort im Privatbereich so gegenüber dem anderen Geschlecht benehmen werde, wie ich es in der Öffentlichkeit täte -- in Anwesenheit einer Versammlung des Volkes des Herrn und soweit es vernünftigerweise möglich ist, will ich vermeiden, mit einer Frau allein in einem Raum zu sein, wenn die Tür zu dem Raum nicht weit offensteht -- ausgenommen Ehefrau, Kinder, Mutter und Schwestern."(136)

Natürlich sprach sich niemand dagegen aus, daß Russell solch ein Gelöbnis tat. Doch er machte an diesem Punkt nicht Halt; er fing an, dafür auch bei anderen zu werben. Zuallererst schlug er vor, daß alle Voll- und Teilzeit- Pilgrime, die unter der Schirmherrschaft der Watch Tower Society tätig waren, und auch alle Brüder der Bibelhaus-Familie" in Pittsburgh ebenfalls das Gelöbnis leisten sollten. In einem Rundbrief vom März 1908 rief er jeden Pilgrim und die Glieder der Bibelhaus-Familie auf, sich durch ein Gelöbnis an den Herrn zu binden" und dann Russell brieflich mitzuteilen, daß sie es getan hatten.(137)

Ein Sturm folgte. Die meisten kamen der Aufforderung nach und leisteten das Gelöbnis, doch einigen war die ganze Sache sehr zuwider. Sie führten einige frühere Lehren Russells gegen Gelöbnisse an und äußerten ihre Abneigung dagegen, daß sich Russell die Freiheit genommen hatte, die Namen derer zu veröffentlichen, die das Gelöbnis getan hatten -- in einer Sache, die sie als schon nicht mehr ganz subtile leichte Gewaltanwendung ansahen.(138) Russell reagierte darauf pikiert. Er sagte: Scheinbar haben ein paar sonst helle Brüder einfach vergessen, was das Wort 'Gelöbnis' bedeutet", und behauptete, er habe niemanden dazu gezwungen, das Gelöbnis zu leisten.(139)Er stimmte zwar zu, die Namen derer, die das Gelöbnis täten, zukünftig nicht mehr zu veröffentlichen, doch er schrieb: Haltet uns bitte auf dem laufenden, wenn ihr das Gelöbnis tut. Wir werden eine alphabetische Liste aufbewahren, die irgendwann vielleicht einmal von Nutzen ist."(140) Natürlich begannen seine Kritiker diese Liste sofort als Auflistung Russell ergebener Leute zu betrachten und entfremdeten sich weiter. So wurde das Gelöbnis zu einem weiteren roten Tuch für die, die sich schon wegen des Punktes Neuer Bund Sorgen machten.

Die führenden Gegner der von Russell wieder in Kraft gesetzten Lehre über den Neuen Bund waren sowohl bekannte Bibelforscher als auch Männer und Frauen aus Russells engerem und geschätzten Gefährtenkreis. Darunter waren A.E. Williams (ein angeheirateter Neffe des Pastors), M.L. McPhail, E.C. Henninges und seine Frau Rose sowie Mae Land, Russells eigene Schwester.(141) Von diesen hatte McPhail im Jahre 1894 als erster Watchtower- Vollzeit- Pilgrimbruder gedient.(142) Henninges hatte eine Zeitlang als Sekretär-Kassierer der Watch Tower Society gedient, er hatte Aktivitäten der Bibelforscher in England gefördert und ein Watchtower- Zweigbüro in Melbourne in Australien gegründet.(143)Des weiteren war er mit Rose Ball verheiratet, Russells Pflegetochter" und jener jungen Frau, von der Maria Russell behauptete, ihr habe ihr Mann die niederträchtige Quallengeschichte erzählt.(144)

1909 schrieb Henninges einen langen Protestbrief an Russell.(145) Kurze Zeit darauf veröffentlichten Dissidenten aus der New Yorker Bibelforscher-Kirche einen offenen Brief an alle [Bibelforscher], die sich der Notwendigkeit bewußt sind, inmitten so mancher unterschwelliger Versuchungen und Anfechtungen in der gegenwärtigen Zeit mit Festigkeit für den Herrn und Sein Wort einzustehen: an alle, die Jesus als ihren Mittler und Sein Blut des Neuen Bundes als die Grundlage der Gunst in diesem Evangeliumszeitalter wertschätzen."(146)Nach der Veröffentlichung dieses Briefes gingen einige Amerikaner -- darunter Williams aus New York -- sowie die meisten Angehörigen der Melbourner Versammlung und weitere Bibelforscher aus der ganzen Welt und bildeten die Gemeinschaft der New Covenant Believers.(147)

Russell wollte sicher nicht, daß diejenigen, die nun New Covenant Believers wurden, gingen, aber er reagierte scharf auf ihre Kritik und wies darauf hin, daß sie nun in die äußere Finsternis" gingen, und unterstellte ihnen, gierige Wölfe" zu sein.(148)Darüber hinaus benutzte er seine Stellung als treuer und kluger Knecht", Herausgeber von Zion's Watch Tower und gewählter Pastor der Bibelforscher-Versammlungen, jegliche Gegnerschaft gegen seine Lehren niederzuschlagen. So wurde schnell deutlich, daß es unmöglich war, diese Lehren abzulehnen und gleichzeitig innerhalb der Bibelforschergemeinde zu bleiben; und die dissidenten Bibelforscher weigerten sich, ruhig zu bleiben. Für sie war im Jahre 1909 die überkommene Lehre über den Neuen Bund ebenso wichtig, wie es im Jahre 1878 die Lehre vom stellvertretenden Sühnopfer für Russell gewesen war. In der Folge setzten sich einige Hundert von insgesamt vielleicht 10.000 Bibelforschern ab.(149) Russell schien nicht wahrzunehmen, daß er sehr stark zu jenem Sektendenken beigetragen hatte, das er so sehr haßte, und daß er den Grund zu jener autoritären Haltung gelegt hatte, die nach seinem Tode ein so kennzeichnendes Charakteristikum der Wachtturm-Bewegung werden sollte.

Russells Gegner außerhalb der eigenen Reihen

Probleme durch Schismen unter den Bibelforschern und Ehestreitigkeiten waren nicht die einzigen Sorgen, unter denen Russell litt. Schon früh in seiner Laufbahn begann er, die meisten Geistlichen als falsche Hirten anzusehen: Sie unternahmen keinerlei Bemühungen, Christi Königreich zu predigen, waren häufig durch die Textkritik beeinflußt oder verbreiteten Gott entehrende Lehren wie das Höllenfeuer oder die Unsterblichkeit der Seele. Überdies betrachtete er das Weiterreichen des Kollektentellers in der Kirche als eine Verletzung des biblischen Grundsatzes: Umsonst habt ihr empfangen; umsonst gebt weiter." So kündigte er als eine Art Markenzeichen seine Versammlungen mit den Worten an: Freier Eintritt; Keine Kollekte."(150) Russell wie auch die Bibelforscher machten ihren Empfindungen über falsche Hirten" sowohl in gedruckter Form als auch überall dort, wohin sie gingen, Luft. Damit trafen sie in ein Wespennest.

Es ist daher nicht verwunderlich, daß Russell persönlich erbittert angegriffen wurde. Nach seiner Scheidung im Jahre 1906 unterstellten ihm Zeitungen und einzelne Geistliche, er habe Ehebruch begangen.(151) Er wurde finanzieller Täuschungsmanöver beschuldigt; insbesondere in der Sache, die als Wunderweizen-Affäre bekannt werden sollte. Er wurde als Meineidiger etikettiert von einem kanadischen Baptistenpfarrer, Reverend J.J. Ross, der behauptete, er habe im Zeugenstand die Unwahrheit gesagt: er könne Griechisch", obwohl das nicht stimmte. Sowohl die Wunderweizen-Sache als auch der Fall Ross verdienen einige Anmerkungen.

Im Jahre 1904 entdeckte ein Mann namens Stoner, der weder Russell noch die Bibelforscher kannte, in Fincastle in Virginia eine erstaunlich ertragreiche Weizensorte, die er Wunderweizen" nannte. Sieben Jahre später stifteten zwei Bibelforscher der Watch Tower Society dreißig Scheffel des Weizens, der dann für einen Dollar pro Pound (etwa 450 Gramm) als Saatgut verkauft werden sollte. Den Erlös -- ungefähr $ 1.800 -- sollte die Gesellschaft zur Fortführung ihrer Tätigkeit verwenden. Russell selbst erhielt nichts aus dem Erlös, doch seine Feinde behaupteten, der Verkauf sei religiöser Betrug. Eine New Yorker Zeitung, der Brooklyn Daily Eagle, griff ihn an und verspottete sowohl Russell als auch den Wunderweizen in einer Karikatur.

Russell verklagte den Eagle, aber er verlor. Offensichtlich verkaufte er den famosen Weizen mit guten Absichten, aber er dachte über seine Qualitäten wohl besser, als es angebracht gewesen wäre. Anscheinend war der Wunderweizen nicht mehr als eine Mutante, eine Laune der Natur". Er verlor bald seine außerordentliche Vitalität und war nicht, wie Russell aufrichtig glaubte, ein Zeichen, daß die Erde bald als Paradies wiederhergestellt werden sollte.(152)

Die Beschuldigung von J.J. Ross, daß Russell einen Meineid leistete, ist ständig wiederholt und immer wieder geglaubt worden. Doch es war Ross, nicht Russell, der eine Falschaussage machte. In einer Flugschrift nach dem Strafverfahren Russells gegen ihn zitierte Ross seinen Anwalt falsch, dieser habe Russell gefragt, ob er Griechisch könne". Doch tatsächlich hatte George Lynch-Staunton, der Anwalt, die Frage gestellt: Kennen Sie das griechische Alphabet?" Russell antwortete einfach: Oh ja." Er behauptete in keiner Weise, er wisse mehr vom Griechischen oder einer anderen Sprache als das. Es war daher Ross, der die Wahrheit verdrehte.(153)

Es ist unmöglich, sich an dieser Stelle mit allen Anfechtungen und Sorgen Russells zu befassen, doch eine sorgfältige Untersuchung eines jeden Falles zeigt, daß er im Grunde immer aufrichtig war, auch wenn er irregeleitet wurde. Sein Leben war im allgemeinen tadellos. Darüber hinaus war er ganz allgemein ein attraktiver, freundlicher Mann, völlig dem Verwalteramt hingegeben, für das er sich bestimmt hielt. Aber es kann keinen Zweifel geben, daß er eine Ader anmaßenden Stolzes hatte und manchmal arglos bis zur Naivität war. Obwohl man ihn in der Wunderweizen-Affäre ohne Zweifel von jedem Betrug freisprechen muß, hätte er mehr Verstand zeigen sollen, als Weizen unter diesem Namen zu verkaufen, um die Evangelisation zu unterstützen. Hätte er sich vorher irgendwelche Gedanken darüber gemacht, wäre ihm der schlechte Ruch einer solchen Unternehmung wohl aufgefallen. Und hätte er sich die Zeit genommen, darüber nachzudenken, hätte er die sexuelle Frustration seiner Frau wahrgenommen und wäre mehr geworden als ein Ehemann nur dem Namen nach. Doch trotz dieser wirklichen Mängel: Wenn man ihn mit anderen Religionsführern im Amerika des 19. und 20. Jahrhunderts wie Joseph Smith, Ellen White, Mary Baker Eddy und Amee Semple McPherson vergleicht, dann erweist sich Russells Charakter als ziemlich gut.

Russells letzte Lebensjahre und sein Tod

Während seiner letzten Lebensjahre wurde Russell von der Bibelforschergemeinde gefeiert, und seine Predigten wurden in Amerika wie in Europa veröffentlicht, während er ausgedehnte Reisen per Eisenbahn und Dampfer unternahm. In vielerlei Hinsicht muß das Leben angenehm für ihn gewesen sein. Auf seinen Reisen sparte er nicht an Kosten, um es sich und seinen Reisegefährten, darunter Ärzte, pensionierte Generäle, Professoren und Richter, bequem zu machen. Wenn er seine weit verstreuten Versammlungen besuchte, war er ständig von Männern und Frauen umgeben, die ihn anbeteten. War er schließlich nicht ihr Pastor, der Knecht"? Doch er war weit entfernt davon, auf Rosen gebettet zu sein. Zwischen 1903 und 1913 war er fast ständig in Rechtsstreitigkeiten verwickelt und wurde sowohl von Geistlichen als auch von Teilen der Presse scharf kritisiert. Und er war ein unglaublich harter Arbeiter, der sich selbst antrieb, als seine Gesundheit schlechter zu werden begann. Schließlich, als das Jahr 1914 nahte, fing er an, nervös zu werden, weil sich vielleicht die Prophetie über die Heidenzeiten, die schon vor seinem Bruch mit Nelson Barbour ein so herausragender Teil seiner Lehren gewesen war, nicht erfüllte. Jahrelang hatten Russell und die Bibelforscher erwartet, daß die heidnischen Nationen im Laufe dieses Jahres in die Vernichtung gingen; oder vielleicht auch 1915, falls sich der Zeitpunkt 1914 als falsch erwiese. Die Heiligen sollten zu Christus in den Himmel aufgenommen werden (da das 1874, 1878 oder 1881 nicht geschehen war), und Christi Tausendjahrherrschaft über die Erde sollte beginnen. Doch als das verhängnisvolle Jahr nahte, hatte Russell begonnen, seine diesbezüglichen Vorstellungen einzuschränken. Ursprünglich war er absolut sicher gewesen, daß in jenem Jahr das Ende käme. In Die Zeit ist herbeigekommen hatte er geschrieben, daß das Jahr 1914 die äußerste Grenze der Herrschaft des unvollkommenen Menschen markiere"(154), aber zu den ersten beiden Dekaden des 20. Jahrhunderts hin wurde er immer vorsichtiger. Melvin Curry stellt fest:

Russell bediente sich einer Anzahl von Konstruktionen, um die Wirkung eines prophetischen Fehlschlages im voraus nichtig zu machen. Zuerst leugnete er, inspiriert zu sein, und argumentierte, daß seine Vorhersagen auf Glauben basierten und damit nicht unfehlbar seien. Trotzdem behauptete er immer noch, daß die biblischen Beweise so schlagkräftig seien, daß der Glaube an die Chronologie fast zur Gewißheit werde." Zweitens versicherte er, daß sein Unvermögen, die Ereignisse von 1914 genau vorherzusagen nur beweisen würde, daß unsere Chronologie, unsere 'Alarmklingel', nur ein bißchen vorginge" und daß der Fehler nicht sehr groß" sei. Beispielsweise räumte er ein, daß die Heidenzeiten im Oktober 1914 oder im Oktober 1915 enden könnten." Drittens engte er die Vorhersagen so ein, daß sie sich auf nicht faßbare übernatürliche Ereignisse bezogen wie das Ende der Zulassung der Macht für die Heidennationen" und das Ende der Erntezeit des Evangeliumszeitalters." Viertens kehrte er im Jahre 1904 die Reihenfolge der erwarteten Ereignisse um und beteuerte, daß die weltweite Anarchie" eher auf das Ende der Heidenzeiten folgte, statt ihm vorauszugehen [sic]. Fünftens änderte er seine Voraussage, daß der Zusammenbruch der Christenheit plötzlich und schrecklich" sei. Daraus machte er die Leugnung, daß die Nationen in jenem Jahr in Stücke zerbrechen." Statt dessen behauptete er, der irdische Teil des Königreiches werde später als 1914 aufgerichtet; damit wurde eine Zeitperiode nach der Beendigung der Zulassung der Heidennationen für den Sturz der Nationen und die allmähliche Aufrichtung des Königreichs auf Erden" eingeräumt. Schließlich verglich er die möglichen Fehler seiner Chronologie mit anderen Unsicherheiten in der Bibel.(155)

Dennoch glaubte Russell weiterhin das, was nun sein eigenes System war, und um das Jahr 1913 setzte eine große chiliastische Aufregung bei den Bibelforschern ein. Als dann der erste Weltkrieg ausbrach, nahm Russell das als eine Bestätigung seiner chronologischen, prophetischen Spekulationen. Anders als viele seiner Anhänger -- sogar in der Weltzentrale der Watch Tower Society in Brooklyn -- war er nicht durch die Tatsache verunsichert, daß er und sie nicht mit den Wolken hinweggenommen wurden. In seinem Buch Faith on the Marcherzählt A.H. Macmillan die Ereignisse im Herbst 1914 nach: Am Freitagmorgen (dem 2. Oktober) saßen wir alle am Frühstückstisch, als Russell herunterkam. Als er den Raum betrat, zögerte er einen Augenblick, wie es seine Art war, und sagte dann fröhlich: 'Guten Morgen zusammen.' Doch statt wie üblich auf seinen Stuhl zuzugehen, klatschte er forsch mit den Händen und verkündete glücklich: 'Die Heidenzeiten sind zu Ende; die Könige haben ihre Zeit gehabt.' Wir applaudierten alle."(156)

Bibelforscher in einem großen Teil der Welt applaudierten. Das Jahr 1914 hatte zwar nicht das Ende gebracht, aber wie die Zeugen Jehovas heute waren sie bereit, die Vorstellung zu akzeptieren, daß der Ausbruch des ersten Weltkrieges in Europa tatsächlich bewiesen hatte, daß die Barbour-Russellsche Chronologie im Grunde genommen tragfähig war.(157) Doch obwohl das Kommen des Krieges ihre Gemeinschaft -- zumindest unmittelbar -- vor einer weiteren großen Glaubenskrise bewahrte, schuf es andere äußerst schwerwiegende Probleme. Da zum einen ihrer Ansicht nach die Heidenzeiten geendet hatten, nahm die apolitische Apokalyptik" der Bibelforscher ganz erheblich zu. Russell nahm eine härtere Haltung zugunsten der Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen ein und verurteilte Geistliche in Kanada, weil sie als Rekrutierungsagenten für den Drachenzahn des Krieges" gehandelt hatten.(158) Natürlich waren er und seine Anhänger mit dieser Haltung in den Vereinigten Staaten von 1914 bis Ende 1916 mit ihren Landsleuten in Einklang. Aber für andere Teile der Welt galt das nicht; und im Sommer 1916 wurde Russell die Einreise nach Kanada von kanadischen Einwanderungsoffizieren verwehrt, die wütend über ihn waren, weil er sich 'in die Rekrutierungsbemühungen des britischen Empire eingemischt' habe.(159)

Viel schwerer für die Bibelforscher wog, daß Russell am 31. Oktober 1916 während einer Eisenbahnreise in den Südwesten der Vereinigten Staaten unter großen Schmerzen starb.(160)Er war schon eine Zeitlang müde und krank gewesen, doch er bestand darauf, seiner weit verstreuten Herde gegenüber bis zum Ende seine Pflichten als Prediger und Pastor zu erfüllen. Denn in seinen letzten Lebensjahren war er überzeugt, daß der erste Weltkrieg im Jahre 1918 in die Schlacht von Harmagedon und die Entrückung der Kirche münden werde. So bewahrte sein Tod ihn wohl vor der möglichen Ernüchterung, wenn er noch gelebt hätte und der Krieg hätte geendet, ohne daß die Nationen in die Vergessenheit versunken waren, doch für seine Anhänger kam er zu einer höchst unpassenden Zeit. Sie hatten nicht erwartet, daß ihr Pastor, der Knecht", vor dem Ende der Welt sterben würde, und sie waren psychologisch nicht darauf vorbereitet, zukünftig seinen und ihren Dienst fortzuführen. Und noch bedeutsamer, sie sollten in große Verwirrung durch die Tatsache geraten, daß ihre Kirche wieder nicht in den Himmel heimgeholt" wurde, die Juden nicht in Palästina versammelt wurden und die Nationen dieser Welt nicht zerbrochen waren, wie es Russell vorhergesagt hatte, als dann statt mit der Apokalypse der Krieg mit dem Versailler Vertrag endete. Tatsächlich fiel die Bibelforscherbewegung 1917 und 1918 fast auseinander -- aufgrund von Machtkämpfen unter seinen Nachfolgern und wegen der Verfolgung durch weltliche Regierungen und Pöbelrotten, die ihnen nachstellten, nachdem die Vereinigten Staaten im April 1917 in den Krieg eingetreten waren. Obwohl Russell für den Fall seines Todes und die Fortsetzung des Werkes danach einige Pläne gemacht hatte, konnte er keine Vorstellung von dem haben, was sich bald darauf ereignen sollte.

1. Wenn nicht anders vermerkt, sind die Angaben zu Russell folgenden Werken entnommen: Zion's Watch Tower, 1906, Reprints Seiten 3820-28; The Watch Tower, 1916, Reprints Seiten 5997-6013; The Laodicean Messenger (Chicago: The Bible Students Book Store 1923); Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben (engl: Brooklyn, NY: Watchtower Bible & Tract Society 1959; deutsch: Wiesbaden: Wachtturm-Gesellschaft 1960); Timothy White, A People for His Name (New York: Vantage Press 1967).
2. Nach Richard Rawe aus Soap Lake, Washington, der Russels Geschäftstätigkeit näher untersucht hat, sind viele der Behauptungen über seine großen Fähigkeiten als Geschäftsmann wohl doch übertrieben. In The Laodicean Messenger sagt sein Biograph auf Seite 6, daß die Läden ihn bald reich machten, und als er gerade erwachsen wurde, da besaß er schon eine Viertelmillion US-Dollar." Rawe bringt das Argument vor daß Russell erst später zu Wohlstand kam, nachdem er $ 6.000 von einem Onkel geerbt hatte (die er als Kapital anlegte). Trotzdem war Russell ein äußerst fähiger Unternehmer, der seinen frühen, recht bescheidenen Wohlstand dazu benutzte, ein beträchtliches Vermögen zu machen. Russell gab 1907 zu, er habe im Jahre 1879 Vermögenswerte in Höhe von $ 60.000 besessen, darunter drei Bekleidungsgeschäfte in Allegheny und drei in Pittsburgh." Tatsächlich war er wahrscheinlich sehr viel reicher. In einem Brief an einen gewissen Herrn J.H. Brown, etwa aus dem Jahr 1898, hatte er geschrieben: Sie kennen mich schon über 20 Jahre als Geschäftsmann, als sie mir damals Ware verkauften. Zu jener Zeit wußten Sie wahrscheinlich, daß ich von Handelsagenturen auf $ 150.000 geschätzt wurde -- daß ich neben mehreren kleineren Läden das größte Herrenausstattergeschäft in Pittsburgh besaß." Verhandlungsmitschrift im Berufungsprozeß Russell gegen Russell am Obersten Gericht des Staates Pennsylvania (April 1907), Seiten 23, 42, 43.
3. Pastor Russell's Sermons (Brooklyn, NY: International Bible Students Association 1917), Seite 517.
4. Bemerkung aus der Korrespondenz J.L.Russells in der adventistischen Zeitschrift Herald of Life and the Coming Kingdom.
5. Siehe das Vorwort des Verfassers von The Laodicean Messenger und Das vollendete Geheimnis (Magdeburg: Wachtturm Bibel & Traktat Gesellschaft ??) Seiten ??.
6. Erst in ihrem neuesten Geschichtsabriß", Jehovas Zeugen, Verkündiger des Königreiches Gottes (Selters: Wachtturm Bibel & Traktat-Gesellschaft 1993) hat die Wachtturm-Gesellschaft ein Interesse an den Personen gezeigt, die Einfluß auf Russell hatten. Dieses Interesse scheint großenteils eine Reaktion auf die erste englische Auflage des vorliegenden Buches und Werke wie Carl Olof Jonssons The Gentile Times Reconsidered(deutsch: Die Zeiten der Nationen näher betrachtet, Altenberge: Oros-Verlag 1992) zu sein. Leider lassen die offiziellen Geschichtsabrisse der Zeugen in dieser und in anderer Hinsicht vieles zu wünschen übrig.
7. Watch Tower, 1906, Reprints Seite 3821.
8. Stetson predigte eine Zeitlang in Pittsburgh, verzog aber später nach Edinboro, Pennsylvania, wo er als Pastor einer großen Versammlung diente. Der Watch Tower von 1879, Reprints Seite 46, vermerkt seinen Tod. Es war sein Wunsch vor seinem Tod, daß Russell die Begräbnisrede halten sollte.
9. Das meiste über Storrs ist folgenden Zeitschriften und Büchern entnommen: Herald and Life and the Coming Kingdom, 7. Januar 1880; Bible Examiner, März 1880; Frank S. Mead, Handbook of Denominations in the United States (New York: Abingdon-Cokesbury Press 1951), Seite 19; LeRoy Edwin Froom, The Conditionalist Faith of Our Fathers (Washington, DC: The Review and Herald Publishing Association 1967) Band 2, Seiten 305-15.
10. Froom, Band 2, Seiten 300-305.
11. Frooms zweibändiger Abriß des Konditionalismus ist die einzige vollständige Geschichte zu diesem Thema in englischer Sprache. Eine kürzere Abhandlung findet sich unter dem Stichwort Annihilationism" in The New Schaff-Herzog Encyclopedia of Religious Knowledge, Band 1, Seiten 236, 237.
12. Siehe das Stichwort Annihilationists" in McClintock and Strong's Cyclopaedia of Biblical, Theological and Ecclesiastical Literature (Grand Rapids, Michigan: Baker Book House 1980), Band 1, Seiten 236, 237.
13. Bible Examiner, März 1880, Seite 404.
14. Dr. John Thomas, der Gründer der Christadelphianer, schloß sich kurz den Milleriten an. Wie so viele, die dies taten, nahm er dann auch den Konditionalismus an.
15. Synopsis of Our Faith" (Ein Abriß unseres Glaubens) in Bible Examiner, Januar 1877, Seite 104. Storrs letztgenannte Vorstellungen wurden 1870 und 1871 ausgearbeitet.
16. Der Brauch, das Abendmahl am 14. Nisan zu feiern, hatte in den 1860er Jahren unter den Mitgliedern der Life and Advent Union seinen Anfang. Storrs behielt diese Praxis bis zu seinem Tode bei. Siehe z. B. Bible Examiner, Februar 1877, Seite 131.
17. Jonathan M. Butler, Adventism and the American Experience", in Edwin Scott Gaustadt, Herausgeber, The Rise of Adventism (New York: Harper and Row 1974), Seite 177.
18. Es ist richtig, daß Storrs darüber nach dem Ende des Bürgerkries anders dachte.
19. In The Last Times and Great Consumation (1863) lehrt Seiss auf den Seiten 218-220, daß Christus und die Heiligen nach ihrer Auferstehung verherrlichte geistige Leiber" hätten.
20. Das genaue Datum der ersten Veröffentlichung von The Object and Manner of Our Lord's Return ist fraglich. Zwar gab die Wachtturm-Gesellschaft lange das Jahr 1873 an, aber scheinbar gibt es kein Exemplar mit einem Datum vor 1877, als ein bearbeiteter Text in The Herald of the Morning, herausgegeben von Nelson H. Barbour, veröffentlicht wurde. Nach Paul S.L. Johnson sagte Russell überdies selbst, daß er die Lehre von Christi unsichtbarer Gegenwart im Oktober 1874 annahm. Paul S.L. Johnson, The Parousia Messenger(Philadelphia: Paul S.L. Johnson 1938), Seiten 368, 369, 437.
21. C.T.Russell, The Object and Manner of Our Lord's Return (Rochester, NY: The Herald of the Morning 1877), Seite 45.
22. Es gibt drei traditionelle Auslegungsweisen der Offenbarung: die zeitgeschichtliche, die den Anspruch erhebt, die Prophezeiungen hätten sich gegen Ende des 1. Jahrhunderts erfüllt: die historistische, in der argumentiert wird, die Offenbarung enthalte prophetische Geschichte in Symbolen vom 1. Jahrhundert bis nach dem Ende des Tausendjahrreiches; und die futurologische, bei der man meint, sie handle allein von eschatologischen Ereignissen, beginnend kurz vor Christi Wiederkehr. Indem Russell die historistische Position übernahm, befand er sich in Übereinstimmung mit den meisten Richtungen des britischen und amerikanischen Protestantismus.
23. Jonssons Artikel mit der Überschrift Theory of Christ's Parousia as an 'invisible Presence'" (Theorie der Parusie Christi als unsichtbarer Gegenwart) erschien in den Ausgaben November-Dezember 1982 und Januar-Februar 1983 des Bible Examiner, veröffentlicht von Christian Koinonia International of Lethbridge, Alberta.
24. Carl Olof Jonsson, The Bible Examiner (Januar-Februar 1983), 3:12. Eine ausgezeichnete Übersicht über die Geschichte des Millenarismus in Großbritannien und den Vereinigten Staaten während des 19. Jahrhunderts findet sich in Ernest R. Sandeen, The Roots of Fundamentalism: British and American Millenarianism 1800-1930 (Chicago: University of Chicago Press 1970).
25. Alan Rogerson, Millions Now Living Will Never Die (London: Constable & Co. Ltd. 1969) Seiten 8, 9. In den Jahren von 1879 bis 1882 schrieb Keith mehrere Artikel für Zion's Watch Tower über die Lehren des Loskaufsopfers, die Kirche, Christi unsichtbare Gegenwart und die Wiederherstellung aller Dinge.
26. Watch Tower, 1906, Reprints Seite 3822.
27. Herald of the Morning, Mai 1879, Seite 88. Auch Russell nennt Barbour in frühen Ausgaben von Zion's Watch Tower wiederholt den Autor" von Three Worlds.
28. Der Gedanke, der aus 4.Mose 14:33, 34 und Hesekiel 4:1-8 entnommen ist, daß prophetische Tage, wie sie insbesondere in den Büchern Daniel und Offenbarung erwähnt werden, für Jahre stehen sollten, war bei vielen katholischen und protestantischen Apokalyptikern und Chiliasten seit Joachim von Fiore bis Russell, einschließlich Wycliffe und viele der großen Reformatoren, allgemein anerkannt. Interessanterweise sah Russells Mentor, George Storrs, die Jahr-Tag-Theorie als Unsinn an. In einem Artikel in Herald of Life and the Coming Kingdom vom 2.Oktober 1867, Seite 2, gratuliert er seinem alten Gegner Dr. Josiah Litch dazu, daß dieser die Theorie aufgab.
29. Das 360 Tage dauernde prophetische Jahr" wird oft als Mondjahr bezeichnet. Tatsächlich aber dauert ein Mondjahr etwas mehr als 354 Tage, und es gibt keine Belege, daß bei den alten Israeliten überhaupt ein 360-Tage-Kalender in Gebrauch war, wenn nicht in Verbindung mit anderen antiken Völkern wie den Ägyptern. Das prophetische Jahr als solches basiert auf einer im Protestantismus des 17. Jahrhunderts aufgekommenen Extrapolation aus Offenbarung 12:6, 14, wo 1.260 Tage mit einer Zeit, Zeiten und einer halben Zeit" gleichgesetzt werden. Auf der Grundlage dieses Verses sowie Offenbarung 13:5 kamen viele Erforscher der Prophetie" zu der Auffassung, eine Zeit" sei ein Jahr" von 360 Tagen.
30. N.H.Barbour und C.T.Russell, Three Worlds an the Harvest of This World (Rochester, NY: The Herald of the Morning 1877), Seite 42.
31. Ibid, Seiten 63, 67-77, 93-103.
32. Ibid, Seiten 85-93.
33. Ibid, Seite 68.
34. Ibid, Seiten 93-103.
35. Ibid, Seite158.
36. Über Brown ist so gut wie nichts bekannt.
37. Seiten 27, 28.
38. John A. Brown, The Even-Tide: or Last Triumph of the Blessed and only Potentate, the King of Kings, and the Lord of Lords; Being a Development of the Mysteries of Daniel and St. John(London: J. Offor und andere Herausgeber 1823), Band 2, Seiten 130-152. Brown hielt die 2.520 Jahre nicht für die Heidenzeiten aus Lukas 21:24. Das tat eine Anzahl Personen, darunter William Miller, der seiner Auslegung von Daniel 4 folgte.
39. Barbour und Russell, Seiten 77-85. Offenbar hatte Brown erkannt, daß die 2.520 Jahre nicht 1916, sondern 1917 n.Chr. enden würden wenn man die sieben Zeiten" im Herbst 604 v.Chr. zu zählen begann. Im Hinblick auf Russell und das Jahr 1914 als Endpunkt sagt Karl Burganger: Allmählich hatten Russell und seine Anhänger angefangen zu erkennen, daß die [auch von Barbour] verwendete Arithmetik, die 2.520 Jahre von 606 v.Chr. bis 1914 n.Chr. zu berechnen (2520 - 606 = 1914) nicht so einfach war, wie sie zuerst ausgesehen hatte. Man wies darauf hin, daß die Periode von 606 v.Chr. bis zum Beginn der christlichen Zeitrechnung nicht 606 ganze Jahre betrug, sondern 605 Jahre und 3 Monate. Dies würde den Endpunkt für die 'Heidenzeiten' von Oktober 1914 auf Oktober 1915 verschieben." Karl Burganger, The Watch Tower Society and Absolute Chronology: A Critique (Lethbridge: Christian Fellowship International 1981), Seite 9. Siehe auch Watch Tower, 1912, Reprints Seiten 5141, 5142.
40. Barbour und Russell, Seiten 19-22.
41. Ibid, Seite 84.
42. Bible Examiner, Juli 1877, Seite 317.
43. White, Seiten 80, 81.
44. Siehe beispielsweise Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben (Wiesbaden: Wachtturm Bibel und Traktat- Gesellschaft 1960), Seiten 18-21.
45. Ibid. Barbour veröffentlichte seine Gedanken weiter im Herald, und 1907 brachte er ein Buch mit dem Titel Washed in His Blood heraus, das ein Bild seines Denkens in den späteren Jahren bietet.
46. Watch Tower, 1906, Reprints Seite 3823. Das geringste, was man zu dem Bild durch Russell und die Zeugen Jehovas heute sagen kann, ist, daß es recht voreingenommen ist, und sicher zitierte Russell Barbour nicht aus dem Zusammenhang heraus. Was Barbour leugnete, war die Lehre des stellvertretenden Sühneopfers und die Bedeutung des Todes Christi. Bis zum Ende seines Lebens gebrauchte Barbour weiterhin die Begriffe Loskauf" und Sühnopfer".
Seine Haltung wird im Herald of the Morning von August 1877, Seiten 26-28, umrissen, sowie als Erwiderung auf die Kritik Russells und Patons auf den Seiten 40-43 der Septemberausgabe und den Seiten 56-58 der Novemberausgabe desselben Jahres. Russells erste Erklärung zu diesem Thema erscheint auf den Seiten 39, 40 der Septemberausgabe; Patons mehr versöhnliche erscheint auf der Seite 56 der Oktoberausgabe.
Man kann nur schwer glauben, daß Barbour oder auch Russell die Verästelungen des Themas verstanden, über das sie stritten. Obwohl Barbour an die Lehre der Menschwerdung glaubte, war seine Haltung zum Sühnopfer im Jahre 1877 vom Wesen her weit mehr sozinianisch (unitarisch) als orthodox. Russell jedoch, der an keine Fleischwerdung im orthodoxen Sinne glaubte, hielt am stellvertretenden Sühnopfer fest. Wenn man seine Gedanken zu diesem Thema analysiert, muß man sagen daß sie praktisch arminianisch waren. Eine kurze geschichtliche Übersicht über die Lehre vom Sühnopfer findet sich bei Louis Berkhof, The History of Christian Doctrine (Grand Rapids, Michigan: Baker Book House 1975), Seiten 165-199.
47. Watch Tower, 1906, Reprints Seiten 3822, 3823. In seiner Beschreibung des Angriffs Barbours auf ihn hat Russell sicher nicht übertrieben. Siehe beispielsweise The Herald of the Morning, Mai 1879, Seiten 87, 88.
48. Watch Tower, 1906, Reprints Seiten 3822, 3823.
49. Ibid.
50. Ibid.
51. Ibid, 1881, Reprints Seite 224. Siehe auch Watch Tower, 1880, Reprints Seite 172.
52. Melvin Dotson Curry, Jr., Jehovah's Witnesses: The Effect of Millenarianism on the Maintenance of a Religious Sect (Dissertation, Florida State University 1980), Seite 147.
53. Watch Tower, 1881, Seiten 224, 288, 289.
54. Siehe Curry, Seite 150, und Joseph F. Zygmunt, Prophetic Failure and Chiliastic Identity: The Case of Jehovah's Witnesses" in Patrick H. McNamara, Herausg., Religion American Style(New York: Harper and Row, Publishers 1974), Seite 148. Russells Kommentar in Zions Watch Tower findet sich in der Novemberausgabe 1880, Reprints Seite 152.
55. Watch Tower, 1880, Reprints Seite 167.
56. Ibid, Seite 224.
57. Russells Glaube an Barbours Chronologie war so vollständig, daß er dessen ganz sicher war, im Herbst 1881 müsse sich etwas Wichtiges ereignen. Dennoch, er war gezwungen gewesen, den Fehlschlag von 1878 zu vergeistigen, und er schien unsicher zu sein, wie die Verwandlung" im Jahre 1881 stattfinden würde. Daher machte er fast jeden Monat neue Vorschläge, um die Fakten der Theorie anzupassen, und in seinem Eifer widersprach er sich dabei ganz außerordentlich.
58. James Parkinson, The Bible Student Movement in the Days of Pastor Russell (Los Angeles: Privatdruck 1975), A-2.
59. Watch Tower, 1881, Reprints Seite 214.
60. The Laodicean Messenger, Seiten 62, 63, 105, 106; Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben, Seite 62.
61. Watch Tower, 1916, Reprints Seite 5998.
62. Watch Tower, 1906, Reprints Seiten 3745, 3746.
63. Ibid, 1884, Reprints Seiten 584, 585; 1887, Reprints Seite 918; 1887, Reprints Seite 1071; 1906, Reprints Seite 3746.
64. Ibid, 1882, Reprints Seiten 369-377.
65. Barbour und Paton waren Trinitarier. Auf den Seiten 57 und 58 von Three Worlds griff der erstere die Christadelphianer an, die leugneten, daß der Heilige Geist eine Person sei. Zu George Storrs Haltung in diesem Punkt siehe den Bible Examiner (Mai 1878), Seite 231.
Obwohl Henry Grew und George Stetson -- zwei andere Männer, die ihn beeinflußten -- Nichttrinitarier waren, bezog Russell bis nach seiner Trennung von Paton zu diesem Punkt nicht Stellung, zumindest nicht öffentlich. Seine früheren Aussagen zur christlichen Lehre zwangen ihn in der Tat, die arianische Haltung einzunehmen.
66. Da gemäß Russell die Kirche Christi auf 144.000 Glieder beschränkt war, würden die meisten Personen entweder als Glieder der Großen Schar" -- einer zweitrangigen himmlischen Klasse -- Rettung erlangen oder in ein neues edengleiches Paradies auf Erden hinüberleben. Die Juden im Fleische sollten wieder in Palästina versammelt werden. Siehe Russell, Thy Kingdom Come, Kapitel VI und VIII.
67. Watch Tower, 1907, Reprints Seiten 3942, 3943; 1916, Reprints Seite 5998.
68. Ibid.
69. Ein vollständiger Bericht über die Entwicklung der Bibelforscher-Zeugen-Bewegung in Großbritannien findet sich im Jahrbuch 1973, Seiten ??-??.
70. M. James Penton, Jehovah's Witnesses in Canada (Toronto: Macmillan of Canada 1976), Seiten 35, 36. Siehe auch Jahrbuch 1979, Seiten ??-??.
71. Kürzlich ist ein Neudruck dieser Streitgespräche erschienen: Chicago Bible Students in Harvest Siftings, Band I (Chicago: Chicago Bible Students, ohne Erscheinungsdatum).
72. The Laodicean Messenger, Seite 99.
73. Watch Tower, 1915, Reprints Seite 5730.
74. C.T. Russell, Die Neue Schöpfung (Magdeburg: Wachtturm Bibel und Traktat-Gesellschaft ??), Seite ?.
75. Man sah alle Klassen als völlig voneinander unabhängig an. Leslie W. Jones, MD, Herausgeber, What Pastor Russell Said (Chicago: Privatdruck 1917) Seite 346. Siehe auch Watch Tower, 1915, Reprints Seite 5743 und 1916, Reprints Seiten 5981, 5982.
76. Jones, Seiten 479, 480.
77. Ibid, Seiten 100-102, 232, 233; Russell, Die Neue Schöpfung, Seiten ??.
78. Russell, Die Neue Schöpfung, Seiten ??.
79. Ibid. Eine ausgezeichnete Erörterung des gesamten Themas findet sich bei White, Band I, Seiten 15-17.
80. Russell, Die Neue Schöpfung, Seiten ??; siehe auch Watch Tower, 1913, Reprints Seite 5284.
81. Russell, Die Neue Schöpfung, Seiten ??.
82. Ibid, Seiten ??.
83. Russells allgemeine Haltung zu dieser Frage wird in der Sonderausgabe des Wacht Tower, April 1894, Seiten 16, 17, angesprochen.
84. Zur Diskussion der Kontrolle Russells über die Gesellschaft siehe White, Seiten 122, 123. Obwohl Russell sehr genau darauf achtete, nicht die Kirche" oder die örtlichen Ekklesias durch sein Amt als Präsident der Gesellschaft zu kontrollieren versuchen, behielt er innerhalb der Gesellschaft die Zügel fest in der Hand. Großenteils aus dieser Tatsache ergab sich 1894 eine Spaltung. Siehe die Sonderausgabe des Watch Tower, April 1894.
85. Watch Tower, 1894, Reprints Seite 1320. Timothy White sagt: So weit ich weiß, gab es nur einen Punkt, wo Russell die Korporation unvorsichtigerweise benutzte, und das war, als er seine Pilgerbrüder zu Vertretern der Korporation ernannte, statt sich selbst oder eine Versammlung." (White, Seite 123).
86. Watch Tower, 1895, Reprints Seite 1868.
87. Ibid, 1905, Reprints Seiten 3517, 3518.
88. Wacht Turm, Dezember 1910, Seiten 218, 219.
89. Siehe White, Seiten 135-137; und Walter R. Martin, Jehovah of the Watchtower (Chicago: Moody Press 1974), Seiten 24, 25.
90. Timothy White beschuldigt Russell, er habe sich auf die Tyrannei der Mehrheit" verlassen, um den Brüdern seinen Willen aufzuzwingen. Siehe White, Seiten 129-137. Dennoch war Russell gewillt, sich zur Durchsetzung seines Willens auf seinen Einfluß zu verlassen, und nicht auf seine Macht als Leiter der Körperschaft. Gegenüber kritischen Bibelforschern war er zwar manchmal scharfzüngig, doch er schickte sie nicht in die ewige Verdammnis, wie es die Wachtturm-Gesellschaft heutzutage tut.
91. Watch Tower, Reprints Seite 5156.
92. White, Seite 137.
93. Watch Tower, 1881, Reprints Seite 291.
94. Ibid, 1906, Reprints Seite 3811.
95. Ibid.
96. Ibid. Siehe auch Watch Tower, 1895, Reprints Seiten 1796, 1797; 1896, Reprints Seite 1946.
97. Ibid, 1895, Reprints Seite 1797.
98. Im Watch Tower vom 15. Februar 1927 hieß (Seite 56), Russell habe nie behauptet, der treue und kluge Knecht zu sein. In wenigen Worten: Er erhob niemals selbst diesen Anspruch."
In neuerer Zeit stellte die Gesellschaft dieselbe Behauptung auf. Das Buch Gottes tausendjähriges Königreich hat sich genaht zitiert Russells Aussage aus dem Watch Towervon 1881 (Seite 5; Reprints Seite 291) auf Seite 345 und merkt an: Das zeigt deutlich, daß der Redakteur und Herausgeber der Zeitschrift Zion's Watch Tower nicht im geringsten beanspruchte, selbst der treue und kluge Knecht" zu sein. Er hat das von sich nie behauptet."
In einer Fußnote dazu verweist der Autor des genannten Buches den Leser merkwürdigerweise auf Russells Der Krieg von Harmagedon, Seite 466. Auf dieser Seite weist Russell eindeutig darauf hin, daß er den treuen und klugen Knecht" als eine Person, nicht als die christliche Kirche ansah. Offensichtlich mißverstand der Autor von Gottes tausendjähriges Königreich also die Bemerkung Russells, oder er macht sich einer Verdrehung von Tatsachen schuldig.
99. Reprints Seite 5998.
100. Barbour und Russell, Seiten 96-99. Die Vorstellung war und ist unter protestantischen Dispensionalisten verbreitet.
101. Watch Tower, 1918, Reprints Seite 6212.
102. The Laodicean Messenger, Seite 150.
103. Watch Tower, 1918, Reprints Seite 6212; The Laodicean Messenger, Seite 150.
104. Zur Erörterung der Schwierigkeiten Russells mit seiner Frau siehe Watch Tower, 1906, Reprints Seiten 3808-3820. Weitere Angaben finden sich in den Mitschriften des Verfahrens Russell gegen Russell im Court of Common Pleas of Allegheny, Pennsylvania (Juni 1906) und des Berufungsverfahrens vor dem Pennsylvania Superior Court in 37 Pennsylvania Superior Court, Seite 348, Russell gegen Russell (1908); sowie bei J.F. Rutherford, A Great Battle in the Ecclesiastical Heavens (Brooklyn, NY: Privatdruck 1915), Seiten 17-19.
105. Zur Erörterung der Schwierigkeiten Russells mit seiner Frau siehe Watch Tower, 1906, Reprints Seiten 3808-3820. Weitere Angaben finden sich in den Mitschriften des Verfahrens Russell gegen Russell im Court of Common Pleas of Allegheny, Pennsylvania (Juni 1906) und des Berufungsverfahrens vor dem Pennsylvania Superior (April 1907); die Urteilsbegründung von Justice Orlady für den Superior Court in 37 Pennsylvania Superior Court, Seite 348, Russell gegen Russell (1908); sowie bei J.F. Rutherford, A Great Battle in the Ecclesiastical Heavens (Brooklyn, NY: Privatdruck 1915), Seiten 17-19.
106. Watch Tower, 1906, Reprints Seite 3815.
107. Ibid.
108. Ibid. In der Mitschrift im Verfahren Russell gegen Russell (1906) taucht keine diesbezügliche Aussage auf. Doch Russell bezieht sich zweifellos auf eine Besprechung zwischen Marias Anwalt und seinem eigenen vor dem Richter über eine delikate Angelegenheit". Scheinbar wollte der Richter nicht zulassen, daß Russells Nichtvollzug des Verkehrs im öffentlichen Verfahren zur Sprache käme.
109. Siehe Mitschrift im Fall Russell gegen Russell (1906), Seiten 10-17.
110. Mitschrift im Fall Russell gegen Russell (Berufungsverfahren 1907), Seiten 1117-1127.
111. Ibid. Siehe auch Watch Tower, 1906, Reprints Seite 3816.
112. Watch Tower, 1906, Seite 3810.
113. Ibid.
114. Ibid.
115. Mitschrift im Berufungsverfahren Russell gegen Russell (1907), Seite 130.
116. Justice Orlady als Sprecher des Superior Court of Pennsylvania äußerte sich insbesondere zu Russells Verhalten gegenüber Maria kritisch. In einer Entscheidung, in der er Russells eigene Bemerkungen bewertete, sagte Orlady: Sein [Russells] Betragen gegenüber seiner Frau brachte solch einen beständigen Egoismus und solche außergewöhnliche Selbstverherrlichung zum Ausdruck, daß die Jury den Eindruck erhielt, als sei sein Verhalten ihr gegenüber das einer ständigen anmaßenden Beherrschung, die das Leben einer jeden Christin zu einer Last und ihre Lage untragbar machte." 37 Pennsylvania Superior Court 348, Russell gegen Russell (1908).
117. Watch Tower (1906), Reprints Seite 3812.
118. Ibid, Reprints Seite 3811.
119. Seite 99.
120. Watch Tower, 1906, Reprints Seite 3812.
121. Ibid.
122. Ibid.
123. Ibid, Reprints Seite 3813.
124. Ibid.
125. Ibid, Reprints Seiten 3814, 3815. Siehe auch die Mitschrift im Berufungsverfahren Russell gegen Russell (1907), Seiten 210, 211, 225-228.
126. Die Quallengeschichte" wird von vielen Kritikern Russells immer noch so wiederholt, als sei etwas Wahres daran. Tatsächlich aber wirft die Quallengeschichte" ein negativeres Licht auf Maria als auf Charles Russell. Allem Anschein nach war sie -- vielleicht mit gewissem Recht -- äußerst verbittert über ihn und wollte ihn nur treffen, wo sie konnte.
127. White, Seite 39.
128. Wie Timothy White richtig bemerkt, sind beide Sichtweisen über die Trennung der Russells, die populär geworden sind, extrem". Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. White, Seiten 33-39.
129. Watch Tower, 1906, Reprints Seiten 3824, 3825; Russell, Tabernacle Shadows of the Better Sacrifices, passim.
130. Die katholische Ablaßlehre basiert auf dieser Vorstellung. Siehe die Catholic Encyclopedia, Band 8, Seiten 784, 785.
131. Watch Tower, 1909, Reprints Seiten 4370, 4371.
132. Ibid, 1881, Reprints Seite 283.
133. White, Seiten 109, 110.
134. Ibid, Seite 110.
135. Watch Tower, 1909, Reprints Seite 4310.
136. Watch Tower, 1908, Reprints Seiten 4191, 4192.
137. Ibid.
138. Siehe What the Vow Signifies" in Watch Tower, 1908, Reprints Seiten 4263-4266.
139. Ibid.
140. Ibid.
141. White, Seite 111; Parkinson, P-3, P-4.
142. White, Seite 111.
143. Ibid.
144. Parkinson, P-3, P-4.
145. White, Seite 111.
146. Ibid.
147. Ibid; Parkinson, P-3, P-4.
148. Zu Russells Kommentaren und andere Bemerkungen über die New Covenant-Schismatiker siehe Watch Tower, 1909, Reprints Seiten 4433-4436, 4444-4446, 4458-4460, 4472-4478, 4488-4490, 4491, 4492.
149. Parkinson, P-4.
150. Rutherford, Seite 10.
151. Ibid, Seite 19.
152. Ibid, Seiten 22-30. Eine Kopie der Mitschrift von Russells Prozeß gegen den Brooklyn Eagle befindet sich in der Bibliothek des Brooklyner Bethels der Watch Tower Society.
153. Eine Ausführliche Erörterung des Falls findet sich bei Penton, Anhang A.
154. C.T.Russell, Die Zeit ist herbeigekommen (Magdeburg: Wachtturm Bibel und Traktat- Gesellschaft ??), Seite ?
155. Curry, Seiten 157, 158.
156. Macmillan, Seite 47.
157. Ibid, Seiten 48-63. Macmillan bezeichnet den Ausbruch des ersten Weltkriegs als das Falsche zum richtigen Zeitpunkt", eine Vorstellung, an die Jehovas Zeugen bis heute glauben.
158. Penton, Seiten 42-47.
159. Ibid, Seite 4.
160. Zu den Einzelheiten seines Todes siehe Watch Tower, 1916, Reprints Seiten 5997-6016.